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Titel Ausgabe 46



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Zurück Ausgabe 46 vom 23.10.1988 • Seite 8ohne Login!

• Astrologie & Psychologie

Astrologie und Tiefenpsychologie, Teil 2

Wolfhard H. König

Rene Spitz und besonders Margaret S. Mahler kommt das Verdienst zu, in den fünfziger und sechziger Jahren bahnbrechend gewirkt zu haben bei der Erforschung des allerersten Lebensabschnittes des Menschen. Ihnen verdanken wir die Erkenntnis, wie zentral und grundlegend die seelische Entwicklung, der Aufbau der Psyche in den ersten drei Jahren und im besonderen in den ersten 18 Monaten ist. Dabei war die neue Forschungsstrategie von M. Mahler besonders wichtig: Viele Jahre lang pflegte sie die direkte Beobachtung von Babies und Kleinkindern, die "teilnehmende Beobachtung" (d.h. sie nahm gleichzeitig am Spiel teil und beobachtete) in Familien, in Kinderkrippen und Kindergärten, vielfach auch noch unterstützt durch gleichzeitige Videoaufzeichnungen, die anschliessend sorgfältig studiert werden konnten. Auf diese Weise machte sie die bisher sorgfältigsten, genauesten und überzeugendsten entwicklungspsychologischen Forschungen möglich. Und das zentrale Ergebnis war: In den ersten drei Jahren entsteht die Grundstruktur der menschlichen Seele, die sich aus den verinnerlichten Beziehungserfahrungen mit den primären Betreuungspersonen, im allgemeinen wohl mit den Eltern, aufbaut. Dabei geht es besonders um den Aufbau zweier zentraler Faktoren: dem Urvertrauen als unverzichtbarer Boden für Selbstwertgefühl und Beziehungsfähigkeit und um die Trennungs- und Abgrenzungsfähigkeit ("die psychische Geburt"), unverzichtbar für den Weg der Individuation. Ist diese Grundausrüstung stabil ausgeprägt, so laufen alle weiteren Entwicklungsschritte, auf eine gute Basis gestützt, viel einfacher ab. Eventuelle Traumata in den späteren Phasen sind oft eine viel geringere therapeutische Aufgabe als sogenannte Frühstörungen, also Störungen in der Phase, wo die Grundstruktur entwickelt wird. Solche Frühstörungen bedeuten heute meist die entscheidende therapeutische Herausforderung und führen immer wieder einmal an die Grenzen moderner therapeutischer Möglichkeiten.

Studieren wir also die seelischen Aufbauvorgänge dieser ersten Phasen möglichst genau und betrachten wir, wie die entstandene Charakterstruktur sich im Horoskop, in der astrologischen Symbolik abbildet, wobei die Stellung von Neptun, Mond und Saturn zentral ist.

Das unten abgebildete Schema gibt einen Überblick über die entscheidenden Entwicklungsabschnitte und ihre Planeten-Entsprechungen.

Die autistische Phase

Die allerfrüheste Zeit, die ersten zehn Wochen, bezeichnet M. Mahler als autistische Phase, R. Spitz spricht von der objektlosen Phase. Beide Begriffe führen leicht zu Missverständnissen. Insbesondere die Baby-Watchers (die allerdings erst viel später in die Forschungen einbezogen wurden) haben ja gezeigt, wie vielfältig das Baby schon Stunden nach der Geburt auf Reize, Signale, Kontaktangebote entsprechender Personen reagiert, wie schon in den ersten Tagen intensive Dialoge, z.B. zwischen Mutter und Baby entstehen, speziell im gestisch-mimischen Bereich (Lächeln, Augenbewegungen, Bewegungsreaktionen, Imitationen etc.).

