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Titel Ausgabe 45



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Zurück Ausgabe 45 vom 22.08.1988 • Seite 12ohne Login!

• Glosse

Wenn einer eine Reise tut, Teil 4

Bruno Huber

IV. Berufung ...?

Neujahr 1962 kehrten wir in die Schweiz zurück. Roberto Assagiolis "Handbuch der Psychosynthese" war fertiggestellt, unser Vertrag mit der Psychosynthese Stiftung in Amerika lief aus. Mein Alterspunkt war jetzt im sechsten Haus (31) und hatte dort bereits das eingeschlossene Löwezeichen betreten, – Was nun? war jetzt die Frage.

Louise und ich, wir beide waren reichlich verwirrt, weil ich nicht wusste was ich eigentlich wollte. Zum einen waren wir mit der harten Realität konfrontiert überleben zu müssen, zum ändern aber weiterhin von dem hohen Ideal beseelt, für die Menschheit etwas besonderes zu tun. Dazu aber kam die wirklich erschwerende Tatsache, dass ich zu viele Möglichkeiten vor mir sah. Ich hatte ja mittlerweile allerhand gelernt, und konnte mich so als astrologischer oder als psychologischer Berater und Therapeut betätigen – oder vielleicht als Kunstmaler? Oder sollte ich wohl gar zum Fotografieren und Filmen zurückkehren? Oder, . . . oder? Ich war hin- und her gerissen.

Der Konflikt des sechsten Hauses trat so mit aller Heftigkeit an mich heran. Man hatte uns nach Genf berufen; man hatte uns nach Florenz berufen – jetzt sollte ich wohl meine eigene Berufung finden, das war mir klar. Aber was soll man mit einem "Überangebot" an Fähigkeiten, die doch recht unterschiedliche, wenn nicht auseinanderstrebende Qualitäten haben. Irgendwo musste ich sie wohl alle unter einen Hut bringen – aber das ergab ein viel zu grosses Konzept, das in dieser Welt überhaupt nicht unterzubringen war. Dagegen standen sowohl die damaligen sozialen wie auch die Arbeits-Bedingungen im allgemeinen, vor allem aber die materiellen Möglichkeiten, die mir zur Verfügung standen. Doch von den hohen Idealen, die eine Integration aller Fähigkeiten verlangten, wollte ich zunächst nicht herunterkommen.

So kam es, dass ich in den nächsten sechs Jahren so ungefähr alles ausprobierte was ich konnte – und dazu noch einiges was ich nicht konnte. Es waren die dunkelsten Jahre meines Lebens, vom Standpunkt des Erfolges und des Erfülltseins aus; aber gerade deshalb wohl auch die erheilendsten und lehrreichsten überhaupt. Zwar habe ich in dieser Zeit viel gearbeitet und studiert, aber mit miserablem materiellem Erfolg – und jeweils mit dem Endergebnis herauszufinden, dass es wieder nicht das Richtige war.

Flaschenhals

Hätte ich damals schon richtig verstanden, was der Durchlauf des Alterspunktes durch das sechste Haus für den Menschen bedeutet, so hätte ich vielleicht das etwas komplizierte Verfahren abkürzen können. Aber vielleicht hätte ich dann auch nicht soviel gelernt, über mein eigenes Horoskop, und über Astrologie überhaupt. So zum Beispiel über ein im Haus eingeschlossenes Zeichen (Löwe in meinem Geburtsbild), oder über meinen Mars in diesem eingeschlossenen Löwen, der hektisch herumsauste, um endlich etwas brauchbares aus der Lebenssituation "zu machen"; oder über einen Neptun im nächsten Zeichen (Jungfrau), der versucht, einem scheinbar mit seinen Menschheit-beglücken-wollenden Idealen über das eingeschlossene Zeichen hinweg gleich ins nächste Haus zu befördern.

Mal ganz abgesehen von den hier gebrauchten persönlichen Beispielen: Ich lernte in diesen Jahren unendlich viele, wie ich das nenne, "kleine Deutungsregeln" kennen. Und zwar gerade durch die astrologische Befassung mit Feunden, Bekannten und Verwandten, die vermehrt mit ihren Sorgen zu mir kamen, mir ihre Lebensgeschichten erzählten und mich um Rat und Hilfe angingen. Zwar gab kaum einer von diesen mir jemals Geld für meine "guten Dienste" (Louise und ich mussten abwechselnd jobben, um materiell durchzukommen), aber die Bezahlung dafür kam später doch in ganz anderer Form zurück.

