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• Astrologie & Geschichte

Wann und wo fing die Astrologie wirklich an?

Bruno Huber

Wann und wo fing die Astrologie wirklich an?

Neueste Erkenntnisse über die Astrologie der Sumerer
Bruno Huber

Diese Geschichte beginnt mit dem hier abgebildeten babylonischen Tontäfelchen, genannt mul-apin.

Doch bevor wir näher darauf eingehen, sollte definiert werden was Astrologie wirklich ist. Die „königliche Kunst", oder modern ausgedrückt „die älteste Psychologie der Welt" bedient sich technisch gesprochen der sieben klassischen Planeten welche sich vor einem Band von Sternkonstellationen (genannt Tierkreis) bewegen. Sie geht ausserdem davon aus, dass zwischen diesen himmlischen Konstellierungen und dem menschlichen Leben und Schicksal auf der Erde eine Beziehung besteht, die man als eine Analogie oder Synchronizität der Prozesse in diesen beiden Welten versteht.

In allen Kulturen, welche die Menschheit im Verlauf ihrer Geschichte hervorgebracht hat, gab es immer - schon in deren jeweiliger Frühzeit - das Bemühen den Lauf des Mondes zu ergründen.

Sicher sind auch die ersten magischen und mythischen Vorstellungen und die daraus genährten Riten und Kulte um den Mond als nächtliches, sich ständig wandelndes Licht schon in vorkulturellen Zeiten enstanden. Darüber hinaus aber war der Mond ein von irdischen Wetterlaunen unabhängiger Zeitgeber.
Denn es bestand schon sehr früh das Bedürfnis, das Kommen und Gehen der Jahreszeiten rhythmisch zu erfassen und schliesslich genau zu berechnen. Einen verlässlichen Kalender zu haben war besonders für eine enstehende ortsfeste Hochkultur mit ihren sozial und wirtschaftlich zunehmend spezialisierten Strukturen von überlebenswichtiger Bedeutung.

All diese Bemühungen der verschiedenen Kulturen kann man aber noch nicht als Astrologie bezeichnen. Auch dann nicht, wenn einzelne Völker schliesslich auch noch den Lauf der Sonne erfassen konnten und damit die jahreszeitlich bedingte wirkliche Länge des Jahres, wie etwa die frühindische Harappakultur im Industal oder die Druiden in Stonehenge.

Sicher aber war dies die notwendige Vorstufe aus der die Astrologie enstehen konnte. Den Schritt jedoch, alle mit blossem Auge erkennbaren Planeten zu erfassen und in das Gesamtbild einer „Sternreligion" einzubringen hat nur eine einzige Kultur aus eigener Fähigkeit getan. Es waren weder die Griechen noch die Ägypter, noch die Inder oder die Chinesen. Sie alle sind mit kleinen speziellen Zusätzen in der Vorstufe stehen geblieben und haben erst viel später (um 500-300 v.Chr. oder noch später) die chäldäische Astrologie übernommen. Es waren auch nicht die Chaldäer, die Babylonier oder die Akkader, diese im mesopotamischen Lebensraum angestammten semitischen Völker. Es waren die Sumerer, dieses wahrscheinlich um 4000 v.Chr. eingewanderte nichtsemitische Volk, das im dritten Jahrtausend vor Christus den entscheidenden Erkenntnisschritt machte, der darin bestand, dass sie die fünf Planeten Saturn, Jupiter, Mars, Venus und Merkur entdeckten und ihren Lauf durch den Zodiak massen und beschrieben. So ist der neueste Stand wissenschaftlicher Erkenntnis.

