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Titel Ausgabe 19



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Zurück Ausgabe 19 vom 19.04.1984 • Seite 5ohne Login!

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Ein ungewöhnlicher Wettbewerb

Hanny Karre

Fast jeder, der sich ernsthafter mit Astrologie befasst, kommt früher oder später in die Situation, anderen Menschen etwas über ihr Geburtshoroskop zu sagen. Sei es, weil dies ihm selber ein Bedürfnis ist, sei es, weil er darum gebeten wird. Sowohl bei ihm, wie auch beim beruflich tätigen Astrologen taucht das Problem des eigenen Schattens auf. Solange dieser nicht beachtet wird, macht er sich eher störend oder negativ bemerkbar, ohne dass es einem selber bewusst wird.

G.G. Jung gebrauchte den Ausdruck »Schatten«, um jene Teile der Persönlichkeit zu bezeichnen, die a) dem Bewusstsein meist verborgen sind und/oder b) von ihm abgelehnt werden. Dies führt dazu, dass jeder Mensch die Eigenschaften seines eigenen Schattens auf seine Umwelt proji-ziert. Wird einem - von aussen her - jedoch eine eigene Schattenthematik vorgehalten, so reagiert man - wegen der Unbewusstheit - meist sehr verletzt.

Je positiver die bewusste Einstellung ist, desto dunkler ist der Schatten -und umgekehrt; das ist eine psychologische Tatsache. In Träumen von Verbrechern z. B. taucht der Schatten interessanterweise auffallend oft als »lichter Wohltäter« auf. Also einfach gesagt: der Schatten stellt immer die andere Seite des bewussten Ichs dar.

Nun gehört der beratende Astrologe (wie auch der Arzt, Priester, Lehrer, Psychologe, Sozialarbeiter und die Krankenschwester) zu den helfenden und heilenden Berufen. Bei allen helfenden Tätigkeiten sind die psychologischen Hintergründe des Handelns

oft recht zwiespältig. Denn jedes Handeln überhaupt beruht immer sowohl auf hellen wie auf dunklen Motiven -ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Jeder Mensch hat die Tendenz, bei sich selber vor allem die positiven, guten, erstrebenswerten Beweggründe zu sehen. Bei den anderen erkennt er die dunklen Schattenseiten viel eher - meist sind es gerade jene, die er bei sich selber nicht sehen kann oder will. Je überzeugter jemand ist, dass er ausschliesslich aus Selbstlosigkeit und Hingabe handelt, desto stärker wächst in seinem Schatten die Thematik der MACHT.

Nun ist natürlich bei jedem Menschen ein grösseres oder kleineres Bedürfnis nach Macht vorhanden, aus diesem Grund besteht in fast jeder Beziehungsform auch die Gefahr, Macht auszuüben, das heisst, den anderen zu eigennützigen Zwecken zu manipulieren - was das Gefühl der eigenen Wichtigkeit erhöht. Für den anderen Menschen kann das unter Umständen sogar bequem sein, weil ihm dadurch die eigene Verantwortung abgenommen wird.

Negative Macht übt der Diktator aus, auch der Kaiser, der sich selbst »vergottet«. Macht übt der Häuptling über seinen Stamm aus. Macht übt auch jeder einzelne Mensch aus, und zwar jeweils im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten. Hier einige praktische Beispiele aus dem Alltag: der Hundebesitzer nennt es Dressur; Eltern und Lehrer nennen es Erziehung; Macht übt der Buschauffeur aus, der einem Gammler vor der Nase wegfährt und dies »Fahrplan« nennt. Macht übt der Biedermann aus, der ein Auto zum Anhalten zwingt, er nennt dies »Fussgängerstreifen«. Macht übst Du aus, wenn Du dem ändern erklärst: »Siehst Du, ich hatte recht!« Macht übe auch ich aus, wenn ich in diesem Artikel erkläre, »worum es geht«.

