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Titel Ausgabe 44



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• Biografie

Das Horoskop von Jean Gebser

Dr. Rudolf Hämmerli

«Wir gehen immer verloren, wenn uns das Denken befällt, und werden wiedergeboren, wenn wir uns ahnend der Welt

anvertrauen, und treiben wie die Wolken im hellen Wind, denn alle Grenzen, die bleiben, sind ferner als Himmel sind.

Jean Gebser


Jean Gebser

20.August 1905 / 18h43 Posen D (Poznan PL)

Das Horoskop als PDF

Das Werk

Ursprung und Gegenwart heisst das Hauptwerk Jean Gebsers. Dieser Titel weist auf die Erfahrung hin, dass demjenigen, der ganz wach in der Gegenwart lebt, der Ursprung transparent wird. «Der Ursprung, aus dem heraus jeder Augenblick unseres Lebens lebt, ist göttlich-geistiger Art. Wer das verneint, verneint sich selber. Und es gibt derer ja genügend, die das heute tun. Wer es nicht verneint, in aller Einfachheit und Aufgeschlossenheit nicht verneint, ist heute bereits ein Mitarbeiter der Aperspek-tive, der integralen Bewusstsemsstruktur. Sie gründet in der Bewusstwerdung und Durchsichtig-werdung des Ganzen.» (Aus: Ursprung und Gegenwart.)

Die Kunst, gegenwärtig zu sein, muss erlernt werden. Eine Voraussetzung dafür ist, dass wir genau erkennen, was an Vergangenheit uns im jetzigen Zeitpunkt bestimmt, konditioniert, geiangenhält, aber auch, was uns bereichert, nährt und als befreiendes Potential in uns schlummert. In einer umfassenden Darstellung der Bewusstseinsgeschichte der Menschheit hat Gebser die uns latent bestimmenden Kräfte der Vergangenheit zu erhellen versucht. Magisches, mythisches, mentalrationales Bewusstsein überlagert und durchdringt sich. Die Klärung dieser Bewusstseinskräfte macht uns gegenwärtig und bereit zum Absprung in eine neue Bewusstseinsintensität, welche Jean Gebser das integrale (d.h. umfassende, ganzheitliche, nicht mehr rational fixierte) Bewusstsein genannt hat. Die Mutation, der Sprung in eine neue Qualität des Bewusstseins ist die Notwendigkeit unserer heutigen Wendezeit, und Gebsers Werk kann für viele von uns auf diesem Weg eine grosse Hilfe sein.

