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Titel Ausgabe 18



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Zurück Ausgabe 18 vom 19.02.1984 • Seite 6ohne Login!

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Das aktuelle Horoskop – Erich Kästner

Bruno Huber

Seltsame Begegnung

»Sonst ist einer der Herr Doktor und ein andrer der Klient Wer sich selbst erzieht, ist beides: Selber Arzt und selbst Patient.«

»Es gibt nichts Gutes ausser: Man tut es« …

Lehrer geworden, aber nie gewesen; Literat, Lyriker, Kaberettist - und ein Moralist, wie er selber sagte. In Wirklichkeit ein Philosoph, der es nicht lassen konnte an die Menschen zu glauben - der viel von sich hielt, und sich gleichzeitig verachtete: »Der Mensch soll nicht stolz sein - auch wenn er kein Geld hat.« Und wohl daraus wurde er zum Urheber manch eines geflügelten Wortes, dessen Urheberschaft vielen beim Gebrauch kaum bewusst ist.

Er starb am 29. Juli 1974, in den letzten Jahren mit Ehren und Orden überschüttet, nachdem ihn das Leben ausdauernd »durch den Kakao gezogen« hatte. Am 23. Februar wäre er fünfundachtzig geworden.

Die Aspektfigur

besteht aus drei voneinander getrennten Teilen, einer grossräumigen Dreiecksstruktur mit den Lichtern und zwei einzelnen, abelösten Oppositionen, deren eine Saturn enthält. Ausserdem steht ein Planet völlig un-aspektiert: Pluto.

Die grosse Figur ist aus drei verschiedenen Dreiecken zusammengesetzt, die alle eine gemeinsame Basis haben: Das QUINCUNX zwischen SONNE und MOND. Darüber errichtet JUPITER ein retrogrades Dominantdreieck; eine durch Erfahrung lernende Konstellation. URANUS seinerseits benützt das Quincunx für eine direkte Dominantfigur, diejenige des bewussten Lernens. Und schliesslich entsteht mit dem MONDKNOTEN ein Projektionsdreieck (auch »Finger Gottes« genannt).

In dieser komplexen Struktur bildet das Sonne-Quincunx-Mond so etwas wie eine empfindsame Membran, welche die Figur nach rechts - also zum Du, zur Umwelt hin - abschliesst. Ein Quincunx ist aber keine Mauer, also auch kein Schutz, sondern eher einer dünnen Wand aus japanischem Papier vergleichbar, auf der sich die Schattenspiele der Mitwelt in ihrer ständigen Veränderung abzeichnen. Die hohe Sensitivität gegenüber seinen Mitmenschen war wohl eines der Hauptmerkmale des kästnerschen Charakters. Und sie wirkte sich für Kästner sehr verschiedenartig aus. In seiner Literatur finden sich recht grosse Kontraste:

Da trifft man den herablassend, schulmeisterlichen Ton des LÖWE MONDES an der NEUNTEN SPITZE neben dem verschüchterten, fast selbstverneinenden Musterschüler der SONNE-MERKUR-KONJUNKTION in den IM DRITTEN HAUS EINGESCHLOSSENEN FISCHEN. Dieser innere Zwiespalt des Selbstbewusstseins zwischen Gefühl und Verstand hat ihn sein Leben lang begleitet, und war in den meisten seiner Lebenslagen die eigentliche Ausgangslage. Darauf . konnte er aber mit drei verschiedenen »Funktionskreisen« reagieren.

Benützte er die Jupiterfigur, so zog er sich in seine »Schmollecke« kurz vor der 12. Spitze zurück. Das war in Situationen wo seine Kontaktwünsche zu kurz kamen (Quadrat Mond-Jupiter). Und aus diesem Loch holte er sich häufig selber heraus - indem er einfach schrieb (Trigon Jupiter-Sonne/ Merkur in 3). Im Extremfall indem er Briefe an sich selbst als Drittperson verfasste. Für diese literarischen und. lyrischen Produkte sind ein vorherrschend resignierender Ton und sich wiederholende Gedankengänge typisch.

