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Titel Ausgabe 9



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Zurück Ausgabe 9 vom 23.08.1982 • Seite 12ohne Login!

• Mythologie

Mythologisches. Merkur – der geflügelte Götterbote – Hermes

Fritz Gehre

Hermes Trismegistos ist der dreimal grosse Götterbote, der im Merkur als einzigem Planeten im Halbkreis, Kreis und Kreuz diese Dreiheit symbolisch abbildet: ein seelisches Aufnehmen, das geistig verarbeitet sich körperlich verwirklichen soll. Wenn wir sagen, am Anfang war das Wort, so bedeutet das den ersten Atemzug, den Odem, den Hauch. Zugleich bedeutet es aber auch ein dreifaches Bewusstwerden unserer eigenen Existenz. Wenn ich im folgenden mit dem Bewusstmachen beginne, dann wird damit die dem Kreis entsprechende geistige Grundlage angesprochen, jene Mitte, aus der das Merkurische entsteht. Im Boten, dem zweiten Kapitel, wird analog dem Halbkreis diese Mitte weitergegeben in die dafür offene Welt. Der Verstand letztlich ist die abgegrenzte, sichtbare Form, das Kreuz als endliches Resultat, das, was ich nicht nur weiss, sondern zugleich verstehe.

Bewusstmachen

Die in Stein eingeritzte Schrift der Sumerer geht auf 3600 vor Christus zurück, eine Keilschrift, die in dichterischen, religiösen und kaufmännischen Fragmenten zeigt, was damals bewusstgemacht wurde. Später waren es Tontafeln und noch später, bei den Ägyptern, der Papyrus, unser Papier. Doch zuerst war es Stein: die Darstellung des Hermes als Grenzstein oder Grabstein, eine Abgrenzung also. Die Hermes-Säulen stellen den Gott mit ausgemeisseltem Kopf dar, der Körper ist unausgemeisselt mit einem hervorstehenden männlichen Glied. Symbolisch zeigen diese vor den Häusern aufgestellten Totemfiguren die Fruchtbarkeit der religiösen und dichterischen Worte und setzen zugleich die eigenen Grenzen fest. Ein anderes Totem war in Ägypten der verwandelte Gott Horus als Falke, der vom Kopf des Phönix majestätisch durch die Lüfte flog, um täglich das Reich zu beaufsichtigen. Im Mittelalter wurde daraus das Todessymbol, wie wir es im Raubvogel Habicht finden.

Wer spürt nicht die verwandelnde Kraft, spürt nicht, wie jene Schlangen, die sich um den Hermesstab winden, Erkenntnisse vermitteln? So stieg aus der Stirne des ägyptischen Königs der Uraeus oder die Schlange, sinnbildlich die magischen Tugenden von Weisheit und Leben. Genauso begegnen sich die beiden Schlangen, die sich um den phallischen, fruchtbaren Stab des Hermes winden. Sie schauen sich an, und der unentwirrbare Knoten wird zur Erkenntnis, das Wissen wandelt sich um in Verstehen! Im Stab, ob im Aaronstab oder im Hirtenstab des Hermes, ist eine Zauberkraft drin, die eine symbolisch-magische Macht ausstrahlt, eben die der inneren Wandlung; ich erinnere an den Krummstab der Bischöfe oder an die Engel, die den Botenstab in der byzantinischen Kunst tragen.

»Was ist Sünde?«, so fragten die Babylonier ihren Gott Nabu, der dem Merkur entspricht. Obwohl das Bewusstsein der Sündhaftigkeit nie in babylonischen Menschen vorwaltete, lebte es doch in den klagenden, religiösen Gesängen und Liturgien: »Herr, meiner Sünden sind viele, gross sind meine Missetaten... ich versinke in Trauer ..,« Das 6. Haus, die Jungfrau, das Dienende, fällt mir dazu ein, das Einordnen in den höheren Kosmos Jetzt möchte ich die »Geschichte« vom Hermaphroditen erzählen. Der Sohn des Hermes und der Aphrodite, Eros, begegnete als Jüngling der Nymphe Salmakis, die sich in ihn verliebte. Eros wies die Nymphe zurück, bis sie mit ihm in die Quelle ging und ihn dort umarmte. Daraus, aus diesem Einssein, entstand der Hermaphroditos, ein weiblicher Knabe. Eine durch die Weigerung des Jünglings ganz bewusste Vereinigung von Männlich und Weiblich in einer Gestalt, was wir ausdrücken mit dem Wort androgyn!

Das Wort

Lied von Udo Jürgens

Wort, du bist Gedankenelementkannst Illusion sein,

die verbrennt – bist unbegreiflich,

wenn man dich Begriffe nennt.

Wort, du trägst so vielerlei Symbol,

bist in Ideen Weltenpol –

kannst überladen sein und auch bisweilen hohl.

Wort, du bist so leise und so sacht,

dabei hast du die grösste Macht die diesen Erdenball

umschliesst - und ihn regiert.

