Astrolog-Archiv

(Bitte auf den jeweiligen Ausgaben-Block klicken, um die entsprechenden 20 Ausgaben anzuzeigen)
Artikel in grüner Farbe sind ohne Login zugänglich!
Ausgaben » [1-20] [21-40] [41-60] [61-80] [81-100] [101-120] [121-140] [141-160] [161-180] [181-200] [201-218] Aktuelle Ausgabe
• Suche (Autoren, Titel, etc.) » Inhaltsverzeichnis • Suche nach Begriffen in Artikeln »
Titel Ausgabe 52



Archiv-Übersicht
Nach oben Nach oben
Zurück Ausgabe 52 vom 23.10.1989 • Seite 2ohne Login!

• Theorie der Astrologischen Psychologie

Begegnung mit Orten

Bruno Huber

«Immer ist das Schwächere dem Stärkeren, das Besondere dem Allgemeinen unterworfen»

Claudius Ptolemäus

Schon Eratosthenes (ca. 200 v. Chr.) hat die Welt in vier Quadranten eingeteilt. Er hat sich Gedanken gemacht über die Unterschiede in den verschiedenen Landschaften – in deren Beschaffenheit, in ihren Klimatas, ihren verschiedenen Völkern und deren unterschiedlichen Lebensweisen. Ptolemäus (um 150 n. Chr.) hat seine Gedanken konsequent astrologisch verarbeitet und in ein System gebracht, das uns zum Teil heute noch beschäftigt. Beide Autoren gingen von der Grundvoraussetzung aus, dass der Mensch durch die Landschaft in der er lebe bestimmt werde (siehe obiges Zitat). Seither haben sich Astrologen damit beschäftigt, den Einfluss der natürlichen Umwelt auf das Einzelschicksal astrologisch-methodisch zu erfassen. Deshalb gibt es heute im astrologischen Methodenangebot auch eine ganze Anzahl von ortsbezüglichen Techniken. Der Artikel möchte eine davon – das Ortshoroskop – näher darstellen und begründen.

Antike und Gegenwart

Man muss sich darüber klar sein, dass die Versuche der Antike, die Natur von Landstrichen astrologisch zu ergründen und festzulegen, nur ein ganz klares Ziel hatten, nämlich, Prognosen für das Kollektivgeschehen machen zu können. Die Geschichte zeigt deutlich, dass die Astrologen der Vergangenheit – je weiter wir in diese zurückgehen – mehr zur Astrologie als Kunst des Wahrsagens neigten (ursprüngliche "Omen-Astrologie"). Und je weiter die astrologische Geschichte zu unserer Gegenwart hingeht, umso häufiger werden die Versuche, aus dem persönlichen Horoskop den Charakter der Person zu definieren. Zuerst in einer ethisch-philoso-phischen Weise (Schwarzweiss-Charakterisierungen) – in jüngerer Zeit aber setzte sich immer mehr eine eigentlich psychologische Denkweise durch.

Die heutigen fortschrittlichen Astrologien bezeichnen sich mit Vorliebe als "psychologische Astrologie". Ihr Bestreben ist es also den Menschen als psychisches Wesen zu verstehen, und ihn so zu definieren, dass er damit mehr Einsicht in seinen Charakter, und damit wiederum mehr Freiheit in der Handhabung seiner Fähigkeiten erlangt. Die Tendenz geht auch dahin, das Horoskop nicht mehr als eine Ansammlung determinierender Faktoren zu sehen, sondern als ein Anzeigeinstrument für vorgelegte Wesensstrukturen, deren Gestaltung und Umsetzung im Leben jedoch in hohem Grade von der Erkenntnis und der freien Entscheidungskraft des Individuums abhänge. – Und natürlich von den Reizen und Wirkungen der Umweltfaktoren, wie es etwa soziale Umstände, kulturelle und politische Einflüsse und anderes mehr darstellen, die – wie viele Fachleute behaupten – im Horoskop nicht dargestellt seien.

Umwelteinflüsse

Darüber mag man sich in guten Treuen streiten. Aber eines steht fest: die meisten heutigen Astrologen sind sich der Bedeutung nicht genügend bewusst welche die natürlichen Umwelteinflüsse wie Landschaftsgestalt, Klima, natürliche Resourcen und vorherrschen-der Menschentypus, für den Einzelmenschen haben. Wir werden aber als Astrologen häufig mit Fragen konfrontiert wie: "Seit ich an diesem Ort lebe, geht es mir einfach nicht mehr so gut. Bin ich am falschen Ort? Und wo wäre es denn gut für mich? Können Sie das aus dem Horoskop auch sehen?"