Dieses nur zögernde »Lernen durch Erfahrung« ist bezeichnend für die rückläufige Lernfigur.

Anders in der direktlaufenden Dominante mit Uranus am Aszendenten. Mit diesem Dreieck manifestiert sich ein Bedürfnis zu lernen, und die Bereitschaft darin die Normen des üblichen Denkens zu verlassen. Mit Uranus in so markanter AC-Stellung an der blau-roten Aspektecke (Quadrat/Trigon) wird es zur Frage der

Selbstachtung (AG) den Dingen, die Menschen Probleme machen, auf den Grund zugehen, und zwar in einer von der eigenen Person möglichst freien, abjektivierenden Weise. Hier war Kästner zu einer geistigen Durchdringung (Uranus in Schütze) menschlicher Zusammenhänge und Eigenarten fähig, die psychologische und philosophische Gültigkeit hat. Obschon auch hier persönliches Erleben und Erleiden an der Mond-Sonne-Quincunx den Anstoss gab.

Auch das stark ausgeprägte soziale Engagement ist aus diesem Uranus-Mond-Sonne/Merkur-Verbund (1. Haus/Schütze - 9.Haus/Löwe - 3. Haus/Fische) zu erklären.

Stil und Farbe in entsprechenden Darstellungen sind von grosser Originalität und Eigenwilligkeit geprägt, und gehen von beissendem Spott über feinsinnige Satire bis hin zur im Augenwinkel zerdrückten Träne der Rührung und Sympathie.

Die dritte Figur im Verbund ist das Projektions-Dreieck mit dem aufsteigenden Knoten. Es symbolisiert die Notwendigkeit, das aus der Exponiertheit der Lichter an der grünen Grenzfläche zum Du (Quincunx) entstehende Identitätsproblem in sich selbst zu verarbeiten (Introjektion). Denn daraus entstand ihm immer wieder neue Inspiration, die sich im Mond in eigengeprägten Bildern kundtat. Hier ist ein eigentlicher Phantasiemechanismus sichtbar, der Kästners unendlichen, künstlerischen Bilderreichtum erklärt, den er in langen, inneren Verdichtungsprozessen in so bildhafte, fast lapidare Wortfolgen umgesetzt hat:

»Lernt, dass man still sein soll, wenn man im Herzen Groll hat. Man nimmt den Mund nicht voll, wenn man die Schnautze voll hat.«

In diesen drei Figuren, die sich in der Mond-Sonne-Basis wie zu einem Fächer fügen, ist die Persönlichkeit Kästner - wie man sie gemeinhin kennt -in weiten Teilen erfassbar; der Journalist und Literat, der »Verseschmied«, eine »öffentliche« Person. Es gibt aber noch einen anderen Kästner: den

Erich

Dieser Erich (damit meine ich die Privatperson) ist im Horoskop dargestellt durch die zwei Planetenpaare die je in einer abgelösten Opposition stehen: SATURN-NEPTUN und VENUSMARS.

Abgelöste Einzelaspekte neigen wie Solitäre (Einzelplaneten) dazu, sich als »autonome Mechanismen« zu betätigen. Die darin definierbaren Charaktereigenschaften führen sozusagen -ein Eigenleben; deren Funktionen sind schwer mit dem restlichen Charakter zu integrieren.

Bei Erich Kästner entstand in dem Oppositärverbund (Geschlechtlichkeit: Mars-Venus und Mutterabhängigkeit: Saturn-Neptun) so etwas wie eine Privatperson über welche die Öffentlichkeit lange Zeit so gut wie nichts wusste. Erst durch die Veröffentlichungen von Luiselotte Enderle:

»Mein liebes, gutes Muttchen, Du!« eine Sammlung von Briefen an seine Mutter, und eine Bildbiographie, der wir auch die Veröffentlichung des Geburtscheines verdanken, sowie durch eine jüngst erschienene Biographie des Kabarettisten Werner Schneyder: »Erich Kästner, ein brauchbarer Autor« die Neues über dessen Vater bringt -wissen wir Verlässliches über »Erich«.

Das Elternproblem

Zwei Probleme, ein Vater- und ein Mutterproblem, durchdringen-ja bedingen sich gegenseitig.