Das Leben

«Alle Dinge haben zwei, nein, noch mehr, ja unzählige Gesichter. Aber die wirklichen Stunden haben nur eines. Und dieses eine prägt und hat Gültigkeit und Dauer – bis zur Mächtigkeit der nächsten.» Was kann über das Leben eines Menschen gesagt werden, wenn man diese Zeilen Jean Gebsers ernst nimmt? Die äusseren Daten, die möglichen Kausalitäten im Nacheinander der Ereignisse sind nicht wesentlich, was zählt in einem Leben sind «die wirklichen Stunden», die gelebte Zeit, und die bleiben das unerforschliche Geheimnis jeden einzelnen. – Aber wenigstens einen Abschnitt lang soll der äussere Ablauf von Gebsers Leben dargestellt werden: Jean Gebser wurde 1905 in Posen geboren und starb 1973 in Bern. Zwischen diesen Zeitmarken liegt ein sehr bewegtes Leben. Nach den Schulen in Bres-lau, Königsberg, Rossleben und Berlin muss Jean Gebser aus wirtschaftlichen Gründen vorzeitig das Gymnasium verlassen und sein Geld als Banklehrling verdienen. Der Tod seines Vaters, als Jean Gebser erst siebzehn war, hat diesen Wandel mitbedingt (Jupiter-Übergang). Nach Beendigung der Lehre tritt er trotz guten Zeugnissen aus der Bank aus und gründet zusammen mit Stomps die Rabenpresse, einen avantgardistischen Verlag, wo er auch seine ersten Gedichte veröffentlicht. Doch bald tritt er auch aus diesem Betrieb aus und begibt sich auf Wanderschaft (Pluto-Übergang). Zuerst arbeitet er in Florenz in einem Antiquariat und macht dort die Buchhändlerlehre. Nach einem letzten Versuch, sich in Deutschland niederzulassen, verlässt Gebser 1931, weil ihm das gesellschaftliche Klima unerträglich geworden ist, endgültig seine Heimat. Er fährt nach Südfrankreich und bereitet sich dort auf das Leben in Spanien vor. Noch im selben Jahr reist er nach Südspanien, wo er in bescheidensten Verhältnissen lebt. Bald lernt er viele spanische Dichter kennen, unter anderen Lorca, dessen Gedichte er in die deutsche Sprache übersetzt (Neptun/Venus-Übergang). Der Bürgerkrieg vertreibt Gebser aus Spanien, das er fluchtartig verlässt. Nun beginnen die Hungerjahre von Paris, wo er Picasso kennenlernt. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vertreibt Gebser nochmals, diesmal flüchtet er sich in die Schweiz. Hier findet er die Ruhe, seine Werke Abendländische Wandlung (Sonne/ MK-Übergang), Ursprung und Gegenwart (V Übergang), Asien lächelt anders zu schreiben. Er hält viele Vorträge in der Schweiz und in Deutschland. Grosse Reisen führen ihn nach Asien, nach Süd- und Nordamerika. 1967 wird er Honorarprofessor für vergleichende Kulturlehre an der Universität Salzburg, kann aber diesen Lehrauftrag aus gesundheitlichen Gründen nie wahrnehmen. (Beim Marsübergang erste grössere gesundheitliche Probleme und Spitalaufenthalt, zugleich Scheidung von seiner ersten Frau. Beim Uranosübergang Berufung nach Salzburg, unmittelbar zuvor völliger gesundheitlicher Zusammenbruch, der nach eigenen Aufzeichnungen eine sehr bedeutsame seelische Erfahrung gewesen ist. Von dieser gesundheitlichen Schwächung hat er sich nie mehr ganz erholt.) Er bleibt in Bern bis ans Ende seines Lebens.

Zwei Episoden

In einem unserer letzten Gespräche in der Woche vor seinem Tod erzählte mir Gebser zwei Episoden, die für ihn selber kennzeichnend sind. In seinen Wanderjahren, als er 1931 von Frankreich nach Spanien wanderte, kam er einmal in ein spanisches Dorf, wo er seine strapazierten Schuhe dem dortigen Schuhmacher bringen musste. Es waren gute Schuhe. Der Schuhmacher, als Jean Gebser die Schuhe wieder abholte, empfing ihn mit den Worten: «Es war eine Freude für mich, diese Schuhe flicken zu dürfen.» Und er wollte keine Bezahlung annehmen. Jean Gebser hat oft den guten Handwerker als Vorbild für eine echte Lebenshaltung hingestellt, weil diese Menschen ein unbestechliches Qualitätsempfinden haben und die Realität sehen, weil sie nicht in die Illusion intellektuellen Scheinwissens flüchten können. – Dazu passt auch die zweite Episode, die er mir bei jenem Besuch erzählt hat: Er begleitete einmal einen Steinhauer in einen Steinbruch; der Steinhauer musste dort den Steinblock für eine grössere Plastik auswählen. Das war ein heikles Unterfangen. Von aussen

sah man dem Fels nicht an, ob innen nicht vielleicht ein Riss den Stein spalten und damit die Plastik verderben würde. Der Steinhauer ging nun einige Zeit schweigend im Steinbruch umher und bezeichnete nach einigem Abtasten genau die Stelle, wo geschnitten werden musste.

