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Titel Ausgabe 27



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Zurück Ausgabe 27 vom 23.08.1985 • Seite 2ohne Login!

• Astrologie & Geschichte

Astrologische Thesen bei Thomas von Aquin

Eva Fleischmann-Kessler

THOMAS VON AQUIN, der Dominikaner, der mit seiner theologisch-philosophischen Lehrtätigkeit und seinen zahlreichen Büchern nicht nur das Denken der katholischen Kirche, sondern auch das Europas und der ganzen westlichen Welt nachhaltig und bis auf den heutigen Tag beeinflusst hat, war eine Geistes-grösse, die man allgemein mit Pythagoras, Plato, Aristoteles u.a. in eine Reihe stellt. Dieser Rang steht ihm wohl auch fraglos zu.

Ist er aber die Apotheose des vergehenden Mittelalters, oder steht er am Anfang einer neuen Zeit (Renaissance)? Wir meinen, er steht darüber. Denn so manchens, was er über Astrologie geäussert hatte – in seinen Bestätigungen, wie in seinen Warnungen – hat sich bis heute als gültige und ernstzunehmende Wahrheit bewiesen.

Zunächst möchte ich etwas weiter ausholen und das mittelalterliche Weltbild darstellen, das die Grundlage bildete für alle mittelalterlichen Gelehrten, die sich mit kosmo-logischen und astrologischen Problemen beschäftigt haben. Weil es auf Aristoteles und auf Claudius Ptolemäus (Mitte des 2. Jh. nach Chr.) beruhte, aber zusätzlich durch die neuplatonische Philosophie beeinflusst wurde, war es für Christen, Juden und islamische Gelehrte fast identisch. Durch das ganze Mittelalter hindurch blieb es in den wesentlichen Zügen dasselbe und wurde erst durch Kopernikus entscheidend verändert.

Auf der ersten Abbildung

sehen wir eine vereinfachte Darstellung des Weltbilds von Thomas von Aquin. Es ist ein Aufriss der Weltkugel, eingeteilt in zehn konzentrische Sphären, in deren Mitte die Erde ruht. Die äusserste Sphäre oder der äusserste Himmel ist das Empyreum oder der Feuerhimmel. Man stellte sich vor, er sei unbewegt und der Aufenthaltsort der Seligen und der Engel. In manchen mittelalterlichen Abbildungen (z.B. in der Darstellung der Mappamondo im Campo Santo von Pisa, ca. 1350; abgebildet in Warren Kenton, Astrology, London 1974, Abb. 24) wird das Empyreum nochmals in neun Sphären unterteilt, entsprechend den neun Engelhierarchien.

Vom Empyreum eingeschlossen wird der Wasser- oder Kristallhimmel. Man stellte sich vor, dass er durchsichtig und ohne Sterne sei. Er ist der erste bewegte Himmel und wurde deshalb auch das Primum mobile genannt. Seine Bewegung ist die tägliche Bewegung des Himmels von Osten nach Westen (die, wie wir heute wissen, aus der täglichen Umdrehung der Erde resultiert). Seit der Antike glaubte man, dass diese erste bewegte Sphäre vom höchsten göttlichen Wesen in Bewegung gesetzt und in Bewegung gehalten würde. In mittelalterlichen Darstellungen wird häufig dargestellt, wie Gottvater die himmlischen Sphären mit den Armen umfangen hält, manchmal thront er auch über der Weltkugel. Nach Thomas ist diese gleichförmige Bewegung des Kristallhimmels, der alle eingeschlossenen Sphären mitreisst, die Ursache aller anderen Bewegungen. (Unter "Bewegung" verstand Thomas nicht nur die örtliche Bewegung der Sphären und Gestirne, sondern auch jede Art von Veränderung, von Werden und Vergehen auf der Erde.)

Abbildung 2.

