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Titel Ausgabe 16



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Zurück Ausgabe 16 vom 24.10.1983 • Seite 8ohne Login!

• Glosse

Begegnung mit Pluto, Teil 1

Christle Simeaner

Pluto ist wohl der geheimnisvollste, weil unbekannteste Planet in der astrologischen Deutung. Seine Qualität wird denn auch sehr unterschiedlich bewertet. Um sein 'Geheimnis zu lüften, hat die Autorin den Versuch gewagt, Herrn Pluto zu interviewen. Lesen Sie selbst, wie es ihr dabei ergangen ist:

Ich habe mich gut vorbereitet auf dieses Interview. Einerseits habe ich das Gefühl, dass nicht; allzuviel schiefgehen könnte, andererseits ist dies doch mein erstes Interview dieser Art, und etwas Lampenfieber kann ich keineswegs abstreiten. -Ich wähle sorgfältig meine Garderobe und versuche, mich hübsch herzurichten, um mir selbst Mut zu machen.

Oder ist das verkehrt? Mein Gesprächspartner liebt, soviel ich weiss, keine aufgemalten Masken. Ich habe so viele Informationen wie möglich über ihn gesammelt, um auf jeden Fall »sattelfest« zu sein. Und ich habe mir auf meinem Block sogar ein paar Fragen notiert, die ich unbedingt an ihn stellen möchte. Das muss schon ein merkwürdiger Bursche sein. Warum werden so viele widersprüchliche Dinge über ihn erzählt?

Also packe ich Bleistift und Stenoblock zusammen und mache mich auf. Es dauert nicht lange, bis ich das gesuchte Haus gefunden habe. Ich steige die Treppen hinauf und klingle an der Haustüre. Ein junger Mann öffnet mir. »Guten Tag, ich komme von ... « -»Ach, Sie sind es. Kommen Sie nur herein. Sie werden schon erwartet.« – Mein Herz klopft bis zum Hals, und er

scheint zu merken, dass ich weiche Knie habe. Er lächelt mir zu: »Nur Mut. Das einzige, was Ihnen passieren kann, ist, dass Sie nach diesem Gespräch nicht mehr ganz die selbe sind wie vorher.« - Ich muss über seine fröhliche Art lachen, und in mein Lampenfieber mischt sich schön jetzt eine gehörige Portion Neugier ...

Trotzdem fühle ich die Aufregung im Nacken, als ich das Wohnzimmer betrete, in dein mein Gesprächspartner auf mich wartet. Ich hole tief Luft und versuche mich zu erinnern, was ich jetzt sagen wollte. Aber da fällt mir ein, dass er vermutlich auch keine vorgefassten Gesprächsfloskeln mag, und so sage ich nur: »Guten Tag.« Er bietet mir einen Sessel an, und ich setze mich. Irgendwie sollte ich das Gespräch wohl jetzt beginnen. Was bin ich denn bloss für ein Reporter, dass mir jetzt gar nichts einfällt!

»Ich bedanke,mich, dass Sie mir... Zutritt gewährt haben«, beginne ich stockend, »und ich habe mir ein paar Fragen zusammengestellt, die ich gerne an Sie richten würde.« - »Nur zu!« ermuntert er mich. - Ich versuche, ihn anzusehen, aber irgendwas an ihm verwirrt mich furchtbar. Verlegen blättere ich in meinem Schreibblock und suche die Fragen. Ob es geschickt war, so mit der Tür ins Haus zu fallen? Ich ärgere mich. Da war ich so gut vorbereitet, und jetzt fange ich an zu stottern. Wie soll das bloss jemals ein ordentlicher Zeitungsartikel werden?

Ich blicke auf meine Schuhspitze, statt in sein Gesicht, und stelle ihm die Fra

ge, die als erste da steht: »Es wird so viel verschiedenes über Sie berichtet. Die meisten Astrologen, die ich kenne, sprechen Ihren Namen nur mit grösstem Respekt aus. Manche haben regelrecht Angst vor Ihnen. Es gibt welche, die Sie richtiggehend verteufeln, andere wiederum nennen Sie im Zusammenhang mit der göttlichen Urkraft. Haben Sie eine Erklärung für diese Widersprüchlichkeiten? Wie, glauben Sie, kommt es, dass die Menschen Sie so verschieden empfinden?«

»Und Sie? Sie sitzen mir gegenüber. Beschreiben Sie doch einmal, wie Sie mich empfinden.« – Ich wundere mich. Wer zum Donnerwetter stellt denn hier die Fragen? Aber vielleicht ist es günstig, den alten Herrn nicht zu verärgern.-----Moment mal!?!