Diese Geschichten sind ein Bild für Jean Gebser selbst. Er selber hatte in besonderem Mass dieses Qualitätsempfinden und Gespür. Er selber war kein Sucher, sondern ein Finder. Die ganze Konzeption seines Werks ist eine gefundene, nicht eine konstruierte, am Schreibtisch entworfene. In einem privaten, auf Band aufgezeichneten Interview erzählt Gebser, dass er um 1932 in Spanien in einer Inspiration den Kern für sein späteres Werk erfahren hat (Merkur-Übergang). Er sagt dort, dass er sich am Nachmittag etwas hingelegt habe und in einem halbwachen Zustand, der einige Zeit gedauert haben muss, plötzlich die ganze Konzeption im Kern klar vor sich sah. «Dann machte ich mich an die Arbeit...», sagt Gebser in jenem Interview. Über zwanzig Jahre intensiver Arbeit waren notwendig, bis er in Ursprung und Gegenwart die Summe seiner Einsichten und Erfahrungen ziehen konnte.

Das Horoskop Aspektfigur

Das weitgespannte, umfassende Aspektbild springt zuerst in die Augen: der fest gefügte Drachen, aus dem ein Leistungsviereck, ein Feuerrad herausragt. Ein Feuerdrachen, könnte man sagen. Jean Gebser liebte die chinesische Darstellung der fliegenden Feuerdrachen, welche im Unterschied zur europäischen Tradition keine Höhlenwesen, sondern Luftwesen sind, Helfer der Weisen und Symbole machtvoller Inspiration. Gebser hatte in seiner Wohnung überall solche Drachendarstellungen aufgehängt oder hingelegt. Es ist so, als würde die Energie des roten Quadrates den Drachen zum Fliegen bringen, vielleicht zum Fliegen zwingen.

Damit ist aber nicht das ganze Aspektbild beschrieben: Die beiden grossen Figuren, die ineinander liegen und durch zwei grüne Aspekte erst recht ineinander verwoben sind, werden ergänzt durch die Strichfigur, die der Pluto vom kollektiven Raum des vierten Hauses und des dritten Zeichens zur Sonne bildet, ein Hinweis auf Gebsers feine Gespür für sich anbahnende Umwandlungen im kollektiven Bewusstseins, der Mentalität einer bestimmten Zeit. – Erstaunlich ist aber, dass immer noch drei Planeten übrigbleiben, die vom grossen Zusammenhang getrennt eine eigenständige Figur darstellen. Der für einen Schriftsteller, Dichter und Überseter so wichtige Merkur ist in einer eigenen Strichfigur mit Neptun und Venus verbunden, und es scheint, als habe am Anfang Gebser gerade mit dieser von der grossen Figur abgelösten Konstellation seine ersten Werke geschrieben. Sein erstes Werk war noch nicht, wie später sein Hauptwerk, einer synoptischen Sicht quer durch die Zeiten, Kulturen, Künste und Wissenschaften gewidmet. Das erste, was Gebser schrieb, waren kleine Gedichte, Übersetzungen spanischer Gedichte, mit deren Autoren er persönlich befreundet war, sein erstes Buch war eine Monographie über Rilke: Rilke und Spanien, das zuerst in spanischer Sprache abgefasst wurde und auch aus Liebe zur spanischen Landschaft und Kultur entstanden war. Das künstlerisch-phantasievolle Schreiben, nicht zuletzt auch im Dienste der Liebe und Freundschaft (y 9), war für Gebser der Anfang. Es war aber gerade der Altersübergang des Neptun, der ihm eine Dimension öffnete und seine Sonderbegabung für Sprache, fürs Schreiben in den Dienst eines grösseren Zusammenhangs stellte. In einem veränderten Bewusstseinszustand hat Gebser damals, wie ich oben beschrieben habe, keimhaft gesehen, was er dann in all den Jahren durch seine Arbeit zur Entfaltung bringen musste.