Wort, du wirst geflüstert und zitiert,

du bist der Leitstrahl,

der uns führt -hast Krieg und Frieden schon diktiert.

Wort, du hast so vielerlei Gestalt,

und bist so unerreichbar alt

kannst glühend heiss sein und so kalt.

Wort, du wirst missbraucht und kommandiert,

hast Diktatoren dirigiert,

und ganze Völker schon verführt.

Wort, du bist auch manchmal rigoros,

und triffst uns wie ein Degenstoss

denn deine Wirkung ist nicht nur im Guten gross.

Wort, du bist so zärtlich und so warm,

dein Klang nimmt uns in seinen Arm.

Du bist die Brücke, die die Menschen näher bringt.

Wort, du wirst melodisch,

wenn man singt,

bist ein Signal, das in uns dringt;

du bist die Sinfonie, die nie verklingt. . .

Transkript aus der Ariola-LP »UDO 80«

Dahin gehört auch, um es bewusst richtig zu verstehen, der Sohn von Hermes, der gross-phallische Gott mit Bockshörnern und Bocksbeinen, Pan. Dies Wunderkind der Nymphe Dryope trug Hermes aus dem Olymp und stellte es den Göttern vor. Alle - und Pan heisst als Wortspiel auch alle – hatten Freude an ihm, an seinem Lachen, das dunkel war und schreckenerregend, doch nicht bösartig - vor allem freute sich Dionysos. Wiederum ein Bewusstmachen unserer eigenen Tiefe, unserer uralten, archetypischen Bilder.

Überall spiegelt sich ab, was uns den Götterboten bewusster macht, so dies noch: Kurz nachdem Hermes geboren wurde, fand er die Schildkröte und machte ein tönendes Instrument aus ihrem Schild, die Leier. Mit ihr besingt er die Liebe von Zeus und Maia, von seinen Eltern. Apollon hört ihm zu so lange, bis Hermes ihm diese Leier schenkt. Die Schildkröte symbolisiert die Stütze des Universums, der Panzer den Himmel, in ihr ist Alter und göttliche Weisheit. Sie versinnbildlicht das All und macht uns unsterblich, denn wir können uns zurückziehen in eine andere, m unsere innere Welt! Aus dieser kleinen Perspektive bereits sehen wir, was alles Merkur uns bewusstmacht, wenn wir immer mehr verstehen lernen, was die Bilder »eigentlich« aussagen.

Der Bote

Die Sumerer dachten sich den Luftraum mit Geistern erfüllt, es gab damals schon wohltätige Engel so wie Dämonen und Teufel, Auch die israelitischen Nomaden fürchteten sich vor den Geistern in der Luft und opferten deshalb Lämmer und Stiere. Und schliesslich gehört ja auch der Falke in die Luft, welcher als geistige Wendigkeit dem Merkur zugeordnet wird. Was bedeutet Botschaft von hier aus gesehen? Es sind die Hymnen, die Psalmen, die Gesänge und die Tänze.

Der homerische Hymnos, auch Hermes, bezeichnet die Moiren, die weissagenden Göttinnen, als Bienen, ein Symbol der unermüdlichen Arbeit und Beredtsamkeil Die Psalmen Babylons werden einzeln oder im Wechselgesang vorgetragen, oft in fremder, in sumerischer Sprache gleichsam konserviert. Nicht anders wie heute das Ritual und die Liturgie der Römischen Kirche! Aber auch die heiteren Tänze Apollons mit phallischen Symbolen müssen als magischer Zauber, der freimacht, verstanden werden. Bevor ich mitteile, was unser Götterbote, der Hermes, alles getan hat, um seine Vielseitigkeit uns allen zu zeigen, möchte ich kurz auf die römische Götterwelt eingehen. Da gab es den Gott Abeona, der als Geist dem Kind zuhilfe kam und seine ersten Schritte leitete. Und Fabulina lehrte es sprechen - Luftzeichen, wenn man so will, die das selbständige Gehen und Sprechen, wie im dritten Haus, in der Schule, beeinflussen. In Rom gab es 3O'OOO Götter, ja in Babylon waren es sogar 65'000, was analog gesehen einem Heiligen in jedem Dorf gleichkommt.

Maia, jene Nymphe, gebar einen Sohn von grosser Schlauheit, einen listigen Schmeichler, einen Räuber und Rinderwegtreiber, einen Traumgeleiter und nächtlichen Späher, wie diejenigen sind, die auf der Strasse, vor den Toren lauern. Er ist auch der Garant von Massen und Gewichten, ein Schutzheiliger der Meineidigen; er trägt die Verordnungen und Briefchen von Gott zu Gott oder zu den Menschen mit geflügelten Schuhen, so schnell wie der Sturmwind. Aus dieser Fülle der Eigenschaften kann er - unser Hermes - Aphrodite durch die Luft zu Anchises befördern. Zeus brachte er die in einem Ledersack verborgenen FUSS- und Handsehnen zurück, die ihm der Drache abgeschnitten hatte. Ares befreite er von dem Zwillingspaar, den Aloaden, die ihn in einem Gefäss 13 Monate gefangen hielten.

