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Titel Ausgabe 47



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Zurück Ausgabe 47 vom 21.12.1988 • Seite 16ohne Login!

• Astrologie & Psychologie

Astrologie und Tiefenpsychologie, Teil 3

Wolfhard H. König

Wir haben uns im letzten Artikel ausführlich mit der Symbiosephase befasst, der der Mond zuzuordnen ist, mit den Paradieswünschen des Menschen, den Wünschen nach Verschmelzung, Einheit, Geborgenheit, innigstem Zusammengehören. Der Symbiose entspricht, was E. Neumann die «Mutter-Kind-Einheitswirklichkeit» nennt, oder Szondi die «Dual-Union» oder Levy-Bruhl die «Participation mystique». Hinter all diesen Begriffen steht das Erleben des Kindes von Einheit, Ungetrenntheit, Grenzenlosigkeit ersten halben Lebensjahr.

Dabei hat allerdings im Grunde nur das Kind dieses Erleben von Einheit, die Mutter ist (im optimalen Fall) dem Kind so zugewandt, dass ihm dieses Symbiose-Erleben möglich wird. Aber für eine individuierte Mutter kann das Miterleben der Symbiose immer nur ein Teilerleben sein – sie weiss um ihr anderes Leben ausserhalb der Symbiose. Der Mond im Horoskop kennzeichnet deshalb die Symbiosewünsche und das Symbiose-Erleben des Kindes (siehe Teil 1). Wie sieht nun der nächste grosse Entwicklungsschritt aus, die zweite oder psychische Geburt (M. Mahler)? Es geht darum, dass das Kind die Schutzhülle der Symbiose verlässt, dass die Zeit im "psychischen Uterus" zu Ende geht, dass das Kind sich von seinen Paradies-Phantasien trennen muss.

Diesem Entwicklungsschritt lässt sich der Mythos von der Vertreibung aus dem Paradies zuordnen. Bei starker Frustration in der Neptun-Mond-Phase wird dieser Schritt nur als Katastrophe und Zumutung erlebt mit dem Bemühen, ihn weitgehend zu vermeiden, die Phantasie einer nur guten Welt/Mutter zu retten.

Es geht aber auch nach dem Mythos darum, "vom Baum der Erkenntnis zu essen", also bestimmte Erkenntnisse zu gewinnen. Im Kern ist damit die Erkenntnis der Notwendigkeit der ersten bewussten, grossen Trennung und Unterscheidung gemeint, aus der Ich und Du, Innen und Aussen, Subjekt und Objekt hervorgehen. Damit einher geht der Verlust, der Verzicht auf eine "Einheitswelt" ohne Grenzen, ohne Unterscheidung, ohne Getrennt-Sein. Wahrscheinlich gibt es in jedem Menschen diese Tendenz, an dieser ursprünglichen Paradies-Einheitswelt festzuhalten, sie nicht zugunsten weiterer, noch unbekannter Entwicklungsschritte ausserhalb des "Paradieses" aufzugeben.

Aber Saturn sorgt für die weiteren Schritte. Er verkörpert das Realitätsprinzip, demzufolge das reine Paradies als Wunsch, als Wunschtraum erkannt werden muss (jedenfalls in dieser Entwicklungsphase des Kindes, wahrscheinlich sogar auch in dieser Welt).

Trennung, Unterscheidung, Grenze sind die saturnischen Begriffe, um die es in der Weiterentwicklung, der Phase der psychischen Geburt geht. Das Kind beginnt zunehmend die Getrenntheit zu realisieren, dass die Mutter eine eigene, von ihm unabhängige Person ist, dass nicht nur zwei Körper mit Grenzen (der Haut) existieren, sondern dass auch zwei Seelen, zwei Selbste, zwei Objekte sich entwickeln, sich unterscheiden sollen. Das neugeborene Kind hat noch keine Selbstoder Ich-Grenze, durch die es sich von anderen Subjekten unterscheiden könnte, was ja die Voraussetzung für das (undifferenzierte) Einheitserleben des Kindes ist. Nun lernt es zunächst langsam den eigenen Körper kennen, lernt unterscheiden, was zu diesem Körper gehört und was ausserhalb ist, wobei die Entdeckung der eigenen Haut als Grenze, als Begrenzung wichtig ist.

