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Titel Ausgabe 47



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Zurück Ausgabe 47 vom 21.12.1988 • Seite 6ohne Login!

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Das Horoskop von Bertolt Brecht

Alexander von Vietinghoff

«Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit

Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird

Dass der Mensch dem Menschen ein

Helfer ist

Gedenkt unser

Mit Nachsicht.»

Bertolt Brecht Schriftsteller 10.2.1898/04h 40 MEZ Augsburg / D N 48.21 E 10.54

90 Jahre alt wäre dieser Bertolt Brecht nun also, und leider ist es immer noch so hochaktuell, wie der Stückeschreiber mit seinem idealistischen Wassermann-Finger auf die Wunden der realen Lebensbedingungen im 2. Haus hinzeigte, klagend und wütend zugleich! Wie muss sich der modellhaft denkende Wassermann mit seiner Vision vom perfekten Menschen (das tetra-morphe Evangelisten-Attribut des Wassermann ist der Engel, der erlöste Mensch) im zweiten Haus fühlen? Und noch dazu als eingeschlossenes Zeichen!

Wie fängt das eingangs zitierte, autobiographische Gedicht «An die Nachgeborenen» an?

«Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht.

Eine glatte Stirn

Deutet auf Unempfindlichkeit hin.

Der Lachende

Hat die furchtbare Nachricht

Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo

Ein Gespräch über Bäume fast

Ein Verbrechen ist

Weil es ein Schweigen über so viele

Untaten einschliesst!»

Er schaut auf die Grundlage des Lebens und die nicht selten banalen materiellen Gegebenheiten und hat in der einen Ecke seines Blickfeldes stets die heile Welt wie in einem Monitor eingeblendet. Ständig werden die absolute Idee und das Vorgefundene, bzw. Machbare, Soll und Haben in Relation gesetzt; das eine relativiert, stresst das andere und vermischt sich zu Brechts Aussage «Die Welt ist konkret». Und wenn das Haus grösser als das Zeichen wie eine Käseglocke übergestülpt ist, führt der Deckel der Realität zu Ohnmachtsgefühlen, zur Umkehr nach innen, schärft den Blick fürs Wesentliche. Der Engel (ver)zweifelt an der sichtbaren Welt, versucht, das Heile im Inneren zu bewahren und wird durch die Stofflichkeit, in die er geraten ist, in Frage gestellt. Ein Dialogteil Gott-Mädchen in «Der gute Mensch von Sezuan»

G: "Vielen, darunter sogar einigen von uns Göttern, sind Zweifel aufgestiegen, ob es überhaupt noch gute Menschen gibt. . . . Freudig setzen wir sie (Reise) jetzt fort, da wir schon einen gefunden haben." M: "Halt, Erleuchtete, ich bin gar nicht so sicher, dass ich gut bin. Ich möchte es wohl sein, nur, wie soll ich meine Miete bezahlen? . . . Freilich würde ich glücklich sein, die Gebote halten zu können. . . Aber wie soll ich dies alles? Selbst wenn ich einige Gebote nicht halte, kann ich kaum durchkommen." G: "Dies alles sind nichts als die Zweifel eines guten Menschen." M (angstvoll): "Aber ich bin meiner nicht sicher. . . Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?"

Aber Konstellationen müssen ja immer auch auf ihre Doppeldeutigkeit, Polarität hin befragt werden. Der Deckel drückt nicht nur, er schützt auch: mich vor der Umwelt und die anderen vor mir, bzw. vor der potentiellen Gefahr meiner karmischen Wiederholungsfehler.

Eingeschlossene Zeichen haben ihre Geschichte! Einerseits hatte Bertolt Brecht stets genügend Geld, zum Beispiel um sich schon früh ein Auto zu leisten, und auch auf den vielen Stationen seines Exils immer komfortable Behausungen zur Verfügung. Obwohl er so stark vom zweiten Haus betroffen war, blieb er von einigen seiner Probleme auch wieder verschont, unter dem Deckel geschützt.

Im zitierten Gedicht schreibt er über sich selbst:

«Es ist wahr: ich verdiene noch meinen

Unterhalt.

Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall.

Nichts

Von dem, was ich tue, berechtigt mich

dazu, mich sattzuessen.

Zufällig bin ich verschont.

(Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)»

Der gute Mensch von Sezuan bekommt ein unverhofftes Geldgeschenk, ein andermal einen Blankoscheck; es wird wieder von Glück und auch von Wunder gesprochen. Sicherlich trägt auch der hochstehende, die Opposition der Existenzachse auflösende Jupiter zu diesem Lebensgefühl (Konjunktion Mond) bei.

Andererseits sollten wohl aus karmischen Gründen elitäres Denken, Gruppendünkel oder ähnliche negative Wassermann-Varianten zum vornherein keine Chance haben, durch äussere Erfolge Nahrung zu bekommen. Ohne tatsächlich in der Gefahr zu stehen, ein Salon-Kommunist zu sein, waren seine betont schlichten bis unansehnlichen Hemden im Arbeiterstil dennoch aus Seide massgeschneidert (vgl. das Schattenzeichen Löwe). Dieses Understatement ist symbolisch für seine Solidarität mit der Mehrheit, in deren Dienst er seine brillanten intellektuellen und künstlerischen Fähigkeiten stellte. Arroganz als eine Schatteneigenschaft des Wassermann wurde radikal im Keime erstickt, zu keiner Zeit war er Parteimitglied (auch nicht kommunistisch), um nicht in karmische Versuchungen zu kommen, einer Gruppe von "Besserwissern" anzugehören. Selbst dies wusste er besser!

Das hielt ihn aber nicht davon ab, Unvernunft und Dummheit schonungslos anzuprangern, lächerlich zu machen und auch vor Verachtung und Zynismus nicht Halt zu machen. Vielleicht doch Arroganz des Überdurchschnittlichen? Wenn ja, dann war sie doch mehr Ausdruck heiligen Zorns im Dienste seiner Ideale als Herausstreichen seiner Person. "Für den gleichen Preis, den man für eine Grammophonplatte mit «O du fröhliche, o du selige» anlegt, kann man seinen Kindern auch jenes ungeheuere Bilderbuch kaufen, das «Krieg dem Kriege» heisst, aus photographi-schen Dokumenten besteht und ein gelungenes Porträt der Menschheit zeigt." (Antwort auf eine Rundfrage über die besten Bücher des Jahres vom 4. Dezember 1926.)

Er gab sich erdiger, als es in ihm aussah. Aber auch die Stellungen von Saturn, Jupiter und Mond, die Häuser 6 und 12 unterstützen Bescheidenheit, Schlichtheit, Sachlichkeit und Hingabe. Die Konjunktion Sonne/Venus und die Trigone beider zu Neptun am Talpunkt eines Erdhauses (wieder Druck von Realitäten) verstärken sowohl das extreme Harmoniebedürfnis – oder sollte man sagen die Har-monie-Sucht (Venus-Neptun)? – wie auch das Leiden unter den Umständen wie sie sind.

Zitate:

"Aber warum reden sie so hoffnungslos? Man sagt: Ohne Hoffnung sprechen heisst ohne Güte sprechen ... Es gibt noch freundliche Menschen trotz des grossen Elends . . . Besonders die wenig zu essen haben, geben gern ab. Wahrscheinlich zeigen die Menschen einfach gern, was sie können, und womit könnten sie es besser zeigen, als indem sie freundlich sind? . . . Wenn jemand ein Lied singt oder eine Maschine baut oder Reis pflanzt, das ist eigentlich Freundlichkeit."

(«Der gute Mensch von Sezuan»)

"Furchtbar die Enttäuschung, wenn die Menschen erkennen oder zu erkennen glauben, dass sie einer Illusion zum Opfer gefallen sind, dass das Alte stärker war als das Neue, dass die «Tatsachen» gegen sie und nicht für sie sind, dass ihre Zeit, die neue, noch nicht gekommen ist. Es ist dann nicht nur so schlecht wie vorher, sondern viel schlechter; denn sie haben allerhand geopfert für ihre Pläne, was ihnen jetzt fehlt, sie haben sich vorgewagt und werden jetzt überfallen, das Alte rächt sich an ihnen . . . Der Anstrengung folgt die Erschöpfung, der vielleicht übertriebenen Hoffnung die vielleicht übertriebene Hoffnungslosigkeit. Die nicht in den Sumpf zurückfallen, fallen in schlimmeres; die die Aktivität für ihre Ideale nicht eingebüsst haben, verwenden sie nun gegen dieselben! . . ."

