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Titel Ausgabe 9



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• Biografie

Horoskope. Paul Cezanne

Fritz Gehre

Paul Cezanne 19.1.1839, 01.00 Uhr Aix-en-Provence/F

Das Horoskop einer berühmten Persönlichkeit zu besprechen ist deshalb so schwierig, weil jeder von vornherein schon viel zuviel weiss, um ganz unbefangen sein zu können. Ich muss mich daher vom Aspektbüd überraschen lassen, um aus ihm mein eigenes, vorgelagertes Wissen neu zu verstehen. In vier Abschnitten will ich versuchen, den Maler in seiner ihm eigenen Individualität zu interpretieren: zuerst von der äusseren Zeit her, in die er hineingeboren wurde. Der nächste Abschnitt soll die dritte Dimension, die plastisch-räumliche Begabung deutlich machen, dann will ich die für Cezanne so wichtige Farbe besprechen. Zuletzt sehen wir in seiner neuen Perspektive den Wegbereiter hin zu einer neuen Renaissance. Natürlich muss diese Besprechung lediglich als ein Herausgriff aus einer grossen Vielfalt verstanden werden.

Die äussere Zeit

Cezanne wurde 1839 in einer Zeit der sogenannten »visuellen Müdigkeit« geboren, denn die Möglichkeit des Reisens mit dem Zug, die Fotografie, eine Vorbereitung für Film und Fernsehen, gaben mehr Bilder her, als man verdauen konnte. Von da verstehen wir den Rückgriff zum vereinfachten Strich, ein Zurückweichen vor der angebotenen Vielfältigkeit. Einige Jahre vor Cezannes Geburt waren die Elektro-Telegrafie und der Propeller erfunden worden, die durch menschliches Dazutun die Natur zurückschoben. In seiner neuen Schau muss Cezanne als Wegbereiter der Fauvisten, der »Wilden« gesehen werden, die bereits 1905, ein Jahr vor seinem Tod, auftraten; man beachte dazu die zweiflächigen Farbbilder von Gauguin. Betrachten wir aus dieser Zeitatmosphäre heraus sein Horoskop-Bild,

dann fällt die Untenlagerung und mit ihr die zwei roten Oppositionen auf. Sem Wirken, und mit ihm seine Persönlichkeit, kommen aus dem archetypischen Raum, ernsthaft, geduldig von der Sonne, was sich in ein äusserst sensibles, künstlerisches Suchen in Venus und Neptun umsetzt. Die Oppositionen machen das Hinaustreten in den hellen, bewussten Raum schwierig, wie ein Verweilen in einem lange verschlossenen Gefäss. Deswegen wurde er, vom Alterspunkt (6 Jahre = 1 Haus, Beginn AC) her gesehen, erst anerkannt, als es ihm nicht mehr wichtig war. Vielleicht noch einige Daten: Mit 17 Jahren begann er mit dem Malstudium = Konjunktion Venus, Halbsextil Merkur. Die innere berufliche Frage, ob Bankwesen oder Malen, stellt sich im Quincunx Mars endgültig mit 23 Jahren. Seine Frau lernte er mit 30 Jahren kennen = Trigon Saturn, Sextil Venus, Quadrat Merkur. Die erfolglosen, negativ beantworteten Ausstellungen sind mit 35 Jahren im Quadrat Sonne und mit 38 Jahren im Quadrat Neptun sichtbar. Erster Erfolg mit 43 Jahren = Trigon Venus und Quincunx Merkur, d. h. er wird von Choquet und Renoir künstlerisch verstanden und zur Arbeit aufgefordert!

Mit 47 Jahren stirbt sein geiziger Vater = Quincunx Sonne, Quadrat Mondknoten.

Mit 52 Jahren erste Anzeichen der Zuckerkrankheit = Opposition Sonne, Trigon Mondknoten. Mit 65 Jahren wird ihm ein ganzer Saal gewidmet: exakte Konjunktion Mars und Trigon Sonne! Er starb schliesslich mit 67 Jahren 9 Monaten in einem Quincunx-Aspekt zum Mond; dazu Mondknoten-Alters-punkt = 19° 12 Widder = Opposition Jupiter.