Durch zunehmende Entwicklung der Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten entdeckt das Kind immer mehr von der Welt, von der Realität: zum Beispiel dass die Mutter offensichtlich einen eigenen, von ihm getrennten Körper hat, dass sie weggehen kann, dass sie dabei die stillende Brust mitnimmt, dass es also Getrenntheit gibt. Noch tut die Mutter es selten, weiss sie doch um die Abhängigkeit des Säuglings und versucht so gut wie möglich, präsent zu sein, seine Wünsche zu erfüllen (im wesentlichen: Nähe und Nahrung). Aber dem älter werdenden Kind wird die Mutter natürlicherweise mehr zumuten an Warten-Müssen, an Getrenntsein-Aushalten. Das Kind nimmt also immer differenzierter wahr: die Mutter ist eine irgendwie getrennte Person, sie kann ganz nah sein, wie ungetrennt, sie kann sich aber auch zurückziehen, trennen. Damit nimmt das Kind aber auch wahr, dass es selber ein eigenes Subjekt, eine eigene, getrennte Person ist. Es beginnt immer mehr, die eigenen Grenzen auszubauen, beginnt nun seinerseits, Abgrenzung, Rückzug, Neinsagen zu erlernen (Kopf wegdrehen, wegkrabbeln usw.).

Der Prozess der psychischen Geburt, der Geburt des eigenen Selbst, ist im wesentlichen abgeschlossen, wenn das Kind eine eigene, stabile Selbst grenze aufgebaut hat.

Damit ist das Kind als eigenes Subjekt, als eigenes Selbst geboren – der Prozess der Individuation hat die erste entscheidende Hürde genommen, die Entwicklung zur eigenen Identität kann beginnen. Nun ist Grenze ein typisch saturnischer Begriff, und die Entwicklung einer stabilen Selbstgrenze somit ein Vorgang, der astrologisch in das Gebiet des Saturn fällt. Er steht für die Stabilität der Persönlichkeitsgrenze, nicht nur für ihren Aufbau, auch für ihre Erhaltung (zum Beispiel gegen alle Beeinflussungsund Suggestionsversuche, die ja gerade im Unterlaufen dieser Grenze bestehen).

Die «Geburt des Selbst» (B. Bettelheim) ist damit jenem Grenzbildungsprozess zu vergleichen, in dem sich, nach den Erkenntnissen der modernen Evolutionstheorie, die ersten einzelligen Lebewesen aus der "Ursuppe" der frühen Weltmeere gebildet haben: durch den Aufbau einer Eiweiss-Fett-Schicht als Zell grenze.

Wie sieht nun die Aufgabe der Saturn-Mutter bei der zweiten Geburt aus? Im wesentlichen muss sie diesen Abgrenzungsprozess fördern, ihn Schritt für Schritt an das Kind herantragen, behutsam die Symbiose - Verschmelzungs - Phantasie auf die Realität hin korrigieren. Dafür hat Heinz Kohut einen ebenso treffenden und präzisen wie oft emotionsauslösenden Begriff geprägt: optimale Frustration.

Dass offenbar jeder Mensch, jedes Kind mit solchen Paradieswünschen ausgestattet ist bzw. mit ihnen auf die Welt kommt, zeigt sich schon darin, dass in allen Religionen und Mythologien am Anfang immer das Paradies steht, das Schlaraffenland, die Ur-Harmonie, das Land, wo Milch und Honig fliesst usw. Und in vielen Lehren steht das Paradies auch wieder am Ende eines Lebens- bzw. eines Geschichtszyklus. Der Mensch kommt als begehrendes Wesen (Ricoeur) auf die Welt, und sein tiefstes Begehren ist mit dem Bild vom Paradies gut umschrieben. Das Paradies des Kindes in der Symbiosephase würde nun darin bestehen, die Mutter ganz, alleine, für immer, ungeteilt zu besitzen, quasi in Fortsetzung der Uterus-Zeit. Die Realität, die das Kind aber vorfindet, ist zum Beispiel die, dass die Mutter noch ein anderes Kind (oder mehrere Kinder) hat, eine Beziehung zu ihrem Mann und darüberhinaus noch andere eigene Lebensinteressen. Mit all dem wird das neue Kind teilen lernen müssen. Der Weg von der Paradies-Phantasie zur Erkenntnis der Realität hat einschneidend mit Frustration zu tun. Die Realität zu erkennen, vom Baum der Erkenntnis zu essen, bedeutet also zunächst Verzicht, Abstriche von der Utopie, vom reinen Wunsch, also Frustration.