Zu diesem Thema habe ich folgende Abbildung (Abb.2) gefunden: Es ist das Titelbild eines Buches über Stunden-Astrologie, das etwa um 1500 erschienen ist. (Warren Kenton, Abb. 45, auch beschrieben bei H.A. Strauss, Der astrologische Gedanke in der deutschen Vergangenheit, Berlin 1926, S.88.) Wir sehen einen Engel, der die Himmelskugel mit den daran befestigten Planeten mit Hilfe einer Kurbel dreht – eine etwas andere Vorstellung als bei Thomas, wo die Engel die Himmelssphären stossen. – Dargestellt ist das Planeten-Stundenrad. Die Planeten sind personifiziert dargestellt. Mars, der zuoberst sitzt, ist der Herr der Stunde. Links sehen wir zu unterst Merkur, dann Venus mit Pfeil, fast wie ein Amor dargestellt, dann die Sonne. Auf der rechten Seite nach Mars folgen Jupiter als Priester, Saturn als Tod mit Sense und Mond.

Die nächste Sphäre, der Fixsternhimmel, macht die Bewegung des Kristallhimmels mit, er hat aber als Eigenbewegung die Präzession des Tierkreises.

Nach innen schliessen sich die sieben Planetensphären an mit

ihren unregelmässigen Bewegungen von Westen nach Osten. Diese Planetensphären stellte man sich vor als hohle Kugelschalen aus Aether, in denen der jeweilige Planet fest eingelassen war und sich bei der Drehung der Sphäre mitbewegte.

Seit Aristoteles, aber auch im Neu-platonismus und in der Gnosis nahm man an, dass die Planeten durch geistige Wesenheiten in Bewegung gesetzt würden. Im Mittelalter glaube man, dass es Engelwesen seien, die die Planetensphären bewegten. Auch Thomas war der Auffassung, dass es Engel gäbe, deren Aufgabe es sei, die Gestirne zu bewegen. Er stellte sich vor, dass diese Engel ihren festen Standort im Osten hätten und dass sie durch stossende Bewegungen die Planetensphären (mit den darin befestigten Planeten) wie ein Rad in Bewegung setzten.

An die Mondensphäre schliesst sich die irdische Sphäre als der Bereich der vier Elemente an, der sub-lunare Bereich. In der Mitte ruht unbeweglich die Erde, darüber befinden sich die Elemente Wasser, Luft und Feuer, die in vielen Abbildungen auch als Sphären dargestellt wurden. Die vier Elemente sind nach der antiken aristotelischen Lehre, die von Thomas übernommen wurde, die Grundlage alles Werdens und Vergehens auf der Erde.

Diesem irdischen Bereich des Vergänglichen stellte man den Bereich der Sphären und Himmelskörper gegenüber. Dieser himmlische Bereich wurde dem fünften Element, lateinisch Quinta Essentia, dem Aether zugeordnet. Im Bereich des Aethers ist nach aristotelischer Lehre, der Thomas folgte, alles unzerstörbar und ewig.

Der Reihenfolge der Sphären von Aussen nach Innen entsprach, wie ich schon andeutete, eine Hierarchie der Wesenheiten und der Wirkursachen. Zuoberst und die Sphären irgendwie umfassend wurde Gott vorgestellt als oberster Lenker aller Dinge und gleichzeitig – im physikalischen Modell des Aristoteles ausgedrückt – als Erstursache (prima causa) alles Geschehens. Er hat als Zweitursache die Engel eingesetzt, um seinen aufs genaueste ausgearbeiteten Lenkungsplan (ratio gubernationis sive providentia), der identisch ist mit der Vorsehung, in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Engel wirken aber normalerweise nicht direkt auf das irdische Geschehen ein, sondern sie bedienen sich der Himmelskörper als Werkzeug (causae instrumentales) für ihr Wirken. Indem sie die Himmelskörper in Bewegung setzen, bringen sie mittelbar den Prozess des Werdens und Vergehens auf der Erde in Gang.

Man kann die Frage stellen, wieso sich Thomas so sehr bemüht hat, den Himmelskörpern einen rein werkzeuglichen Charakter zu geben und ihnen damit jede Autonomie zu nehmen. Er hatte, wie viele Kirchenväter vor ihm, die Lehre ihrer Wirkungen von der Antike übernommen, wollte aber vermeiden, gleichzeitig dem antiken Glauben an die Gestirngötter Vorschub zu leisten. Dafür spricht, dass er an verschiedenen Stellen darauf hinweist, die

Himmelskörper seien keine Götter und sie dürften nicht angebetet oder verehrt werden. Die wäre – so sagt er – verdammenswerter Götzendienst.