Interessant dürfte die eigenstehende Ebene Sonne-Mars-Mondknoten sein, die beim Tod des Vaters mit 47 Jahren angesprochen wurde. Wir sehen daraus Cezannes Abhängigkeit vom Vater, die widerstandslos angenommen wird. Diese Planeten stehen am Talpunkt, sie wirken nach innen und die Sonne selbst bekommt keinen befreienden roten Aspekt!

Die dritte Dimension

Die Härte des Steins steht dem weichen, sensiblen Gefühl gegenüber. Was mit Sonne und Merkur in Steinbock als Volumen, als dritte Dimension da ist, verwandelt sich mit Venus und Neptun zu einem innerlich feinen Farbempfinden. Ich könnte aus der an der Grenze stehenden Sonne am Talpunkt auf ein schüchternes, schwaches Wesen schliessen, dass diese von innen herauswachsende Umfassung den Hintergrund braucht, um sich gefühlsmässig sicherer zu fühlen! Dies in ständiger, ausdauernder Unablässigkeit durchzusetzen, sagt die blaue Begabungsseite aus, die zum Mars hinläuft = ein lebendiges Wollen, das nur wenige Freunde verstehen (Mars 11. Haus TP). Dasselbe spielt sich weiter draussen nochmal ab: der formbetonte, fixierte Saturn, im Quadrat zum empfindlichen einfühlsamen Mond mit Uranus.

Cezanne besitzt genügend geistige Festigkeit (Saturn 2. Haus), um seine Werke als neue, umgeformte und dabei höchst durchsichtige Aquarelle zu zeigen (Uranus und Mond 5. Haus). Neptun hilft im gegenläufigen Lerndreieck, im Erfahrungsdreieck also, dazu, diesen Bildern einen überzeitlichen Wert zu geben. Mir erscheint es wichtig zu sagen, dass jede Umsetzung von allen drei esoterischen Planeten, von Uranus, Neptun und Pluto, auf verschiedene Art vollzogen wird. Dass diese Planeten, alle drei mit Mond und zwei mit Saturn, ja der Neptun über Venus auch mit Sonne, also mit den Persön-lichkeitsplaneten verbunden sind, gerade das macht sein Anliegen eben persönlich, es geht immer ihn selbst ganz und gar an!

Der anfänglich erwähnte Widerspruch zwischen dem harten Stein und dem übersensiblen Einfühlen kann symbolisch als der Kampf zwischen dem Riesen Antäus und Herkules verstanden werden: Herkules gelang es, den Riesen zu besiegen, indem er ihn hochhob und vom Boden löste. Cezanne brauchte den Boden seiner Heimat, seine Erde, und konnte sich bewusst zugleich davon ablösen -, er vereinigte beide Seiten, so dass aus diesem Widerspruch schöpferisch seine dritte Dimension entstand! Horoskopisch: die instinktive, ganz reale Erdverhaftung (unten und Steinbock) mit jener merkurisch-neptuni-schen Bewusstmachung. Die Mittelmeersonne macht das Licht so hell, dass jede Farbe nur dann leuchten wird, wenn ich das Volumen, also die umfassende dritte Dimension dazu nehme. Von daher werden uns die barocken, runden Formen einsichtig, die in ihrer Plastik an Michelangelo erinnern.

Die Raumwirkung bei Gewänne läuft einmal mit jener von den Impressionisten geschaffenen Atmosphäre parallel, zugleich aber sah er die Natur geometrisch: »Man muss« - so sagt er, »die Natur wie einen Kegel, einen Zylinder und eine Kugel betrachten«. Beispiel dafür ist der zu einer Kugel vereinfachte Kopf des Bildes »Mädchen mit Puppe« oder die zylmderförmigen Hüte der Kartenspieler. Jene auf den Kubismus zulaufende vereinfachte Form liegt bereits in der formalen Klarheit und im strukturellen Aufbau, wie wir sie im Aspektbild bei längerem Hinsehen als eine konsequente Logik entdecken. Auch dass Cezanne die grossen Volumina, die dreidimensionale Wirklichkeit also, in einer Vielzahl verkleinert wiederzeigt, sie gleichsam zerstückelt, ist das wiederum konsequente Zuendefüh-ren seiner persönlich empfundenen Natur. Von hier aus wird uns seine Farbgebung und die neue Art der Perspektive verständlich. »Nicht umsonst kann ich die steinerne Sphinx« -so schreibt darüber Taillandier - »mit seinen Äpfeln vergleichen: beidema-le sind es Plastiker, die dies schufen«. Cezanne wählte als »Umweg« das Bild. Im Horoskop spielt Saturn als eine geistige Realität (Schütze 2. Haus) mit, die er im Venus-Sextil zur inneren, zur eigenen Kunst ummodelliert.