Die Aufgabe der Saturn-Mutter besteht nun einerseits darin, diese Realität sozusagen unerbittlich (wie eben Saturn) an das Kind heranzutragen – aber ihm diese Erfahrung zugleich auch optimal, also ausgewogen, das heisst altersgemäss zu vermitteln, den Verarbeitungsmöglichkeiten des Kindes entsprechend. Das heisst die Abnabelung, die (psychische) Abstillung sollte in jenen kleinen, aber stetigen Schritten vor sich gehen, die dem Kind zuträglich sind. Auf das richtige Mass kommt es an.

Verwöhnung, also der Versuch, dem Kind das Saturnische, Reale, Harte zu ersparen, es in seiner Paradies-Phantasie zu bestätigen, muss zu einer Fixierung in der Symbiose, zu einer einseitigen Überwertigkeit der Neptun-Mond-Position führen. Realitätsferne, Realitätsverleugnung, nicht zurechtkommen mit der Realität, Rückzug in Wunschwelten und schlimmstenfalls Suchtentwicklungen (als Paradies-Ersatz) sind die Folge.

Aber wenn ich andererseits an die "Abnabelungs-Prozeduren" denke, die mir Patienten erzählen (die ihre Mütter in den fünfziger Jahren oft von Haus- oder sogar von Kinderärzten empfohlen bekamen), dann stehen mir alle Haare zu Berge. Das reichte von "schreien lassen, bis es sich von selbst beruhigt", bis zum Füttern im Sechs-Stunden-Rhythmus, um "Verwöhnung" zu vermeiden. Das Fehlen von Zuwendung, Einfühlung, Empathie, wenn das Kind spüren musste, dass die wirkliche Bemühung fehlt, ihm die angemessenen, jeweils verkraftbaren Schritte vorzubereiten und zuzumuten, bedeutet eine gravierende Verletzung (meist mehr in der Neptun- als in der Mond-Stellung sichtbar).

Optimale Frustration würde also heissen, dem Kind die Hinführung zur Realität von Trennung, Einschränkung und Teilen (ohne die man kaum gut durch ein menschliches Leben kommen kann) nicht zu ersparen, ihm die notwendige Frustration der zunächst allumfassenden Paradies-Phantasie zuzumuten, aber ebenso sorgfältig darauf zu achten, dass der "Geburtsschmerz" nicht traumatisch wird.

Diese zwei Entgleisungen sind also beim Prozess der psychischen Geburt möglich. Erstens der Versuch der Mutter (wobei hier immer das Gesamt an Betreuung bzw. Erziehung gemeint ist, siehe auch Teil 1), das Kind in der Symbiose festzuhalten, es an sich binden, in der grösstmöglichen Nähe, in einem primären Zusammengehörigkeits-, ja Verschmelzungsgefühl bleiben zu wollen. Meist tun dies Mütter, die sich selber nur unvollständig aus ihrer eigenen Symbioseerfahrung lösen konnten – und diese Fixierung jetzt weitertradieren. Hier wird das Kind durch Verwöhnung und Bindung in einer "Paradies-Welt" festgehalten, und jede Herausforderung durch die "harte Realität" soll vermieden werden.

Die zweite Fixierungsmöglichkeit in der Symbiose entsteht durch traumatische Frustration, das heisst dass das Kind zu früh, zu schnell, zu radikal die "heile Welt" verlassen muss, etwa durch Verlust der Mutter, durch deren Tod oder längere Abwesenheit durch Krankheit (von Mutter oder Kind), oder dass einfach schwerwiegende Umstände die Mutter psychisch völlig absorbieren, in einem Fall zum Beispiel die lebensgefährliche Erkrankung des Vaters, die das Kind gerade in der störbaren Symbiosephase zur "Nebensache" werden liess – eine zu frühe und plötzliche, für das Kind nicht nachvollziehbare Frustration. Das enttäuschte, eigentlich zu kurz gekommene Kind kann und will dann das Paradies (noch) nicht verlassen. Es ist ja noch nicht "gestillt", will also auch noch nicht abgestillt werden. Es hält an seinen Symbiosewünschen fest und besteht innerlich darauf, dass hier noch etwas zu kommen hat. Manchmal klammert sich ein Mensch ein Leben lang an einen solchen Nachholwunsch bzw. an eine Wiedergutmachungsforderung .