(Kommentar zu «Das Leben des Galilei»)

Neptun hat nach innen eine recht starke Stellung (Trigon zu Venus =

exaktester aller Aspekte), ist im Talpunkt nach aussen aber sehr ge-handicapt. Auch ohne jedes Wort in Analyse mehrmals umzuwenden gibt die Wortwahl, die Wiederholung von Lieblingsworten, die sich wie Leitmotive durch das Werk ziehen, und deren Klang im grammatikalischen Zusammenhang reichlich Assoziationsmaterial zu Neptun in 6: Hoffnung – Elend, Illusion – Erschöpfung, Freundlichkeit/Güte – Tatsachen. Dass hier nicht bloss Figuren in einem Stück sprechen, sondern des Schreibers innerste Prozesse und Anliegen (= Anlagen) dramaturgisch bearbeitet werden, zeigt der Kommentar und viele autobiografische Gedichte. Bertolt Brechts Gedanken müssen mit diesem Neptun am Talpunkt 6 um diese Begriffe kreisen, und so lässt sich das Kosmogramm mit seinen eigenen Worten deuten. Wir projizieren damit weniger auf seine Person und setzen die von Freud eingeführte psychoanaly-tische Textinterpretation als Parallelinstrument zur Traumdeutung astrologisch fort. Oft lernen wir dabei sogar neue Bilder und Begriffe von den Autoren, die einzelne Konstellationen gut beschreiben und für die Astrologie eine sprachliche Bereicherung sind. Warum nur auf die antike Göttersymbolik hören, die Archetypen stehen auch auf modernen Bühnen als "erfundene" Gestalten der Autoren.

*Der erste Blick aus dem Fenster am

Morgen

Das wiedergefundene alte Buch

Begeisterte Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten

Die Zeitung

Der Hund

Die Dialektik

Duschen, schwimmen

Alte Musik

Bequeme Schuhe

Begreifen

Neue Musik

Schreiben, pflanzen

Reisen, singen

Freundlich sein.»

Ein Gedicht aus dem Nachlass, Thema mit Variationen, erneute Vermählung von Geistigem mit Höchstalltäglichem. Das entspannte Aspektbild des Radix, seine Innenwelt, wird nur von der Opposition durchkreuzt, die sonnennahe Venus verführt zu Bequemlichkeit. Der Pluto aber in 6 deutet auf Verausgabung am Arbeitsplatz, auf masslosen Einsatz hin, und auch Neptun im selben Haus verschafft ja nicht gerade den kontrollierenden Ausgleich. Das Häuserhoroskop kehrt das Verhältnis um: als blaue Linien bleiben gerade die Sextile zwischen Saturn und Mars/Merkur und die Trigone von Neptun zu Sonne/Venus, während 4 Quadrate und 3 Quincunxe dazukommen. So fühlt er sich, obgleich die Auszählung ein Punkteverhältnis von 101: 90 ergibt und somit reichlich Vitalität, ja Kräfteüberschuss mitgebracht wird, doch von der Aussenwelt arg aufgescheucht, gestresst (rot) und genervt (grün). Viel Ungemach für eine im Zentrum (Sonne) stehende, blau bestrahlte Venus. Er ist träge und emsig (6. Haus) zugleich:

"Bis ihn ganz zum Schluss die Krankheit lahmte, war er von einer rastlosen Tätigkeit; er schlief nur wenig. Vielleicht hat er seinem zunehmend geschwächten Körper zuviel abgefordert. Eine Ursache seines frühen Todes wird sein, dass er über den pausenlosen geistigen Anforderungen seinen Körper ver-gass. Freunde erzählen von seiner stupenden körperlichen Trägheit. Er bewegte sich nur ungern aus seinem Haus, liess alle immer zu sich kommen, legte selbst Strecken von 50 Metern mit dem Auto zurück. Er fühlte sich wohl im geschlossenen Raum, wo er, im Gespräch, diskutierend, seine Welt errichtete, oder im Theater, wo er auf der Bühne seine Welt schuf."