»Wer zu verstehn beginnt, versteht nichts mehr. Er starrt entgeistert auf das Welttheater.

Zu Anfang braucht ein Kind die Mutter sehr

Doch wenn du grösser wirst, brauchst du den Vater.«

Diese Zeilen zeigen deutlich, dass Kästner in der Vaterbeziehung ein Problem selbst klar gesehen hat, während die Mutter scheinbar spannungslos eingeordnet wird.

Erichs Vater, Emil Kästner, seines Zeichens Sattler und ein einfacher Mann, der (so Schneyder) »die Rolle spielte, keine zu spielen«, war nicht der leibliche Vater. Dies war vielmehr ein Herr Sanitätsrat Zimmermann. Erich muss diesen Tatbestand schon als Kind gekannt haben, verheimlichte ihn aber erfolgreich bis zu seinem Lebensende. Vom wirklichen Vater wusste er, dass er der Mutter gelegentlich Geld zukommen liess, und dass er ihn ein paarmal in besonders schwierigen Fragen um Rat angehen durfte. Somit waren beide Väter nur sehr bedingt Väter.

Die Sonnenstellung im eingeschlossenen Fischezeichen im dritten Haus dürfte dies deutlich machen. Die Tatsache aber, dass diese Sonne in der fächerigen Hauptfigur (s. oben) eine Angelpunktstellung hat, bedeutet dass Erich sich mit dieser Tatsache des schwachen Vaters bewusstseinsmässig auseinandersetzen, und sie somit, vor allem über den künstlerischen Prozess, lösen konnte.

Demgegenüber entzog sich die starke Mutterbindung weitgehend dem Bewusstseinszugriff Erichs. Man kann zu Recht von einer blinden Mutterverehrung sprechen. Die losgelöste Struktur zeigt denn auch eine Mutter (Saturn) im Talpunkt des ersten Hauses in Schütze. Was darauf schliessen lässt, dass Ida Kästner ein geprägt egozentrischer Mensch war. Allerdings konnte sie diese Egozentrik nicht in weltlichem Sinne, in Form von überzeugendem Auftreten, von Ausstrahlung, wie das bei »Ersthäuslern« üblich ist, leben. Das ist wohl der Anlass gewesen, ganz und gar nur für ihren Sohn zu leben - alles bis zur letzten Regung in ihn zu investieren. Psychologisch kommt das einer Delegation der eigenen Identität in eine Drittperson gleich, wie das seit Jahrhunderten von vielen Frauen entweder mit ihren Männern, oder mit ihren Söhnen getan wurde. Ida Kästner konnte es mit den Männern nicht. Ihr

Emil war ein »Lückenbüsser« den ihre Schwestern für sie fanden, Und so war er eben keine Persönlichkeit, an der sich eine Frau (aus zweiter Hand) profilieren konnte. Und die später gefundene Profilfigur - der wirkliche Vater von Erich - war, verheiratet und in gesellschaftlicher Position, nicht »lebbar«.

In dieser Situation konnte sie selber nicht mehr als Ich auftreten, sondern nur noch als die sich für ihr Kind aufopfernde Mutter; eine Art Inkarnation der reinen, selbstlosen Liebe.

Diese Rollenausformung zeigt der in Opposition stehende Neptun. Was aber aus der Radix-Konstallation nicht sicher definiert werden kann, ist, dass sie diese Rolle so eindeutig und konsequent gespielt hat, dass für den kleinen Erich daraus eine überzeugende Vorstellungswelt entstand, der man keine Kritik entgegenhalten konnte.