Ein weiterer zentraler Faktor der Traumatisierung ist die ambivalente Beziehung. Ambivalent, also hassliebend, zwiespältig, ist eine solche Beziehung dann, wenn die Mutter das Kind nicht wirklich gewollt haben kann, bewusst oder auch nur unbewusst nicht wirklich annehmen kann. Das neugeborene, noch un-abgegrenzte Kind spürt sehr genau auch die unbewussten Strebungen der Mutter, reagiert auf die angebotene Beziehung als Ganzes, auf ihre offenen und ihre versteckten, ihre bewussten und unbewussten Anteile. Das ungewollte oder nur halbge-wollte Kind spürt also sehr wohl die Art des Angenommenwerdens. Es leitet seinen primären Selbstwert vom Umfang des Angenommen-und Geliebtwerdens ab. Das Aus-mass des Nichtgeliebtseins kann sich ein Kind nur erklären, indem es folgert: "Ich bin eben nicht soviel wert, ich bin schuld daran." Hieraus entstehen dann der primäre Selbstzweifel und das primäre Schuldgefühl (E. Neumann, 1963). Damit ist oft Grund gelegt für eine Pathologie, die möglicherweise lebenslang Leid und Depression nachsichzieht. Das primäre Angenommenwerden ist also ein ebenso zentraler wie schicksalhafter Vorgang. Jedes Kind ist (seelisch) lebensnotwendig darauf angewiesen, eine Mutter zu haben, die es ganz wollen kann.

Dies ist ein Zusammenhang, der im Rahmen der oft sehr materialistisch geführten Abtreibungs-Debatte meist ganz ausgeblendet wird: Es genügt nicht, dafür zu sorgen, dass ein Kind physisch geboren wird, denn wer geleitet es dann durch die zweite Geburt? Sind dafür die äusseren und vor allem inneren (seelischen) Voraussetzungen gegeben? Ohne zweite Geburt ist der Mensch nur halb auf der Welt – ohne eigenes Selbst, ohne grosse Chance auf Glück und Individuation.

Wer öfter mit solchen ungewollten oder nur sehr ambivalent angenommenen Kindern bzw. späteren Erwachsenen therapeutisch gearbeitet hat (wie der Autor), kann ein bitteres Lied singen von den Folgen ("Geboren, wie das Gesetz es befahl"). Und wenn es (besonders) den Patriarchen aller Länder noch so missfällt, ein (matriarchales) Grundgesetz muss man anerkennen: Man kann eine Frau zwingen, ein Kind zu bekommen, aber man kann keine Frau zwingen, die notwendige gute Mutter zu sein, die schicksalhaft wichtige "primäre Mütterlichkeit" aufzubringen. Hier gibt es keine Alternative dazu, die Autonomie der Frau und Mutter zu respektieren: Nur sie kann wissen, ob sie zu der Aufgabe bereit sein kann oder nicht.

Alle geschilderten traumatisierenden Einflüsse führen dazu, dass das Kind nicht bereit sein kann, die Symbiose zu verlassen, neue Erfahrungen mit der Realität zu machen. Die zweite Geburt muss es jetzt als Vertreibung aus dem Paradies erleben, als Strafe und Zwang. Ein in der Symbiose gesättigtes Kind wird bereit sein, die enge Bindung an die Mutter zu lockern, einen Schritt hinaus in die Welt zu tun.

Dem (aus Frustration) an die Symbiose fixierten Kind muss die Realität "draussen" furchtbar erscheinen: Im Schweiss des Angesichts sich mühen und arbeiten, unter Schmerzen Kinder gebären usw. Eine "böse" Realität! Hier liegen für mich tiefenpsychologisch gesehen die Wurzeln der Verfemung von Saturn als Bösewicht.