So ergänzen sich also in Gebsers Horoskop zwei Figuren. Eine grosse, umfassende, welche alle Persönlichkeitsplaneten verbindet und eine kleine, in der interessanterweise gerade die besondere Begabung dieses Menschen als Schriftsteller liegt; das erstaunt aber nicht, wenn man weiss, dass Sonderbegabung oft durch abgehängte Planeten oder wie hier durch abgehängte Figuren angezeigt sind, vielleicht weil der Zwang zur Kompensation so gross ist. (Eine interessante Parallele ist das Horoskop von D. H. Lawrence. Auch bei diesem ausserordentlichen Schriftsteller ist der Merkur, wie bei Gebser, nicht nur eingeschlossen in der Jungfrau, sondern mit Saturn, Pluto und Uranus ebenfalls in einer eigenen, mit dem übrigen Horoskop unverbundenen Strichfigur.)

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Drachen

Zurück zur grossen Figur: Der Drachen besteht aus den drei Persönlichkeitsplaneten und dem Uranos, der diese Integration der dreifachen Persönlichkeit als übergeordnetes geistiges Prinzip vollzieht. Die feste Verbindung aller Persönlichkeitsplaneten schafft dem Ich-bin-Archetyp gemäss die persönliche Sicherheit und Unantastbarkeit, welche aber durch den Uranos und nicht zuletzt eben durch die harmonisch festgefügte Form des Drachens, über das Persönliche hinaus, eine geistige Sicherheit bedeutet.

Im letzten Text, den Gebser kurz vor seinem Tod geschrieben hat, geht er auf das Thema Sicherheit ein. Über unsere Zeit schreibt er: «Die innere Sicherheit haben wir verloren, die Käfigsicherheit gewonnen.» Sein letzter Vortrag hat den Titel: Urangst und Urvertrauen. Der Gewinn der inneren Sicherheit, die apersonal, ichfrei ist, das ist ein Grundanliegen Gebsers, gespiegelt in diesem stolzen Drachen, der die Persönlichkeitsplaneten integriert, aber auch, und das ist entscheidend, relativiert durch ein viertes, geistiges Prinzip: den Uranos.

Bedeutsam ist auch, dass alle im Drachen beteiligten Planeten auf der Zeichengrenze stehen. Nur die Sonne ist mit 27 Grade etwas weiter davon entfernt, wird aber durch die Konjunktion mit dem Mondknoten, der wieder exakt zwischen den Zeichen steht, ebenfalls dorthin gezogen. Was also der Drachen an persönlicher Festgefügtheit und persönlicher Macht zum Ausdruck bringt, wird durch die Grenzstellung der Planeten wieder zurückgenommen. Meiner Ansicht nach bringt dieser Widerspruch zwischen Planetenstellung und Aspektbild etwas sehr schön zum Ausdruck, was in der Person und auch im Werk Gebsers mir immer aufgefallen ist. Obwohl Gebser von dem, was er gesehen und erkannt hat, unverrückbar überzeugt war, brachte er sich selber wenig ins Spiel, verzichtete er, sich ichhaft in den Vordergrund zu boxen. Er lässt andere zu Wort kommen. In seinen Werken werden z.B. sehr viele Autoren verschiedenster Richtungen zitiert und erwähnt, die einander ergänzen und das mit ihren Worten zum Ausdruck bringen und belegen, was Gebser selber meint. Dabei geht es ihm weniger um eine akademische Absicherung seiner Gedanken, es geht ihm vielmehr, wie er im Vorwort zu Ursprung und Gegenwart schreibt, um Objektivität. Je mehr schöpferische Menschen unabhängig voneinander ähnliches erkennen, desto dichter wird das geheime Netz der sanften Verschwörer. Der Einzelne ist hier nicht so wichtig. Gebser hat es auch in seinem Leben «versäumt», eine «persona», einen Ichpopanzen aufzubauen. Er wurde zwar gegen Ende« seines Lebens als Professor nach Salzburg berufen, er hat aber diese späte Ehrung aus Gesundheitsgründen nie wahrnehmen können. Er blieb der Autodidakt, der freie Schriftsteller, der Pionier. Die Planeten auf der Zeichengrenze (auch Mars wäre hier einzuordnen) sind bei Gebser wohl nicht Ausdruck für generelle «Energieschwäche»; diese besondere Stellung von fünf Planeten, darunter alle Ich-Planeten, bedeutet in seinem Horoskop einmal die Relativierung des Ichhaften und zum ändern unterstreicht es die Tatsache, dass Gebser zu seiner Zeit – heute ist das anders geworden – ein einsamer Pionier war, der von vorne anfangen musste und ins Weglose vorzustossen hatte. Nullpunkt im Zeichen heisst ja auch, zwischen Ende und Anfang stehen. Eine Zeit geht für Gebser zu Ende: die Zeit der patriarchalen Vorherrschaft des Intellekts, und eine neue Zeit kommt: die Zeit des integrierenden, des integralen Bewusstseins. Der Mondknoten scheint mir daraus die Summe zu ziehen: zwischen Löwe und Jungfrau im siebten Haus gibt er den Auftrag, die ichhafte, subjektive Welt des Löwen in den Dienst einer objektiven Welt zu stellen, Wissen nicht nur persönlich zu assimilieren und darzustellen, sondern auch zu sammeln und den anderen Menschen weiterzugeben.