Habe ich »alter Herr« gesagt? Das stimmt doch gar nicht! Er ist ein kraftstrotzender junger Mann, voll Energie und Vitalität, durchaus imstande, ordentlich zuzupacken, besonders wenn er zürnt. Aber nein, das stimmt ja auch nicht. Plötzlich ist er völlig gestaltlos, nur noch Energie. »Ein Atomkraftwerk«, schiesst es mir durch den Kopf. Ein Sprühen geht von ihm aus, furchterregend, elektrisch geladen, rundherum alles zerstörend, was ihm zu nahe kommt... und dann auf einmal leuchtendes, ruhiges Licht, alles durchstrahlend, alles erhellend, pulsierende Lebenskraft, göttliches Licht!

Dann nimmt er wieder Gestalt an. Ich bin völlig durcheinander. Er kann genauso gnadenloser Richter sein wie erhabener, über alles regierender Herrscher. Nein. Er ist ein jugendlicher, lebensbejahender Kronprinz, dem die Herzen seines Volkes ob seiner Jugend und Schönheit zufliegen. Aber im nächsten Moment ist er ein alter, weiser, erleuchteter Mann, den die Menschheit ehrt, und der mit seiner Energie den ganzen Kosmos erleuchtet und Klarheit schafft. -- Und ich weiss jetzt, was mich an ihm so sehr verwirrt: Er wechselt dauernd seine Gestalt!

»Ich werde die Frage beantworten«, erklärt er mir jetzt, »wollen Sie sie hören?« Ich nicke nur stumm. »Ich symbolisiere die göttliche Kraft. Und ich bin als Wächter aufgestellt, um Irrwege zu vermeiden. Deshalb bin ich in der Lage, Gegensätze einfach aufzuheben.

Ich vereine zum Beispiel Dauer und Wandlung, indem ich mich dauernd wandle.« - »Ist es deshalb so schwierig, Sie zu definieren?« »Ja. Und dass die Menschen mich als Teufel empfinden, ist nicht meine Schuld. Ich vermeide Irrwege. Mit letzter Konsequenz, wenn Sie so wollen.«

Er verwirrt mich wirklich. Eben noch war er ein aufgeschlossener Herrscher, mit den schönsten Augen der Welt, den ich für milde und gerecht hielt. Jetzt sieht er wieder aus, als sei er ein unnachgiebiger Richter, der in die Irre gelaufene Suchende mit gnadenloser Härte bestraft. Vermutlich wird er deshalb so gefürchtet... »Sie irren sich«, erklärt er mir ruhig, jetzt wieder hell und freundlich leuchtend, »ich strafe niemanden. Ich bin nur das Ende eines jeden Irrweges. Ich gebiete Halt. Das allerdings mit härtester Konsequenz. Denn ich bin eine Art letzte Instanz.«

Ich versuche, zu begreifen. »Sie meinen - Sie stellen nur eine Mauer auf. Und wer mit Gewalt dagegenläuft und sich dabei Beulen holt, ist selber schuld!?! Verzeihung, das ist vielleicht etwas eigenartig ausgedrückt, aber es ist so schwierig, Worte zu finden ...« - »Sie können es ruhig so ausdrücken, wenn Sie wollen.« Er hat jetzt die Gestalt eines Lehrers und scheint sich über meine Idee zu amüsieren. »Der Vergleich ist gar nicht so schlecht. Sie wissen ja, ich bin der letzte Planet des Sonnensystems, und ich habe nun mal die Aufgabe, darüber zu wachen, dass keiner 'ausgrast'.« -»Ja, aber ... man kennt Sie doch erst seit einigen Jahrzehnten, wer war denn vor Ihnen verantwortlich dafür, dass 'keiner ausgrast1?« frage ich. - Er lächelt geduldig: »Sie meinen, vor einigen Jahrzehnten hat man mich zum ersten Mal gesehen,« - »Ach so. Das heisst, Sie haben auch schon gewirkt, als man Sie noch nicht sah?«

