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Zurück Ausgabe 11 vom 22.12.1982 • Seite 14ohne Login!

• Astrologie & Geschichte

Horoskop-Darstellung im Wandelder Zeit, Teil 2

Bruno Huber

Das 20. Jahrhundert im Spiegel der Horoskopzeichnungen

Vor etwas mehr als 2000 Jahren haben die Astrologen damit begonnen, Horoskope grafisch darzustellen (siehe Artikel in Heft 8). Und sie haben in 2000 Jahren nur zwei grundlegende Darstellungsformen - viereckig und rund mit nur wenig Variation - hervorgebracht. Dieser langen, einödigen Periode steht das 20. Jahrhundert mit seinen vielen Varianten, seinem Einfallsreichtum bis hin zum sinnlosen Erfinden, aber auch mit seinen wirklichkeitsnahen Darstellungen der himmelsmechanischen Realitäten geradezu schillernd gegenüber.

Besonders das 18, und 19. Jahrhundert waren für die Astrologie ein »Dornröschenschlaf«. Sie wurde - nach der offiziellen Ächtung durch Staat und Kirche - praktisch nur noch in okkulten Zirkeln und esoterischen Geheimgesellschaften ausgeübt. Sie erlitt dadurch schwere Substanzverluste und degenerierte vielfach bis fast zur Unbrauchbarkeit.

Fast alle Horoskopzeichnungen, die wir aus dieser Zeit kennen, sind in der damals üblichen Vierecksmanier ausgeführt. Und wenige Autoren unseres Jahrhunderts, wie z. B. der bekannte Verfasser der Raphael's Ephemeris (R. W. Cross) beharrten auf dieser Form bis in die dreissiger Jahre.

1875 trat die Theosophische Gesellschaft auf. Es war ihre erklärte Absicht, »die Ewige Weisheit unter das Volk zu bringen«. Sie lief mit ihren Büchern »Entschleierte Isis« und »Die Geheimlehre« Sturm gegen die geistige Bevormundung durch Wissenschaft, Kirche und Geheimgesellschaften.

Hauptsächlich aus dieser Theosophischen Gesellschaft kamen dann auch die Persönlichkeiten, welche die Astrologie zu neuer Blüte im 20. Jahrhundert erweckten.

Alan Leo (ein Pseudonym; sein richtiger Name war William Frederik Allen / siehe sein Horoskop: Astrolog Nr. 10) kann man wohl zu Recht als den eigentlichen Exponenten dieser Entwicklung bezeichnen.

Alan Leo ging als einer der ersten wieder zur Rundform der Darstellung über. Es ist die als »Wheel of Life« (Lebensrad) bis heute bekannte englische Form.

Die Zeichnung besteht aus zwei äusse-ren konzentrischen Kreisen, zwölf Speichen in regelmässigen Abständen (30°) und einer Nabe in Form eines zentralen Kreises. Das Ganze ist eine Darstellung des Häusersystems. Vom Tierkreis sieht man nur die 12 Grade, in welche die Häuserspitzen münden. Zwischen die Speichen werden die Planetensymbole mit den Zeichengraden plaziert. Und das Zentrum wird meistens zur Identifizierung der Person verwendet, sei es durch Einschreiben von Namen und Geburtsdaten, sei es durch ein Bild oder Foto; diese Identifizierungen wurden schon seit dem Mittelalter auch in der Vierecksform angewendet. Alan Leo selbst verwendete ein Formular, in dem zentral ein Erdglobus eingezeichnet war.

Alan Leo hatte mit seiner Astrologie weltweiten Erfolg, besonders unter den Gebildeten. Seine Bücher (»Astrology for All«, »How to Judge a Nativity« etc.) hatten für damals ungewöhnlichen psycho-spirituellen Tiefgang. Und seine Zeichnungsweise wurde innerhalb weniger Jahre fast so etwas wie internationale Norm. Spätere Kapazitäten im deutschen Sprachraum wie Brandler-Pracht, Schwickert (Sindbad) und Weiss und andere übernahmen diese Zeichnungsweise -und hielten z. T. bis in die dreissiger Jahre daran fest.

Bis zum Ersten Weltkrieg beherrschten Alan Leo und die Seinen die astrologische Szene. Doch nach diesem ersten sinnlosen Krieg kam die Szene mächtig in Bewegung, und zwar auf sehr verschiedene Weise an zwei weit entfernten Fronten: In den USA und in Deutschland!

In Amerika ging die Astrologie auf die Strasse und in die Massen-Medien. Hier sticht eine Figur heraus: Evange-line Adams, »die Mutter der Zeitungsastrologie«, wie sie manchmal von Amerikanern mit Stolz genannt wird. Sie machte schon Anfang der zwanziger Jahre Radiosendungen, gab ein astrologisches Massenblatt heraus und beriet Filmstars und Hochfinanz. Sie kreierte damit ein Muster, das bis heute Millionen bewegt - Millionen von Menschen und Millionen von Dollars!

Populäre Astrologie (oder Vulgär-Astrologie, je nachdem wie man das sieht) muss mit Vereinfachung arbeiten, weil sie bei ihrem Publikum kein Fachwissen voraussetzen kann. Es wird aber auch zu oft unsorgfältig gearbeitet (oder etwa mit mangelnder Fachkenntnis?) wie das folgende, von Evangeline Adams veröffentlichte Horoskop ausweist: das Häusersystem ist fehlerhaft ausgerechnet, so dass zwei Planeten (Mars und Neptun) in falsche Häuser geraten.

