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Titel Ausgabe 7



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Zurück Ausgabe 7 vom 20.04.1982 • Seite 3ohne Login!

• Zeitgeschichte

Ein besonderes Jubiläum: 300 Jahre Astrologie im Untergrund

Bruno Huber

Am 31. Juli 1682 wurde im französischen Parlament auf Betreiben des Finanzministers Colbert ein Gesetz durchgebracht, das den Verkauf von astrologischen Kalendern und Almanachs unter Strafe stellte. Obzwar man diesen Akt als eine typische »Saure-Gurken-Zeit-Beschäftigung« der Legislative bezeichnen kann - im Juli/August war schon damals Paris wegen der schwülen Hitze entvölkert, und damit auch das Parlament so ist dies doch das wohl bedeutendste Datum in der neueren Geschichte der Astrologie.

Denn mit diesem Datum ging die europäische Astrologie in den »Untergrund«. Und aus diesem Datum müssten wir Astrologen endlich die Lektion lernen, die man uns damals beibringen wollte. Lassen Sie mich das kurz erklären.

In den ersten zwei Jahrzehnten des 16, Jahrhunderts entstand in ganz Europa eine zunehmende Unruhe, weil einige astrologische Almanache für 1524 eine grosse Sintflut vorausgesagt hatten. Anfang der zwanziger Jahre ging diese Unruhe in eine eigentliche Panik über. Nostradamus (geb. 1503) war damals gerade im beeindruckbaren Alter von ca. 20. In den dreissiger und vierziger Jahren erlebte er dann als Arzt und als Familienvater – Frau und Kinder starben ihm weg - das grosse Leid der in ganz Europa wütenden Seuchen. Vielleicht hat er diese, ersatzweise für die Sintflut, als Strafe Gottes angesehen

Und nachdem bereits m den darauffolgenden Jahren einige davon in Erfüllung gingen, verbreitete sich sehr schnell in ganz Europa sein Ruf als Seher und Prophet. In der Folge gaben sich bei ihm fast alle gekrönten Häupter gegenseitig »die Türfalle in die Hand«, um mehr über ihr persönliches Geschick zu erfahren.

Es entstand eine eigentliche Welle der Wahrsagerei, und es blieb keinem ordentlichen Hof-Medicus und -Mathematicus erspart, für seine Fürsten zum Astrologus zu werden, der sorgfältigst dessen Schicksal zu überwachen hatte. Kein Geringerer als Kepler weiss darüber allerhand Beschwerliches zu berichten. Auch er konnte diesem Schicksal nicht entgehen, denn er hatte als Hof-Wissenschaftler Rudolph II. von Habsburg dauernde Geldnöte zu bekämpfen.

Bereits aber entstand unter den Wissenschaftlern und Klerikern eine stärker werdende Kritik am »billigen Aberglauben des gemeinen Volkes« das, anstatt in die Kirche zu gehen, »den Wahrsagern und Astrologen nachlief«.

1610 brachte Kepler eine Schrift heraus in der er energisch gegen die Gegner Front macht und versucht, die billige Strassenastrologie gegen die ernsthafte, wissenschaftliche Astrologie abzugrenzen. Er erläutert darin rund 140 gute Gründe für die Astrologie.

(Diese Schrift ist 1971 in der Reihe »Naturwissenschaftliche Texte bei Kindler« wieder unter dem Titel: »Warnung an die Gegner der Astrologie« erschienen.)

Markant an dieser Schrift ist zum Beispiel, dass er die damals schon sehr verbreitete, materialistische Beeinflussungstheorie zur Begründung der astrologischen Wirkungen eindeutig ablehnt. Oft und gerne von heutigen Gegnern zitiert wird die folgende Stelle:

»Es ist wohl diese Astrologie ein närrisches Töchterlein. Aber lieber Gott, wo wollte ihre Mutter die hochvernünftige Astronomia bleiben, wenn sie diese ihre närrische Tochter nicht hätte. Ist doch die Welt so närrisch ... dass die Mutter gewiss Hunger leiden müsste, wenn die Tochter nichts erwürbe.« Womit gesagt werden will, dass natürlich der »grosse Kepler« sich sonst wohl kaum mit der Astrologie »beschmutzt« hätte. Das Zitat ist aber aus dem Zusammenhang gerissen, denn Kepler führt den Gedanken weiter:

»Wenn zuvor nie niemand so töricht gewesen wäre, dass er aus dem Himmel zukünftige Dinge zu erlernen gehofft hätte, so wärest auch Du Astronome so witzig (weise) nie geworden ... Ja Du hättest von des Himmels Lauf gar nichts gewusst.« Das heisst, einfach gesagt, dass es ohne die Astrologie nie eine Astronomie gegeben hätte - was übrigens heute eine durch geschichtliche und alt-philologische Forschung belegte Tatsache ist.

Trotz des Einsatzes Keplers für die echte Astrologie, die er als Erkenntnismstrument ansah, ging die Kampagne gegen Wahrsagerei und Astrologie in den kommenden Jahrzehnten, stark geschürt durch kirchliche Kreise, weiter. Sie führte schliesslich in immer mehr europäischen Ländern zu Gesetzgebungen, die, ausgehend von den Hexenparagraphen, die Strassenastrologie in allen möglichen Spielarten verunmöglichte.

Noch 1638 war es der berühmte Morin de Villefranche, der persönlich die Geburt des Sonnenkönigs (Louis XIV) notierte. Er war Berater und Vertrauter des Kardinals Richelieu ** und konnte sein Gewerbe bis zu seinem Lebensende (1583-1656) ausüben. Auch er vertrat in seiner »Astrologia Gallica« eine ernsthafte Astrologie. Es ist aber für seine Zeit bereits bezeichnend, dass er von dem 1661 erschienenen 26-bändigen Werk fünfundzwanzig Bände allein für die Begründung und Verteidigung der Lehre verwenden musste, und nur in einem Band seine eigentliche Methode darlegte.