Bewusstsein

Viel wäre noch zu diesem Drachen zu sagen. Wenigstens etwas will ich noch erwähnen: Gebser unterscheidet in seinem Werk verschiedene Bewusstseinsstrukturen, welche im Laufe der Menschheitsgeschichte vorherrschend die Menschen geprägt haben: Magie, Mythos, Logos haben sich abgelöst. Während der Logos sich nur freimachen konnte im Gegensatz und in Ablehnung der vergangenen magisch-mythischen Welt, wird es aber heute im integralen Bewusstsein möglich, den Logos zu relativieren, an seinen Platz zu stellen und die effizienten und heilenden Möglichkeiten von Magie und Mythos wieder zu entdecken und zu leben. Für mich ist der Drache in Gebsers Horoskop eine Figur, die diesen von Gebser ausführlich in seinem Werk dargestellten Integrationsprozess abgekürzt darstellt. Saturn steht für die magisch-mütterliche Welt, für das naturhafte Ritual, das uns zunächst ganz erdhaft beschützen soll vor den sonst unkontrollierbaren, übermächtigen Naturgewalten; im schweigenden Ritual, in der fest gefügten und genauen Formel, im mütterlichen Schutz der eingeweihten Wissenden, die noch keine individuelle Züge tragen, in der nicht nur saturnischen Scheu vor der Grenze des Tabus, sondern auch im grenzüberschreitenden saturnalischen, orgia-stischen Kult, der aber nur noch elementarere Gesetze und Grenzen

enthüllt als die Gesetze und Grenzen von Sitte und Brauchtum. Die Gebundenheit ans Reich der Mütter ist für Gebser ein sehr wichtiges Thema. Er schrieb ein Buch über seinen Freund Lorca: Lorca oder das Reich der Mütter ; es ist auch ein Buch über sich selbst. Und in seiner Autobiographie Die schlafenden Jahre wird die eigene Mutter als eine sehr belastende Erfahrung dargestellt, worauf ich später eingehen werde. Hier nur soviel: Er hat die Mutter als sehr magisch mächtig erlebt. Das Magische geht im Saturnischen nicht auf, wie auch der Saturn im Magischen sich keineswegs erschöpft. Pluto ist sicher wichtiger für die durchdringende, verwandelnde Präsenz des Magischen, aber Saturn hat auf der körperhaften Ebene den Aspekt ganz elementarer, gleichsam schwieriger Rituale, die zwingend und bindend wirksam sind. Gebser beschreibt in diesem Zusammenhang ein Jagdritual der Pygmäen, das schweigend vollzogen wird und der Konzentration und Machtansammlung vor der Jagd dient. Auch das elementare magische Gesetz der Entsprechung, dass so, wie man innen ist, die Welt von aussen einem entgegentritt, dieses karmische Gesetz, das uns in die Verantwortung für unsere eigene Energie stellt, ist saturnisch und ist so lange schicksalhaft, bis die Verantwortung übernommen wird. Saturn ist, wenn er bewusst geworden ist, nicht mehr Schicksal, sondern Verantwortung. «Gewusstes ist kein Schicksal mehr», sagt Gebser in seinem Wintergedicht.