Autistisch heisst hier also nicht, dass das Kind zurückgezogen wäre oder etwa kontaktlos. Es soll nur ausdrücken, dass das noch nicht entstanden ist, was später im Zentrum des analytischen Interesses steht: eine stabile persönliche Beziehung. Die intensiven Kontaktreaktionen des Babys gelten noch allen auftretenden Personen. Die ganze Welt kommt sozusagen noch als "Mutter" in Frage. Worauf das Baby intensiv reagiert, ist die "gute Bemutterung", und die ist wichtiger als die Frage, von welcher Person sie kommt (was sich später ändern wird). Auf das Fehlen einer intensiven einfühlsamen Bemutterung würde das Kind entsprechend reagieren – mit Schreien, mit nachdrücklichem Protest und schliess-lich mit Krankheit (vgl. R. Spitz). Das Kind erlebt sich quasi mit der Welt als Ganzem verbunden, von ihr betreut, mit ihr im Austausch. Es ist das von Freud angeführte "ozeanische Gefühl", welches das Erleben dieser Phase beherrscht. Entwicklungspsychologisch dürfte hier die Quelle liegen für die Erfahrung, für das Gefühl von ozeanischem Ausgebreitetsein. Das Baby ist mit allem eins, mit allem verbunden, noch unabgegrenzt, noch nicht gestört durch Ich-Grenzen (die erst im Ansatz da sind). Dies entspricht ganz dem Erfahrungsund Erlebnisbereich, der Neptun zugeschrieben wird: Grenzenlosigkeit, die "Sympathie mit allen Dingen" und eben auch die Gefahr des zu sehr Offenseins. Zweifellos stellen die Erfahrungen dieses ersten Lebensabschnittes wohl schon die erste entscheidende Stimulierung des Neptun im Leben der Menschen dar, oder genauer formuliert: Die Neptunstellung im Horoskop sagt etwas darüber aus, welche Erfahrungen in dieser ersten Lebensphase in bezug auf obige Planeten bzw. die erste Auseinandersetzung mit einer bestimmten Erlebnisqualität scheint immer von besonders prägender Bedeutung zu sein.

Übrigens: In diesem Artikel will ich die Entwicklungsphasen erläutern und die entsprechenden Planeten zuordnen. In einem folgenden Artikel werden wir uns dann mit bestimmten Planetenstellungen beschäftigen und auf die Entwicklungsphasen und ihren Verlauf zurückschliessen.

Die symbiotische Phase

Ab dem 2. –3. Monat tritt das Kind m die Entwicklungsphase der Symbiose ein. Ein neues Erleben und eine neue Beziehungsform kommen auf das Kind zu. Die spezielle Bindung an die Hauptbetreuungsperson, also an jene Person, die re-gelmässig wiederkehrend, zuverlässig, einfühlsam die Bemutterung des Kindes übernimmt, nimmt intensiv zu. Erfahrung und Bild einer Mutter entsteht in der Seele des Kindes. Dieser Prozess läuft übrigens genauso, wenn etwa Mutter und Vater gleichermassen die Betreuung des Kindes übernehmen, oder etwa Mutter und Oma. Ebenso kann auch manchen Vätern allein eine entsprechend gute Bemutterung gelingen. Es ist für diesen seelischen Prozess auch nicht besonders wichtig, ob die leibliche Mutter mitwirkt. Andernfalls wird eben die "Amme" die wirklich prägende "Mutter der Symbiose" sein, und die Beziehungserfahrungen mit ihr werden sich primär in der Seele des Kindes niederschlagen. Und ob jetzt eine oder zwei oder drei Personen als "Mütter" des Kindes auftreten, das Entscheidende ist, dass das Kind einen Konzentrationsprozess durchläuft, überspitzt gesagt: von der Bezogenheit auf "die Welt" (alle sich entsprechend zuwendenden Personen, ja, sogar eine Maske des menschlichen Gesichts lösen in dieser Phase noch, wie R. Spitz zeigte, eine Lächelreaktion aus) zur Bezogenheit auf die Mutter oder einer kleinen Gruppe von zuverlässig wiederkehrenden, immer wieder zu erkennenden Müttern (ein mitwirkender Vater wird hier in seiner Qualität zur Bemutterung wahrgenommen, noch nicht als Dritter zur Triangulierung (siehe dort). Diese Entwicklung verläuft, wie Bruno Bettelheim beschreibt, z.B. bei der Betreuung durch Mutter und mehrere Metape-lets (Betreuerinnen) im Kibbuz nicht anders.