Im Erscheinungsjahr der Astrologia Gallica wurde Louis XIV König von Frankreich, und unter seinem Regime wurde dann die eingangs erwähnte Gesetzgebung in Frankreich als letztem Land auf dem Kontinent verabschiedet.

Nur in England wurden bis heute nie solche Gesetze verfasst. Und während Grossbritannien in den kommenden Jahrhunderten zur Hochburg für Astrologie und generell Spiritualismus wurde, gingen auf dem Festland die Astrologen in Deckung.

Nun, was können und sollten wir heutigen Astrologen aus dieser Geschichte lernen?

Beachten Sie bitte noch einmal die Formulierungen, die ich am Anfang dieses Beitrages verwendet habe. Das damals erlassene Gesetz verbot nicht die Astrologie, sondern die astrologischen Kalender, Das ist eigentlich Klartext: die Kalender beinhalteten profane Prophezeiungen, Wahrsagerei für das Volk. Und die abergläubischen Menschen tendierten offensichtlich dazu, ihnen blinden Glauben zu schenken. Das 16. Jahrhundert hatte also damals auch seinen Astro-Boom, der dann aber vonden gebildeten Schichten der Aufklärungszeit erfolgreich unterbunden wurde.

In keinem mir bekannten Lande wurde je die Astrologie an sich verboten. Auch die Kirche hat nie gegen diese alte Kunst als solche Stellung bezogen.* Gesetze der Staaten wir kirchliche Haltung wollten nur den Auswüchsen entgegentreten. Wahrsagerei, Prognosen nehmen dem Menschen die eigenen Entscheidungen vorweg, indem sie vorgeben, alles sei sowieso durch »Schicksal« (oder durch die Sterne) schon vorbestimmt. Wer sich darauf einlässt, entwickelt mit der Zeit eine Abhängigkeit zu den Prognosen wie zu einer Droge. Und diese »Geisteshaltung« steht in krassem Gegensatz zu der in der Aufklärungszeit stark werdenden Forderung nach der freien, selbstverantwortlichen Persönlichkeit.

Es ist also nur ein Aspekt der Astrologie, der in den letzten dreihundert Jahren gesetzlich geächtet war: Die Prognose. Und das haben offensichtlich die Astrologen bis heute nicht erkannt -oder wollten sie es nicht erkennen, weil Prognostik ein lukratives Geschäft ist und massive Selbstbestätigung (der grosse Magier oder Zauberer zu sein) bringt? Es hat sich ja auch bekanntlich im Ghetto der Astrologie eine ungewöhnlich grosse Zahl von sonst im Leben unfähigen Leuten angesammelt. Dies gilt auch aoch für heute. Im heutigen Astro-Boom kann man' sehen, wie gerade die astrologisch Unterbelichteten sich am lautesten bemerkbar machen.

Nun, dass solches passieren konnte, zeigt die Schattenseite staatlicher Verbots- und Reglementierungspolitik. In einem Bereich, der offiziell nicht mehr existiert, gibt es auch keine Kontrollinstanzen mehr, die den Ausbildungsstand der Ausübenden kontrollieren und damit garantieren könnten. Jeder kann Astrologie ausüben und sogar unterrichten, der gelernt hat, ein Horoskop auszurechnen und mit ein paar Fachausdrücken um sich zu werfen. Und die Dummen werden so schnell nicht aussterben, die von solchem Imponiergehabe gebührlich und nachhaltig beeindruckt sind.

Und immer sind es die Prognosen, mit denen man die Leute am meisten »überzeugen« kann. Seien es diese Scharlatane, die meistens mit ein paar Vergangenheitsprognosen den Kunden zuerst »weichklopfen« und damit gefügig machen. Oder seien es diese ewigen »Wir-werden-es-ihnen-schon-beweisen-Astrologen«, die einfach nicht akzeptieren wollen, dass Prognosen erwiesenermassen immer nur eine weit unter der Wahrscheinlichkeit liegende Trefferquote bringen.

Es gibt doch in der Astrologie nur eine Möglichkeit, ihre Richtigkeit unter Beweis zu stellen: möglichst vielen Menschen zu helfen, sich selbst besser zu verstehen, und sie dadurch in die Lage zu bringen, sich selbst zu helfen, mit ihren Problemen aus eigener Einsicht und daraus gewachsener Entscheidungs- und Entschlussfähigkeit fertigzuwerden.

Und entspricht das nicht im positiven Sinne den Leitsätzen und Zielsetzungen unserer heutigen westlichen Kultur - an der wir teilhaben und von der wir profitieren?

Anstatt uns ewig als missverstandene Aussenseiter zu fühlen, wäre das ein positiver Beitrag an diese Welt von heute und morgen. Und das muss bei solider Arbeit mit der Zeit zur Anerkennung in der breiten Öffentlichkeit führen. Nur eine grosse Zahl von psychologisch erfolgreichen Ergebnissen unserer beratenden Anstrengungen (mit vielen Einzelmenschen), kann uns schliesslich auch die Rehabilitation der Astrologie vor der akademischen Welt bringen.

* Gerhard Voss, Astrologie - christlich. Verlag F. Pustet, Regensburg.

**(Die Stellung der Planeten und Häuserspitzen für Morinus und Richelieu sind mit dem heuen Astro Computer NANO errechnet, diejenigen von Louis XIV haben wir von Dr. W. Koch 'Gestalthoroskopie' übernommen).