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Titel Ausgabe 7



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Zurück Ausgabe 7 vom 20.04.1982 • Seite 16ohne Login!

• Astrologie & Geschichte

Die Bildsprache der Sterne: Ursprung der Astrologie

Dr. phil. Ernst von Xylander

Auszug aus dem Referat am Welt-Kongress in Zürich (April 1981), bearbeitet von Dr. E. Schneider.

Kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ... fiel mir ein Buch von Robert Henseling in die Hände, das damals gerade neu erschienen war: «Umstrittenes Weltbild» (Leipzig 1939)... Den Hauptteil des Buches bildete ... eine Auseinandersetzung mit der Astrologie. Sinngemäss meinte er etwa: «Wir Heutigen wissen es ja besser. Aber die Menschen einer ganz frühen Zeit, die noch nichts von Kopernikus gehört hatten, konnten die Bewegungen der Planeten, die sie als Bauern Nacht für Nacht beobachteten, gar nicht anders deuten als so, dass beispielsweise Mars ständig entweder im Wettlauf mit der Sonne oder im Kampf gegen sie begriffen sei, wobei er nach jeder Niederlage die Auseinandersetzung unermüdlich von neuem aufnehme.»

Ich konnte immer besser innerlich nachvollziehen, wie die Marsbewegung unsere frühen Vorfahren beeindruckt haben muss... Und allmählich kam die Vorstellung über mich, die Alten hätten vielleicht doch nicht so völlig unrecht gehabt... Wir sehen ja immer noch die Sonne auf- und untergehen, obwohl wir ganz sicher wissen, dass sie nur scheinbar auf- und untergeht... Ich habe noch nie jemanden gehört, der mir allen Ernstes gesagt hätte, statt «Heute früh habe ich einen wunderschönen Sonnenaufgang gesehen» etwa: «Heute früh habe ich gesehen, wie infolge der Achsendrehung der Erde, auf der ich mich befand, ein gelber Zwergstern der Spektralklasse K, die sogenannte Sonne, für mich allmählich sichtbar wurde, und das fand ich sehr schön.» Wer so etwas sagte, müsste ja wirklich verrückt sein, obwohl es naturwissenschaftlich richtig wäre.

Erst nach dem Krieg erfuhr ich etwas von den wirklichen Aussagen der Astrologie. Das Besondere dabei war, dass es für mich erst in zweiter Linie eine Rolle spielte, Horoskope empirisch bestätigt zu finden. Der erste, eigentlich rettende Gedanke war für mich der, dass es ausser der naturwissenschaftlichen Wahrheit auch noch eine andere geben könne, die mir zu schauen erlaubte und meine Existenz nicht in lauter Gedanken und Zahlen untergehen liesse ... Ich begriff auch, dass unsere Ahnen nichts anderes gesehen hatten als wir ... Sie hatten nur ein ungleich höheres Mass von Geduld und Ehrfurcht den einfachen Naturphänomenen gegenüber. Was für ein völlig anderes Zeiterleben müsste man z. B. haben, um die Bewegung von Merkur als «schnell, hastig» empfinden zu können. Wie frei von allem Abgelenktwerden durch andere Phänomene müsste man sich dem immer wiederkehrenden Bild des Merkur zuwenden können, um seine Eigenart richtig zu deuten, seine bildhafte Sprache zu verstehen!

Als ich nun Psychologie studierte ..., da erfuhr ich auch, dass die Art der Erscheinungsdeutung, die mir von der Astrologie her vertraut geworden war, in der Philosophie und in der philosophisch orientierten Psychologie eine Rolle spielte, dass man sie hier «Phänomenologie» (Lehre von den Erscheinungen) nannte. Edmund Husserl hatte sie am Ende des 19. Jahrhunderts begründet, Wilhelm Dilthey, Max Scheler, Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Alexander Pfänder, Moritz Geiger, Maurice Merleau-Ponty und viele andere hatten sie weitergeführt. In Psychologie und Psychotherapie begründeten u.a. Philipp Lersch, Ludwig Binswanger und Medard Boss (Daseinsanalyse), Carl R. Rogers und Eugene T. Gendlin (Ex-perimental Therapy, Focusing) phänomenologische Richtungen. Seither nenne ich meine Auffassung von Astrologie, um sie von den zahllosen anderen Schulen zu unterscheiden, «phänomenologische Astrologie».