Etwa 100 Jahre vor Thomas finden wir in der Schule von Chartres pla-tonisierende Gelehrte,unter ihnen Bernhardus Silvestris (12. Jh.), der die Gestirne noch Götter nennt. Allerdings sagt er – ähnlich wie Thomas – sie seien die Diener des höchsten ausserweltlichen Gottesw und die Vollstrecker der göttlichen Vorsehung. Berhard lässt die verschiedenen Engelhierarchien die himmlischen Gefilde bewohnen, er verbindet aber die Engel nicht mit den Gestirnen als deren Beweger, wie Thomas das tut. Bei Berhard werden Planeten noch als die antiken Götter mit ihren mythologischen Beziehungen und auch mit ihren astrologischen Eigenschaften geschildert.

(Bernardus Silvestris, De Universi-tate Mundi sive Megacosmus et Microcosmus. Uebersetzt von Wilhelm Rath, Mellinger Verlag, Stuggart, ohne Jahreszahl.)

Thomas hat eine kühlere, mehr sachlich-wissenschaftliche Den-kungsart. Wie ich ausgeführt habe, sind die Himmelskörper für ihn nur Zweitursachen, Werkzeuge in den Händen der Engel. Aendert er aber den Blickwinkel und betrachtet die Himmelskörper von der Erde her, so sind die Gestirne für ihn die nächstliegenden, direkten Wirkursachen für alles Geschehen auf der Erde.

Thomas unterscheidet zwei verschiedene Arten von Wirkungen:

1. Die Umdrehung der neunten Sphäre

Sie wirkt in Analogie zu ihrer eigenen, absolut regelmässigen Bewegung als Stabilisierungsfaktor, als Garantie für die Stetigkeit der Zeugung, für die Erhaltung und Fortdauer des Sein.

2. Die Bewegungen der Gestirne entlang der Ekliptik

Sie bewirken, entsprechend ihren verschiedenen, nicht immer gleichbleibenden Bewegungen die Verschiedenheit, die im Entstehen und vergehen auftritt. Diese Wirkung der Gestirne richtet sich vor allem auf das Entstehen der niederen Lebewesen, sie ist aber auch mittätig bei der Entstehung des Menschen.

Im Gegensatz zur Umdrehung des ganzen Himmels, die die gleichbleibende Länge der Tage bewirkt, haben es die Umläufe der Gestirne mit den vielen speziellen Wirkungen zu tun, die die Unterschiedlichkeiten der Tage, Monate und Jahre ausmachen, also z.B. mit dem Wechsel der Jahreszeiten, mit den Wetterverhältnissen und den unterschiedlichen Temperaturen.

Thomas gibt keine systematische Darstellung der Wirkungen von Sonne, Mond und den Planeten. Man hat den Eindruck, er sei nur an der Klärung von prinzipiellen Fragen interessiert gewesen. Hie und da kann man aber in seinen Werken doch eine Bemerkung finden zu einer spezifischen Planetenwirkung, oft in Form eines Zitats.

So sagt er vom Mond, dass er einen Einfluss auf Ebbe und Flut des Meeres habe. Ueber den Einfluss der Mondphasen auf Ebbe und Flut hatte im Altertum vor allem Plinius der Aeltere (23-79 n.Chr.) in seiner Naturgeschichte recht genaue Angaben gemacht und seine Ausführungen waren durch Isidor von Se-villa (ca. 570-636 n.Chr.), einen spanischen Bischof, im Mittelalter bekannt geworden. Thomas sagt auch, der Mond habe die Kraft, die Körpersäfte des Menschen in Bewegung zu bringen. Am meisten sei das Gehirn dem Einflüsse des Mondes unterworfen, da es das feuchteste aller Körperteile sei. Die Beziehung des Mondes zum Wasser und zum Flüssigkeitshaushalt von Pflanzen, Tieren und Menschen, spez. aber zum Gehirn finden wir auch bei anderen antiken und mittelalterlichen Gelehrten beschrieben, am ausführlichsten im Tetrabiblos des Claudius Ptolemäus

Sonst macht Thomas nur sehr wenig Angaben zu spezifischen Planeteneinflüssen. Aus verschiedenen Stellen geht aber klar hervor, dass die Himmelskörper Einfluss haben auf

die Witterung

auf das Wachstum der Pflanzen

auf das Verhalten der Tiere und auch

auf Gesundheit und Krankheit des menschlichen Körpers.