Mit dieser sich quasi aus dem Erleben der Welt immer mehr herauskristallisierenden Mutter erlebt sich das Kind ganz eins, verschmolzen und unabgegrenzt. Es erlebt sich durch und an diesem Menschen. Er bedeutet alles, ist unerlässlich zum Überleben und erspart dem Kind, seine totale Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu schmerzlich erleben zu müssen. Dies z.B., indem die Mutter durch erstes Schreien sofort herbeieilt, sich ja auch in diesen ersten Monaten kaum vom Kind entfernt, in gewissem Sinn vorauseilend auf seine Bedürfnisse achtet, sie einkalkuliert – und vor allem weiss, dass das Kind, wenn es wach ist, Trennung bzw. Alleinsein noch in keiner Weise verkraften kann, sondern durch Schreien und, bei nur geringem Erfolg, durch Angst bis hin zur Panik die Mutter herbeizwingt, wodurch dann auch meist augenblicklich Leid in Glück umschlägt. Das Kind lebt in der ausgeprägten Phantasie, dass die Mutter nur für es da sei, nur auf es ausgerichtet sei, sich alles nur um es dreht. Vater oder Geschwister können in dieser Zeit noch nicht speziell als "Rivalen", mit denen man dann später wird teilen müssen, erkannt und gesehen werden.

Ich nenne dies gerne die "Paradies-Phantasie" (S. Smith spricht von der "golden fantasy"). Denn zweifellos erzählt der Paradies-Mythos genau von diesen Grundbedürfnissen des Kindes. In jeder Mythologie, die heute bekannt ist, steht am Anfang das Bild vom Paradies (das man übrigens in allen Mythen irgendwann verlassen muss, oder aus dem man vertrieben wird). Daneben gibt es noch weitere Begriffe wie Schlaraffenland etc. Natürlich mögen dabei auch die pränatalen Erfahrungen des Kindes im Uterus in gleicher Bedeutung mitspielen (wie das z.B. der französische Psychoanalytiker Bela Grunberger oder Ludwig Janus, als Vertreter der pränatalen Psychologie, berücksichtigen).

Jedes Kind kommt sozusagen mit dieser Urphantasie, dem Paradiesanspruch auf die Welt. Der geborene Mensch ist so gesehen von Anfang an ein sehr Bedürftiger und sehr Fordernder – und damit auch sehr zu enttäuschen und verletzbar (der französische Philosoph Paul Ri-coeur begreift den Menschen als "begehrendes Wesen").

Dies alles ist astrologisch im Mond ausgedrückt: Gefühl, Emotion, Begehren, Hingabe, Beziehung etc. Die Mondstellung im Horoskop sagt also zentral etwas aus über Ausprägung und Schicksal der Paradies-Phantasie des jeweiligen Menschen.

Was sich im Mond abbildet, ist das Kind-Mutter-Symbiose-Erleben. Dies aber ist ein Erleben des Kindes: Das Kind erlebt sich verschmolzen und eins mit der Mutter, und sein Erleben ist in dieser Phase ganz davon erfüllt. Im Erleben der Mutter ist die Symbiose-Beziehung zum Kind, auch wenn sie sich bestens darauf eingestellt hat, wohl immer nur ein Teilerleben: Sie weiss noch, abgegrenzt, um ihre anderen Beziehungen und Interessen und spürt meist auch die ungeheure Anforderung der Symbiosephase. Je individuierter die Mutter ist, desto froher ist sie oft auch, wenn die besonderen Belastungen und Herausforderungen dieser Phase abklingen. Mütter mit Fixierungen in der symbiotischen Phase (d.h. ihre eigene Ablösung aus dieser Phase ist nicht gut gelungen) bleiben dagegen oft "gern" hier hängen. Die Mondstellungen von Mutter und Kind weisen dann häufig entsprechende Ähnlichkeiten auf.