Was die Populärastrologie an fachlicher Substanz und Präzision fehlen lässt, ersetzt sie durch optischen »Firlefanz« bei der Darstellung. Das von Adams verwendete Horoskopformular ist typisch Jugendstil-beemflusst. Es hat durch ihre »massenhafte« Tätigkeit so viel Verbreitung erfahren, dass es heute noch auf dem Markt fast unverändert als Normformular angeboten wird. Ich habe es gelegentlich amerikanischer Konferenzen scherzhaft als »American Apple-Pye« (amerikanischen Apfelkuchen) bezeichnet und dabei nicht nur Applaus geerntet.Während die amerikanische Antwort auf das Debakel des Ersten Weltkrieges die »Roaring Twenties« (wilde zwanziger Jahre) waren - das Entstehen der Vulgärastrologie ist Ausdruck davon -, war die Antwort im deutschen Sprachraum eine ganz andere. Die Deutschen standen ja auch nicht auf der Seite der Sieger. Die daraus entstehende Depression löste offensichtlich unter anderem auch eine Welle des Suchens aus, die zwar einerseits in der Astrologie das billige Geschäft mit der Angst beförderte. Aber auf der anderen Seite stachelte sie eine ganze Anzahl von Denkern in diesem Fach zu neuen Überlegungen an.

Und das äusserte sich auch in der Zeichnung des Horoskopes.

Bis zu diesem Zeitpunkt war in allen Horoskopen immer nur das Häusersystem bildlich gezeigt worden. Die übrigen Elemente, die ein Geburtsbild aufbauen - die Planeten, die Zeichen und die Aspekte - wurden nur als Zahlen und Symbole in die Zeichnung eingeordnet. Damit war das Horoskop eigentlich nur eine »etwas eigenartig angeordnete Auflistung«.

Wenn man davon ausgeht, dass das Horoskop eigentlich eine »Garte du Ciel«, wie die Franzosen so schön das Horoskop nennen (Karte des Himmels), sein sollte, so müssten darin auch die Planeten an ihrem jeweiligen Ort im Himmel (Zodiak) abgebildet sein.

Dieser Schritt wurde irgendwann in den zwanziger Jahren von irgendje-mand im deutschen Sprachraum vollzogen. Es ist mir bis heute nicht gelungen, sicher festzustellen, wer damit angefangen hat. Fest steht nur, dass die neue Zeichnungsart Ende der Zwanziger bei verschiedenen Autoren fast gleichzeitig in der Literatur auftaucht. So z.B. bei Vehlow/lQ2G, bei Fank-Aauser/1927, bei Klöckler spätestens 1930, usf.

Dieser Schritt ist sensationell! Denn jetzt sind drei der vier horoskopaufbauenden Elemente in einer Zeichnung sichtbar gemacht, die eine einigermassen naturgetreue Abbildung des Himmels zur Zeit einer Geburt ist. Was vor allem wichtig ist:

1. sind die wirklichen Abstände der Planeten (dem persönlichsten Element unter den vieren) sichtbar, und

2. wird das Horoskop damit zum wirklichen Schau-Bild.

Damit wird das Erfassen des ganzen Geburtsbildes möglich, und der schon lange bestehenden Forderung nach einer »synthetischen Deutung« des Horoskops wird endlich eine konkrete Grundlage geboten.

Daten und Quellen der hier reproduzierten Horoskope

Codierung siehe Tabelle rechts

1. Raphael (R. W. Cross), 15.5.1850; 02.35 h; East Anglia/GB (B: »Raphael's Astronomical Ephemens for 913«)
2. Edward VII, König v. England, 9.11.1841; 10.48 h; Buckingham Palace/GB(A: Alan LEO: »How to Judge a Nativity« 3. Aufl. 1912)
3. Karl Brandler-Pracht, 11.2.1864; ca. 04.10h GT(Datenrückrechnung, da keine Angaben in seinem Buch).
(B:
K. Brandler-Pracht:»Die sensitiven Punkte in der Astrologie«/Berlin, 1936)

4. Morin de Villefranche, 22.2.1583; 08.33 h LT/Villefranches/Saone/F.
(
B: Sindbad/Weiss: »Die AstrologischenDirektionen II«/München, 1927)

5. George Washington, 22.2.1732; 10.00 h LT/Wakefield/Va. USA.
(
B: Evangeline Adams: »Astrology,your Place Among the Stars« ca. 1925
, Daten: Familienbibel.)

6. George Washington, 22.2.1732; 10 h OB m 25 s; Wakefield.
(B + C: Doris Chase Doane: »Horoscopes of the U. S. Presidents«, 2. Aufl.; Hollywood 1971. Zeit korrigiert durch Autor.)

7. New York (Kauf v. Manhattan), 16.5.1626; 09.33h; dam. New Amsterdam/NYC.
(A: Marc Penfield: 'Crisis of New Yorl City', in »Astrology Now« Nr. 13/Juni 1976 offizielle Archivdaten.)

8. Reichspräs, von Hindenburg, 2.10.1847; 15.00 h; Posen.
(C: Vehlow, »Astrologie« Bd. 1+2; Berlin1926; Geb.-Anzeige in 'Posener Zeitung')

9. Benito Mussolini, 29.7.1883; 13.22 h; Prädappio/Forli/I.
(D: Alfred Fankhauser,»Astrologie al kosmische Psychologie« Bern, 1927.
Autor korrigierte Zeit - richtig: Geburten register 14.00 h = A)

10. Reichspräs, von Hindenburg, 2.10.1847; 15.00 h; Posen.
(C: H. Frhr. von Klöckler:»Kursus de Astrologie II, Deutung«; Berlin, 1932/s.a unter 8)