Er ist also überzeugt von einem universellen Einfluss der Bewegungen der Himmelskörper auf das irdische Geschehen. Folgerichtig lässt er im Bereich des Wetters, der Pflanzen-und Tierwelt und der menschlichen Gesundheit auch astrologische Voraussagen gelten. Astrologische Prognosen dieser Art schränkt er aber insofern ein, als er sagt, sie würden nicht mit Notwendigkeit und immer, sondern nur in der Mehrzahl der Fälle eintreffen.

Diese Einschränkung begründet Thomas damit, dass er sagt, die Wirkung eines Gestirns könne nur eintreten, wenn auch eine entsprechende Disposition in der Materie vorhanden sei, d.h. unter bestimmten stofflichen Bedingungen. Falls diese nicht erfüllt seien, könne die Wirkung verhindert oder verändert werden. (Als Beispiele für das Fehlen der richtigen Disposition führt er an: räumliche Entfernung, Grobheit der Materie, Hitze und Kälte. Summa theol. I 115,6 ad 2.) Ausserdem rechnet er noch mit zufälligen Geschehnissen, die ebenfalls die Wirkungen der Gestirne verhindern könnten. Der Zufall entsteht, wenn zwei kausal bedingte Wirkungen zusammentreffen, die nicht innerlich zusammengehören. Dadurch entsteht dann ein Drittes, das nicht auf eine naturhaft wirkende Ursache zurückgeführt werden kann, wie dies nach Thomas die Himmelskörper sind. Dieses Dritte ist ein zufälliges Geschehen.

Ich komme nun zur Frage, ob die Himmelskörper bei Thomas ausser den Einwirkungen auf das körperliche Befinden des Menschen noch weitergehende Einflüsse auf den Menschen haben könnten. Dieses Thema kann ich nur im Zusammenhang mit der thomistischen Lehre vom Wesen und vom Aufbau des Menschen darstellen. Ich werde diese Lehre kurz umreissen, soweit es zum Verständnis der betreffenden astrologischen Thesen nötig ist.

Thomas nimmt an, dass der Mensch aus Leib und Seele besteht, also seinem Wesen nach zweiteilig ist. Entsprechend der aristotelischen Auffassung, dass alle Körperwesen aus Form und Stoff bestehen, ist die Seele die Wesensform des Körpers, der seinerseits die stoffliche Seite des Menschen darstellt. Die Seele ist in erster Linie vernünftige Seele (anima intellectiva). Sie vereinigt aber in sich die Funktionen der Sinnenseele (anima sensitiva), die der Tierseele entspricht, und der Pflanzenseele (anima nutri-tiva), deren Aufgaben Ernährung, Wachstum und Zeugung sind.

Die Vernunft als Möglichkeit des Denkens bildet den Hauptunterschied zwischen der menschlichen und der tierischen Seele. Die Sinnenseele des Tieres ist unselbständig und ganz an den Stoff gebunden; die Seele des Menschen jedoch ist, jedenfalls in ihren geistigen Funktionen, selbständig, nicht an den Körper gebunden und überdauert ihn deshalb auch im Tode. Wie der Verstand, so ist auch der menschliche Wille ein rein geistiges Vermögen, das für seine Tätigkeit keines körperlichen Substrates bedarf. Genaugenommen ist sogar nur der Wille von den Körperfunktionen ganz unabhängig, weil Verstand und Vernunft darauf angewiesen sind, dass die sinnliche Wahrnehmung richtig funktioniert.

Beim Tier wirken also die sinnlichen Strebungen ohne Umweg direkt auf seine Handlungen ein, beim Menschen hingegen stellt sich die ver-standesmässige Erkenntnis zwischen sinnliche Strebungen und den Willen. Dadurch kann er einen freien Spielraum für seine Handlungen gewinnen.