Das oben abgebildete Tontäfelchen ist eines von zwei, die man als mul.apin Serie bezeichnet. In ihr sind die Bewegungen von Mond, Sonne und fünf Planeten beschrieben und ausserdem sind 33 Konstellationen mit 66 Einzelsternen rechnerisch genau erfasst und definiert. Und darin werden zwölf Tierkreisbilder als „Strasse des Mondes" benannt, und ihr morgenerstliches Erscheinen wird mit einem lunisolaren Kalender zeitlich präzise fixiert. Dies kann heute noch unter Einbeziehung der Präzessionsverschiebung nachgerechnet werden.

Die zwei mul.apin Tafeln wurden erstmals zu Ninive in der Bibliothek des Babylonierkönigs Assurbanipal entdeckt (assyrische Zeit 669-627 v.Chr.). Sie wurden (irrtümlich) als Bestandteil des Enuma Anu Enlil aufgefasst, das lange als „ältestes astrologisches Lehrbuch der Welt" beezeichnet wurde.* Diese babylonische Tontafelsammlung ist die umfassendste Sammlung astronomisch-astrologischer Beobachtungsdaten und Omenregeln der astrologischen Frühzeit. Sie soll nach Assurbanipals eigener Aussage sein stolzestes Sammlerstück gewesen sein. Er freute sich, dass er in ihr „Schriften aus der Zeit vor der Sintflut" gelesen habe. Dieser Behauptung allerdings haben bis vor kurzem die Fachleute (Assyrologen und Sumerologen) keinen Glauben geschenkt, denn der Hauptharst der Schriften dieser Sammlung stammt eindeutig aus der frühbabylonischen Epoche (Hamurapi-Dynastie) des Königs Amizaduga (1581-1561 v.Chr.).

Jetzt allerdings weiss man durch die neuerdings möglich gewordene Entschlüsselung der sumerischen Sprache und Schrift, dass zwei der kleinen Tontafeln – eben der mul.Apin – Abschriften eines viel älteren sumerischen Textes sind, dessen Original man mittlerweile gefunden hat. Dieser stammt aus dem Jahr 2340 v.Chr – das ergaben heutige Nachrechnungen der dort aufgeführten Morgenerst-Zeiten von 66 Konstellationen und Einzelsternen durch den Spezialisten Werner Papke. Er hat in unschätzbarer Kleinarbeit den ganzen sumerischen Sternhimmel rekonstruiert. Durch diese Entdeckung wissen wir heute endlich genaueres über die ursprüngliche, sumerische Form der astrologischen Konzeption: wie der Himmel damals ausgesehen hat, wie er in Konstellationen unterteilt und in der integrierenden Sternreligion interpretiert wurde.

Um die gesamte faszinierende Konzeption der sumerischen Gedankenwelt darzustellen, bräuchte es weit mehr Raum als uns hier zur Verfügung steht. Ausserdem ist bis heute nur ein kleiner Teil der Tontafeln in sumerischer Sprache überhaupt übersetzt (rund 20 000 unübersetzte Tontafeln ruhen noch in den Kellern des Britischen Museums in London). Es wäre also vermessen und sinnwidrig, hier eine abschliessende Gesamtdarstellung anbieten zu wollen. Doch möchte ich an einigen Beispielen das bisher sichtbare Bild etwas beleuchten.

Die Sumerer teilten ihren Himmel in drei „Wege" ein, die parallel zum Himmelsäquator lagen und um das gesamte Rund des Himmels liefen: die Wege des Ea, des Anu und des Enlil. Diese Wege waren die Einflusssphären dreier abstrakter Obergottheiten, die nie körperlich dargestellt wurden: die göttliche Trinität. Sie waren die Sphären der materiellen Welt (Ea), der menschlichen Welt (Anu) und der göttlichen Welt (Enlil). Durch diese drei Bänder schlängelte sich „die Strasse des Mondes" (Charranu) die auch der Pfad der Planeten war: der Tierkreis. Dadurch liegt ein Teil des Zodiak im Weg des Enlil (die Sommerzeichen), ein Teil im Weg des Anu (die Frühlings- und die Herbstzeichen) und ein Teil im Weg des EA (die Winterzeichen). Die von Werner Papke nach dem mul.apin erstellte Sternkarte, die wir hier abbilden, zeigt diese Einteilung für die Zeit um 2340 v.Chr.