Wir können tatsächlich. Und zwar mit dem Ortshoroskop, indem wir aus dem Grundhoroskop des betreffenden Menschen sein persönliches, "angeborenes" Häusersystem herausnehmen und es durch das überindividuelle, für diesen Ort immer wirksame, also ortseigene System ersetzen. Wir gehen dabei von zwei Voraussetzungen aus:

1. Das Häusersystem stellt im Horoskop immer die Sensibilisierung für die Umwelt dar, und daher sagt es auch etwas über die Forderungen der Umwelt aus, denen ich im täglichen Leben gegenüberstehe.

2. Jeder Ort auf der Welt hat sein eigenes Häusersystem, das die speziellen Bedingungen dieses Ortes definiert. Jeder Ort hat also seine ihm eigenen Erwartungen und Herausforderungen an jeden einzelnen Menschen der sich hier aufhält, hier leben will.

Und hier muss eine wichtige Unterscheidung gemacht werden. Die beiden Häusersysteme – das individuelle des Radix und das überindividuelle des Ortes – unterscheiden sich sehr klar schon dadurch, dass ich das erstere durch mein ganzes Leben mit mir herumtrage, während das zweite nur solange wirksam ist, als ich mich an dem entsprechenden Ort aufhalte. Die Radixhäuser, so könnte man sagen, zeigen an wie ich die Umwelt sehen will, ganz gleichgültig um welche Umwelt es sich gerade handeln möge. Ich gehe also mit einer Brille auf der Nase herum – so bin ich es gewöhnt – und möchte am liebsten mich weigern, die Veränderungen der Umwelt wahrzunehmen wie sie sich etwa durch eine Reise an einen anderen Ort ergeben. Ich denke da z. B. an den typischen Touristen, der alles komisch oder sogar "primitiv" findet was nicht so ist wie zu Hause.

Ortshäuser

Die Ortshäuser hingegen treten sozusagen von aussen an mich heran. Sie wollen mir mitteilen, wie hier an diesem Ort die Lebensbedingungen sind und wie ich meine angeborenen Fähigkeiten einbringen soll, wie ich sie umsetzen kann, und was hier nicht so gefragt oder beliebt ist als woanders. Wenn ich zum Beispiel im Radix meine Sonne im Talpunkt neun stehen habe, nun aber an einem Ort lebe wo diese Sonne an die fünfte Spitze gesetzt wird, (so ist das mir passiert) dann ist das ein Aufruf dieser Gegend, mein Ego mehr einzubringen. Was nicht nur immer "gut" zu sein braucht, denn es dürfte augenfällig sein, dass eine solche Aufgabe von einer Widdersonne leichter bewältigt wird als durch eine Sonne in den Fischen.

Nun stellt sich die Frage: "Welcher Ort untersteht welchem Tierkreiszeichen?" Die Frage klingt heute etwas laienhaft, um nicht zu sagen simpel. Aber so einfach wurde sie eben ursprünglich gestellt – eben durch so gewichtige Leute wie Eratosthenes oder Ptolemäus. Letzterer hat die (damals bekannte) Welt in vier Quadranten eingeteilt, diese den Temperamenten zugeordnet, und dann die vier verfügbaren Räume trickreich in Sektoren der temperamentsgleichen Zeichen aufgeteilt. Die Zeichnung macht das System deutlich. Dazu muss man wissen:

1.Ptolemäus und seine Zeitgenossen haben Aleppo als etwa die Mitte der Welt angesehen (ca.36°N und 37°E).

2.Die Welt wurde damals als eine begrenzte Platte gesehen (obschon Eratosthenes 400 Jahre früher nicht nur überzeugt war, dass die Erde rund sei; er rechnete auch ihren Umfang mit 40000 Km fast exakt aus!) -und diese Platte war sehr klein. Auch dies macht die Zeichnung deutlich.

Die Begründungen die Ptolemäus für seine Zuteilung der Zodiakzeichen zu gerade diesen Landstrichen anführt, mögen für die damalige Zeit wohl gut gewesen sein. Für einen heutigen Menschen sind sie schlicht gegenstandslos. Und doch gibt dieses System auch heute noch, so grob über den Daumen gepeilt, etwas her. Die Gründe dafür sind mir persönlich unverständlich, obschon sich grobe Entsprechungen mit modernen Systemen finden lassen.

