Astrolog-Archiv

(Bitte auf den jeweiligen Ausgaben-Block klicken, um die entsprechenden 20 Ausgaben anzuzeigen)
Artikel in grüner Farbe sind ohne Login zugänglich!
Ausgaben » [1-20] [21-40] [41-60] [61-80] [81-100] [101-120] [121-140] [141-160] [161-180] [181-200] [201-218] Aktuelle Ausgabe
• Suche (Autoren, Titel, etc.) » Inhaltsverzeichnis • Suche nach Begriffen in Artikeln »
Titel Ausgabe 22



Archiv-Übersicht
Nach oben Nach oben
Zurück Ausgabe 22 vom 23.10.1984 • Seite 13ohne Login!

• Astrologie & Geschichte

Tierkreiszeichen auf antiken Münzen, Teil 2

Bruno Huber

Die Münzzeichen Skorpion und Schütze

Der Skorpion und Ares (röm. Mars)

Oben im Feld zeigt sich die Büste des behelmten Ares mit der Andeutung des Lederpanzers und des Soldatenmantels neben seinem Sternsymbol. Darunter ein Skorpion. Der Skorpion gehört mit zu den ältesten Tierkreisbildern. Er findet sich schon auf babylonischen Grenzsteinen, den sog. Ku-durrus, die man im Louvre in Paris besichtigen kann und in Stern-Katalo-gen aus der Zeit 2 100 v.Chr. Der Tierkreis mit zwölf Zeichen zu je 30 Grad, wie wir ihn heute kennen, ist erst 420 v.Chr. in einem persischen Text erstmals bezeugt.7

Der griechische Mythos lässt den Skorpion als ein Rachegeschöpf der Jagdgöttin Artemis erscheinen. Der grosse Jäger Orion hat der Göttin gegenüber geprahlt, kein Tier könne seiner Jagdleidenschaft entgehen. Da sandte die Göttin ihm den Riesenskorpion entgegen, der ihn mit seinem giftigen Stachel tötete.

Wiewohl der Mythos einen tiefen Sinn hat, indem er der Hybris des Menschen das unvorhersehbare Schicksal gegenüberstellt, ist er auch unmittelbarer Anschauung entnommen. Das Sternbild des Orion geht unter, wenn der Skorpion sich im Osten über den Horizont erhebt. Die Astrologie misst dem vom Skorpion Beeinflussten Durchdringungsvermögen, Zielbewusstsein, Willenskraft und kritische bis zersetzende sowie zerstörende Veranlagung bei. In der Natur herrschen im Oktober-November Abbaukräfte vor. Der ungestüme und streitbare Mars - Herrscher des Zeichens - begünstigt Entscheidung und Tat -zum Guten wie zum Schlechten.

Der Schütze und der Vater der Götter und Menschen

Oben im Feld das bekränzte Haupt des Zeus, ohne Zepter, ohne Sternsymbol. Darunter der seinen Bogen abschiessende Kentaur.

Die vorliegende Prägung beweist, dass für die Ausgabe der Serie mehrere Stempel Verwendung fanden und dass die einzelnen Motive in Abwandlung geschnitten wurden. So sind die Symboltiere teils nach rechts, teils nach links laufend oder gelagert. Die Götter sind teils mit, teils ohne Stern und Attribute abgebildet.

Die Figur des bogenbewehrten Doppelwesens findet sich schon in Babylon. Auf einem der Grenzsteine hat sie einen Vogelleib und Vogelbeine. Man sieht sie auch mit zwei Köpfen. Das Pferd zeigt zwei Schwänze, wovon einer dem Skorpionstachel gleicht, was daraufhinweist, dass die benachbarten Sternbilder gemeint sind.

Diese Doppel wesen sollen daraufhindeuten, dass ein Teil der im Menschen wirkenden Kräfte in Tierwesenheiten präinkarniert war und von da Instinkte, Wildheit und Naturveranlagungen mitbringt, die nun assimiliert und veredelt werden sollen. Eben das soll der Tierkreis nach esoterischen Lehren bedeuten: bildhaft gemachte (ima-ginierte) Kräfteansammlungen, die durch den Mond-, Planeten- und Sonnendurchgang aktiviert werden.

