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Titel Ausgabe 47



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Zurück Ausgabe 47 vom 21.12.1988 • Seite 22ohne Login!

• Astronomie

Claudius Ptolemäus

Thomas Martin Müller

Warum ich C. Ptolemäus spontan ausgewählt habe – ich kann es nicht genau erklären; vielleicht weil mein angeblicher Vorfahr, Ph. Melanchton, sein astrologisches Werk 1533 ins Lateinische übersetzt hat, vielleicht entspricht mir auch seine nüchtern-wissenschaftliche, aber gleichzeitig ehrfürchtige Haltung gegenüber der kosmischen Ordnung und seine Art zu arbeiten: Erkenntnisse sammeln, ausweiten, in ein System bringen.

Bevor ich auf die Person und sein Werk eingehe, noch eine kurze Vorbemerkung. Ptolemäus hat ja zur Blütezeit des Hellenismus gelebt, jener Epoche, die der vorläufige Abschluss einer geistigen Entwicklung bildet, die eine allmähliche Umwandlung des alten Götterglaubens, des Mythos, durch die Macht des individuell-rationalen Geistes zur Folge hatte. Diese Macht, in Gestalt der sich entwik-kelnden Philosophie und der unmittelbar aus ihr hervorgegangenen Einzelwissenschaften wie Astronomie, Mathematik, Mechanik usw. bestimmt in unserer westlichen Gesellschaft das sogenannte "wissenschaftliche" Denken, das Denken überhaupt. (Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es allerdings wieder eine Gegenbewegung zum Mythos hin.)

Eine entsprechende Entwicklung gab es in der Astrologie. Die Astrologie der Babylonier war eng mit der Religion und dem Staat verknüpft und bestand anfangs in Weissagung, Omendeutung (in ähnlichem Rang wie "Leberschau, Eingeweideschau") für den Staat, also das Kollektiv, eventuell für Herrscherpersonen (Mundanastrologie) durch Priesterastrologen. Zu dieser Schicht gehörten insbesondere die Chaldäer, Bewohner einer babylonischen Provinz, die auch später besonders die Astrologie pflegten.

In griechisch-römischer Zeit ist der Begriff Chaldäer gleichgesetzt worden mit Astrologe, Mathematiker, Magier. Über die Horoskopie von Herrscherpersönlichkeiten und Stundenastrologie hat sich bereits auf babylonischem Boden die individuelle Geburtshoroskopie entwickelt. Durch chaldäische Wanderastrologen oder durch Chaldäer wie Berossos, der um 260 v. Chr. auf Kos eine Astrologenschule gründete, kam die griechische Geisteswelt damit in Berührung. Zudem haben griechische philosophische Elemente wie die Stoa (Lehre unter anderem von der Sympathie des Alls, Gesetz des Kosmos, dem alle unterworfen sind) aber auch schon Aristoteles, für den Bewegung die Lebenskraft war und die Urqualitä-ten warm – kalt, trocken – feucht bewirkt. Das wäre aber ein eigener Aufsatz wert. Jedenfalls wurde die Astrologie damals allmählich individuell, logisch und "wissenschaftlich". Wesentlichen Anteil daran hat C. Ptolemäus, der das astronomische und astrologische Wissen der damaligen Zeit gesammelt, erweitert, systematisiert und vor allen Dingen publiziert hat; seine Werke stellten auf den genannten Gebieten das für etwa 1400 Jahre zementierte Wissen dar. Erst die Forschungen von Kepler, Kopernikus und Galilei haben dieses Wissen erweitert und weiterentwickelt.

Er hat von etwa 85 bis 160 n. Chr. gelebt, von 128 bis 160 an der berühmten Schule in Alexandria gelehrt. Weitere biographische Daten sind nicht bekannt. Sein Werk besteht aus einem astronomischen (Mathematische Syntaxis = Alma-gest) und einem astrologischen Werk (tetrabiblos). Kurz zu ersterem: Dieses Werk ist Zusammenfassung und Höhepunkt der griechisch-hellenistischen astronomischen Kenntnisse und basiert auch auf älteren Astronomen, deren Werke uns verloren gingen und die quasi durch das Lehrbuch von Ptolemäus "überlebt" haben. Dazu gehören zum Beispiel Appolonius von Perge (geb. 262 v. Chr.), der bereits die Unregelmässigkeiten der Planetenbahnen (zum Beispiel Rückläufigkeit) durch exzentrische oder epizyklische Schleifenbewegungen erklärt hat und dessen Grundidee Ptolemäus vervollkommnete. Die Erde ist Mittelpunkt des Kosmos, die sieben Planeten umkreisen die Erde in zum Teil exzentrischen, zum Teil in epizyklischen Bahnen, das heisst in zusätzlichen Bewegungen auf einem Kreis, dessen Mittelpunkt die Erde umkreist. Der jeweilige Planetenstand konnte so geometrisch erklärt und vorausberechnet werden (Sphärentheorie), siehe Abbildung. Es sieht doch recht kompliziert aus. Jedenfalls hat diese Vorstellung sich für 1400 Jahre behaupten können.