So hat der Mensch die Möglichkeit der freien Wahl dank seiner Fähigkeit der abwägenden Vernunft, die mehrere Möglichkeiten sieht, eine Sache von verschiedenen Seiten betrachten kann und daher den Willen nicht einseitig determiniert.

Diese von Thomas postulierte Freiheit des Wahlentscheids ist nur dann gewährleistet, wenn der Mensch sich dieser Möglichkeit des Vernuftgebrauchs bedient und sich damit über seine körperliche Gebundenheit in den rein geistigen Bereich erhebt. Sie stellt also gewissermassen den ethischen Idealfall dar. Folgt aber der Mensch, wie das beim Tier immer der Fall ist, seinen anlagehaften oder situationsgebundenen Neigungen, so lässt er sich von körpergebundenen Faktoren determinieren und handelt nicht frei.

Es ist zum Verständnis des Folgenden wichtig, festzuhalten, dass Thomas eine scharfe Unterscheidung macht zwischen körpergebundenem menschlichem Verhalten und solchem, das nicht körpergebunden, d.h. rein geistig ist.

In bezug auf das Wirken der Gestirne ist diese Unterscheidung darum so bedeutsam, weil er sie als die obersten wirkmächtigen Körper versteht, als himmlische Körper (corpora caelestia), die durch ihre Bewegungen das Geschehen in der niederen Körperwelt, im irdischen Bereich der vier Elemente in Gang setzen.

Als Körper können sie direkt nur auf Körperliches, d.h. auf Vorgänge in der materiellen, stofflichen Welt einwirken. Geistig-seelische Manifestationen sind ihren Einflüssen nur soweit unterworfen, als sie an Stoffliches gebunden sind. Thomas spricht in solchen Fällen von indirekten Einwirkungen der Himmelskörper. Die Himmelskörper können daher auf den Menschen nur insofern einwirken, als er an körperliche Faktoren gebunden ist, d.h. soweit er in seinen Funktionen dem vegetativen und animalischen Bereich angehört.

Wie ich schon ausführte, rechnet Thomas Verstand und Wille zu den geistigen Funktionen, die nicht an den Körper gebunden sind. Sie unterliegen daher auch nicht dem Einfluss der Himmelskörper. Verstand und Wille können aber beeinflusst werden durch Gemütsbewegungen, z.B. durch Liebe, Hass, Furcht oder Zorn. Solche Gefühle rechnet Thomas zu den sinnlichen Strebungen, die von körperlichen Organen abhängig sind. Wird also eine Entscheidung durch Gefühle oder Leidenschaften beeinflusst, so ist sie den Himmelskörpern unterworfen und nicht frei.

Mit Thomas müssen wir also auseinanderhalten:

1. Direkte Einflüsse der Himmelskörper auf den Körper des Menschen.

2. Indirekte Einflüsse auf das Seelenleben des Menschen.

Im ersten Falle handelt es sich um Einflüsse auf das körperliche Befinden des Menschen. Diese bewirken körperliche Gesundheit oder Störungen der Organfunktionen, also auch Krankheit und Tod. Solche Wirkungen stellt Thomas auf dieselbe Stufe wie Naturereignisse. Sie treffen in der Mehrzahl der Fälle ein und können mit grosser Wahrscheinlichkeit vorausgesehen werden.

Im zweiten Fall geht es darum, dass die Himmelskörper die menschliche Seele beeinflussen, indem sie auf körperliche Organe einwirken, die die Träger von Gefühlen und Leidenschaften sind. Solche Gemütsbewegungen machen zwar geneigt zur Ausführung entsprechender Handlungen, sie zwingen den Menschen aber nicht.

Thomas betont, dass es in der Macht des menschlichen Willens liege, entsprechend seiner vernunftgemässen Einsicht den gefühlshaften Neigungen zu folgen oder sie zurückzuweisen. Die Wahl- und Entscheidungsfreiheit ist also prinzipiell gewährleistet; Thomas ist aber doch der pessimistischen Ansicht, dass die Mehrheit der Menschen den gefühlsmässigen Antrieben folge und dass nur der Weise dank seiner Vernunft den Leidenschaften widerstehen könne. Häufig zitiert er das Sprichwort aus dem Centiloquium: "Sapiens homo dominatur astris". (Der Weise steht über den Sternen.)