(M. Kesting, Biografie)

Pluto in Zwillingen in 6: der unbändige Wille mittels Denken und Schreiben über sich hinauszuwachsen, den Lebensnöten etwas abzutrotzen und machtvoll-suggestiv in ökonomische Prozesse einzugreifen. Eine Kettenreaktion (Pluto) im Gesundheitlichen (6), wenn Saturn (Körper) in geschlossenen Räumen (12 = stilles Kämmerchen) nicht regenerieren kann, mit Opposition gegenhält. Aber wer ist der stärkere? Dem Pluto ist nie etwas gewachsen, er kommt (in seinem Zeichen auf 12°46' stehend) nach Saturn (auf 11°) und hat das letzte Wort doppelt. Die Bleiplatte des Saturn auf den Kernreaktionen des Pluto bekommt in 12 keinen Halt von aussen, das Physische neigt dazu, vergessen zu werden, steht im Abseits, ausgepowert.

Mit Saturn in 12 stellt sich die Frage nach dem Realitätssinn von Bertolt Brecht nochmals anders; auch die der Konsequenz, die doch durch den Steinbockanteil so unbestechlich erscheint. Dazu zwei weitere Zitate:

"Zeugnis davon gibt auch der mit ihm befreundete Schriftsteller Lion Feuchtwanger: «Experimente reizten ihn, auch wenn sie wenig oder keinen Erfolg versprachen. Einmal wies ich ihn auf das Lehrgedicht des Lukrez: 'De rerum natura'. Die Hexameter, in welchen der Römer die Lehre des Epikur darbot, brachten Brecht auf die Idee, das Kommunistische Manifest (!) in Hexameter umzudichten. Ich machte ihn auf das Schwierige, ja Aussichtslose dieses Unternehmens aufmerksam. Aber er war besessen von der Idee, er liess nicht locker, wir mussten den Versuch machen. Sechs Wochen arbeiteten wir daran, bis er's auf gab.»"

(Gerda Goedhart, Biografie)

"Der Entschluss R.B.s, mit K. nach Spanien zu fliegen und dort zum Gewehr zu greifen, entsetzte Brecht und kränkte ihn zutiefst." (Es geht hier um den spanischen Bürgerkrieg). "Die Geliebte zurückzuhalten, gelang ihm nicht, ihr nachzureisen, fehlte ihm der Mut. Er weigerte sich, ihr Verhalten als revolutionär zu begreifen, die Kriegskunst, die er ihr beigebracht hatte, war nur für einen Krieg gedacht, wo nicht geschossen wird." (Klaus Völker, Biografie)

Er war mit Merkur/Mars-Konjunktion genauso Schreibtisch-Täter wie die massgeblichen Nazigrössen, bloss deren Gegner: "Wie können wir zu Intelligenzbestien werden, zu Bestien in dem Sinn, wie die Faschisten sie für ihre Herrschaft fürchten." (1938). Hier war er wortgewaltig, scharfzüngig, von nüchterner Logik: "Freilich ist Denken ein Kampf mit Gedanken." Vom Zeichen wie vom Haus her erdig muss sich Mars/Merkur der Materie zuwenden, den Grundlagen des Lebens: "Man kann es den Philosophen vorwerfen, dass sie zu wenig sagen, wie man die Welt behandeln muss ... Es ist eine erlaubte Tätigkeit, mit dem Denken gewisse Proben anzustellen, die den Materialproben in der Technik gleichen, wo man Stahl zerreisst, um seine äusserste Festigkeitsgrenze zu erforschen."