Eine zunehmende Zahl von Menschen wurde durch unsere "selbstlose" Arbeit von der Qualität und dem Nutzen einer so ernsthaft betriebenen Astrologie überzeugt. Das hatte schliesslich weittragende Folgen. Noch während ich damit beschäftigt war, zu lernen, dass ich meine Psychologie nicht verkaufen konnte, dass niemand meine Kunstmalereien haben wollte, dass Fotografieren und Filmen als Beruf für mich zu einseitig war, und dass man beim jobben sich völlig neue Wissensgebiete auftun kann (z.B. Pharmakologie, oder Musiktheorie und Instrumentenbau, oder Kunst -und Kulturgeschichte), sammelte sich um uns eine ganze Gruppe von Leuten, die nur eines von uns haben wollten, nämlich eine solche Astrologie, wie wir sie anzubieten hatten, selbst lernen zu können.

Erst einige Zeit nach dem Neptunübergang (1967) fiel bei mir der Groschen: Dies war möglicherweise "meine Marktlücke" (Thema sechstes Haus) – Lehrer zu werden für Astrologie.

Zunächst aber wies ich dieses Ansinnen, fast ärgerlich, weit von mir, weil es mir zu kleinräumig schien; "nur ein kleiner Spalt aus dem gros-sen Spektrum meines Geistes". Aber dann verstand ich plötzlich, dass dies der "Flaschenhals" war, durch den man im sechsten Haus gehen muss. Der Entschluss, Astrologielehrer zu werden, erwies sich denn auch in den Folgejahren nicht nur als der beruflich bisher einzige taugliche Versuch, sondern schlicht und einfach als das Grösste, was ich je unternommen hatte. Das kann ich bis zum heutigen Tag unterschreiben: Ich habe meinen Traumberuf gefunden.

Astroszene

Mit unserer Rückkehr 1962 nach Zürich kamen wir auch wieder mit der astrologischen Szene im deutschen Sprachraum in Berührung. Während unseres Florenzaufenthaltes in Italien hatten wir gar nichts gesehen oder gehört, was uns astrologisch hätte interessieren können – ausser natürlich der italienischen Zeitungsastrologie und den vielen kleinen Inseraten, in denen sich sogenannte Astrologen als grosse Wahrsager, Hellseher und Magier anpriesen.

Aber von einer eigentlichen Astroszene konnte man auch hier in der Schweiz nicht wirklich reden. Auf dem Buchmarkt war nur wenig lesenswerte Astrologie zu finden – und das nach wie vor auf dem hintersten Büchergestell in nur wenigen Buchhandlungen. Thomas Rings Reihe "Astrologische Menschenkunde" fiel jetzt da zuerst auf. Und dann gleich auch die fünfbändige "Astrologica" Serie aus dem Metz-Verlag, welche die "Kündig-Ephemeride" enthielt, die lange Zeit den Ephemeriden-Markt beherrschte. Das KdG (Kombination der Gestirnstände) von Reinhold Ebertin war da, und zunehmend mehr Bücher aus seiner Hand. Und auch der Baumgartner Verlag spie weiterhin getreulich seine, immer noch unansehnlichen, "handgestrickten" Faszikel aus, die ein buntes und verwirrendes Sammelsurium von alten und antiken Deutungsmethoden enthielten.

Es gab nur wenige und kleine Gruppen von Astrologen, die sich lokal formierten und schwierig aufzufinden waren. In der Schweiz gab es überhaupt keine echte Körperschaft oder Verein, und in Deutschland war es eigentlich nur die KAA (Kosmobiologische Akademie Aalen) der Ebertin-Dynastie die man beachten musste, weil sich in ihr allerhand interessante Köpfe versammelten, und weil sie regelmässig bemerkenswerte Kongresse abhielt. Zwei weitere Vereine, beides Gründungen der Nach-kriegsjahre, fristeten eher ein kümmerliches Dasein mit wenigen Mitgliedern und spärlichen Aktivitäten: der DAV (Deutscher Astrologen Verband), der keinen neuen Zuzug mehr hatte und deshalb in seiner Mitgliedschaft völlig überalterte, und die Kosmobiosophische Gesellschaft, die in ihrer Zerstittenheit wichtige Gründungsmitglieder, wie etwa Hans Genuit, gehen liess, und dadurch ihre Initiative einbüsste. Ganz hoch im Norden gab es noch einen Verein, von dem gelegentlich Kunde in die Schweiz gelangte, die Hamburger Schule, deren Begründer Witte in den Zwischenkriegszeiten ein "Regelwerk" geschrieben hatte, das ich eines Tages in einem Buchantiquariat aufgabelte. Mitglieder dieses Vereins traf man auch Kongressen.

