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Titel Ausgabe 12



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Zurück Ausgabe 12 vom 19.02.1983 • Seite 11ohne Login!

• Mythologie

Mythologisches: Uranos: Magie – Ur-Ei – Zeugung

Fritz Gehre

Uranos kommt plötzlich auf uns zu, unvorhergesehen stürzen alle bisherigen, alle gewohnten Mauern zusammen, um etwas Neues zu gebären. Uranos ist das abgeleitete, kosmische Licht, der Blitzableiter, der es hell macht in uns und ausser uns! Ein Planet, 1789 entdeckt, der uns Räume hinter der beschützenden, saturnischen Schale sichtbar macht. Dreifach will ich ihn aufzeigen: Einmal in unserem Fasching, in der magisch anziehenden und abstossenden Verkleidung; dann in dem uralten Wachstumsprozess, wie er sich im Weltenei in allen Religionen abbildet; zuletzt in der vitalen Zeugung im Dunklen der Nacht, die hell wird. Diese Helligkeit von unten zeigt sich in der zwölften Tarotkarte, im »Aufgehängten«, in der Wandlung aus dem Unbewussten, in der Verkehrung von oben und unten; ein Mensch, der an einem Fädchen hängt und sich seiner Archetypen bewusst wird, indem er sie sieht. Die dem Uranos zugesprochene Intuition, jener »zufällige« Ein-fall, bedeutet eine innere Schau des Geistes, der die Tore der äusseren Sinne, soweit er es vermag, vor sich geschlossen hält. Intueri kommt einem bewundernden Anschauen gleich und bedeutet auch auf etwas Rücksicht nehmen, ein sich Schützen vor bösen Dämonen.

Verkleidung

Versuchen wir zu verstehen, dass aus dem ursprünglichen Menschenopfer ein Tieropfer wurde, dass, wie es bereits eine babylonische Formel sagt: »Das Lamm ein Ersatz für den Menschen ist, das eben dieser für sein Leben gibt«, ein Opfer, das sich in der jüdischen und christlichen Religion fortsetzt. Von da her wird es verständlich, dass an Fasching, eben zur Ura-nos-Zeit, sich die Menschen als Tiere verkleiden und die Kinder wie die Indianer bunten Federschmuck auf dem Kopf tragen, Das Bakchosfest in Griechenland oder die Saturnalien in Rom, die »Fete des Fous« im mittelalterlichen Frankreich sind Fruchtbarkeitsriten, sollen, wie es das Wort Carneval sagt, das Fleischlich-Tierische in den Masken, den Tänzen und der Musik zeigen. Eine Sonne, die am Aszendent aufgeht und am Deszendent untergeht, entspricht symbolisch der Auferstehung und Kreuzigung, der Neu-oder Wiedergeburt. In dem Wahlspruch von Genf »Post tenebram lux« verwandelt sich in gleicher Weise die Finsternis in Licht; und in Genf wurde der Völkerbund und die UNO gegründet, die eine friedliche, weil natürliche Verbrüderung wollen. Ich brauche nicht an das Wassermann-Zeitalter zu erinnern, das den Menschen von inn en annimmt und nicht von aussen zulässt.

Magisch sind am 15. Februar in Rom die abgehaltenen Lupercalia; sie waren dem Gott Faunus - eine Gottheit für das Vieh - als Abwehr der Wölfe (lupercus) geweiht. Die Luperci sind Priester, die nur mit einem Schurz aus Ziegenfell bekleidet waren; sie liefen um den Palatm und beteten zu Faunus, er möge die bösen Geister vertreiben. Alle Frauen, denen sie begegneten, peitschten sie mit Riemen aus dem Fell der Opfertiere, um sie zu läutern und fruchtbar zu machen; hierauf wurden Strohpuppen (früher wohl lebende Menschen) in den Tiber geworfen, um den Gott des Flusses zu besänftigen - oder zu täuschen. Magisch wirkt ebenso die Schönheit der gewählten Verkleidung, so schön wie der wachsende Frühling und wie jeder sich selbst sehen will. Es ist der vergängliche Zauber der Pflanze oder des Tieres, der uns augenblicklich seine Pracht aufzeigt, der uns bannt, der uns dahinterschauen lässt! Darum kann ich bereits in der Körperbemalung sowohl anziehend wirken wie Furcht einflössen.