Macht kann zum Beispiel als Ichstreben, als Geltungsbewusstsein oder als Herrschsucht in Erscheinung treten. Oft resultieren solche Äusserungen aus Minderwertigkeitsgefühlen, aus Mangelerlebnissen oder aus Unsicherheit und stellen eine unbewusste Kompensation dafür dar. Je klarer die eigenen Machtbedürfnisse erkannt werden, desto geringer wird die Gefahr, dass sie sich schattenhaft und destruktiv bemerkbar machen.

Der unbewusste Machtanspruch ist in jeder helfenden Tätigkeit - also auch beim Astrologen - ein wichtiges Schattenproblem, gerade weil der Astrologe sich ja als Bewusstmacher, als Licht-bringer versteht. Der Kunde erwartet ja von ihm, dass er seine Probleme nicht nur versteht, sondern auch lösen hilft. Er ist vielleicht sogar bereit, selber aktiv zu werden, selber an sich zu arbeiten. Parallel dazu entwickelt sich aber auch beim Kunden eine Schattenkraft, die versucht, den bestehenden Zustand aufrecht zu erhalten, sich gegen jede Veränderung zu sperren. Dies aktiviert beim Astrologen (unterschwellig!) den Gegenpol zum bewussten Helfer: den Magier, den Zauberer, den Scharlatan, der alles weiss und alles kann! Beim Astrologen kann das vor allem zu zwei negativen, unbewussten Reaktionen führen: Einerseits kann er versuchen, recht massive Aussagen zu machen, die den Kunden treffen, ihn verletzen (Motto: dem hat es endlich jemand gesagt!). Der Astrologe erkennt nicht, dass dies eine typische Machtfunktion ist, denn sie läuft ja unbewusst ab. Und alle seine Aussagen lassen sich ja sachlich und objektiv rechtfertigen. Dass der Kunde sich dabei verschliesst, stellt den Wert einer solchen Beratung völlig in Frage.

Eine gegenläufige Gefahr ist die, dass der Astrologe zu weich reagiert und - aufgrund der eigenen Schattenproblematik - das Verhalten des Kunden umdeutet und ihm schmeichelt. Seinen Egoismus erklärt er z. B. als starke Individualität, oder seinen Zwang, sich mit fremden Problemen zu befassen (statt die eigenen zu lösen) als Altruismus. Wie der einzelne Astrologe dieses Problem angeht, hängt nicht nur von seinem eigenen Schatten ab, sondern auch von den jeweiligen Parallelen zu einem Kunden, vor allem wenn diese mehr unbewusst vorhanden sind.

Es ist sehr aufschlussreich, zuzuhören, wie ein Astrologe ein Horoskop bespricht. Oft rät er zu Dingen und Verhalten, die ihm selber ebenso nützlich wären. Er realisiert nicht, wieviel Schatten in die Beratung einfliesst. Durch jede Deutung verrät jeder Astrologe immer auch sehr viel über sich selber. Seinem Kunden wird dies meist nicht bewusst, da dieser psychologisch nicht geschult ist. In jedem Kontakt zwischen zwei Menschen treten aber die beiden Psychen in gegenseitigen Kontakt. Das heisst, dass alles, was ich vom anderen denke und nicht ausspreche, von ihm unbewusst aufgenommen wird. Umgekehrt nehme ich seine Zweifel und Ängste, seine Hoffnungen und Erwartungen auf. Je grösser und unbewusster mein Schatten ist, desto mehr neige ich dazu, über die wirklichen Möglichkeiten der Deutung hinauszugehen, um seine unbewussten Erwartungen zu erfüllen. Je klarer ich mir über meinen eigenen Schatten bin, desto geringer ist die Gefahr, dass ich mich »provozieren« lasse und mir als »kleiner Gott« vorkomme, der für alles eine Erklärung findet.