(Notizen zur Philosophie)

Der Wassermann testet seine Theorie an der Praxis (2. Haus), aber war Bertolt Brechts Wahrheit immer so konkret, wie er einmal sagte? War er vielleicht doch mehr Idealist als Realist? Kommunismus in Hexametern? Mit Saturn in 12 entzog er sich auch immer wieder der Realität oder sass, sich in Zigarrenrauch venusisch-genüsslich einnebelnd, wie ein einsamer Generalstäbler und Wahrheitsverwalter strate-gisch-schützisch in grossen Zusammenhängen denkend oder Regieanweisungen entwerfend in einem kargen Zimmer, eher einer Zelle mit leeren Wänden gleichend: solche Fotos von Bertolt Brecht sind uns erhalten. Mit Realitätssinn sich nach 12 absetzen, kann wie bei der Trägheit auch sehr konkret ausfallen: vor den politischen Verhältnissen auf der Flucht, dem Zorn oder dem Argwohn der Oberen ausweichend, war er 15 Jahre lang im Exil (12. Haus) herumgetrieben: aus Berlin über Prag, Wien, Zürich, Paris, Dänemark, Schweden, Finnland, Sowjetunion, USA, nochmals Paris, Zürich und Prag wieder zurück nach Ost-Berlin. Wobei er sich mit der weitblickenden Konsequenz seines AC, der Unbarmherzigkeit seiner Merkur/Mars-Kon-junktion und der kritischen Distanz des eingeschlossenen Wassermanns zu den – wie auch immer gearteten – Umständen mit allen machtvollen Vertretern ihrer Gesellschaftsordnung anlegte: Nazis, Linke beschnüffelnden Amerikanern und DDR-Politbossen. In der Zeit des Ersten Weltkrieges wurde er wegen eines gewagten Schulaufsatzes über den Sinn des Heldentodes von nationalistischen Lehrern um ein Haar der Schule verwiesen. Um ihn in ihrem "Geiste" benutzen zu können, gaben die DDR-Organe kritische Briefe Bertolt Brechts an die Führung so verstümmelt wieder, dass seine ursprüngliche Aussage sich teilweise ins Gegenteil verkehrte und alle Welt ihn als Unterstützer des Regimes ansehen musste; er selbst wartete auf persönliche Stellungnahmen auf sein Engagement vergeblich. Er war nicht plötzlich zufrieden durch kommunistische Machtverhältnisse, er war der alte Rufer geblieben.

Die einzigen klassischen Aspekte von Planeten auf die Kochschen Häuserachsen sind denn auch die Quadrate von Merkur und Mars auf MC und IC einerseits sowie die Quadrate von Uranus auf die Denkachse 3/9. Da kommt zur Logik und zum arbeitsmässig eingesetzten Wort (Mars/Merkur), die zu Karriere, Berufung (MC) führen und zur scharfen Analyse (Mars/Merkur) der kollektiven Verhältnisse (IC) noch eine quirrlige, manchmal ätzende Debattierfreude (Uranus und 3/9), ein provozierendes Feuerwerk an Vorschlägen.

Zitate:

"Von meinen ersten Stücken ist die Komödie «Trommeln in der Nacht» das zwieschlächtigste. . . Die Auflehnung gegen eine zu verwerfende literarische Konvention führte hier beinahe zur Verwerfung einer gros-

sen sozialen Auflehnung . . . Ich sehe, dass mich mein Widerspruchsgeist . . . dicht an die Grenze des Absurden herangeführt hat." (Zu den «Trommeln»)

"Ich benötige keinen Grabstein,

Aber wenn ihr einen für mich benötigt

Wünschte ich, es stünde darauf:

Er hat Vorschläge gemacht.

Wir haben sie angenommen.

Durch eine solche Inschrift wären

Wir alle geehrt." (Gedichte 1946-1956)

"Bertolt Brecht war ein glänzender Debattierer. . . Jede Minute brachte ihm neue, kühne, strahlend gescheite Einfalle. Er verstieg sich gern in Paradoxe, verteidigte seine Thesen, auch wenn sie nicht zu halten waren, mit Witz und Schärfe, wurde heftig, griff an, um schliess-lich schlau und gutmütig lachend seinen Satz fallen zu lassen." (Lion Feuchtwanger). Bis auf die letzten Worte, die mir von Jupiter zu kommen scheinen, alterniert in diesen Sätzen ständig Merkurisches, Marsisches, Uranisches.