Hier muss übrigens erwähnt werden, dass Ptolemäus nur Landschaften astrologisch zugeteilt hat. Die Zurodnungen der Städte der alten Welt, die auch immer ihm zugeschrieben wird, stammt nicht wirklich von ihm. Sie muss das Produkt seiner Zeitgenossen sein. (Übrigens gibt auch diese noch etwas her – manchmal mehr als die der Landstriche!).

Dass dieses System aber nicht mehr genügt, haben die Astrologen spätestens im Zeitalter der Entdeckungen gemerkt, denn für die neue Welt macht es keine Aussagen. Verschiedene Versuche von Astrologen der Renaissance und folgender Zeiten, das ptolemäische System zu erweitern, oder ein neues, weltumfassendes Konstrukt zu schaffen, scheiterten an der Uneinigkeit über die Frage wo der Null- oder Messpunkt eines Systems zu setzen sei. Erst in diesem Jahrhundert – nach der globalen Einigung auf Greenwich als Messmeridian – tauchte der Gedanke auf, man könnte den natürlichen Ortsmeridian (was wir astrologisch als MC, Medium Coeli bezeichnen) und den örtlich dazugehörenden Ost-Horizontpunkt (AC) zur Ermittlung von Ereignispunkten heranziehen. Es entstand nämlich unter Mundan-Astrologen immer stärker das Bedürfnis auffällige, kollektiv wirksame Ereignisse örtlich genau zu erfassen; das heisst, man wollte wissen warum z. B. eine Naturkatastrophe oder eine Volkserhebung u. a. m. gerade da, und nur da geschehen konnte.

Geodätische Entsprechungen

Meines Wissens war es der bekannte englische Astrologe SEPHARIAL in einem winzigen (also recht schüchternen) Büchlein, "Geodetic Equivalents" erschienen 1925 in London, der diese Idee konsequent umsetzte und sogar schon eine Liste von 80 Weltstädten lieferte, für die er die Orts-Aszendenten und -Meridiane ausgerechnet hatte. Unser Titelblatt stellt dieses System in anschaulicher Weise für Europa dar. Die blauen Striche (sie liegen parallel zu den Längengraden des Erdglobus) zeigen hier die Orts-Meridiane in 5°-Schritten an. Die dicke Linie die durch London geht (Greenwich = Nullmeridian) ist also der Nullpunkt des Zodiak (0° Widder). Links davon liegt das Zeichen Fische das weitgehend Ozean überdeckt, rechts davon Widder, der also den grössten Teil von Europa beherrscht (eine teilweise Übereinstimmung mit Ptolemäus!).

Nun ist diese Herrschaft nur diejenige des MC. Die roten Striche, die diagonal zum globalen Netz der Längen- und Breitengrade laufen, stellen die jeweiligen Orts-Aszendenten dar. Das bedeutet, dass in Europa ein Ort entweder Krebs oder Löwe am Aszenten hat. Die Grenze zwischen diesen beiden Zeichen läuft von Island über Nordschottland, touchiert Städte wie Rotterdam, Zürich, Florenz und schneidet Sizilien vom italienischen Stiefel ab.

Individuelle Anwendung

Das Arbeiten mit diesem System im mundan-astrologischen Zusammenhang ist, aus meiner diesbezüglichen, allerdings recht spärlichen Erfahrung, nicht so recht überzeugend. Doch dann kam ich auf die Idee dasselbe auf das persönliche Horoskop anzuwenden. Ich weiss nicht, ob andere Astrologen diesen Versuch auch schon gemacht hatten – für mich war es jedenfalls Neuland. Es erforderte auch einen wesentlichen Schritt, nämlich nicht nur mit dem Orts-AC und -MC zu arbeiten, sondern auch alle übrigen Häuser einzubeziehen, weil es sonst nicht kongruent mit den Handhabungen im Grundhoroskop gewesen wäre. Für einige Zeit musste ich mich suchend und lernend durchtasten. Doch recht bald zeigten die Tests mit meinen Versuchspersonen sehr überzeugende Resultate, und heute muss ich sagen, dass ich auf dieses Instrument nicht mehr verzichten möchte.