Die Sumerer wussten zu diesem Zeitpunkt schon von der Präzessionsverschiebung der Sternbilder. Frühere Darstellungen sprachen immer nur von elf Zodiakbildern - die Waage fehlte noch. Der mul.apin aber beschreibt zwölf Bilder und erwähnt explizit bei Zibanitum (Waage), dass sie aus den Scheren des Skorpion gebildet worden sei um dem Herbstbeginn ein eigenes Zeichen zu geben. Denn vorher hatte man den Tierkreis immer an zwei Sternen festgeknüpft: Aldebaran im Stier markierte die Frühlings Tag- und Nachtgleiche und Antares im Skorpion war der Herbstpunkt. Dies stimmte aber nur wirklich für eine Zeit um 3200 v.Chr. Wahrscheinlich erst kurz bevor der mul.apin geschrieben wurde entdeckte man, dass sich die Tag- und Nachtgleichen westwärts verschoben hatten: von Aldebaran zu den Plejaden und von Antares zu den Scheren des Skorpion hinaus.

Die Sumerer lebten ganz offensichtlich ihren Sternenkreis; sie liefen durch das Jahr synchron mit den Bewegungen der Planetengötter und dem Reigen der Himmelshäuser (Zeichen); dies gab jedem Zeitpunkt die richtigen, entsprechenden Betätigungen und Befassungen. So bedeuteten z.B. die beiden Sternhaufen Plejaden und Hyaden im Stier „die Pfosten des Hochzeitshauses". Sie tauchten nach winterlicher Unsichtbarkeit im Mai wieder als Morgenerst vor Sonnenaufgang am Osthorizont auf: Zeit zum Heiraten!

Oder wenn etwa ein Monat früher der Stern Hamal als Morgenerst über dem Aszendenten auftauchte, so wurde es Zeit den Acker zu pflügen und zu besäen. Hamal ist der Leitstern des Widder. Dieser hiess bei den Sumerern LU.CHUN.GA, was soviel wie Feldarbeiter oder Hirte heisst. Übrigens gleichzeitig ging das oberhalb des Zodiaks gelegene kleine Sternbild Apin = Pflug auf.

Alle Planeten hatten auch schon ihr Haus (Heimatzeichen, Domizil). Dabei fällt auf, dass die Venus (Ischtar) als einzige gleich vier Häuser zur Verfügung hatte. Sie war die oberste Planetengöttin und erschien in vier Gestalten:

als Schamchat (die göttliche Hure) in GU.AN.NA (Stier),

als Shala Shubultum (Jungfrau mit der ƒhre) in AB.SIN (Jungfrau), als Ischchara (Herrin aller Länder) in GIR.TAB (Skorpion) und als Anunitum (Mutter des LU.CHUN.GA) in ARURU (Fische)

Dies zeigt, dass Sumer eine matriarchale Kultur war. Tatsächlich waren auch eine Mehrzahl in der Priesterschaft Frauen. Diese weibliche Dominanz wurde erst von dem Babylonkönig Amizaduga (1581-1561 v.Chr.) durch offizielle Ernennung von Marduk (Jupiter) zum Staatsgott durchbrochen.

Dies soll als Beispiele genügen. Man könnte hier noch vom Gilgamesch Epos erzählen, von dem jetzt eine neue ‹bersetzung aus den originalen sumerischen Texten vorliegt. Dabei stellt sich bei sorgfältiger Lesart heraus, dass er nicht nur eine grossartige episch-literarische Leistung ist, sondern dazu so etwas wie das Text- oder Deutungsbuch zum mul-apin. Er ist das wirklich älteste astrologische Lehrbuch. Doch das würde eine lange Geschichte werden...

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