Wie die Amulette oder die bulla, die in Rom bereits die Kinder als Totem um den Hals trugen, sollen bemalte Körper - heute in Tätowierungen und \m Überschminken noch üblich - böse Geister abwehren, damit ich vor ihnen geschützt bin. Auf Fäden oder Ketten aufgereihte Steinchen galten beispielsweise als wirkungsvoller Halsschmuck, sobald man sie nach glück-verheissenden Vorschriften ausgewählt hatte; je nach dem Schütze, den man bezweckte, verwendete man einen schwarzen, roten oder weissen Faden. In Babylon gab es auch leidenschaftliche Beschwörungen, um dem Dämon zu Leibe zu rücken, so etwa, wenn der Mensch seinen Körper mit dem Wasser der heiligen Ströme, Tigris und Euphrat, besprengte. Dort finden wir auch die magischen Beschwörungsformeln in astrologischen Prognosen, in Traumdeutungen oder jener bekannten Eingeweideschau. Ura-nos gehört in Wassermann, dem 11. Haus entsprechend, was nicht nur Fremddarstellung und Freundschaft bedeutet, sondern auch die Hoffnung miteinschliesst. Hoffend auf das Licht will ich in diesem Licht auch meine Zukunft sehen; deswegen muss ich mich vorher so zeigen wie ich bin: in einer mir entsprechenden, vonmir gewünschten Verkleidung!

Ur - Ei

In den mythischen Vorstellungen sehr vieler Kulturen findet sich das Welten-Ei, das am Uranfang da war. Es versinnbildlicht mit der Fruchtbarkeit ganz einfach die Totalität aller schöpferischen Kräfte! So wurden beispielsweise chinesische Helden aus Eiern hervorbrechend dargestellt. Ich will diese Symbolik ägyptisch, babylonisch und griechisch aufzeigen. Im Sonnengesang steht folgendes: »Das Junge im Ei redet (schon) in der Schale; du gibst ihm Luft in ihr, um es am Leben zu erhalten. Du machst ihm im Ei seine Kraft, um es zu zerbrechen. Es kommt aus dem Ei heraus, um zu reden; und es geht auf seinen Füssen fort, wenn es aus ihm herauskommt.« Das Aufbrechen der Schale macht es uns möglich, uns von jeder Begrenzung zu befreien. Aus dem geschlossenen, uns schützenden und nährenden Ei wird ein sich unendlich weit öffnendes flaschenartiges Gefäss, wie es Bruno Huber abgebildet hat. Uranos muss saturnale Wände »zerstören«, damit der Men nicht in der Flasche bleiben muss und l sich damit selbst geistig determiniert! In Ägypten war Aton nicht auf den Schlachtfeldern, sondern in der selbst wachsenden, der sich verlebendigenden Natur, oder: Der festgelegte Brauch der Priester ist zu vergessen (Saturn), der wahre Gott besitzt keine Gestalt (Uranos).

In Babylon will Ischtar Tammuz aus der Hölle = Arallu befreien; ähnlich wie Adonis wurde auch Tammuz von einem Wildschwein getötet und kommt eben in diese Hölle, wo Eresch-kigal, die eifersüchtige Schwester von Ischtar herrscht. Ischtar muss alle Kleider ablegen und dann heisst es:

»Nun da Ischtar in das Land ohne Rückkehr hinabgestiegen war, Sah Freschkigal sie und war erzürnt ob ihrer Ankunft.

Ischtar aber warf sich ohne Überlegung vor sie hin.

Da öffnete Freschkigal ihren Mund und sprach

tzu Namtar, ihrem Boten ...

Geh, Namtar, schliesse sie in meinem Palaste ein

Sende ihr sechzig Krankheiten ...«

Während Ischtar im Hades war, hört auf der Erde alles Liebesleben auf, keine Pflanze befruchtet mehr die andere, das Wachstum steht still, die Tiere und Menschen paaren sich nicht mehr. Die Götter gewahren mit Schrecken dje Abnahme der ihnen von Menschen dargebrachten Opfer und befehlen Freschkigal, Ischtar auf freien FUSS zu setzen. Doch Ischtar lehnt ab, ohne Tammuz zurückzukehren, Dies wird ihr zugestanden, sie bekommt ihre Kleider zurück, und alles auf der Oberwelt beginnt wieder zu wachsen. -Welch ein Mut, in das Dunkle, gleichsam in das geschlossene Ei hineinzugehen, um aus dieser Welt die Liebe = Tammuz ans Licht zu bringen! Es ist das alljährliche Vergehen und Auferstehen der Natur, eine Liebe, die über den Tod triumphiert. Und ist in Uranos nicht der Mut darin, sich fallen zu lassen, um anders, um neu wiedergeboren zu werden?