Seine List zeigte sich, als er einen Tag nach seiner Geburt die 50 Kühe des Apollon stahl und »rückwärts trieb er sie auf sandigem Boden, so dass ihre hinteren Hufe vorne waren und die vorderen hinten .. .« Und er konnte auch zaubern, indem er die Weidenzweige Wurzeln fassen liess im Boden, sie über die Kühe wachsen liess, so dass diese sich nicht mehr von der Stelle bewegen konnten. Ebenso verwandelte er die sitzende Aglauros mit einem Schlage seines Zauberstabes in ein Steinbild; jetzt konnte er hingehen in den Raum, wo Herse wohnte, in die er verliebt war. Seine Lügen gegenüber Apollon waren eigentlich keine, denn er sagte zu Zeus: »Vater Zeus, Dir sag ich die Wahrheit, denn ich bin wahrhaftig und kann nicht lügen ...« Was war es anderes, als ein Überlisten, eine Freude am Wort, in dem, so sehe ich es, der uranische Einfall darin steckt? Und Apollo macht ihn zum Gott der Diebe, und beide lachen aus innerer Freude am Wortspiel.

Dass Hermes Persephone aus der Unterwelt befreit, indem er Hades mit milden Worten überredet, das macht seinen Wirkungsraum noch umfassender. Persephone wollte aus dem Dunkel zum Licht, um zu ihrer Mutter zu gelangen - und Hermes sprach mit dem Gott der Toten, dem Gott mit den »dunklen Locken«. Damit verbindet dieser geflügelte Gott die unbewusste, die dunkle Seite mit unserem hellen Bewusstsein. Als Hephaistos ein sehnsuchterweckendes, schönes Mädchen schuf, das den unsterblichen Göttinnen gleich ist, da befahl Zeus dem Hermes, dem Geschöpf hündische Schamlosigkeit und Betrügerei einzuflössen. Der Bote der Götter pflanzte in ihre Brust Lügen und Schmeicheleien und nannte das Weib Pandora, das verborgene Übel. Schliesslich beschwichtigte Hermes Apollon mit der Leier und der wunderbare Ton durchdrang Apollons Herz, süsse Sehnsucht ergriff ihn, als er aus seiner Seele zuhörte. Die Leier symbolisiert Frohsinn, Liebe und süs-sen Schlaf. Und Hermes schenkte sie ihm. Von Apollon erhielt er dafür den Hirtenstab, den Hermesstab und die Gabe des Wahrsagens, nicht aber die höhere Weissagung; letztere entspricht Zeus, dem Jupiter.

Unser Verstand

Die Priester waren es in Sumer, die die Erziehung übermittelten, sie wollten nicht nur herrschen, sondern vor allem belehren. Den meisten Tempeln waren Schulen angeschlossen, wo Knaben und Mädchen im Schreiben und in Arithmetik unterwiesen wurden; eine Vorbereitung bis zum Schriftgelehrten. Schon 2700 vor Chr. wurden m Sumer grosse Bibliotheken gegründet; man entdeckte mehr als SO'OOO Tafeln sauber und in logischer Anordnung übereinander geschichtet. Ja bereits 2000 vor Chr. wurde von sumerischen Historikern die Geschichte rekonstruiert. Das Gilga-mesch-Epos finden wir in seiner Urform auf einer in Nippur aufgefundenen Tafel. Die babylonische Schöpfungsgeschichte besteht aus sieben in den Ruinen der Bibliothek Assurbani-pals gefundenen Tafeln. Tontafeln stellen praktisch Handbücher über Astrologie dar, ebenso Abhandlungen über Traumdeutungen, die übrigens mit den fortgeschrittensten Erzeugnissen der modernen Psychologie konkurrieren können. Die Astronomie war eine Spezialwissenschaft, die die Babylomer in der Alten Welt berühmt machte; die Astrologie - die Mitte der Wissenschaft - sollte das zukünftige Schicksal der Menschen anzeigen.

Der Schluss dieser Reise in unsere Bildwelt bezieht sich auf die Vervollkommnung der Sterblichen, auf Prometheus = der zum voraus Wissende. Dieser Prometheus hatte einen wunderschönen ersten Menschen geschaffen und verborgen gehalten. Dies wurde Zeus verraten, der Hermes ausschickte, um den Schönen zu holen. Das Geschöpf erhielt den Trank der Unsterblichkeit - Ambrosia und Nektar als Götterspeise - und "glänzt seither am Himmel als Phamon, der »Scheinende«, wie in Griechenland der Planet Jupiter hiess.

Merkur bereitet ihn vor, den Jupiter, denn keiner von beiden kann alleine bestehen. Merkur und Jupiter gehören in das Kreuz der Veränderung, sie machen bewusst, was wir - so scheint es - in uns lange schon »wissen«!