Thomas gibt zu, dass die Astrologen menschliche Handlungen oft richtig voraussagen, besonders kollektive Ereignisse wie z.B. den Ausgang von Kriegshandlungen. Dennoch verbietet er ausdrücklich astrologische Voraussagen, die sich auf zukünftige menschliche Handlungen beziehen. Dieses Verbot begründet er damit, dass man durch solche Prognosen den Menschen den übrigen Lebewesen gleichstellen würde, die in ihrem Verhalten fast vollständig determiniert sind und dass man damit das spezifisch Menschliche, nämlich die Möglichkeit zu Freiheit und Selbstbestimmung, verleugnen würde.

In diesem letzten und meines Erachtens zentralen Punkt ist Thomas erstaunlich modern und für uns heutige Astrologen noch ganz aktuell.

Ich möchte in Erinnerung rufen, dass Thomas die Möglichkeit und Treffsicherheit von astrologischen Prognosen zum vornherein einschränkt. Schon im elementaren Bereich, in der Witterung und im Pflanzen- und Tierreich kann man Ereignisse nur in der Mehrzahl der Fälle (ut in pluribus) richtig prognostizieren. Dasselbe gilt für das körperliche Befinden des Menschen und mittelbar auch für sein Gefühlsleben. Was nun die menschlichen Handlungen anbetrifft, so könnten Prognosen auch in der Mehrzahl der Fälle zutreffen, aber der Möglichkeit des freien Willens wegen in etwas eingeschränktem Mass, sagen wir, nach heutiger Schätzung etwa in 60 oder 70 Prozent der Fälle.

Thomas verbietet solche Prognosen aber nicht etwa wegen der mangelnden Treffsicherheit, was auch ein Argument wäre, sondern ganz eindeutig aus ethischen Gründen, weil er nämlich nicht dulden will, dass in den freien Handlungsspielraum des Menschen eingegriffen wird.

Hier rückt er ganz in die Nähe von Punkt 5 des Moralkodexes unseres Schweizer Astrologenbundes (SAB), dessen wesentliche Forderung darin besteht, dass der freie Wille des Individuums nicht durch astrologische Prognosen eingeschränkt werden darf.

Natürlich werden wir heute, je nach den zugrundegelegten philosophischen, psychologischen und astrologischen Modellvorstellungen, diese Forderung anders begründen als Thomas, der ganz auf der aristotelischen Philosophie und Kosmologie aufbaute. Trotzdem glaube ich, dass seine astrologischen Thesen und insbesondere seine Erörterungen zu Determination und Willensfreiheit auch für moderne Astrologen noch interessant sind.

THOMAS VON AQUIN wurde um 1225 in Roccasecca, halbwegs zwischen Rom und Neapel, geboren. Ein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Sogar das Jahr ist umstritten: zwischen 1224 und 1227.

Mit ungefähr fünf Jahren wurde er Schüler der Benediktiner auf Monte Cas-sino, und mit vierzehn trat er in die Universität von Neapel ein. Als vier Jahre später sein Vater starb, trat er dem neugegründeten Predigerorden des Heiligen Dominik bei. Seine Brüder mochten das nicht leiden und setzten ihn 1244 eigenmächtig gefangen. Als er nach einem Jahr freikam, reiste er nach Paris, wo er Schüler von ALBERTUS M AGNUS wurde. Sechs Jahre später war er bereits Dozent, und 1256 erhielt er die Doktorwürde.

Von 1259-72 lehrte er u.a. in Anagni, Orvieto, Rom, Viterbo, Paris, und schliesslich wieder in Neapel. 1274, wieder unterwegs nach Paris, erkrankte er und starb am 7. März im Zisterzienserkloster Fossanova.

Sein universeller Geist hinterliess ein umfangreiches Schriftwerk. 1323 wurde er durch Papst Johannes XXII. heiliggesprochen. 1567 wurde er Doktor der Universellen Kirche (Pius V,), 1880 Patron aller katholischen Schulen (Leo XIII.), um schliesslich 1918 in den CODEX JURIS CANONICI aufgenommen zu werden.

Eine lange Reise durch die Geistesgeschichte Europas....