Das Ortshoroskop vermittelt erhebliche und wichtige psychologische Einsichten. Bekanntlich gibt es äus-sere Faktoren, die ganz und gar nicht Eigenschaft eines bestimmten Menschen sind, und deshalb zur Unverträglichkeit mit diesen führen können. Wir kennen das vom Partnervergleich her, wenn bestimmte Eigenschaften des Partners aus der eigenen Anlage heraus überhaupt nicht beantwortet werden können, und dann mit der Zeit zu allergischen Reaktionen und Aversionen führen – ein berechtigender Grund jeweils zur Trennung oder Scheidung. Und gleichermassen kann eine Unverträglichkeit mit einem Ort einem Menschen nicht zu bewältigende Probleme schaffen, sodass er von diesem Ort weggehen muss.

Nur – im Falle einer Unverträglichkeit mit einem Ort, der immer ein "Stärkeres" ist (vergl. mit dem Eingangszitat!), kann das zur Behinderung des Charakters so entscheidend beitragen, dass er schliesslich total inhibiert, d.h. nach aussen nicht mehr aktionsfähig ist. Extreme und andauernde depressive, kathatone oder hysterische Zustände können die Folge sein. Hat der Astrologe (oder auch der Psychologe) keine richtige Vorstellung von der möglichen Stärke solcher Einwirkungen aus dem örtlichen Milieu, so werden seine Ratschläge bzw. seine Therapien nicht den erwarteten Erfolg zeitigen. Dabei wäre es in einem solchen Falle vielleicht mit einer (astrologisch) gezielten Ortsveränderung getan. Ich habe genügend Evidenz aus meiner Erfahrung, wo ein Umzug in ein "ausgewähltes Ortshoroskop" schon fast Wunder gewirkt hat, um das mit Überzeugung sagen zu können.

Ergo – man sollte die Kraft eines Ortes im Guten wie im Schlechten nicht unterschätzen. Ich möchte dazu zwei sehr häufig vorkommende Muster erläutern:

1. Da geboren, und da immer gewohnt. Ein sehr häufiger, fast schon ein Normal-Fall. Das Ortshoroskop dieses Ortes ist aber nur ganz selten dasselbe wie das Grundhoroskop. Das Ortshoroskop kann aber sehr wohl so deutlich behindernde Faktoren enthalten, dass das Kuid in seiner Entwicklung gehemmt wird, und der Erwachsene dann weit unter seinen Möglichkeiten leben muss, sich ständig unterbewertet, unverstanden oder gar misshandelt fühlt – und keiner kommt auf die Idee, dass es am Ort liegen könnte. Das ergibt schliesslich bestimmt keine erfreuliche Lebensbilanz.

2. Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Recht häufig auch ergibt sich die Situation, dass jemand ein Leben lebt das wenige oder keine schöpferischen Möglichkeiten zulässt, weil weder sein Grundhoroskop noch das Ortshoroskop seine vom Aspektbild her be-deutensten Stellungen fördert, wie etwa ein Spannungsherrscher oder ein Stellium oder eine starke Oppositionsstruktur, welche ja immer starke schöpferische Potentiale anzeigen. Wenn diese aber im Abseits stehen (Talpunkt-Gegend, Schatten von Achsen, eingeschlossene Zeichen, Tiefstand im Häusersystem, etc.) wird eine ständige Unerfülltheit oder gar ein Unbefriedigtsein mit dem Leben und schliessliche Resignation die Folge sein. Am richtigen Ort könnten Anreize gerade für diese schöpferischen Potentiale bestehen. Die Folge wäre eine Anhebung der Stimmungslage, ein Zugewinn an Selbstvertrauen, der durch nichts anderes, wie z.B. Absicherung oder Status, aufgewogen werden könnte. (Vergleichen Sie hierzu die Stellungen von Mond, Venus, Uranus und Mars in den Horoskopen von Picasso. Seine vier Geburtsbilder sind auf der Umschlag-Rückseite abgebildet. Sein Ortshoroskop für Paris haben wir dazu noch an der richtigen Stelle im Titelbild einkopiert.)

_____________________

Literaturhinweise:

Claudius Ptolemäus: Tetrabiblos, zweites Buch; verschiedene Übersetzungen bei verschiedenen Verlagen

Sepharial: Geodetic Values; Foulsham, London, 1925

Ruth Brummund: Ortsmeridiane, Ortsaszendenten für wichtige Weltstädte; Witte Verlag, Hamburg, 1979 (ein Verzeichnis von 770 Städten)

Eine etwas ausführlichere Auswertung eines OH findet sich im dritten Band "Lebensuhr im Horoskop" auf Seite 38 ff.