Ich sehe die Bedeutung meines eigenen Horoskopes, wie jedes anderen, darin, dass es den Menschen in seiner archetypischen Urgestalt zeigt, dass es ... nicht seinen empirischen Charakter wiedergibt, also nicht das, was aus ihm geworden ist oder was er selbst aus sich gemacht hat, sondern - nach dem Wort des Phänomenologen Alexander Pfänder - seinen «Grundcharakter», die einmalige, unveränderliche Eigenart seiner Individualität. Es scheint mir wichtig, den Menschen ein Stück näher an die Verwirklichung seines Grundcharakters heranzuführen, von früher Kindheit an, und es schmerzt mich jedesmal tief, wenn ich sehen muss, dass jemand durch Erziehung oder sonstige störende Einflüsse seinem Grundcharakter so tief entfremdet ist, dass er voraussichtlich nie mehr ganz zu ihm wird zurückgelangen können. Dagegen bin ich glücklich, wenn der Mensch, der mir gegenübersitzt, sein Horoskop auch ohne meine Hilfe von innen heraus zu spüren und seinem Anruf ganz selbstverständlich zu folgen scheint. Wie nah oder fern jemand seinem Horoskop lebt, das zeigt mir, inwieweit er seinen ursprünglichen Auftrag entweder erfüllen kann oder ihn verfehlt...

Mir scheint die Entwicklung der Astrologie weitgehend parallel mit jener der Erziehung gegangen zu sein und deshalb weit von der Menschlichkeit, weit auch von der Phänomenologie weggeführt zu haben. Denn über Menschen, die man nicht versteht und nicht anerkennt, wie Eltern ihre Kinder in der Regel weder verstehen noch anerkennen, kann man sich nur möglichst weit erheben, um sie auf jede Weise zu verschüchtern und zu verängstigen. Vielleicht ist auch Ihnen schon aufgefallen, dass die weitaus meisten astrologischen Voraussagen ungünstig sind ... Weckt das nicht auch bei Ihnen einen gewissen Verdacht gegen die Praxis des astrologischen Prophezeiens? Sieht es nicht auch in Ihren Augen eher wir ein Mittel aus, Ihre «Zöglinge» (die Ratsuchenden) vor allem zu bestrafen, zu demütigen, sie seelisch kleinzuhalten, wie das ähnlich in jeder Erziehung geschieht?

Überhaupt hielte ich es für eine deutliche Missachtung des Fragenden, wenn ich ihm astrologische Zukunftsdeutungen anbieten wollte. Nähme ich ihm dadurch nicht einen grossen Teil seiner individuellen Entscheidungsfreiheit weg? Liesse ich ihn nicht, auch wenn ich Ausreden benützte wie «astra inclinant, neque tarnen necessitant» (die Sterne machen geneigt, aber sie zwingen nicht) nur wie ein Teilchen innerhalb eines grossen Mechanismus funktionieren, dem er mehr oder weniger hilflos ausgeliefert wäre, den ich aber mit gottgleicher Überlegenheit durchschaute? Hätte ich ihn damit nicht wieder an den Punkt zurückgeführt, der mir selbst schon unerträglich war, bevor ich mit der Astrologie Bekanntschaft schloss: an den Punkt der eigenen Bedeutungslosigkeit? Betriebe ich damit nicht eine «schwarze Astrologie», ähnlich, wie es eine «schwarze Magie» und eine «schwarze Pädagogik» gibt? Sollte ich das für mein Ziel halten?

Grundsätzlich möchte ich astrologische Prophezeiungen allerdings nicht für unmöglich erklären, ebenso wie ich nicht behaupte, es gebe ganz bestimmt keine Gespenster, nur weil ich persönlich noch keines gesehen habe. Doch kenne ich niemanden, dem astrologische Prognostik auf die Dauer wirklich genützt hätte, hingegen viele, denen sie merklich geschadet hat. Nach meiner Erfahrung wirken astrologische Voraussagen wie ein Suchtgift, von dem man immer mehr konsumiert, je offenkundiger die positive Wirkung nachlässt, die man anfangs noch zu spüren meinte, die man sich aber vielleicht immer nur eingebildet hatte. Ihrem Wesen nach scheint mir jede Art von Prognostik zur «schwarzen Astrologie» zu gehören, so gebräuchlich sie auch sein mag.