Wenn nun in der Huber-Schule der Mond als "Kind" interpretiert wird, so ist das richtig, weil die Mondstellung etwas aussagt über die Mutter -Kind-Beziehung aus der Erlebnissicht des Kindes. Wie das Kind die Symbiose erfahren hat, bildet sich im Mond ab. Dabei erlebt das Kind die Mutter noch nicht als abgegrenzte, eigene Person. Erst nach dem Verlassen der Symbiose, im Prozess der "psychischen Geburt" (Saturn) entstehen Grenzen (Saturn), unterscheiden sich Innen und Aussen, Ich und Du, Subjekt und Objekt. All diese aus Abgrenzungen resultierenden Unterscheidungen existieren in der symbioti-schen Phase noch nicht. Das Kind erlebt die Beziehung zur Mutter "selbstobjekthaft", wie Heinz Kohut das nannte und ausführlich beschrieben hat. Selbst und Objekt sind eins, allenfalls in Ansätzen diffus unterschieden. Das Beziehungserleben zur "frühen Mutter", zur "Mutter der Symbiose", und nur hierfür kann man den Mond einsetzen, ist eben ganz anders als das zur realen Mutter als abgegrenzter Person, als "äusserem Objekt" nach der psychischen Geburt. Und dafür steht dann Saturn, wie wir noch genau untersuchen werden.

Viel einfacher stellt sich die Situation dar, wenn das Vater-Erleben für das Kind wichtig wird, womit der Vater als "Dritter" gegenüber Mutter und Kind, als Alternative zur Triangulierung (siehe dort) gemeint ist, nicht seine Mithilfe bei der Bemutterung. Hier tritt das Kind dem Vater zum vornherein in der schon erworbenen Abgrenzung von Subjekt und Objekt entgegen; weshalb astrologisch über die Sonne viel leichter ein gemeinsames Verständnis zu erreichen ist als über die Mond-Saturn-Frage (zu deren Klärung wir im Rahmen dieser Artikelserie besonders beitragen wollen). Die Mutter-Kind-Psycho-logie (und damit natürlich auch Astrologie) ist von vornherein viel komplexer und insofern komplizierter. Dies heisst übrigens keineswegs, dass die Rolle des Vaters im Leben des Kindes weniger wichtig wäre. Wie gewichtig eine fehlende Triangulierung im Leben werden kann, werden wir noch ausführlich sehen. Nur ist die Vater-Kind-Psychologie vom Erwachsenenbewusstsein aus geradliniger, leichter zu erfassen. Was das Mutter-Erleben des Kindes hingegen anbelangt, haben wir zu Beginn die ozeanische Erfahrung mit der Mutter/Welt (Neptun),, die Erfahrung mit der Mutter der Symbiose, der "frühen" Mutter also, die selbstobjekthaft als Teil des Kindes erlebt wird (Mond) und dann, wie wir noch sehen werden, das Erleben der "Mutter der Trennung" (im Rahmen der' psychischen oder zweiten Geburt, wie M. Mahler das nennt), die das Kind aus dem Paradies der Symbiose in die Welt der Realität holt (Saturn).

Insofern sagt auch die Mondstellung letztlich wenig über die reale Mutter als Person aus, über ihr reales Verhalten oder ihre wirklichen Motive – sondern darüber, wie das Kind subjektiv den Umgang mit seinen Paradies-Wünschen erlebt hat.

Ein Beispiel: Ein Baby kam 1959 im 5. Lebensmonat wegen einer Infektionserkrankung auf die Isolierstation eines Krankenhauses (für fünf Wochen). Die damals, was die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung anbelangt, noch äusserst uninformierten Ärzte erlauben der Mutter nur, ihr Kind einmal am Tag durch ein Fenster zu betrachten. Die Mutter steht weinend und mit schmerzlichem Gefühl vor der Glasscheibe. Das Kind aber erlebt den plötzlichen, unerklärlichen Einbruch einer Trennungserfahrung. Von einer Stunde auf die andere ist die Mutter weg. Fremde Menschen sind da, und Leere breitet sich aus. Der bisher so zuverlässig immer wiederkehrende Mensch, von dem alles abhängt, mit dem sich das Kind eins erlebt, ist verloren. "Verrat" und "Verzweiflung" sind vielleicht Begriffe für das Erleben des Kindes. Es schreit, bis es blau wird – aber diesmal hilft alles nichts: Es verstummt und wird relativ apathisch (die Ärzte freuen sich darüber! – endlich hat es sich etwas beruhigt).