Typisch für die 60er Jahre war, dass die wenigen Gruppierungen sehr isoliert voneinander funktionierten, und oft methodisch zerstritten waren. Ein typisches Beispiel: Eines Tages, Anfang der Sechziger, wurde in Zürich ein Vortrag des Dr. Walter Koch über sein neues "Geburtsort-Häuser-System" (GOHS) angekündigt. Das interessierte mich, denn ich verwendete ja dieses System, und Dr. Koch war mir aus dem Schrifttum als "gelahrter Mann" bekannt. So erhoffte ich mir einige interessante Aufschlüsse über die mathematische Konstruktion des Sytems, und eventuell über dessen Entstehungsgeschichte. Ich ging also voller Erwartung mit Louise zusammen hin. Etwa eine Viertelstunde lang hüb Koch an, in gewunden komplizierter Sprache das Prinzip darzutun. Dann kam ein gehässiger Zwischenruf aus der Zuhörerschaft, der ihn des Plagiats (geistigen Diebstahls) beschuldigte. Und das brachte den Redner gültig aus dem Konzept. Während den nächsten eineinhalb Stunden war sein Vortrag nur noch eine wirre Selbstverteidigungstirade, durchbrochen von mehr und mehr un- bis mutwilligen Zwischenbemerkungen seitens des Publikums. Summa: Informationswert gleich Null. Da verliessen wir schliesslich enttäuscht das Lokal.

Es gab aber auch positive Ausnahmen, wie zum Beispiel die wenigen Referate von Thomas Ring, die er übrigens in wohltuendem Kontrast zu seinen Büchern in einfacher, leicht verständlicher Sprache vortrug. Seine Darstellungen und Horoskopdeutungen waren für mich eigentlich die einzig fruchtbaren, echte Substanz vermittelnden Astro-Erlebnisse der damaligen Zeit.

Herr Schullehrer

Und so ging ich nun Ende 1967 daran, ein Lehrkonzept für Astrologie aufzustellen. Das war nicht leicht, denn ich konnte mich eigentlich nicht auf . Vorhandenes stützen. Was ich so in Lehrbüchern fand war mir deutlich zu trocken, zu kopflastig und ausgesprochen technophil. Schliesslich ging es darum, Menschen einen sehr vitalen Stoff zu vermitteln, eine Wissenschaft, die nichts weniger als den lebendigen Menschen zum Inhalt hatte. Ich hatte verschiedentlich gehört, dass der Versuch, die Astrologie aus einem Buch zu erlernen, daran gescheitert war, dass die Bücher zu sehr den rechnerischen Teil (das Horoskoprechnen) betonten, ja auswalzten, und den Deutungsteil zu abstrakt und zu akademisch darstellten. Das Wort "unanschaulich" kam mir immer wieder entgegen.

Und so begann ich denn systematisch mein astrologisches Wissen in Zeichnungen und Grafiken aufs Papier zu bringen. Ein paar Begriffstabellen liessen sich nicht vermeiden, und einige rechnerische Ablestafeln kamen auch noch dazu. Mit weniger als zwanzig Blättern rückte ich dann in der Folge meinen ersten Schülern zuleibe. Und meine Lehrmethode bestand zunächst einfach daraus, diese Blätter der Reihe nach zu erklären, deren Inhalte mit dem praktischen Leben zu illustrieren, und die so gelernten Symbolbedeutungen in ihrer vielfältigen Verbundenheit in aktuellen Horoskopen aufzuzeigen, zu erläutern und mit der menschlichen Wirklichkeit der entsprechenden Personen zu vergleichen.

Louise ihrerseits übernahm den organisatorischen und administrativen Teil der Arbeit und machte, um die ersten Schritte einzuleiten, erste Werbung (ein ganz winziges Zeitungsinserätchen) für einen öffentlichen Vortrag über Astrologie, und schickte natürlich an unseren ganzen grossen Bekanntenkreis eine Einladung. Sie mietete einen kleinen Saal im "Karl der Grosse" in Zürich – und so hofften wir, dass ausser denen die schon ihr Interesse angemeldet hatten auch noch ein paar andere Astrologieinteressierte zu dem Abend kommen würden.

Wir erinnern uns beide recht lebendig an jenen denkwürdigen 12. März des Jahres 1968, als wir auf unserer Lambretta loszogen – bepackt mit Leinwand und Diaprojektor, und bei strömendem Regen – um unsere eigene, kleine "68er Revolution der Astrologie" loszulassen. Es kamen tatsächlich Leute – irgendwas zwischen dreissig und vierzig an der Zahl. Aber sonderbarerweise war gerade ein einziger von denen dabei, die uns zu solchem Tun animiert hatten.

Der Vortrag verlief offensichtlich gut. Es war mein erstes öffentliches

Auftreten, und ich habe keine Ahnung mehr was ich den Leuten erzählte. Aber scheinbar hatte es seine Wirkung nicht verfehlt, denn als wir am Ende ankündigten, dass wir nächste Woche einen Astrologie-Grundkurs beginnen würden, meldeten sich spontan einige sofort an, und im Verlauf der Woche kamen über zwanzig Menschen zusammen, die dann fortan bei uns Astrologie lernten. Einige von ihnen gehören heute noch zu unseren besten Freunden.

Einige Monate später mussten wir schon mit einer parallelen zweiten Kursserie beginnen. Im Herbst desselben Jahres starteten wir eine dritte in Basel, und nach einem Jahr bereits konnten wir uns bestens von der Astrologie ernähren.