Darauf erhalte ich keine direkte Antwort. »Im übrigen irren Sie sich schon wieder«, fährt er fort. »Die Menschen kennen meine Kraft seitjahrtausen-den. Denken Sie nur an die Mythologie. Sie wussten um meine Existenz, auch wenn ich als 'Planet' noch nicht sichtbar war ... «Ich schnappe nach Luft. Uralte Gestalten wie Anubis, Luzifer und Cerberus fallen mir dazu ein. - Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass ich nicht hergekommen bin, um mich zu informieren, sondern um zu lernen ... Entschlossen nehme ich dennoch den Bleistift wieder in die Hand und versuche, weiterzufragen: »Können Sie mir erklären, weshalb Sie in der Mythologie meist mit Tod und Hölle in Verbindung gebracht werden?« - »Das wissen Sie doch. Denken sie einmal an das Beispiel mit der Mauer. Wie ich Ihnen schon gesagt habe, zwinge ichjeden, der mir begegnet, zur Wandlung - auch wenn er sich noch so sehr sträubt. In diesem Stück haben die Menschen meine Unerbittlichkeit längst erfahren. Wer sich der notwendigen Wandlung nicht anpassen will, der wird von mir gewandelt.« Mir wird kalt. Das sind ja schauderhafte Worte. »Sie meinen, Sie bewachen den richtigen Weg, und wer sich diesem Weg nicht fügt, den schik-ken Sie erbarmungslos in den Tod bzw. in die Hölle?« »Man kann es durchaus auch so ausdrücken. Sie wissen ja: Die Hölle ist nicht ein Ort, die Hölle ist ein Zustand!«

Ich verspüre ein Würgen im Hals. Dieses Gespräch ist mir unangenehm, und ich würde es gerne abbrechen. Aber es geht wirklich eine Art Zwang von ihm aus, und er wird kein Ausweichen dulden. Deshalb hole ich tief Luft und frage mutig weiter: »Und die Hölle wandelt die Menschen und bringt sie auf den von der Schöpfung vorgesehenen Weg sozusagen gewaltsam zurück? Weil die Leiden so gross werden, dass jeder gerne zurückkehrt?«

Jetzt habeich ihm eine etwas verzwickte Frage gestellt. »Nun, das ist nicht so leicht zu erklären«, meint er. Ich frage weiter: »Das hiesse also, dass Gewalt auch in der Erziehung erlaubt ist. Es ist also richtig, anderen Menschen wehzutun, wenn es in der Absicht geschieht, sie auf den richtigen Weg ... « Aber da bleibt mir das Wort im Halse stecken, denn Pluto hat sich wieder blitzschnell gewandelt. Er knistert und blitzt furchterregend und strahlt eine geradezu tödliche Energie aus. Ein monströses Ungeheuer mit riesigen Krallen und gefährlich blitzenden Augen steht mir gegenüber, und es sieht aus, als wolle es mich jeder Augenblick zerreissen. Es wird grösser und grösser, und einen Augenblick lang glaube ich, vor dieser Gewalt davonlaufen zu müssen. -Da fällt mir ein, dass man sich dieser Kraft stellen sollte. Ich versuche es, aber werde ich sie ertragen können, ohne dass sie mich tötet?-----

Da wandelt er sich wieder. - »Das ... das war also ein Irrtum«, stelle ich stotternd fest. Er sieht nicht mehr so wild aus, wie eben gerade noch, und ich erhole mich so nach und nach von dem Schock. Hat der mich jetzt erschreckt! - »Sie müssen Ihren Irrtum sofort berichtigen«, verlangt er von mir. »Glauben Sie denn wirklich, Sie sind für die Erziehung der anderen verantwortlich? Manche von denen, die mich verteufeln, haben nur deshalb so unangenehme Erfahrungen gemacht, weil sie mit meiner Kraft und in meinem Namen versucht haben, die anderen zu erzie hen, anstatt sich selber. Aber ich lasse keinen Missbrauch mit mir treiben und ich durchschaue, wie Sie wissen, jede Heuchelei.« - Wieder wandelt er sich auffallend.

»Da Sie jedoch gerade einen bemerkenswerten Mut bewiesen haben«, stellt er fest, »werde ich Ihnen jetzt noch eine andere Seite meiner Vielfalt zeigen.« Im nächsten Augenblick hat er sich wieder in ruhiges, hell strahlendes Licht gehüllt, das mir sofort jede Angst nimmt. Ich fühle mich im Gegenteil gesund und harmonisch. - »Nun haben Sie einen Wunsch frei«, erklärt er mir. »Welche Gestalt soll ich für Sie annehmen?« Da überlege ich nicht lange. »Oh«, rufe ich aus, »dann wünsche ich mir die Gestalt des jungen Königs!« - Er erfüllt mir meinen Wunsch sofort »Ich habe keine andere Wahl erwartet«, sagt er, »sie entspricht genau Ihrem Alter.«

Ungläubig sehe ich auf das Bild vor mir. Träume ich oder ist das ein Märchen? Er gibt mir seine Hand. Da geht auch in mir eine Änderung vor. Mir ist, als müsse ich vor ihm niederknien. Seine .Augen strahlen eine wunderbare Wärme aus, und wie ich sie betrach-

te, scheint mir fast, es sind meine eigenen Augen .. .er überstrahlt mich ganz mit seinem Licht; einen Moment lang - oder ist es eine Ewigkeit? - bin ich geradezu identisch mit ihm. Vergeblich suche ich Worte für diesen Zustand. Es ist etwas wie das Zusammenfinden von Anima und Animus, das Erleben der Einheit von Körper, Seele und Geist, die Überwindung aller Grenzen, das Begreifen der Unendlichkeit ...