Je mehr Fachausdrücke und Fremdwörter ich in der Beratung gebrauche, desto grösser ist die Chance, dass mein Schatten (der Scharlatan) sich aufspielen will. Für den eigenen Schat-

ten habe ich - wie jeder Mensch - natürlich einen blinden Fleck. Je klarer mir alles ist, umso grösser und allwissender kann ich mich fühlen. Damit beeindrucke ich nicht nur den Kunden, sondern vor allem mich selber.

Ein weiteres Schattenproblem kann die Angst darstellen. Die Astrologie kennt unzählige Methoden, um Zeitabschnitte genauer zu untersuchen, um auch Prognosen zu stellen. Solange jemand nur den gegenwärtigen Zeitpunkt betrachtet, kann es ihm wirklich darum gehen, die aktuelle Lebensthematik besser zu erfassen. Je weiter jemand aber in die Zukunft schaut, desto grösser ist seine unbewusste vorhandene Angst. Er wird daher viele klare und logische Erklärungen finden, um sein Tun - vor sich selbst - zu rechtfertigen. Die Zeit und Energie, die er darauf verwendet, festzustellen, was auf ihn zukommen könnte, würde er nützlicher im »Hier und Jetzt« einsetzen. Diese Energie entzieht er der Lösung der gegenwärtigen Situation.

Eine weitere Schattenfunktion wird bei Astrologen besonders häufig sichtbar. Gerade sie wissen um grössere geistige Zusammenhänge, um psychologische Hintergründe des Verhaltens, also auch um die Vielzahl von Denkmöglichkeiten. Warum werden dann andere Astrologen so oft als Gegner, Widersacher oder als Konkurrenten betrachtet? Ziehen im Grunde nicht alle am selben Strick? Warum ist mehr Kritik als Verständnis für andere astrologische Richtungen vorhanden? Warum will jeder geistig reife »Helfer und Lichtbringer« nur sein eigenes Licht gelten lassen? Wird hier nicht eben der Schatten sichtbar, den wir bei anderen so gut - und bei uns selber so schwer erkennen?

Es ist keine Schande, einen Schatten zu haben, denn jeder Mensch besitzt einen solchen. Es wäre aber etwas oberflächlich, astrologisch tätig zu sein, ohne sich ernsthaft zu bemühen, den eigenen Schatten aufzuhellen. Um dies zu tun, können wir davon ausgehen, dass jede Kritik, jede Bemerkung, die uns wirklich trifft und die wir sofort ablehnen, den eigenen Schatten berührt. Je mehr wir dazu neigen, unser Verhalten zu erklären, zu rechtfertigen, logische und sachliche Gründe anzugeben, desto sicherer ist die Schattenseite getroffen worden. All diese Erklärungen sind Ausreden unseres Bewusstseins, das alles tut, um das »gute Bild« von uns selber zu bewahren. Wenn wir auf jeden neuen Einwand eine neue Erklärung finden (auch vor uns selber), so flüchten wir von einer Ausrede in die andere... nur um uns nicht einzugestehen, dass der Vorwurf wahre Gründe hat. Je ehrlicher wir uns mit unserem Schatten befassen, desto eher können wir ihn bewusst erkennen. Einmal erkannt, wird er sich weniger störend bemerkbar machen, wir können ehrlicher und wahrhaftiger sein - uns selber und auch anderen gegenüber.

Eine Anregung der Redaktion:

Es gibt zwei Möglichkeiten, seinen Schatten aufzuspüren:

1. Ihn bei der Arbeit zu beobachten. Wir Astrologen haben es leicht, wenn wir auf die Reaktionen des zu beratenden Kunden achten und dabei die von Iso Karrer aufgeführten Punkte im Auge behalten.

2. Das MONDKNOTEN-HOROSKOP ist eine astrologisch berechenbare Darstellung unseres Schattens. (Siehe ASTROLOG Nr. 13: Artikel von Rainer Lang.) Wir meinen, dass das eigene Mondknoten-Horoskop von jedem beratenden Astrologen immer wieder zu Rate gezogen werden sollte.