"Der Abschaum mordet, aber er ist nur durch Mord zu bewegen, aus der Welt zu gehen. Sie verstehen: Ich sage nicht, dass wir hingehen sollen und Hitler töten. Das wäre bestienmässig, aber nicht intelligent. Aber etwas Tödliches muss angewendet werden, sonst lebt der Abschaum weiter bis ans Ende der Tage, zumindest unserer Tage. Wie können wir Schriftsteller tödlich schreiben?" (1938)

Mit einem Orbis von 1,7 Grad macht auch der wahre Mondknoten ein Quadrat auf MC/IC: Betonung der schicksalshaften Entwurzelung aus dem Geburtskollektiv; im 2. Haus zwingt er ihn, auf die eigene Substanz zu bauen, die wegen der Konjunktion am naheliegendsten über Aktivierung intellektueller Fähigkeiten aufzuschliessen ist. Beobachtung, Gedanke (Merkur) führt stein-böckisch zur Tat (Mars), der Knoten fordert Neubeginn: am Tage nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 verlässt Bertolt Brecht mit seiner Familie Berlin. Der Horizont war für einen Schütze-AC endgültig

zu eng geworden.

"Gingen wir doch öfter als die Schuhe

Die Länder wechselnd

Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt

Wenn da nur Unrecht war und keine

Empörung.

Dabei wissen wir doch:~ -

Auch der Hass gegen Niedrigkeit

Verzerrt die Züge.

Auch der Zorn über das Unrecht

Macht die Stimme heiser. Ach, wir

Die wir den Boden bereiten wollten

Für Freundlichkeit

Konnten selber nicht freundlich sein."

(An die Nachgeborenen).

Eingeschlossen, am TP oder in 12, bzw. kurz davor sind alle Planeten ausser Merkur, Mars, Pluto und Mond als diejenigen Kräfte, die nicht ganz besonders nach innen gelebt werden sollen, wobei Mond über die Konjunktion auch zu TP gerechnet werden muss, nicht achsenwirksam ist. So können also wirklich nur Merkur/Mars und Pluto (und über das Quadrat auf die Achse 3/9 noch Uranus) umweltwirksam werden. Und da sie den ganzen Frust aller anderen in den extravertierten Elementen Luft und Feuer stehenden Planeten wett machen müssen oder wollen, sind Heftigkeiten und Übertreibungen verständlich. Sie sind Bertolt Brechts Ausdrucksstärke, und Freundlichkeiten von Neptun, Jupiter und Venus werden wehmütig weggesteckt: im Wetterhäuschen steht Frau Venus im Innern, die männliche Empörung tritt mit geschliffenem Wort heraus.

Da Sonne und Jupiter immer auch die Fülle, Erfüllung meint, bleibt hier Wesentliches ungelebt:

"Als der Gescheiterte unsere Insel betrat

Kam er wie einer, der sein Ziel erreicht

hat.

Ich glaube fast: uns erblickend

Die zur Hilfe herangeeilt waren

Fühlte er sogleich Mitleid mit uns.

Von allem Anfang an

Befasste er sich nur mit unseren Dingen.

Aus den Erfahrungen seines Schiffbruchs

Lehrte er uns das Segeln. Selbst Mut

Brachte er uns bei."

(Bericht über einen Gescheiterten).

Die doppelte Aufforderung von extremer Extraversion und starker Introversion hat eine Parallele in der Opposition. Zum einen, weil in Saturn und Pluto sich Nüchternheit, Konzentration, Zurückhaltung, Statik und totale Veräusserung, Exzess, Vulkanismus gegenüberstehen. Die Häuser tun das ihre: wenngleich das 6. kein extravertiertes ist, so ist da doch der Überlebenskampf im Hier und Jetzt sowie die Hingabe an das Du, während das 12. Rückzug, Verinnerlichung fordert.

