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Titel Ausgabe 23



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Zurück Ausgabe 23 vom 21.11.1984 • Seite 14ohne Login!

• Glosse

Die Qualität der Zeit

Ernst Schläpfer

Unsere Erfahrung von der Welt wird durch unsere Wahrnehmung eingegrenzt. Was wir als wahr annehmen, wird von uns wahrgenommen.

In der heutigen Zeit nehmen wir die Welt normalerweise in vier Dimensionen wahr. Wir erleben den,Raum dreidimensional, und die Zeit als vierte Dimension erscheint uns vorwiegend chronologisch, das heisst als ablaufende Zeit, als Uhrzeit. Wenn wir uns im Alltag bewegen, stehen wir in der festen Überzeugung, dass dies »die Welt« ist. Doch diese Welt ist lediglich die von unserem Bewusstseinszustand zugelassene Welt. Es ist die Weltsicht der mentalen. Bewusstseinsebene, wie der Kulturphilosoph Jean Gebser unsere Epoche kennzeichnete. Es ist die Welt der Ursachen und Wirkungen, der mechanistischen Zusammenhänge, der Logik und Rationalität. Ich möchte mich in der Folge mit der Frage beschäftigen, inwieweit und weshalb diese Weltvorstellung zunehmend ins Wanken gerät, ja aus naturwissenschaftlicher Sicht bereits völlig überholt ist.

Die kulturphilosophischen Forschungen von Jean Gebser haben gezeigt, dass die Menschheit im Laufe der Geschichte verschiedene Bewusstseinsebenen durchlaufen hat. Gebser bezeichnet diese Ebenen als archaische, magische, mythische und mentale Bewusstseinsstrukturen. Unsere heutige Weltsicht des drei-dimensionalen Raumes und der ablaufenden Zeit ist menschheitsgeschichtlich noch sehr jung. Gebser lokalisiert den Höhepunkt der mentalen Bewusstseinsepoche um das Jahr 1500, als mit der Entwicklung der Perspektive (vor allem durch Leonardo da Vinci) ein entscheidender Schritt geschah. Der Raum wurde damit erstmals dreidimensional gesehen und wahrgenommen. Das

Bewusstsein früherer Zeiten war bildhaft, mythisch (erzählend). Es ist von Bedeutung, dass Leonardo da Vinci auch der erste grosse Techniker und Konstrukteur von Maschinen war, die zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht gebaut werden konnten.

C-G. Jung

An den Übergängen der einzelnen Bewusstseinsepochen hat Gebser immer heftige Krisenerscheinungen festgestellt, weil ja bewusstseinsmässig gesehen buchstäblich eine »alte Welt« zugrunde geht und eine völlig neue Weltsicht entsteht. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg hat Gebser in seinem Werk »Ursprung und Gegenwart« für unsere Zeit eine erneute »Bewusstseinsrevolution« vorausgesagt. Er bezeichnet diese Revolution als »Übergang vom mentalen ins integrale Bewusstsein«. In der Zwischenzeit haben Gebsers Aussagen durch die modernen Naturwissenschaften, insbesondere die Physik, volle Bestätigung erhalten. In grossartigster Weise ergeben sich nun immer mehr Verbindungen zwischen den Zeugnissen aller grossen Religionen und den modernen Naturwissenschaften. Das chinesische Weisheitsbuch des »I Ging« und die modernen Theorien über Elementarteilchen begegnen sich, um nur ein Beispiel zu nennen. Wodurch kennzeichnet sich nun diese Bewusstseinsrevolution in der heutigen Zeit?

1. Durch eine radikal erweiterte Sicht der Zeitdimension, indem diese nun zunehmend als Qualität wahrgenommen wird. Die Zeit ist nicht nur ablaufende Uhrzeit (Quantität), sondern auch »Fülle, Intensität und Reichtum« (Qualität).

2. Mit der neuen Wahrnehmung von Zeit verändert sich auch die Raumvorstellung und damit verbunden die gesamte Weltvorstellung. Das kausale Denken in Ursache-Wirkungszusammenhängen weicht einer Wahrnehmung in Analogien und synchronen Übereinstimmungen. Der Begriff der Synchronizität wurde in der Psychologie bereits von G.G. Jung eingeführt, weil er Verbindungen von Erscheinungen und Ereignissen feststellte, die keinen kausalen Zusammenhang aufwiesen.

Diese Erkenntnisse sind inzwischen von der Elementarteilchen-Physik experimentell bewiesen worden, indem beispielsweise zwei ursprünglich miteinander verbundene Teile auch nach ihrer räumlichen Trennung immer wieder synchron aufeinander reagieren: Wenn die Bewegung des einen Teilchens verändert wird (der sogenannte »Spin«), so reagiert das andere Teilchen gleichzeitig mit der gleichen Bewegungsänderung, obwohl kein kausaler Zusammenhang besteht!

Aus der Sicht der modernen Wissenschaften entsteht jetzt eine neue Welt, in der Energie und Materie, Kausalität und Synchronizität, Logik und Analogie sich ergänzen. Wir stehen jetzt in einer Zeit, wo »alte Dinge neu gesehen« werden. Östliche Weisheit und westliche Erkenntnisse, Altertum und Neuzeit, Geistes- und Naturwissenschaft können sich voll und ganz begegnen, weil immer mehr gemeinsame Nenner gefunden werden.