Und mit einemmal finde ich mich wieder auf meinem Sessel, auf dem ich vorher gesessen war. »Was war denn das gerade?« frage ich ihn. »Es ist eine Art Traum, den Sie bitte in ihrem Herzen aufbewahren werden ... Und jetzt lassen Sie uns zu unserem Zeitungsinterview zurückkommen. Haben Sie sonst noch irgendwelche Fragen?« »Oh ja. Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich Ihre Ausführungen so niederschreiben darf, wie Sie sie gesagt haben. Ich meine ... was Sie da über das Bewachen des richtigen Weges gesagt haben. Es stimmt doch, dass Sie Fehltritte nicht zulassen?« - »Ich erzwinge früher oder später eine Richtungskorrektur.« - »Und kommt es deshalb so häufig vor, dass man bei Ihrem 'astrologischen Auftreten' Krankheit und sogar Tod beobachten kann? Haben Sie vielleicht auch daher Ihren schlechten Ruf abbekommen?« - »Sie haben erstaunlich schnell begriffen. Es ist sehr viel einfacher, dem bösen, bösen Pluto alles zuzuschieben, anstatt sich selbst zu ändern. Nur lassen mich solche Beschuldigungen relativ kalt. Jene, die mich beschuldigen, böse zu sein, strafen sich selbst. Denn sie müssen mich fürchten. Und Angst raubt Lebenskraft und führt zu Krankheit und Tod. Also ärgere ich mich gar nicht lang.« - »Sie sind aber ein kühler Bursche. Durch Krankheit, Leid und im extremsten Falle Tod wird demnach diese falsche Denkweise 'gewandelt'?« - »So kann man es sehen.«

Ich überlege. »Ja, aber«, frage ich dann, »Ihre Aussagen können doch wirklich den Eindruck erwecken, als seien Ängstigung, Druck und Gewalt legale Erziehungsmittel? Das waren sie aber noch nie, und wenn ich nun einen Artikel verfasse und Sie wörtlich zitiere, könnte das doch beim einen oder anderen Leser zu einem Missverständnis führen ... « - »Dann werden Sie eben dafür sorgen, dass kein solches Missverständnis entsteht! Ich dulde keinen Missbrauch meiner Worte, und ich habe schon manchen 'gewandelt', der heuchlerisch Erziehung' sagte und - bewusst oder unbewusst -'Manipulation' meinte. Ob Sie mir das nun glauben oder nicht: Jede Art von Ängstigung, Druck und Gewalt, die wir auf andere ausüben, ist eine Art 'Schwarze Magie' und fällt unweigerlich auf den zurück, der sie aussendet. Und wie immer Sie Ihre Ausführungen gestalten: Das werden Sie ausdrücklich klarstellen! Haben Sie mich gut verstanden?«

Jetzt sieht er wieder »zum Fürchten« aus. So ein Ausbruch! »Ja.« Wieder nehme ich Bleistift und Papier zur Hand. »Ich glaube, ich werde doch alle Ihre Aussagen wörtlich wiedergeben. So kommen am wenigsten Missverständnisse zustande. Sind Sie damit einverstanden?« - Er antwortet nicht, sondern wechselt abrupt das Thema. »Hören Sie«, sagt er zu mir, »denken Sie doch noch einmal an Ihren 'Traum' zurück.« Wieder nimmt er die Gestalt des jungen Königs an, die ich so sehr liebe. - »Könnten Sie sich einen solchen König vorstellen, von dem Sie sich vertrauensvoll führen liessen?« »Oh ja, natürlich!« - »Glauben Sie, ein solcher Herrscher benötige Gewalt und Druck, um ein Volk regieren zu können?« - »Nein. Ich liesse mich von ihm führen, weil ich ihn lieben könnte.« Da wandelt Pluto sich wieder. »Begreifen Sie, ich bitte Sie, dass die Liebe die einzige Kraft ist, die wirklich führen und leiten und, wenn Sie so wollen, erziehen kann.«

Fortsetzung folgt