Der Mond steht für die mythische Welt der Bilder, dem Magischen nicht entgegengesetzt, sondern verwoben darin (der Mond und der Saturn haben ja auch dieselbe Masseinheit in Monaten bzw. Jahren). Gebser beschreibt das Mythische als die Welt der Ambivalenz des Sowohl-als-auch, der Bilder, die nicht eindeutig, sondern vieldeutige Spiegelbilder sind, die sich dauernd verändern, die sich verflüchtigen, sobald man sie begrifflich festhalten will. Es ist die Welt der unumschränkten und noch uneingesehenen Projektionen, welche alles beseelen.

Die Sonne steht für das Mentale, das für Gebser verbunden ist mit Ich-zentrierung, dem Sich-absondern vom anderen. Es ist die perspektivische Welt des Gegenüber, die dualistische Trennung von Subjekt und Objekt, von Ich und Welt. Zugleich ist das sonnenhafte Bewusstsein aber die Voraussetzung für eine klare, wunschfreie, bewusste Ich-Du-Beziehung.

Wenn man im Sinne der Lebensuhr den Persönlichkeitsplaneten in Gebsers Drachenfigur folgt, so haben wir die Reihenfolge: Saturn, Mond und Sonne, wie sie auch den von ihm beschriebenen Bewusstseinsstrukturen weitgehend entspricht. Der Uranos als vierter Eckpunkt des Drachens steht für das integrierende, neue Bewusstsein, das sich von den vergangenen und erworbenen Bewusstseinsstrukturen dadurch unterscheidet, dass wir heute die verschütteten und verleugneten Bewusstseinskräfte integrieren können, ohne regressiv in sie zurückzusinken, und dass geistiges Wissen nicht mehr durch Priesterschaft, Ritual, Mythos oder Theologie indirekt vermittelt werden muss, sondern der schöpferischen Einsicht und dem schöpferischen Fragen des Einzelnen unmittelbar geöffnet werden kann: «hei-lig-nüchtern», nennt Gebser dieses Bewusstsein mit einer Formulierung aus Hölderlins Gedicht Hälfte des Lebens. Im Drachen Gebsers sehe ich also eine Art Kurzformel für seine Hauptgedanken: die Ordnung in seinem Horoskop entspricht der Ordnung in seinem Werk.

Rotes Viereck

In den Drachen eingeschrieben ist das Leistungsviereck mit zwei Ecken, die aus der Drachenfigur herausstehen und beide entweder nur rot oder rot-grün aspektiert sind. Diese Ecken sind Mars und Jupiter, die auf der Denkachse gerade in doppelter Weise eine Opposition bilden: Jupiter ist nicht nur im dritten Haus, sondern auch im dritten Zeichen, der Mars Ende Skorpion auf der Grenze in den Schützen im neunten Haus. Damit ist die Denkachse stark betont, die Leistung oder der Leistungszwang des Vierecks findet in dieser Verspannung statt. Der dreifach veränderlich (in Zeichen, Haus und Hausbereich) stehende Jupiter deutet auf einen Menschen hin, der ungeheuer viel Information aufnimmt und umsetzt. Gebsers Interesse für die unterschiedlichsten Wissensgebiete, für die unterschiedlichsten Kulturen war unbegrenzt und unstillbar. Seine Bibliothek glich einem Bergwerk; die Thematik erstreckte sich, seinem Werk entsprechend, von der Zwölftonmusik über Physik bis zu tibetischen Geheimlehren, wobei er die wichtigsten Vertreter einer bestimmten Richtung oft persönlich kannte, so z.B. Heisenberg, Portmann oder seinen Freund Lama Govinda. Gebser las und verarbeitete diese Fülle an Stoff nicht als Spezialist einer bestimmten Fachrichtung. Dem Jupiter gemäss war die Informationsverarbeitung synthetisch: wichtig waren ihm die Gemeinsamkeiten, der rote Faden, die Fussspuren eines neuen Bewusstseins. Der Mars im neunten Haus auf der anderen Seite entspricht dem einsamen geistigen Kampf, den er einmal in sich selber auszu-fechten hatte, zum ändern auch dem Kampf um Anerkennung von Ideen, die in den 50er Jahren alles andere als genehm waren. Zur Zeit des Wirtschaftswunders hörte man nicht gern, dass die Zeit des Rationalismus und Materialismus schon gestorben sei, und dass jeder, der sich noch damit identifiziert, ein toter Totengräber ist; «lass die Toten ihre Toten begraben», sagt Jesus. Gebser stiess in der akademischen Welt sehr oft auf heftige Ablehnung oder gar auf kalte Missachtung seiner Erkenntnisse. So war sein Kampf denn auch im Widerspruch zur gängigen Meinung des dritten Hauses, im Widerspruch zur Schulintellektualität der «gebildeten Masse». Dieser Kampf, sich Gehör zu verschaffen in einer Welt, die nur an den Verstand zu glauben schien, dieser Kampf hat Gebser nicht zuletzt auch seine Gesundheit gekostet und ihn auch persönlich oft niedergeschlagen, ohne ihn allerdings bitter zu machen. Die Überforderung von Körper und Vitalität ist angezeigt in dem Kontrast