Auf diesem Hintergrund wollen wir uns nun der Astrologie zuwenden. Es wird verstehbar, dass die Wirklichkeit in Raum und Zeit offenbar von teilweise noch verborgenen, aber nichtsdestotrotz äusserst wirksamen Mustern und Vernetzungen strukturiert wird. Sowohl Raum (Bewegung) als auch Zeit (Intensität/Reife) haben eine Qualität, die es in der Zukunft immer tiefer zu erfahren und zu entschlüsseln gilt. Die Zukunft wird zu einem Abenteuer in die Tiefe der Zeit. Genau auf diesem Hintergrund arbeitet die Astrologie, wenn sie nicht zur billigen Ereignisdeuterei und Zukunftsprognostik degeneriert.

Astrologie entschlüsselt Zeitqualitäten, indem sie die Muster studiert, welche durch die Bewegungen des Sonnensystems laufend geschaffen werden. Dies geschieht durch das Deuten von Symbolen, mit deren Hilfe es dann möglich wird, die Qualität der jeweiligen Augenblicke zu entschlüsseln. Jeder Augenblick hat gewissermassen einen »inneren Reifezustand«, eine Qualität. »Alles hat seine Zeit«, sagt der Volksmund und trifft damit diesen Sachverhalt sehr präzise. Die Qualität der Zeit ist die neue Dimension der Wirklichkeit. Zeit ist nicht mehr bloss chronologisch zu erfassen, sondern als Fülle, Reife und Auslösungsbedingung für bestimmte Energien zu bestimmen, die in die körperlich greifbare Wirklichkeit drängen. In der Mythologie der Griechen finden wir diese zweifache Bedeutung der Zeit bereits im doppelten Angesicht von Saturn als »Chro-nos« (Zeitablauf) und »Kairos« (Zeitfülle).

So hat nun auch unser Geburtsaugenblick eine innere Qualität, die jedem Menschen eine »Form gibt, die prägend sich entwickelt« (Goethe). Es ist gewissermassen das grundlegende Webmuster unseres Lebensteppichs. Den Teppich weben wir selber, doch das Muster haben wir anzunehmen.

Wir betrachten nun das Hauptinstrument der Astrologie - das sogenannte Horoskop - unter diesen Gesichtspunkten.

Wenn wir einen Stein ins Wasser werfen, beobachten wir einen wunderbaren Vorgang der Bewegung: Vom Zentrum zur Peripherie werden Ringe gebildet, die sich mit zunehmender Entfernung mehr und mehr glätten. Meditieren Sie einmal über diesem Bild, dann verstehen Sie die Zeit und den Raum als Qualitäten.

Wir können nun das Horoskop in dieser bildhaften Form begreifen:

Aus der universalen Lebensenergie (der Kern/die Mitte) bilden sich Muster oder Strukturen, welche die prinzipiellen Kräfte (in der Astrologie die Planeten) in eine bestimmte Form bringen. Im Beispielhoroskop von G.G. Jung wird diese Form in dem kristallartigen Gebilde von Linien sichtbar. Von der Astrologie wird diese Figur als Aspektgefüge bezeichnet. Diese Kräfte manifestieren sich nun im Menschen über zwölf grundlegende Motivationen (Beweggründe), die sich im Horoskop als Tierkreisbilder zeigen. Die 12 Tierkreiszeichen sind im Beispielhoroskop mit 12 siegelartigen Sinnbildern dargestellt. Der Tierkreis zeigt die 12 Tierkreiszeichen, wie sie im Jahreslauf der Sonne durch die Ekliptik (Sonnenbahn) gebildet werden. Der Mensch lebt auf der Erde, also wird das Sonnensystem auch erdbezogen angeschaut. Schliesslich wollen sich diese Motivationen in der Welt ausdrücken und erleben. Dies wird im Beispielhoroskop in Form des heiligen Feldersystems sichtbar (die Linien ausserhalb des Tierkreises). Das Feldersystem versinnbildlicht zwölf grundlegende Richtungen, nach denen die Motive des Menschen hinstreben.

Wie der Stein, der ins Wasser fällt und »Zeitenringe« gebären lässt, so entwickelt sich der Mensch im kosmischen Rahmen des Sonnensystems und zeigt als einzigartiges Individuum eine Spielart der universalen Lebensenergie. Das Horoskop können wir als Grundklang, als Grundstimmung jeder Persönlichkeit sehen. Jedes Musikinstrument hat eine Grundstimmung, aus der sein charakteristischer Beitrag zum Orchester herauswächst.

Die Astrologie ermöglicht uns, über die symbolische Entschlüsselung der Rhythmen des Sonnensystems die Qualität »der verlorenen Zeit« wieder-zufinden, wie es Marcel Proust ausdrücken würde. Wenn wir die Qualität unserer eigenen Zeit wieder finden, so können wir sie als Menschen im Laufe unseres Lebens auch erfüllen. Der glückliche Mensch lebt in der Fülle seiner eigenen Zeit. Die Astrologie kann uns helfen, den tiefen Sinn von Zeitqualitäten zu verstehen.