Wie auch immer - in Pfeil und Bogen des Schützen wird nicht nur die Waffe, sondern auch die Intelligenz, der in die Weite zielende Geist symbolisiert. So ist die Figur des Schützen das Sinnbild menschheitlicher Entwicklung und Zukunftshoffnung, das noch dadurch vertieft wird, dass die oberste Gottheit darüber herrscht. Die Astrologie verbindet seit altersher mit diesem Zeichen den materiellen und den geistigen Trieb des Menschen, in die Weite gerichtete Ziele anzustreben, sei es die weite Reise oder die Neigung zu religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Fragen.

Auch das in den Kentaur hineinverwandelte Pferdewesen vermag ja, weite Strecken zu durchmessen.

Über die ruhende Landschaft ziehen in den dem Schützen zugeordneten Monaten November-Dezember die grossen Vogelzüge und erinnern uns, dass der Drang in die Weite geheimnisvoll in der Natur angelegt ist.

SKORPION

Lat.: SCORPIO od. SCORPIUS; Engl.: SCORPIO; Fr.: SCORPION; It.: SCORPIONE.

Diese Konstellation wurde in der Antike als eine viel grössere Figur am Himmel gesehen, als wir sie heute kennen. Um 1200 v. Chr. finden sich Darstellungen, welche die Waage in das Zeichen einbeziehen (s. Astrolog Nr. 21). Aus gesicherten Quellen wissen wir, dass davor - bis in graue Vorzeiten - auch noch Teile der Schützesterne dazugezählt wurden, so dass Skorpion eine ähnliche Grosskonstellation war wie Löwe in jenen Zeiten. Zwischen diesen beiden war ein vorwiegend leeres Feld, in dem eigentlich nur SPIKA, der Hauptstern der Jungfrau Beachtung fand.

Und hier findet sich eine der seltenen Übereinstimmungen mit der frühen chinesischen Astronomie.* Vor dem 15. Jahrhundert wurde fast genau der gleiche Sternraum wie unser früher Skorpion von den Chinesen als »Blauer Drachen« oder »Blauer Kaiser« bezeichnet.

In diesem Grossraum erschienen in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende viele Novae (»Neue« Sterne, in Wirklichkeit ganz schwache oder von Auge unsichtbare Sterne, die plötzlich überhell aufflammen und nach einiger Zeit wieder verschwinden). Die Antike interpretierte dieses Phänomen zwiespältig: zum einen war es der Grund, die Erklärung für die »Bösartigkeit« des Zeichens Skorpion. Zum ändern aber nahm man an, dass hier die Sterne an sich geboren würden. Die eine Interpretation betont also das Sterben - die andere das Geborenwerden. Eine uns bis heute geläufige Formel dieses Zeichens: »Stirb und Werde« (Goethe musste es wissen; er hatte Skorpion-AC).

Astronomisch wissen wir heute, dass solche Sterne weder »neue« noch sicher »sterbende« sind. Meistens sind es Normalsterne, die sich in der Nova-Phase zu sogenannten »Weissen Zwergen« wandeln ...! (und dann noch lange leben können).

Die Hebräer zu Abrahams Zeiten kannten diese Konstellation unter dem Namen Adler. Dieses Symbol wird dann im christlichen Mittelalter als Zeichen für den Evangelisten Johannes an Dombauten wieder sichtbar (s. Astrolog Nr. 15 + 16).

Ebenfalls bei den Hebräern, aber vor allem bei den alten Ägyptern findet sich auch die Schlange für den Skorpion - und dies bis an den Anfang der ägyptischen Kultur zurück. Sonst aber tritt er im gesamten antiken Kulturraum (bis nach Indien) - allerdings mit den örtlich verschiedensten Beinamen - als Skorpion auf: der Geschwänzte, der Greifer, der Stechende, der mit dem Schwert usf.

Bei den Sumerern, schon als Skorpion bildlich dargestellt (wahrscheinlich etwa ab 5000 v. Chr.), gilt er noch aus-schliesslich als »die Dunkelheit« schlechthin. Denn mit dem Eintritt der Sonne in dieses Sternbild wird die Nacht länger, und die Sonne verliert ihre Kraft.

Mars wurde nach antiker Vorstellung im Skorpion geboren, und seine Herrschaft in diesem Zeichen ist bei allen Kulturen unbestritten. Der Hauptstern der Konstellation heisst Antares (Ares = Mars). Die Römer (Manilius) nennen das Zeichen auch: »Martis Sidus«, Ort oder Haus des Mars.

