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Titel Ausgabe 13



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Zurück Ausgabe 13 vom 20.04.1983 • Seite 2ohne Login!

• Astrologie & Kunst

Ars Astrologica

Bruno Huber

Il Salone

Der astrologische Büderzyklus

im Palazzo della Ragione die Padova (Justizpalast zu Padua, Italien)

Obwohl er, mindestens in seinen physischen Dimensionen, das grösste astrologische Bildwerk in der christlichen Welt ist, kennen die meisten Astrologen den »Salone» nicht. Und die Kunstsachverständigen verstehen ihn nicht! Denn er ist nicht nur eine kunsthistorische Kuriosität, die eine Menge Rätsel aufgibt. In seiner Komplexität und seinem Bilderreichtum ist eine ganze christliche Kosmo-gonie versteckt (das wird von den Fachleuten im Ansatz auch noch verstanden). Dass es aber auch ein Lehrgang der alten arabischen Kunst der Grad-Astrologie ist, kann von diesen wohl kaum richtig eingeschätzt werden.

Denn dazu braucht es astrologischen Sachverstand. Leider ist bis heute von Kunsthistorikern kein astrologischer Sachkenner beigezogen worden. Vielleicht weil es unter Astrologen fast keine Kenner der antiken MONO-MÖRIEN und der PARANATELLONTA mehr gibt?

Wenn Sie dieses Jahr nach Italien in die Ferien fahren, sollten Sie nicht versäumen, auf der Hin- oder Rückfahrt einen Tag in Padua Halt zu machen. (Padua liegt zwischen Verona und Venedig.) Wenn Sie den »Salone« besucht haben, werden Sie alle anderen astrologischen Kunstwerke als isolierte, kleine Einzelversuche empfinden. Das Gebäude liegt im Zentrum dieser schönen alten Stadt. Es ist kaum zu übersehen (siehe Bild), denn es hat eine imposante Grosse. Es steht zwischen der Piazza delle Erbe und der Piazza delle Frutta. Von aussen scheint es vier Stockwerke zu haben (Fassadengliederung), in Wirklichkeit sind es nur deren zwei.

Das obere Stockwerk besteht aus einem einzigen Raum - einer riesigen Halle von über 2000 Quadratmetern Ausdehnung, dessen Wände auf ihrer ganzen Länge und bis zum Ansatz des Dachgewölbes mit Fresken bedeckt sind (ca. 8-10 m Höhe und 215m Länge).

Die historische Entstehung der Fesken ist recht verwirrend und zum Teil dunkel:

1271 findet sich ein erster öffentlicher Eintrag in den Büchern. Er betrifft den Auftrag zur Grundierung und Bemalung der Wände des »Salone della Ragione«. Die Wände reichen zu diesem Zeitpunkt erst bis zur Höhe A in Bild 2 (ca. 5-6 Meter), Diese erste Bemalung enthält noch keine astrologischen Elemente, sondern besteht nur aus heraldischen Darstellungen und Familien-Insignien der damaligen Richter, die jeweils bei Gerichtssitzungen ihren festen Platz unter ihrem Familienwappen einnahmen. Dazwischen finden sich Heiligenbilder und religiöse Szenen.

1309 wurden die Wände um die Höhe der drei oberen Bildreihen aufgestockt (B), und das frühere Spitzdach wurde durch ein Kuppeldach ersetzt. Kein Geringerer als der berühmte Maler Giotto wurde beauftragt, die astrologischen Fresken nach den fachlichen Anweisungen des ebenso berühmten Arztes und Astrologen Pietro d' Abano auszuführen.

1420 zerstörte ein wütender Brand die

hölzerne Dachkonstruktion vollständig. Dabei schmolz die Dachabdek-kung, die aus Blei bestand, und floss mit verheerender Wirkung über die Fresken herunter. Das genaue Aus-mass der Zerstörung an den Bildern ist leider nicht bekannt. Fachleute nehmen an, dass möglicherweise der ganze Bestand an Giotto-Fresken gelitten hatte.

Bis 1440 wurdeder Dachstock wieder aufgebaut und die Bilder renoviert, bzw. neu gemalt. Es steht fest, dass die Wiederherstellung genau nach den Originalvorlagen (Astrolabium Planum des Pietro d'Abano) vorgenommen wurde. Man vermutet (mit letzter Sicherheit weiss man es nicht), dass diese immense Arbeit durch Niccolo Miretto und seine Werkstatt bewältigt wurde. Einzelne Gemälde könnten auf Grund ihres Stils und ihrer Technik von so berühmten Malern wie Paolo Ucello, Andrea del Castagno oder gar von Filippo Lippi stammen - sie befanden sich alle in der Periode von 1420-1440 in Padua oder Venedig.

1756 erfasste ein zweiter Brand wieder den Dachstock, und erneut wurden die Bilder zum Teil beschädigt. Die folgenden Renovationen wurden zwar technisch einwandfrei durchgeführt. Aber einige Einzelbilder, die weitgehend zerstört waren, wurden mit astrologisch falschen Motiven ersatzweise übermalt. Offensichtlich standen die Originalvorlagen nicht mehr zur Verfügung der Renovatoren.