Zu erwähnen ist, dass bereits damals ein heliozentrisches Bild existierte (Aristarch v. Samos), das sich aber nicht durchsetzen konnte. Von Hipparch (geb. ca. 160 v. Chr.) hat Ptolemäus die Vorstellung und Berechnung der Präzession, von Eratosthenes so manch geographisches Wissen. In den dreizehn Büchern der Syntaxis wird zum Beispiel die Kugelgestalt der Erde bewiesen, Ortsbestimmungen (Längen-, Breitengrade) für 8000 Orte aufgeführt, Technik der Berechnung von Planetenumlaufszeiten und Sonnen- und Mondfinsternissen, Kalenderproblemen, weiterhin sogenannte Sehnentafeln (entsprechend unseren trigonometrischen Tabellen) sowie ein Sternenverzeichnis nach Helligkeit und Lokalisation von etwa 1000 Sternen. Hauptthema bleibt aber seine "Sphärentheorie". Sein Werk ist auch ins Arabische übersetzt worden, der andere Name "Almagest" hat hier seinen Ursprung.

Nun zu Tetrabiblos, seinem Lehrbuch der Astrologie. Dieses hat entsprechend das astrologische Wissen früherer Jahrhunderte, insbesondere aber die griechisch hellenistische Umformung beinhaltet. Die vier Elemente der Horoskopie hat Ptolemäus wohl noch aus babylonischer Zeit übernommen (Zeichen, Planeten, Aspekte, Häuser), aber was er schreibt, klingt sehr modern, höchst logisch und rational " und – von Mythos, Religion, Götterkräften keine Spur – alles wird "physikalisch" begründet und bewertet. So schreibt er beispielsweise im ersten Buch: «Der Mond ist ein wässriges Zeichen, denn er hat eine feuchte Atmosphäre, weil zu ihm die Dünste der Erde aufsteigen. Saturn ist dürr und erdig, denn wegen der weiten Entfernung erreichen ihn die Dämpfe der Erde nicht.» Mars ist rot, deshalb ein Feuerplanet, weil «Mars und Saturn trocknen und erkälten», sind sie verderblich, feindlich und übeltuend. Wie moderne Lehrbücher der Astrologie verweist er anfangs auf die bekannten Einwirkungen von Sonne und Mond auf das irdische Leben (Jahreszeiten, Ebbe und Flut), um dann auf die Einwirkungen der anderen damals bekannten Planeten einzugehen. Er schreibt dann weiter, dass die Sterndeutung «... nützlich ist, da sie uns mit Gelassenheit das kommende Geschick ertragen lässt.» Er betont weiterhin, dass das Horoskop kein unentrinnbares Schicksal bedeutet, sondern betont die Fähigkeit des Menschen, dies zu ändern oder diesem entgegenzusteuern.

«Nur in den oberen Regionen herrschen unabänderliche und gesetzmässige Notwendigkeiten, auf Erden ist alles steter Veränderungen unterworfen, deren Ursache nicht allein Einfluss der Gestirne ist.» Beispielsweise erwähnt er den Einfluss von Eltern, Erbanlagen.

Im zweiten Buch betont er die beiden Gebiete, in denen die Astrologie "nützlich" ist: die "allgemeine", das heisst politische (mundane) und geographische sowie die "individuelle" Horoskopie. Er erklärt dort beispielsweise die nationalen Eigenheiten als Funktion des Klimas und dieses als Einfluss der vier "Urqualitäten".

Über die Menschen im hohen Norden, «die unter dem Bären leben», schreibt er: «Sie haben ihren Zenith weit vom Tierkreis und der Sonnenhitze entfernt. Ihre Körper sind deshalb kalt und reichlich mit Feuchtigkeit getränkt. . . sie sind von kühler Gemütsart und wilden Umgangsformen als Folge der dauernden Kälte.»

Im dritten Buch folgen Aussagen über das Individualhoroskop, zum Beispiel ob von der Empfängnisoder der Geburtszeit auszugehen sei, schliesslich gibt er Anweisungen, wie ein Horoskop auszuwerten ist, was man alles erkennen könne (Aussagen über Temperament, geistige Fähigkeiten, Aussehen, Krankheitsdisposition usw.).

Buch vier macht dann Aussagen, wie Ereignisse, Reichtum, Rang, Beruf, Ehe zu erkennen sind, einschliesslich einer Aspektlehre.

Zusammen mit anderen Werken (Valens, Dorotheos von Sidon, Ne-chepso und anderen) war dies das astrologische Vermächtnis der Antike, im Mittelalter wohl weit verbreitet (zum Teil über arabische Quellen) und kommentiert. Zur Reformationszeit wurde das Buch (siehe oben) ins Lateinische übersetzt, im 19. Jahrhundert dann auch von Winkler und Pfaff (letzter Universitätsastrologe Deutschlands) ins Deutsche übersetzt.