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Titel Ausgabe 16



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Zurück Ausgabe 16 vom 24.10.1983 • Seite 15ohne Login!

• Unser Zodiak

Präzession – was ist das eigentlich?

Bruno Huber

Wer Astrologie betreibt oder gar lehrt, kriegt immer wieder dieselben Fragen vorgelegt: »Wann hat das Wassermann-Zeitalter begonnen?« oder »Sagen Sie mal, was ist eigentlich Präzession?«

Auf die erste Frage kann man zwar mit guten Gründen antworten: »Noch nicht - erst in 100 Jahren«, aber das mögen die meisten Frager nicht hören... Und so muss man denn eine etwas ausführlichere Erklärung der Präzession geben. Hand aufs Herz, lieber Leser, haben Sie's ganz begriffen?

Präzession wird allgemein als Wanderung des Frühlingspunktes definiert. Was unvollständig ist. Denn es wandert nicht nur dieser Frühlingspunkt (= 0 Grad Widder), sondern der ganze Zodiak verschiebt sich langsam rückwärts gegen die kosmische Drehrichtung der Sonne und der Planeten.

Das Sonnensystem ist ein Gravitationssystem, in dem neun Planeten um die zentrale Sonne kreisen. Die Sonne mit ihrem starken Gravitationsfeld hält die ganze Familie zusammen. Aber auch die Planeten haben solche Felder, und wirken damit gegenseitig aufeinander ein. Einige von ihnen sind sogar stark genug, um sich ein eigenes kleines Planetensystem zu halten wie z. B. Jupiter und Saturn mit ihren vielen Monden. Dass sich dadurch ein enorm, komplexes Kräftespiel im Sonnensystem entwickelt, ist klar.

Nicht so selbstverständlich ist die Tatsache, dass wir heute in der Lage sind alle diese Kräftewirkungen - und damit alle Bewegungen im System - zu erfassen, zu berechnen, ja sogar in ihrer speziellen Wirkung auf die Erde zu deuten. Denn bis heute weiss kein Mensch die Natur dieser alles beherrschenden Kraft - die wir Schwerkraft oder Gravitation nennen – zu erklären, und damit wirklich zu verstehen.

Das Sonnensystem ist prinzipiell ein Kreissystem mit einem steuernden Mittelpunkt - wie wir das astrologisch im Symbol für die Sonne darstellen. Wo aber fängt ein Kreis überhaupt an? Natürlich nirgends. Wenn man sich im Kreis orientieren will, so muss man, willkürlich, irgendwo auf diesem eine Markierung anbringen. Für uns Erdbewohner hat das die Erde im Sonnenzirkel bereits getan!

Jedem Kind zeigt man schon in der Schule an einem Globus, dass die Erdachse »schief steht«. Sie ist um 23 Grad 27 Minuten gegen die eklipti-sche Ebene (die scheinbare Sonnenbahn) geneigt. Diese Ebene (in Wirklichkeit die Erdbahn um die Sonne) ist unser Tierkreis, denn m einem schmalen Band um sie bewegen sich auch alle übrigen Planeten.

Die schräggestellte Erdachse behält im Jahresverlauf, während sie um die Sonne kreist, ihre Stellung starr bei. Und das bewirkt auf unserem Planeten die wechselnden Jahreszeiten; denn mal kehrt die Erde der Sonne den Nordpol zu (= Sommer auf der Nordhalbkugel), mal den Südpol (= Südsommer). Im Verlauf der Jahrtausende hat der Mensch gelernt, den ewig wiederkehrenden Rhythmus der Jahreszeiten zeitlich (Kalender) wie räumlich (Bewegung der Sonne im Tierkreis) auszumessen - und damit Fixpunkte zu finden: Zeitlich sind das die Tag-und Nachtgleichen (s. ASTROLOG Nr. 15) und die Sonnenwenden; und räumlich die Punkte im Sonnenkreis an denen die Sonne zu den obge-nannten Zeiten steht: je Null Grad WIDDER, KREBS, WAAGE und STEINBOCK. Und mit dem Frühling (0° Widder) -so hat man sich entschlossen - fängt der Kreis an.

Das wäre alles ganz schön, wenn die Erdachse '' wirklich ganz stur und stabil wäre. Den Gefallen tut sie uns aber nicht! Das heisst, die Gravitationskräfte der Sonne und der Planeten tun es nicht. Die möchten nämlich diese »schräge Erde« aufrichten und zerren an ihrem Gleichgewicht. Und dadurch kam im Verlauf der erdgeschichtlichen Jahrmüliarden die Erdachse ins Schwanken und schliesslich recht eigentlich ins »Rotieren«. Diese Erdachsenrotation - die man an einem einfachen Kinderkreisel beobachten kann -ist allerdings sehr, sehr langsam: für eine Umdrehung etwa 25'700 Jahre.

Die Alten (die Babylonier, Väter der Sternwissenschaften) markierten die zodiakalen Fixpunkte (0° Widder etc.) an bestimmten Sternen der Fixstern-Konstellationen, bemerkten dann aber irgendwann ums achte Jahrhundert vor Christus, dass die Markierungssterne sich gegenüber den in den Annalen verzeichneten Positionen verschoben hatten. Und das war die Entdeckung der Präzession.

Und sie machte es nötig, den Tierkreis mathematisch genau einzuteilen, damit die Planetenpositionen ohne Hufe von Merksternen genau bestimmt werden konnten. Daraus entstand der heutige Tierkreis mit zwölf mal dreissig Graden, oder – wie heute in der Astronomie üblich – der Stundenkreis mit seiner Stunden- und Minuteneinteilung analog der Sternzeit im Verlauf des Jahres (z. B. 6°39' Schütze entspricht in dieser Einteilung 16h 26m 36s).

Und was daraus in der Astrologie entstand, war die sogenannte Zeitalter-Lehre. Viel wurde, besonders in unserem Jahrhundert, darüber geschrieben. Leider haben viele Autoren (auch gewichtige) sich dabei nicht mit astronomischen Fakten auseinandergesetzt, sondern ihre Spekulation freien Lauf gelassen. In den letzten Jahren sind solche Theorien sogar zum Modethema in den Massenmedien geworden. Und so trösten sich heute viele von Sachkenntnis unbelastete Laien mit goldenen Vorstellungen vom aufkommenden »Wassermann-Zeitalter« über die wirre, schwer zu verstehende Gegenwart hinweg. Und das ungeachtet der Tatsache, dass der Frühlingspunkt erst in etwa hundert Jahren die Grenze zur Wassermann-Konstellation erreicht. Auch auf das vergehende Fische-Zeitalter zu schimpfen, ist reichlich verfrüht - es bleibt uns noch etwa 1300 Jahre erhalten, weil die beiden Sternbilder über ungefähr 17 Grade überlappen.

Die Zeitalter-Lehre wäre es wert sorgfältig und mit wissenshaftlicher Akribie untersucht zu werden. Aber das braucht Fachkenntnis in mindestens drei Wissenschaften: Astronomie - Astrologie - Geschichte. Erste Ansätze dazu sind in der Autodidacta-Schrift Nr. 9: »Galaktisches Zentrum und Frühlingspunkt« zu finden. Aber für eine brauchbare Arbeit wäre ein ganzes Team erforderlich.