zwischen dem Leistungsviereck, das viel Energieumsatz will und den Nullgrad-Planeten, die dafür zu wenig Energie liefern. Im Volksmund nennt man das «die Kerze von beiden Enden her abbrennen». Nicht zu vergessen ist, dass der Ausgangspunkt für Gebsers umfassende Studien autodidaktisch war von Anfang an. Umso mehr war er auf eigene Leistung angewiesen und gezwungen, sich das Wissen durch dauerndes Lernen und Weiterarbeiten anzueignen.

Gebser war, wie ich ihn erlebt habe, ein heiterer, eigentlich festlicher Mensch. Sein lautes und ansteckendes Lachen war bei allen, die ihn gekannt haben, beliebt und unvergesslich. Und doch war Gebser eigentlich kein gesellschaftlicher Mensch, er stand allein. Und er hatte diese kristalline Atmosphäre eines Menschen um sich, der allein sein kann. Heimatlos ist er in der Welt herumgezogen, intellektuell ist er ungebunden an irgendeine Fachrichtung geblieben, weltanschaulich hat er sich nie einer Gruppe oder Konfession angeschlossen. Wo zeigt sich diese ausgeprägte Ungebundenheit in seinem Horoskop? Mir scheint es vor allem in der Gesamtanlage zum Ausdruck zu kommen. Kein Quadrant ist betont, kein Haus ist zentral auf Kosten aller anderen. Diese offene Vielfalt ist verbunden mit der Kompaktheit und Geschlossenheit der Hauptfigur, das bedeutet doch eine gebündelte, beharrliche Kraft, die in die verschiedensten Richtungen aufbrechen kann, ohne auf ein Gebiet sich festzulegen und zu beschränken.

Eltern

Im Drachen ist die Opposition von Sonne und Saturn verborgen, und es wird gesagt, dass der Drache erst dann befreit ist und «fliegen» kann, wenn der innere Konflikt bewältigt und nicht verdrängt und durch die äusseren blauen Linien verdeckt wird. Für das Kind Jean Gebser war die Opposition auf der Begegnungsachse die fast zerstörerische Erfahrung der Disharmonie zwischen Vater und Mutter gewesen, wobei er es als Kind beiden recht machen wollte, was die blaue Bindung des Mondes an die Planeten Saturn und Sonne anzeigt. (Im Häuserhoroskop fällt diese Elternbindung ganz weg, und der Saturn ist reduziert auf die Opposition zu Sonne/Mondknoten.) Eine lebenslustige, unberechenbare, dominante und selbstbezogene Mutter