Die Erlebnisverarbeitung des Kindes in diesem Alter und für dieses Trauma kann nur sein: Es erlebt sich verraten, schmerzlich verlassen und kann nur fühlen, dass die bisher scheinbar allmächtige und zuverlässige Mutter "schuld" ist, sonst täte sie etwas. Und das Kind mag als Konsequenz ziehen: "Auf eine so intensive Beziehung lasse ich mich nie wieder ein, denn so will ich nie wieder verletzt werden." Und für alle Zukunft mag jetzt wichtiger sein, Beziehungen zu vermeiden oder jedenfalls dem Trennungsschmerz in Beziehungen auszuweichen, als gute Beziehungen zu suchen. So etwa mag die durchaus unbewusste Erlebnisverarbeitung des Kindes ablaufen.

Der Mond kann dann im Horoskop z.B. nur rot-grün aspektiert im 12. Haus stehen. Er zeigt damit an, wie das Kind das Trauma erlebt und innerlich reagiert hat (z.B. mit Rückzug) – nicht, was die Mutter erlebt oder getan hat, ob diese gleichgültig war oder fünf Wochen verzweifelt geweint hat, doch mit ihren mehrfachen Vorstössen bei den Ärzten abblitzte. Und obwohl das ganze Horoskop über subjektives Erleben etwas aussagt, ist indessen dasjenige beim Mond (und Neptun) von besonderer Bedeutung.

Dies entspricht übrigens voll der psychologischen Erfahrung: In einer Analyse lässt sich oft viel erfahren und rekonstruieren über die reale Welt des Kindes, aber am wenigsten etwas über die Realität der "frühen Mutter" (was allerdings therapeutisch auch nicht so wichtig ist, es geht ja mehr um die Erlebnisverarbeitung). Was sollte nun das Ergebnis der Entwicklung in der sym-biotischen Phase sein? Urvertrauen contra Urmisstrauen, so hat Erik H. Erikson die Frage beantwortet. Erlebt das Kind die "hinreichend gute Bemutterung" (D.W. Winnicott), so entwickelt es die Haltung des Urvertrauens zu Welt und Menschen. Wenn es erlebt hat, dass die Mutter da war, es sich mit ihr eins fühlen konnte, dass die Mutter hinreichend Einfühlung, Spüren, Verstehen für die Wünsche und das Erleben des Kindes aufgebracht hat (Empathie nennt es Kohut – astrologisch zeigt es sich sowohl im Mond wie im Neptun), dann zieht das Kind am Ende der Symbiosephase quasi das Fazit: "Die Welt ist hinreichend gut, verdient Vertrauen, sogar Vertrauensvorschuss, man kann sich auf sie einlassen ..." Eine optimistische Grundhaltung für das weitere eigene Leben entsteht.

Urmisstrauen würde entstehen, wenn Enttäuschung und Traumati-sierung deutlich überwiegen, wenn Schmerz, Verlassenheit und das Gefühl, nicht verstanden zu werden, die Urbeziehung bestimmen. Ein Beispiel: Die Mutter befindet sich 1945 auf der Flucht. Das Baby ist sechs Monate alt. Die Mutter ist zwar physisch dauernd anwesend, aber geängstigt, überfordert, psychisch absorbiert von Sorgen, so dass nur die notwendigste seelische Zuwendung möglich ist, was natürlich mit dem Wollen der Mutter wenig zu tun hat.

Die entstehende misstrauische Grundhaltung des Kindes und später des Erwachsenen kann dann heissen: Primär geht es darum, Schlimmes zu vermeiden, Schmerzen und Enttäuschungen keine Chance zu geben. Der so Empfindende verhindert dies und nimmt es zugleich selber vorweg, indem er sich erst gar nicht auf Beziehung, Vertrauen etc. einlässt. Er tauscht den Schmerz der . Enttäuschung gegen den Schmerz der Einsamkeit.