Die Farbe

Cezanne war vom Farbigen gefangen, und als ihm Pissarro riet, ohne Schwarz zu malen, musste er seine Volumina selber über die helleren Farben entdecken. Ich sehe die Farbe am stärksten in seinem Horoskop bei Neptun und Venus, ein unterschwelliges Hinhören! Gedacht und dionysisch den Boden aufreissend zugleich! (3. und 4. Haus). Nachdem Neptun und Uranus in den Zeichen vertauscht sind, kommt für mich das geniale Entdecken, wie das mediale Eindringen dazu. Wie stellt sich von da aus gesehen der Raum dar? Einfach gesagt kann Cezanne durch ein rotes Halstuch eines weit weg stehenden Kartenspielers diesen uns nahe bringen. Kalte Farben wie Violett oder Blau-und Grüntöne, die weniger anregend sind, eher beruhigend-einschläfernd, rücken hinaus, warme Farben, gelb - orange - rot, lassen wie die gelben Blätter der »Badenden unter der Brücke« diesö uns wärmer und näher empfinden, lassen hervortreten, was sonst in der Weite verschwände. Noch »raffinierter« ist jener blaue Raum um die Äpfel, der wie eine Aura die warmen, rotgoldenen Äpfel zum Relief macht. Schatten sind also nicht schwarz, denn auch sie sind durchdrungen vom Licht, deswegen kann ich sie violett oder grün empfinden.

Horoskopisch dürfte diese andere, diese gewandelte Sehweise mit Pluto im 6. Haus zusammenhängen: Cezanne arbeitet aus sich (aus Widder), um aus der Stille seine Idee malerisch zu entdecken = Jupiter Waage 12. Haus.

Was Cezanne als den Weg zu sich selbst, zu seiner Sicherheit spürt (Mondknoten TP 5), das war im Mars ein Durchbruch, der Fremdes, Unbekanntes bearbeitete (TP 11)!

Die neue Perspektive

Wenn Cezanne sagt: »Ich bin der Primitive einer neuen Kunst«, dann geht er mutig die Ehe ein von Farbe und Volumen, was eine oben erwähnte Perspektive ergibt. Natürlich war für Cezanne der Impressionismus wichtig, neben Renoir besonders Pissarro, also das 19. Jahrhundert. Aber in dem Mut, es umzusetzen, da blieb er allein. Ein Horoskop, das mit Skorpion beginnt, geht nicht nach aussen, es sucht die Wandlung bei sich. Aus der Vereinigung von Farbe und dritter Dimension wird für Cezanne die lineare Perspektive überflüssig, denn schon wenn er einen Strich unterbricht, wenn er Raum einlässt, sehen wir »räumlich«. So bieten sich gerade in den Aquarellen die leeren Flächen als eine neue Art der Räumlichkeit an: neuartig wird die Lichtein-wirkung, ich selbst habe mehr Platz für meine Empfindung. Dabei bleibt Cezanne naiv vom Auge gesehen: es ist unwichtig für ihn, was er weiss, bevor er es sieht. Wichtig ist ihm das, was er durch das Sehen erfährt. Er will also rein und unschuldig dem Objekt gegenübertreten. Im Horoskop möchte ich die Naivität als eine wiederentdeckte Kindheit in der Mond-Uranus-Konjunktion sehen, ein atmosphärisch nach unten ziehendes und von da kommendes mystisches Geheimnis, das nochmal im Neptun weitermacht. Offen lasse ich die Feststellung, ob seine Perspektive nicht mit den leeren Häusern, seinen leeren Flächen zusammenhängt? Denn jeder Mensch möchte dahin, zumindest geistig, wo die Strassen noch unbegangen sind.

Die Göttin Juno badete in der Quelle Canato, um ihre Jungfräulichkeit wieder zurückzubekommen. Dasselbe bedeutete für Cezanne seine Vision, die ihn stets von neuem naiv und frisch machte, gleich einem Bad im klaren Wasser der Quelle.