"Ach, in meine arme Brust Ist ein Zwiefaches gestossen Wie ein Messer bis zum Heft. Denn es zieht mich zu dem Grossen Selbst- und Nutz- und Vorteilslosen Und es zieht mich zum Geschäft Unbewusst!"

"Mensch, es wohnen dir zwei Seelen In der Brust!

Such nicht einen auszuwählen Da du beide haben musst. Bleibe stets mit dir im Streite! Bleib der Eine, stets Entzweite! Halte die hohe, halte die niedere Halte die rohe, halte die biedere Halte sie beide!"

(«Der gute Mensch von Sezuan»)

Jede Opposition bedeutet Zerreiss-probe und "2 Seelen" zu haben, aber kaum wird sie stärker empfunden als in der Existenzachse Jungfrau-Fische (Goethe), bzw. 6/12 (Ingeborg Bachmann, Robert Schumann). Maschinen bauen und Reis pflanzen ist Freundlichkeit, sagte Bertolt Brecht, eine bessere Interpretation der ora-et-labora-/ bete und arbeite-Achse (6/12) konnte er uns nicht geben: das Nützliche (6) und das Absichtslose (12) über die Entspannung durch Jupiter (Güte) im Venuszeichen Waage durch eine, die Gegensätze überbrückende Du-Philosophie der gerechten Verteilung miteinander zu verbinden. Verstärkt durch die Tatsache, dass das Nützlichkeitsprinzip Saturn im metaphysischen 12. Haus und dessen Herrscher im gegenüberliegenden Feld zu Gast ist: Liebes(Neptun)-Dienst (6) als Maschinenbauen, Reispflanzen,

was allen konkret zu Gute kommt, ist eine Art vernünftiger, pragmatischer Gottesdienst, was eine modernere und sozialpolitische Formulierung einer alten Weisheit ist, welche Benediktiner ebenso wie Buddhisten zur Lebensmaxime machen. Damit ist auch der moralische Wassermann im 2. Haus einverstanden. AC in Schütze und sein Herrscher im eigenen Feld drängen zusätzlich nach Wahrheit, in Kombination mit Wassermann manchmal auch fanatisch.

Jupiter schwebt entspannt über den Dingen, betrachtet, begleitet vom persönlichen Kontaktbedürfnis (Mond, Waage), die beiden Seelen philosophisch verbindend, und gibt als Einsichtsfähigkeit, Sinn- und Synthese-Instanz seinen Segen zu dem Existenzkampf: Zerreissprobe wird zum nötigen Lebensprinzip, zu Polarität, der besseren Variante von Oppositionen. Im Sprachlichen ergibt sich eine Verschmelzung der gegensätzlichen Begriffe: «Halte die hohe», was Pluto und 12, «halte die niedere», was auf Saturn und 6 hinweist; in einem Wort sind meist beide Pole der Opposition enthalten. Jupiter, der Richter "entscheidet" salomonisch, dass beides sein muss, er ist die zur Synthese geeignetste Kraft an günstigstem Ort. Für Bertolt Brecht "Glück im Unglück". Ein gütiger, aber in Waage, am TP und der Aspektie-rung wegen auch ein unentschlossener, passiver, launischer (Mond) Richter: im Kaukasischen Kreidekreis wird ein Mann des Volkes (Mond) dazu ernannt, der die Reichen schröpfend, den Armen helfend für Ausgleich sorgt, oft mehr zufällige, aber dann doch wieder tiefsinnige Urteile fällt, die üblicher Auffassung von Gerechtigkeit entgegenlaufen. Zum Schluss überlässt der mal Hochmütige, mal Unsichere in angetrunkenem Zustand das umstrittene Kind der Ziehmutter statt der leiblichen, die ihr Natur- und Mutterrecht (Krebs) besitzergreifend, brutal durchsetzen will. Als Wassermann, der Vernunft und Wahl-Verwandtschaft vorzieht, stellt Bertolt Brecht damit die alte Erzählung auf den Kopf, der Richter (Jupiter) überlässt das Agieren auf schlaue Art den anderen (Waage), hat dann ein überraschend eigenwilliges, letztes Wort (9) und wird dadurch doch irgendwie gerecht und weise. Am Ende wird eine Gerechtigkeit des Herzens (Mond) als ausschlaggebend angeführt, die Angemessenheit (Jupiter) und Gefühl zusammenführen; dem Kind (Mond) das Gute (Jupiter): «Dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind, also die Kinder den Mütter^cAefl, damit sie gedeihen ...» (nicht den Müttern!). Eine sinnvolle, philosophische, aber etwas luftige Haltung, die zu vielen Realismen bei Bertolt Brecht nicht immer so ganz zu passen scheint. Für ihn selbst (Radix) ist dies Ergänzung, logischer Teil, kein Widerspruch, da die Planeten im 2. und im 9. Haus im Trigon unkritisch zueinander stehen. Durch die Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Gegebenheiten seiner Umwelt (Häuserhoroskop) ergeben sich daraus dann Quincunxe zwischen diesen Häusern: Zweifel, Ungereimtheiten, Ambivalenzen, Suche nach flexiblen Lösungen.