*) Bekanntlich gab es damals keine Astrologie in unserem Sinne, sondern die vom I Ging abgeleitete Divmationskunst. Erst die missionierenden Jesuiten des 15. Jahrhunderts brachten die babylonisch-griechischen Tierkreiszeichen und den Gebrauch der laufenden Planeten zur Horoskoperstellung nach China.

SCHÜTZE

Lat.: SAGITTARIUS; Engl.: SAGITTA-RIUS, the ARCHER; Fr.: SAGITTAIRE; It.: SAGITTARIO.

Sagitta heisst »Pfeil« - Sagittarius also »der mit dem Pfeil«. Dieser Symbolgehalt ist am Schützezeichen zentral.

Aber ebenso häufig finden wir das Pferd in Namen und bildlichen Darstellungen. So findet man den Schützen im indischen Tierkreis schon vor 3000 Jahren entweder als Pferd oder Pferdekopf oder als Reiter bezeichnet.

Die älteste bildliche Darstellung hingegen, die wir kennen, finden wir um 1400 v Chr. bei den Babyloniern. Hier als mehrfach ausgeprägtes Doppelwesen: ein zweischwänziger, beflügelter Pferdekörper trägt einen doppelköpfigen, menschlichen Oberkörper, dessen einer ein Hunde-, der andere ein Menschenkopf ist. Das folgende Bild stammt von einem Grenzstein der Kassitenzeit.

Fast schon amüsant ist der beigegebene Skorpion, der das sonderbare Wesen an einer empfindlichen Stelle treffen will. Am Himmel steht der Skorpion nämlich vom Schützen weggewendet und greift mit seinen Scheren nach der Waage. Bei allen anderen bekannten Darstellungen zielt der Pfeil des Schützen immer auf das Herz des Skorpions (Antares).

Es ist klar, dass dieses babylonische Fabelwesen ein Vorläufer des in unserer Zeit viel bekannteren, griechischen Kentauren ist. Gemeint ist bei den Griechen der weise, aus seiner Art herausragende Kentaur Chiron, den nach der Mythologie die Menschen aufsuchten, um von ihm Rat zu holen. Dazu steht ein anderer Vorläufer, von dem uns Erastothenes berichtet, in deutlichem Kontrast: der Satyr. Auch er ein Doppelwesen Mensch/ Tier, aber von primitiver-natur-näherer Machart. Sein Körper ist der eines Ziegenbocks.

Und noch einen direkten Vorfahren hat der Kentaur, der mindestens so alt ist wie das babylonische Fabeltier. Er kommt aus der nordischen Mythologie - wurde durch die einwandernden Dorier und Jonier in den frühgriechischen Kulturraum »importiert«: das Einhorn.

Das eine Hörn auf der Stirn des pferdeartigen Tieres ist unschwer im Pfeil des Kentauren wiederzuerkennen. Beide Symbole meinen das selbe: die Gezieltheit und Schärfe des menschlichen Intellekts, die Stosskraft des Geistes, den aus der Bewusstheit resultierenden Willen.

Der Bogenschütze findet sich gleichfalls schon in den Keilschriften der Babylonier. Er ist eine überhöhte Form des Kentauren. Pferd und Mensch sind getrennt. Der Mensch erhebt sich über seine tierische Natur und unterwirft sie seinem Willen.

Das heute meist verwendete Symbol des Schützen besteht nur noch aus dem Pfeil selbst »mit einem angedeuteten Stück des Bogens«, wie man meistens liest. Es hat sich jetzt gezeigt, dass schon die Ägypter um 1300 v. Chr. dieses Symbol als eine Hand, die den Pfeil hält, verwendeten.

Ich möchte meinen, dass die oben abgebildete babylonische Figur eine sorgfältige Meditation wert sei. Denn sie ist eine frühe Apotheose aller hier erwähnten Symbolelemente.

Die Figur wird in den zeitgenössischen Keilschriften aus Babylon mit Begriffen wie »Der Starke«, »Der Gigantische König des Krieges«, »Der Erleuchter der Grossen Stadt« oder schlechthin »Die Sonnenstadt« benannt.