Saturn ist es ja, der die Differenzierung, die Trennung, die Unterscheidung vorantreibt, der die neuen Grenzen entstehen lässt – und der den Paradieswunsch als Phantasie und Utopie entlarvt. Es ist die Saturn-Mutter, die dem Kind jetzt erstmals als getrennte, eigene Person entgegentritt und (schrittweise) Verzicht auf die Paradies-Phantasie verlangt und zunehmend von ihrem Kind realitätsgerechteres Verhalten erwartet. In der modernen Psychoanalyse spricht man hier von der «Mutter der Trennung». Wenn die Mutter mit diesen Forderungen an ein Kind herantritt, das in der Symbiose stark frustriert, verletzt wurde, entsteht hier im Kind das Bild das absolut Bösen, des Teufels. Gleichzeitig entsteht (ausgleichend) ein einseitig idealisiertes Bild einer nur guten Paradies-Mutter, nach der dann mit ewiger Sehnsucht zeitlebens gesucht wird (vom Ehepartner bis zum Guru, von der Romantik bis zur Religion . . .).

Der Teufel aber, das ist dann Saturn, das Realitätsprinzip: das verfolgt einen und ist durch nichts abzuschütteln. Denn auch bei bester Bemühung, der Partner, der Freund, der/die Geliebte ist nur ein Mensch mit Grenzen (Saturn) – und nicht die alles erfüllende, alles wiedergutmachende «Grosse Mutter» (E. Neumann). An diesem Anspruch gemessen scheitern alle Menschen, werden "böse", enttäuschend. Saturn begegnet einem allerorten. Nur durch weitgehenden Rückzug in die Phantasie kann das Paradies bewahrt werden.

Aber: Als Teufel und Bösewicht erscheint Saturn nur aus einer einseitigen Neptun-Mond-Perspektive, genauer gesagt, aus der Paradies-Fixierung heraus. Also aus dem verzweifelten Wunsch, am Paradies festzuhalten. Und aus dem wütenden Protest gegen die "Vertreibung" entsteht das "Draussen", die Realität als das nur Böse.

Diese Sichtweise finden wir aber in der Bibel vertreten, grundlegend für die jüdisch-christlich-abendländische Kultur. Mit Recht verweist Neumann (wohl als erster und sehr konsequent) darauf, dass das Verlassen des (unbewussten) Paradieses identisch ist mit dem Beginn der Bewusstseinsentwicklung, der Geburt zu eigenem Bewusstsein, der Individuaton. Und dass deshalb eine Weigerung, das Paradies (ganz oder partiell) zu verlassen, auch eine Weigerung zum eigenen Leben, zur eigenen Entwicklung, zur eigenen Verantwortung ist.

Das Verlassen des Paradieses ist also der Akt, mit dem psychischgeistig das reale eigene Leben beginnt – ein äusserst positiver Schritt. Dass unsere Mythologie ihn verteufelt, ist ein kulturneurotisches Symptom – und eine Auswirkung in der Astrologie ist die Verteufe-lung des Saturn.

Was aber verkörpert Saturn im Positiven? Die Saturn-Mutter tritt dem Kind erstmals als eigene getrennte Person von aussen entgegen, sie ist seine reale Mutter, nicht mehr die Phantasie-Mutter des Paradieses, Sie ist jetzt reale Mutter, genauso wie der Vater später als reale eigene Person auf das Kind zukommt. Insofern verkörpern Saturn und Sonne die eigentlichen realen Elternfiguren, während der Mond das Wunschleben des Kindes verkörpert (besonders die Wünsche an die Paradies-Mutter). Insofern lässt der Mond auch Rückschlüsse auf die Mutter zu, auf das Verhalten der Mutter während der Symbiosephase, betrachtet aus der Sicht des Kindes und seiner Wünsche.

Die Saturn-Mutter aber führt das Kind an die Realität heran, an Trennung, Eigen-Sein, Selbst-Grenzen, aber auch an Verzicht und Abstriche. Sie führt das Kind aus dem (phantasierten) Paradies in die reale Welt. Diese psychische Geburt in die Realität hinein ist die unabdingbare, unverzichtbare Voraussetzung für Annehmen und Bewältigen der realen Welt im weiteren Verlauf des Lebens.

Hängenbleiben in Paradies-Phantasien und Verachtung der Realität, besonders der materiellen Welt (geringschätzige Abwertung der "Materie" findet man oft in esoterischen Kreisen, gepaart mit Phantasien über bevorstehende, ganz besondere Entwicklungen, die irgendwie eine Art Paradies wiederbringen sollen) – dies sind Kennzeichen des Scheiterns an der zweiten Geburt. Die Saturn-Mutter aber bietet dem Kind eine reale, stabile, verlässliche Beziehung auf dem Erdboden der Realität. Es geht jetzt nicht mehr um die einzigartige Verwöhnung, sondern das Kind erlebt das reale Angenommensein von der Mutter, aber als ein Kind neben anderen, neben dem Partner, neben den Eigeninteressen der Mutter. Solche Realität ist immer entschieden weniger als das Paradies – aber dafür real! Und nur auf diesem realen Erdboden von Beziehung ist Weiterentwicklung möglich.