(erstes Haus) scheint einen allzu korrekten, allzu aufopfernden (siebtes Haus), warmherzigen und gebildeten Vater in den frühen Tod getrieben zu haben; so beschreibt Gebser in seiner Autobiographie seine Kindheitserfahrung. Dass er seine Mutter trotzdem sehr geliebt hat, zeigen Tagebuchnotizen des Jugendlichen. Was also auf der Kindstufe katastrophal gewesen sein muss, wurde später zu einem Antrieb, gerade das zu versöhnen, was in unserer patriarchal rationalen Kultur sich noch bekämpft: Materie und Intellekt, Körper und Verstand, das Reich der Mütter und die Herrschaft der Väter. Gebser macht in seinem Werk darauf aufmerksam, dass unser Materialismus letztlich eine Mutterverfallenheit darstellt, weil wir die Mutter, die Materie als siebengescheite Köpfe verachten. Wir werden gerade vom Gegenprinzip in den Bann geschlagen. Gebser selber musste einen harten Kampf ausfechten, um aus dem Reich der Mütter sich zu befreien, in das er dadurch geriet, dass er seine Mutter nicht verachtete, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt ins Dunkel des Vergessens stellte. Er befreite sich aus diesem Reich der Mütter beim Alterspunktübergang von Sonne, Opposition Saturn und Konjunktion Mondknoten, in der Zeit, in der er nicht nur sein erstes grosses philosophisches Werk Abendländische Wandlung schrieb, sondern auch seine erste Frau kennenlernte und heiratete. Hier fand er ganz zu seiner schöpferischen Aufgabe und wagte es auch wieder, dem Weiblichen zu begegnen. Die Opposition von Saturn und Sonne weist im Grunde auf den alchemischen Prozess hin, in dem aus dem Blei des Saturn das Gold der Sonne werden soll. Dieser Alchemie dient in Gebsers Horoskop einerseits der Mond, die Gefühlswelt, die zuerst erleidend den Konflikt der Eltern erleben musste, andererseits der Uranos, die schöpferische Frage nach dem Sinn dieses Leidens. Ein Gedicht von Gebser beschreibt diese Umwandlung der Saturn-Sonne-Opposition in die Harmonie des fliegenden Drachen,

wobei der Saturn als Teil der roten Figur im Gedicht als Granit und der Drache als Falter erscheint, die Sonne fehlt nicht, auch nicht das Meer des Mondes, wobei nicht zu übersehen ist, dass das Gedicht auch bei der Sonne nicht stehenbleibt, sondern uranisch darüber hinausweist. Das folgende Gedicht schrieb Gebser zuerst in Spanisch und übersetzte es dann selber:

Milicroque ist der regionale Name einer zartblauen Blume, die an den Mauern von Santiago de Compostela blüht.

«Zuviel erklären macht die Dinge dunkel», schrieb Gebser einmal in sein Tagebuch. Ich möchte deshalb mit diesem Gedicht meine Ausführungen abschliessen.

Milicroques

Falter, der hin zum Zenith über das Meer hinschwingt, Blume, die aus dem Granit der Mauer entspringt: beide sind sie aufs Mal zart und ein starker Gesang:

Kelch, der leuchtend und rein

sich gleich dem Himmel bewegt,

Flügel, der ganz allein

ganz eine Sonne trägt:

Welche Wandlung an Schicksal

welch lauterer Übergang:

Blume,

die in Flug übergeht

Flug,

der als Sonne verweht.

PS: Persönlich verbindet mich mit Jean Gebser, dass ich ihn in seinen letzten Jahren persönlich gekannt habe und sein Schüler war, und dass ich nach seinem Tod die Gesamtausgabe herausgegeben habe, die im Novalis Verlag Schaffhausen erschienen ist, gebunden und als Kassette in paperback. Eine schöne Einführung in sein Denken ist das Goldmann-Bändchen: Jean Gebser Ausgewählte Texte, Sein Hauptwerk ist auch im dtv-Taschenbuchverlag erschienen.