Sie können ferner fragen, ob es eine ganz andere, «weisse Astrologie», die segensreich, lebensbejahend, nicht entmündigend, sondern fördernd wirke, jemals gegeben habe und jetzt oder in Zukunft geben könne. Was die Pädagogik betrifft, so sagt Alice Miller ... meiner Ansicht nach mit Recht, dass eine «weisse Pädagogik» unmöglich, dass Erziehung ihrer ganzen Art nach notwendig «schwarz» sei. Für die Astrologie möchte ich das anders sehen. Ich meine, dass es durchaus eine «weisse Astrologie» geben könne, wie man ja auch von einer «weissen Magie» spricht, und dass es sie seit jeher gegeben habe, obwohl die schriftlichen Quellen aus alter Zeit, die uns vorliegen, fast ausnahmslos der «schwarzen Astrologie» zugehören. Ich schliesse das aus dem phänomenologischen Ursprung der Astrologie, den Robert Henseling meiner Ansicht nach ganz richtig gesehen hat, den die Astrologen selbst allerdings fast sämtlich vergessen ha: ben. Meinem Eindruck nach müssen wir diesem Ursprung der Astrologie möglichst nahebleiben, wenn wir weisse und nicht schwarze Astrologie treiben wollen ...

Wie stelle ich mir nun aber die Praxis einer «weissen Astrologie» vor? Ich muss zunächst gestehen, dass ich sie noch keineswegs als eine fertig vorliegende Methodik betrachte, deren man sich einfach bedienen könnte, sondern dass ich sie zum grossen Teil noch in ferner Zukunft liegen sehe, als ein Ziel, dem wir uns nur ganz allmählich nähern können... Als «schwarz» verdächtige ich jede Astrologie, die in mir selbst das Gefühl aufkommen lässt, ich sei dem anderen weit überlegen und könne ihn durch mein geheimes Wissen herabsetzen, demütigen oder beschämen. Für «weiss» halte ich nur, was uns beiden Freude macht, weil das Kind im anderen und das Kind.in mir sich dabei fast zwangsläufig sympathisch werden. Das ist eine Betrachtung des Grundhoroskops, bei der ich es ganz darauf anlege, Freundschaft zwischen dem Geborenen und seinem Horoskop zu stiften. Die oft geäusserte Bitte: «Sagen Sie mir doch auch etwas Kritisches, Negatives!» kann ich dann nur so beantworten: «Das habe ich Ihnen längst gesagt. Sie brauchen nur alles feindselig, bösartig, verständnislos zu betrachten, und schon haben Sie das finsterste Charakterbild von sich selbst. Aber was hätten Sie und was hätte ich davon?» ...

Dass ich im Einzel- wie im Gruppengespräch auf Zukunftsprognosen wie auf metagnostische Rückblicke völlig verzichte, wird nach allem, was ich schon gesagt habe, kaum mehr überraschen. Ich scheue mich nun einmal davor, mein eigenes Schicksal als einen irgendwie mechanischen Ablauf zu betrachten, und ich meine, andere Leute müssten das eigentlich ebenso unbehaglich finden. Ich fühle auch keinen «amor fati», keine «Liebe zum Schicksal», sondern begegne meinem Schicksal mit Ehrfurcht, «reverentia fati»... .

Ich setze meine Hoffnung darauf, dass es uns im Verlauf der nächsten Generationen noch gelingen könne, uns allmählich von all den «schwarzen» Ängsten und Aggressionen zu befreien, die jetzt noch alle zivilisierten und halbzivilisierten Völker dieser Erde in Atem halten und trotz vielfacher «overkill-capacity» einen immer noch wahnsinnigeren Rüstungswettlauf stets neu in Gang setzen. Vielleicht kann in diesem Zusammenhang, bei dem mir vor allem die jungen Menschen unserer Zeit Mut machen, auch der Versuch eine gewisse Rolle spielen, von der «schwarzen Astrologie» zur «weissen» überzugehen, indem man sich wieder auf den gemeinsamen bildhaft-phänomenologischen Ursprung aller Astrologie besinnt.

Toleranz ist oft nur ein anderes Wort für Gleichgültigkeit

Somerset Maugham