Ein Beispiel, wie Beziehungen ohne diesen Boden aussehen können, berichtete mir eine Patientin (unter Tränen), wie sie den romantischsten, begeisterndsten Mann ihres Lebens kennenlernte (er hatte Mond/Neptun-Konjunktion am MC) – an einem Abend, in einem Lokal in Schwabing (Vergnügungsviertel), bei Champagner. Es war wie ein Rausch, und noch in der selben Nacht wurde im Englischen Garten ihr Kind gezeugt (ist tatsächlich wahr) – und drei Wochen später feierte der Mann bereits in den USA, mit einer neuen Freundin. Diese drei Wochen (Paradies) möchte die Patientin aber in ihrem Leben um keinen Preis missen – aber mit ihrem Kind, ohne rechte Ausbildung und Vater, schlägt sie sich mehr schlecht als recht durch (böse Realität).

Eine reale Beziehung wäre nicht so euphorisch-narzisstisch – aber dafür dauerhafter und tragfähiger.

Natürlich: eine reale und glückliche Beziehung bedarf beider Aspekte – der gelungenen Mischung von Paradies und Realität.

Noch ein Wort zur viel zitierten Mutter: Wir haben die zwei vielleicht zentralsten, aber auch aufreibendsten Aufgaben betrachtet, die ihr zukommen. Vor allem die sym-biotische Phase verlangt der Mutter oft alles ab, sie muss sich in bestimmter Weise "ganz" geben, ganz für das Kind dazusein versuchen, und die jungen Frauen, die am Abend erschöpft sind, obwohl sie doch tagsüber "nur" ihr Baby versorgt haben, sind Legion, oft zum Unverständnis ihrer Männer. Tatsächlich aber haben wir hier eine der zentralsten menschlichen und gesellschaftlichen Aufgaben vor uns: den Urvertrauensboden für einen neuen Menschen zu schaffen, der unverzichtbar ist für ein menschenwürdiges, menschliches Leben (dort, wo dieser Boden fehlt, gibt es eigentlich nur Leiden: von schweren Psychosomatosen bis zu den Suchtentwicklungen usw.). Damit ist aber auch klargestellt, welchen zentralen Stellenwert diese "gute Bemutterung" für das Wohlergehen einer Kultur hat, und es ist manchmal empörend, wie selbstverständlich diese Aufgabe von den Patriarchen aller Länder vorausgesetzt wird. Wenn man auf der Basis der modernen wissenschaftlichen Entwicklungspsychologie weiss, wie ausschlaggebend diese primäre Betreuung ist, und wenn man als Analytiker einmal versucht hat, Frühstörungen (oder Grundstörungen) zu therapieren, wenn man erlebt hat, wie gerade das Wiedererleben der Symbiosephase und ihrer Störungen in der gemeinsamen Beziehung (in Übertragung und Gegenübertragung) einem alles abverlangt, wenn man dann erlebt hat, wie unglaublich schwer und langwierig es ist, den Urvertrauensboden in der therapeutischen Beziehung nachwachsen zu lassen (von suggestiv-narzisstisch-tröstend-zudeckenden Schnell-Lösungen bzw. Scheinlösungen sei jetzt hier nicht die Rede), dann hat man tiefen Respekt vor dieser Aufgabe, wie sie die Symbiosephase darstellt. Jede Mutter ist hier im ersten halben bzw. dreiviertel Jahr herausgefordert, Wesentliches zu leisten – und sollte deshalb in dieser Zeit auch von der Gemeinschaft entsprechend unterstützt bzw. freigestellt werden (wie es in vielen, besonders in den frühen, matriarchalen Gesellschaften selbstverständlich war). Eine Kultur, die dies noch nicht begriffen hat, hat ihr eigenes psychisches Fundament noch nicht begriffen. (Aber beim nächsten Haushaltsloch wird der Finanzminister doch wieder als erstes beim Mutterschaftsurlaub streichen. Allerdings: Wie lange werden wir alle da noch zuschauen?)

Fortseztung folgt