In einem Vortrag und einer Broschüre habe ich vor 11 Jahren das (noch unkorrigierte) Kosmogramm vor allem anhand des viel Brecht'sches in besonders reiner Form wiedergebenden Parabelstücks «Der gute Mensch von Sezuan» interpretiert, wobei alle wesentlichen Personen des Stücks mit einem seiner Planeten in Verbindung gebracht werden konnten. Die Doppelrolle Mädchen/Vetter, die er erfinden musste, um "gut" und "mächtig" mit einem Trick zusammenzubekommen, als in dieselbe Richtung (Haus) ziehend, sich ergänzend, unterstützend, lässt sich mit der zerrissenen oder nicht zustandegekommenen Konjunktion Pluto-Neptun belegen. Neptun in 6 alleine würde folgendes singen:

«Der heilige Martin, wie ihr wisst Ertrug nicht fremde Not. Er sah im Schnee ein armen Mann Und er bot seinen halben Mantel ihm an Da frorn sie alle beid zu Tod.»

(«Mutter Courage und ihre Kinder»).

Pluto, das Ich-Ideal, die Vision vom eigenen Monument, welches man der Nachwelt hinterlässt, kommt dem Liebesideal Neptun zu Hilfe, diktiert dafür eine harte Alternative, die (ohne Konjunktion) aber auch die Verschmelzung, Lösung offen lassen muss.

«Keinen verderben zu lassen, auch nicht sich selber

Jeden mit Glück zu erfüllen, auch sich, das ist gut.»

ist das Angestrebte; auf der Bühne aber bleibt die nur mit dem Trick der Verkleidung erreichte "Synthese" zum Schluss letztlich unerfüllt: die Götter (Richter, Jupiter) entschweben auf einer rosa Wolke, lassen den Menschen auf seiner Existenzachse sitzen.

Oft lässt sich ein Horoskop ganz gut zusammenfassen mit Sonne-Mond-AC, hier Wassermann-Waage-Schütze. In eine Kurzformel gebracht etwa: Brüderlichkeit-Gleichheit-Freiheit, die Schlagworte der französischen Revolution. Bertolt Brecht ist mit einem Überhang von 91 Punkten Waage (Luft!) in der dynamischen Auszählung und einem Mangel von 65 Punkten Stier vor allem Mensch, Denker, Künstler. Er versucht sich, vielleicht etwas kom-pensativ, in Realismus auf der Bühne und setzt auf marxistischen Materialismus, der sich ihm in seiner Zeit als Vehikel anbot, die Verhältnisse zu verbessern. Aber es ging ihm um anderes als um Parteipolitik: "Was zur Diskussion steht, ist das Verhalten des religiösen Menschen . . ., die Bemühungen von Menschen, Glaube zu erzeugen. Das Ziel des Stückes, eine tiefgreifende und zum Handeln ausreichende Erkenntnis der grossen gesellschaftlichen Prozesse unserer Zeit zu vermitteln . . ." (Anmerkungen zu «Die heilige Johanna der Schlachthöfe»).