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Titel Ausgabe 47



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Zurück Ausgabe 47 vom 21.12.1988 • Seite 5ohne Login!

• Astrologie & Philosophie

Ethik und Moral – eine Unterscheidung

Dr. Josef Reif

Die Begriffe Ethik und Moral werden oft, so scheint es, in einer verschwommenen Austauschbarkeit verwendet. Jedem von uns sind Beispiele dafür bekannt, dass bestimmte Moralvorstellungen der Ethik widersprechen, andere aber mit dieser übereinstimmen.

Josef Rattner schreibt («Was ist Tugend, was ist Laster?», S. 11): "Das Wort «Ethik» wird häufig als Synonym für das Wort «Moral» verwendet. Die beiden Begriffe stimmen aber nicht überein. Moral kommt vom lateinischen Wort «mores» und bedeutet soviel wie Sitten und Gebräuche. Die Moral beschreibt also die an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherrschenden oder gültigen Richtlinien des praktischen Verhaltens. – Die Ethik hat dagegen eine umfassendere Sinngebung. Sie ist eine philosophische Disziplin, die Antwort auf grundlegende Menschheitsfragen zu geben versucht. Diese Fragen lauten unter anderem: . . . Was ist Tugend, was ist Laster? Welche Werte gibt es, und welches ist der höchste Wert?. . . "

Ethik wird hier definiert als eine philosophische Menschenkunde, Moral als die geschichtliche Ausformung und Nutzanwendung dieser Ethik.

Wir können noch grundlegender definieren: Ethisches Verhalten beruht auf dem jedem Menschen innewohnenden Gesetz, ein Wesen der gleichen Art nicht zu töten oder zu schädigen. Solches Verhalten ist auch unter Tieren zu beobachten, wie es das Sprichwort von der Krähe aussagt, welche einer anderen kein Auge aushackt. Revierkämpfe dienen dazu, dem Schwächeren die Suche nach einem neuen Lebensraum aufzubürden. Menschliches Konkurrenzdenken entspringt dagegen einem Vorstellungssystem, welches die Ethik bereits vernachlässigt.

Moralisches Verhalten gründet im Idealfall auf den "Ausführungsbestimmungen zur Ethik". Es ist in der Praxis ein Gewohnheitsrecht der sozialen Gruppe, welche ihre Wertvorstellungen entwickelt hat und sie den Nachkommen durch Erziehung und Beispiel weitergibt. Je begrenzter diese Wertvorstellungen sind ("Gut ist, was mir nützt!", umso begrenzter wird auch deren Übereinstimmung mit der ethischen Vorlage sein.

Ein berühmtes Beispiel hierfür finden wir in der Jesusrede bei Markus 7,9-13a: "Und er sprach zu ihnen: Prächtig verwerft ihr das Gebot Gottes, um eure Überlieferung zu befolgen. Denn Mose hat gesagt: 'Ehre deinen Vater und deine Mutter', und: 'Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben.' Ihr aber sagt: Wenn jemand zu Vater oder Mutter spricht: 'Was dir von mir zugute kommen könnte, soll [vielmehr] Korban, das heisst eine Opfergabe sein', so lasst ihr ihn für seinen Vater oder seine Mutter nichts mehr tun und macht damit das Wort Gottes ungültig durch eure Überlieferung." (Übersetzung: Zwingli-Bibel, Zürich).

Der Tempel hat seine moralische Autorität hier dazu missbraucht, das Gewissen der Gläubigen mit dem Hinweis zu beruhigen, es sei religiös verdienstlicher, die Beträge für die Altersvorsorgung der Eltern nicht diesen, sondern dem Tempel zukommen zu lassen! So gab es zu allen Zeiten religiöse wie politische Institutionen, welche eine Gesellschaftsmoral über und gegen das ethische Grundgesetz stellen – zu ihrem Vorteil, und zum Nachteil der Untergebenen.

"Die blossen moralischen Gebote und Verbote genügen heute nicht mehr, um den Menschen auf die richtige Bahn des Lebens zu führen, weil der zivilisierte Mensch jetzt geistig sehr entwickelt ist und nur durch den Intellekt die Probleme des Lebens lösen kann. . . . Durch die wahre Erkenntnis der Gottes -Weisheit kann der Mensch zur Selbstbeherrschung und zur Glückseligkeit gelangen." (Edouard Schure, «Die grossen Eingeweihten»)

Immer wenn die Moralgesetzgebung mit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht Schritt hält – was vor allem der Fall ist, wenn Moral die Privilegien einer etablierten Gruppe absichern soll –, muss der bewusste Mensch von der Wurzel, von der Ethik her sein moralisches Verhalten für seine neuen Gegebenheiten entwickeln. Unterbleibt das, entsteht Neurose als moralisches Versagen (Rattner, S. 42) und als Folge der Verlust des wirklichen Selbst. Auf "ehrliche Weise moralisch werden" bedeutet nach Rattner, die eigene dunkle Seite, den «Schatten», anzunehmen. Er bezeichnet dementsprechend den Prozess zwischen Therapeut und Klient als ein "eminent ethisches Verhalten . . . eine wechselseitige Erziehung zu echter, d.h. auf der Ethik aufgebauter Moralität".