Wie diese Beispiele vielleicht schon anzeigen, ist die Symbiosephase äusserst leicht störbar. Auch schicksalhafte Störungen können ja nicht durch Verstehen oder Erklären abgefangen oder gemildert werden – schlagen aber voll auf das Erleben des Kindes durch. Es gibt wohl kaum eine diffizilere und wichtigere Aufgabe der Mutter gegenüber dem Kind als die gute Bewältigung der Symbiosephase: eine ausserordentliche Leistung der Mutter für Kind und Gesellschaft. Dies sollte sich eigentlich auch im besonderen Schutz und der Unterstützung für Mutter und Kind in dieser Phase ausdrücken, was unsere Gesellschaft erst äusserst zögernd tut (psychologisch konsequent würde dies bedeuten, dass die Mutter diese Aufgabe letztlich nur für wirklich erwünschte Kinder erbringen kann).

Schliesslich sei noch darauf hingewiesen, dass die "Bilanz" des Kindes aus der Symbiosephase nicht primär von einzelnen Ereignissen bestimmt wird (Makrotrauma: z.B. der erwähnte Krankenhausaufenthalt, der dafür aber ein besonders anschauliches Beispiel ist), sondern dass es die gesamte Qualität der Ur-Beziehung ist, die den Ausschlag gibt. Wenn die Beziehung zum Kind vor einem solchen Makrotrauma von Urvertrauen geprägt war und sich nachher in diesem Sinne fortsetzt, wird sich die Wirkung eines solchen zeitlich begrenzten Eingriffs sehr relativieren. Und auch ohne besondere Ereignisse wird eine ambivalente Beziehung (z.B. bei einem ungewollten Kind) oder eine uneinfühlsam-abgelenkte (quasi "dünne") Beziehung sich deutlich im Sinne von Urmisstrauen auswirken können.

Da wir nun herausgearbeitet haben, wie entscheidend das Beziehungs-Erleben ist: Der zentrale therapeutische Ansatz der modernen Psychoanalyse, die ja diese Entwicklungspsychologie erforscht und entsprechend therapeutische Methoden entwickelt hat, beruht darauf, dass es möglich ist, im entsprechend geschützten und verlässlichen Rahmen einer Psychoanalyse wiederholend eine Art UrBeziehung zwischen Patient und Analytiker entstehen zu lassen (dorthin zu "regredieren") – um jene früheren Erfahrungen wieder-zuerleben und durchzuarbeiten. Und, was noch wichtiger ist: in der Beziehung zum Analytiker verlässlich neue ("korrigierende") Erfahrungen machen zu können (Psychoanalyse als Beziehungsanalyse).

Literatur

1. Zur Begleitung zu lesen:

Kaplan, Louise J. : Die zweite Geburt,

Piper TB, München, Zürich

2. Allg. einführende Literatur in die Tiefenpsychologie:

Elhardt, Siegfried: Tiefenpsychologie. Eine Einführung,

Stuttgart 1971

Mertens, Wolfgang: Psychoanalyse, Stuttgart 1981

  1. Im Artikel zitierte Literatur: Bettelheim, Bruno:

Die Geburt des Selbst, München 1977

Erikson, Erik H.: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt a. M. 1971

Grunberger, Bela: Vom Narzissmus zum Objekt, Frankfurt 1976

Janus, Ludwig:

Das "Trauma der Geburt" – einst und heute,

in: «Psyche», Nr. 9, Sept. 1987

Kohut, Heinz: Narzissmus, Frankfurt a. M. 1973

Mahler, Margaret S. u.a.:

Die psychische Geburt des Menschen – Symbiose und Individuation,

Frankfurt a. M. 1980

Ricoeur, Paul: Interpretation, Frankfurt a. M. 1974

Smith, S.: The golden fantasy, in: Psycho-Anal. 58, 1977,5.311-324

Spitz, Rene:

Vom Säugling zum Kleinkind – Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr,

Stuttgart 1967

Winnicott, D.W.: Reifungsprozess und fördernde Umwelt, München 1974