Die Aussage der Bilder

Der Zyklus umfasst ein volles Astrolabium Planum oder eine exakte Beschreibung der gesamten 360 Grade des Tierkreises in ihrer Einzelbedeutung, wie sie uns durch die Araber aus der Antike überliefert wurden. Mitte des 13. Jahrhunderts verbrachte Pietro d'Abano (s. oben) zu Studienzwecken einige Jahre in Spanien und studierte einige Zeit mit dem maurischen (arabischen) Astrologen Ihn Ezra.

Durch ihn wurde er mit der im arabischen Raum üblichen Gradastrologie -die in Europa unbekannt war - konfrontiert. Er war offensichtlich von deren Brauchbarkeit so beeindruckt, dass er sich die Mühe nahm, sämtliche 360 Paranatellonta (d.h. Gradbildchen für den Aszendenten) mitsamt den Spruchtexten zu kopieren (von Hand, bitte!).

Seine Original-Handschrift ist erhalten geblieben. Sie wurde in den folgenden Jahrhunderten noch vielfach kopiert und übersetzt. Eine deutsche Fassung ist zum Beispiel in der Heidelberger Handschrift Nr. 832 erhalten.

Diese Aszendentenbildchen -wie sie später m Europa genannt wurden -verwendete man vorwiegend in der Renaissancezeit zu Schicksalsprophezeiungen. Der Grad, der am Aszenden-ten stand, gebot über den guten oder schlechten Charakter und damit das entsprechende Schicksal eines Menschen. Diese »Gradschicksale« wurden von den Griechen schon verwendet. Sie nannten sie Monomörien. Ihre Quellen sind uns aber nur in Fragmenten erhalten geblieben.

Die Anordung der Bilder

Sie sind in Tierkreiszeichengruppen, in drei übereinander angeordneten Bändern und rund um den ganzen Saal laufend angebracht. An Bild 5 lässt sich die Unterteilung gut darstellen:

Die drei Bilder ganz links auf dem Bild stellen die letzten Grade des Zeichens Fische dar. Wassermann beginnt mit dem zweiten Bild in der mittleren Zeile, und zwar - wie unschwer erkennbar - mit einer Figur, die das ganze Zeichen versinnbildlicht. Dann folgen die einzelnen Figuren oder Szenen für die Wassermanngrade von 1-30.

Jeweils das zweite oder dritte Bild nach der Zeichenfigur im mittleren Band stellt den im Zeichen herrschenden Planeten dar. Das ist bei fast allen Zeichengruppen dieses Zyklus die Regel (bei Wassermann und Zwillinge allerdings wurden Ausnahmen gemacht). Bei Fische kann man das gut sehen: es beginnt im mittleren Band mit dem vierten Bild von rechts (Zeichensymbol). Zwei Bilder rechts davon erscheint der rechtsprechende Jupiter, mit einer Weltkugel in der linken Hand. Und vier Bilder davor - noch zu Wassermann gehörend - steht ein Bild, das den beginnenden Monat Februar symbolisiert.

An diesen drei Bildern innerhalb einer Zeichengruppe kann man sich jeweils orientieren: Sie beginnt mit dem Zeichensymbol; im ersten Drittel ist der Zeichenherrscher zu finden und im letzten Drittel das Monatsbild, Diese drei Figuren sind - im Unterschied zu den Gradbildchen, die viereckig sind - in einen »Fensterbogen« hineingestellt.

Ausnahmen und Abweichungen

Durch die mehrfachen Renovationen und teilweisen Neubemalungen sind etliche Unregelmässigkeiten passiert, denen meistens Gradbildchen zum Opfer fielen. Wodurch natürlich die astrologische Substanz litt.

So fielen z. B. bei Wassermann fünf Grade und der Zeichenherrscher aus, weil an deren Stelle eine Krönung der Jungfrau Maria plaziert wurde. Hier

Maria. Es ist unverkennbar eine Trini-täts-Darstellung: Vater, Sohn und Heiliger Geist oder Geist, Seele .Körper oder Geist, Bewusstsein, Materie etc. Will dieses Bild sagen, dass die Mutter, die Materie (Maria), dem dritten Aspekt der Göttlichkeit (Heiliger Geist) entspricht? Oder wird hier, astrologisch gesehen, der »Bösewicht Saturn« als Herrscher des so geistig (oder geistlich) gesehenen Wassermannzeichens abgelehnt, verdrängt? Und durch die Hintertür in einer Tnni-tätsdarstellung in »vergeistigter«

Form wieder eingebracht? Oder will uns das Bild ganz einfach vermitteln, dass man schon vor vierhundert Jahren gewusst hat, dass Saturn die Mutter ist....

Dies ist nur eines von etlichen Beispielen der »Fehlerhaftigkeit« dieses grossartigen Kunstwerkes. Leider fehlt uns der Raum für weitere Beispiele. Aber gerade diesesExempel macht deutlich, dassFehler nicht einfachFeh-ler sein müssen, sondern mindestens geeignet sind, uns anzuregen, hinter astrologischem »Unsinn« Tiefsinn zu suchen.

Dies, so meine ich, können nur Astrologen mit ihrer Sachkenntnis tun. Die Rätsel des »Salone« sind keineswegs gelöst - sie harren noch ihrer Entschleierung! Wollen Sie sich, lieber Leser, nicht gelegentlich mal ein bisschen damit versuchen - wenn Sie ja sowieso an Padua vorbeikommen ... ?

(Habe ich schon gesagt, dass Padua ein besonders reizvolles und pittoreskes, mittelalterliches Universitäts-Stadtchen ist?)