Das Häuserhoroskop

dagegen, das ja die Wirkung der Formung durch die erziehende Umwelt zeigt, macht diesen Umstand sichtbar. Hier ist die Saturn-Opposition keine einsam, abgelöste Struktur mehr, sondern wird zur Achse einer Drachenfigur, in welcher der Vater (Sonne) wohl eingebaut, ja sogar die zweite abgelöste Opposition Mars-Venus noch miteingebracht wird. So wird die Mutterthematik zu einem zentralen »Heile Welt«-Modell, in dem alles was einem im Leben begegnen kann, gültig erklärt ist. Das Modell verspricht grosse Sicherheit (fünf blaue Aspekte im Drachen) - wenn man dessen Bestimmungen einhält (die Opposition = Mutterverehrung). Dass die Mutter den Sexus (Mars-Venus-Opposition) in eher abweisender Definition etwas beiseite schob, ist wohl aus ihren eigenen Erfahrungen verstehbar, machte es aber Erich schwer, zu Frauen eine harmonische Haltung zu finden. Für ihn gab es zweierlei Frauen:

»Einer von den Dutzendköpfen sass auf ihrem Körper drauf. Und ihr Kleid war vorn zu knöpfen, sowohl zu, als auf.«

Das ist das eine Extrem. Am anderen Ende ein Bild das nichts von Sexus zu wissen scheint:

»Das ist ein Glück: mit seiner

Mutter zu fahren!

Weil Mütter doch die besten

Frauen sind.

Sie reisten mit uns, als wir

Knaben waren,

und reisen nun mit uns, nach

vielen Jahren,

als wären sie das Kind.«

Kästner hatte viele »Frauengeschichten« auf der rein sexuellen Ebene. Nur mit zweien hatte er langjährige Beziehung - geheiratet hat er keine der beiden, obschon er mit der einen nach langem Zögern ein Kind hatte. (Er hatte Angst vor der Vaterschaftsverantwortung (Sonnenstellung). Und eine der beiden Frauen sagte aus, dass man Kästner als Frau nur an sich fesseln konnte, wenn man sehr bald anfing die Mutterrolle zu übernehmen.

Obwohl dieser Artikel recht lange geraten ist, kann er nur ein Streiflicht sein, das wesentliche Profile eines Charakters beleuchtet, der sehr vielschichtig ist. Diesen bunten Strauss hat uns Kästner selbst in seinem Werk hinterlassen. Dieser geniale, ganz gewöhnliche Mensch hat uns viel gegeben, uns nachhaltig in unserem Denken beeinflusst. Er hat immer an die Menschen geglaubt - und ist doch an dieser Welt zu Grund gegangen (Pluto). Und gerade dieses Vermächtnis sollte uns einmal mehr nachdenklich machen.

»Die Menschen sind gut -

bloss die Leute sind schlecht.«

Bruno Huber

Kopernikanische Charaktere gesucht

Wenn der Mensch aufrichtig bedächte:

dass sich die Erde atemlos dreht;

dass er die Tage, dass er die Nächte

auf einer tanzenden Kugel steht;

dass er die Hälfte des Lebens gar

mit dem Kopf nach unten im Weltall hängt,

indes sich der Globus, berechenbar,

in den ewigen Reigen der Sterne mengt, -

wenn das der Mensch von Herzen bedächte,

dann würd' er so, wie Kästner werden möchte.

Erich Kästner »Kurz und Bündig«

ENTWICKLUNG DER MENSCHHEIT

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage, dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

und die Welt asphaltiert und aufgestockt, bis zur 30. Etage.

Da sassen sie nun den Flöhen entflohn

in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telephon.

Und es herrscht noch genau derselbe

Ton

wie seinerzeit auf den Bäumen.


Sie hören weit. Sie sehen fern. Sie sind mit dem Weltall in Fühlung. Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern mit sehr viel Wasserspülung.


Sie schiessen die Briefschaften durch ein Rohr.

Sie jagen und züchten Mikroben. Sie versehn die Natur mit allem Komfort.

Sie fliegen steil in den Himmel empor und bleiben zwei Wochen oben.


Was ihre Verdauung übrig lässt, das verarbeiten sie zu Watte. Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest. Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest, dass Cäsar Plattfüsse hatte.


So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die alten Affen.


Literatur (zum Anwärmen) »Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke«

»Kurz und bündig. Epigramme« (beide bei Atrium Verlag) und vieles andere mehr ... (fragen Sie Ihren Buchhänder) Luiselotte Enderle: Eine Bildbiographie; Kindler, München

Werner Schneyder: Erich Kästner ein brauchbarer Autor; Kindler