Die abgeschnittene Männlichkeit des Vaters Uranos fiel in das bewegliche Meer. Dorthin warf sie Kronos von der festen Erde. Lange wurde sie hin und her getrieben. Weisser Schaum -aphros - bildete sich um sie aus der unsterblichen Haut. Ein Mädchen entsprang und wuchs gross darin. - Genau, wie bei den Griechen die obere Hälfte des Ur-Eis der Himmel ist und die untere Hälfte der Erde zugehört, genauso kann ich die Schale des Eis auf die unsterbliche Haut - den Schaum -des Uranos beziehen! Darin reift Aphrodite in der Bewegung des Wassers, des Unbewussten, bis sie als jene Göttin entspringt! Von aussen ist dies Wachstum verborgen, wie in dem »Gehängten«; es entwickelt sich aus sich selbst, und nackt betritt es die Erde, um zur Göttin zu werden.

Griechenland

Der erste König war Phanes, ein zweigeschlechtlicher Gott, in der Höhle. Er legte das Zepter in die Hand der Nacht. Von ihr erhielt es Uranos, von Uranos Kronos, von Kronos der fünfte Weltherrscher Zeus. Himmel und Erde wurden von Phanes geschaffen. Uranos und Gaia waren ein Gott und eine Göttin, Kinder der Nacht. Uranos darf also nicht als das Helle gesehen werden, er ist der nächtlich bestirnte Himmel, der sich mit Hemera, mit seinem Gegensatz, mit der Tageshelle verbindet. Damit will ich erklären, warum Uranos seine Kinder im Dunkel der Erde versteckte, warum Kronos seine Kinder verschlucken musste, ja warum selbst Zeus beinahe in Fesseln geschlagen wurde, und zwar von Pallas Athene, wenn ihn nicht einer der drei »Hundertarmigen« aus den Tiefen des Meeres gerettet hätte. Die Zeugung geschieht in der Tiefe, am immum coeli, denn das Licht ist zu hell für den Menschen; es heisst, dass den Protogonos = den »Erstgeborenen« niemand erblickte von Angesicht zu Angesicht, nur die heilige Nacht. Alle anderen Wesen bewunderten nur das Licht, das er ausstrahlte; er schuf den Himmel und die Erde. Auch in Platons Höhlengleichnis sehen wir nur die Schattenbilder, denn wir würden vom Licht geblendet.

Uranos kam allnächtlich zur Begattung. Aber die Kinder, die er mit Gaia zeugte, waren ihm von Anfang an verhasst. Sobald sie geboren wurden pflegte er sie zu verbergen und liess sie nicht zum Licht herauf. Er verbarg sie in der inneren Höhlung der Erde. An diesem Werk fand er seine Freude. Die riesige Göttin Gaia stöhnte und fühlte sich eng durch die innere Last. Sie machte listig eine stählerne Sichel mit scharfen Zähnen, und Kronos, von krummen Gedanken, machte die schändliche Tat. Als Uranos mit der Nacht kam und, zur Liebe entbrannt, die Erde umfasste und sich ganz über sie legte, griff der Sohn aus dem Hinterhalt mit der Linken zu. Mit der Rechten nahm der die riesige Sichel, schnitt die Männlichkeit des Vaters schnell ab und warf sie hinter seinen Rücken.

Aus den Blutstropfen des Gatten entstanden die Erinyen, die »Starken«, die Giganten und Eschennymphen, aus welch letzteren ein hartes Menschengeschlecht entstand. Wir wissen, dass Blut Lebenskraft ist, dass es meist reinigend wirkt und in der Ekstase getrunken wird. In der Höhle finden die Initiationsriten statt, mit der Aufgabe, als neuer Mensch herauszukommen. Und schliesslich kommt der Nacht der fruchtbare mütterliche Schoss gleich. Die drei Erinyen waren Jungfrauen, und wo eine Mutter beleidigt oder ermordet wurde, dort erschienen sie. Sie sind Rächer und Vergelter, aus ihren Augen floss giftiger Geifer, ihre Stimme war manchmal wie das Brüllen von Rindern. Für sie muss die Blutsverwandtschaft und jede Rangordnung befolgt werden. Mithin kann der Weg zum hellen Zeus, zur Gerechtigkeit, nur im Hinabtauchen, im Hindurchgehen gefunden werden. Vielleicht müssen deshalb die Götter wie die Menschen geprüft werden, um jene Freiheit in sich selbst zu entdecken!