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Titel Ausgabe 164



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• Astrologie & Kunst

Astrologie der zweiten Lebenshälfte, Teil 1

Erin Sullivan

Drei Phasen des Übergangs in die zweite Lebenshälfte

In der Astrologie weist der Übergang in die zweite Lebenshälfte verschiedene Merkmale auf. Diese Aspekte des mittleren Alters lassen sich zeitlich nicht mit quantitativen Methoden bestimmen und folgen auch nicht in perfekter Reihenfolge aufeinander, aber sie sind charakteristisch für den 20-jährigen Übergang bis zur Ankunft am nächsten Scheideweg – nach der zweiten Saturnrückkehr (mit 58 bis 59 Jahren).

Die zweite Saturnrückkehr und die Uranus-Opposition sind beide astrologische Zeitpunkte. Wenn auch das Sonnensystem selbst und jeder seiner Planeten genaue Zyklen und Muster ha­ben, so dass sie vorhersagbar und endlos quantifizierbar sind, so gilt das noch lange nicht für uns. Nur weil ein Planet einen Transit macht, heißt das noch lange nicht, dass wir wie eine Uhr in der nächsten Sekunde, Minute oder Stunde in die planetare Erfahrung übergehen. Das kommt zwar durchaus häufig vor, aber man erfährt den Transit eines bedeutenden generischen Zyklus selten als ein Ereignis. Ein solcher Transit leitet einen Prozess ein. Er gibt nicht den Startschuss für ein Ereignis an sich.

Die Astrologie ist ein hervorragendes Sinnbild für das menschliche System sowie eine hervorragende Metapher, die ihre Realität an anderen Systemen wie dem Börsengeschäft, dem politischen Klima und dem Chaos in Wetterzyklen ausrichtet. Menschen sind aber wie das Wetter: einzigartig, was Zeit, Ort und vorherrschendes Klima angeht, und daher nicht berechenbar. Sie können eine bestimmte Sache wahrscheinlich tun, können geneigt sein, etwas auszuleben, oder sogar dazu bestimmt sein, dies zu tun, die Astrologie kann uns jedoch den Zeitrahmen für die Übergangserfahrungen – um bei unserem Beispiel zu bleiben – bieten, da sie nach einem generischen Muster auftreten.

Nachdem ich mich nun seit mehr als 30 Jahren mit Astrologie beschäftige, Un­terricht gebe, Theorien entwickle und astrologische Beratungen durchführe, sehe ich meine Arbeit mit der Astrologie eher als «ganzheitliche Astrologie». Nichts existiert für sich allein. Das Sonnensystem – und daher auch wir in uns selbst – ist ganz und gar interdependent. Kein einziges Element ist von der Gesamtordnung abgetrennt. Wir integrieren und sind gleichzeitig in das System integriert. Was ich gelernt habe, ist, dass Astrologie nicht alles ist, aber dass sie ein hervorragendes Beispiel für die Bewegung und das Kontinuum des Lebens ist, ein sich ständig veränderndes, aber auch vertrautes Muster. Sie ist nicht das einzige System, um diese Harmonie darzustellen, aber für mich ist sie ein grundlegendes. In der Bewegung und der Harmonie des astrologischen Systems liegt der Schlüssel zu einer ganzheitlichen Theorie.

Die Geschichten von Klienten und be­kannten kreativen Menschen, die ich in allen meinen Büchern erzähle, verwende ich, weil sie exemplarische Manifes­tationen des menschlichen Willens in Verbindung mit dem kosmischen Entwurf darstellen. Ich erzähle diese Ge­schichten, um aufzuzeigen, wie weitreichend und vielfältig unsere Wahlmöglichkeiten – viele von ihnen werden unbewusst, instinktiv oder aus Be­stimmung getroffen – innerhalb des Uhrwerks unserer Systeme sind. Wie ein Apfelkern, der weiß, dass er ein Apfel und keine Orange sein wird, so weiß die Psyche, der menschliche Kern, wer sie sein wird, bringt jedoch während ihrer Entwicklung von der Geburt bis zum Tod Versionen und Formen ihrer selbst zum Ausdruck.

Apfelkerne werden zu Apfelbäumen, und sie werden Früchte tragen, aber sie brauchen Pflege und Nahrung, um dies zu tun. Dem Kern selbst wohnt ein archetypisches Muster inne, und dieses Muster kann durch Wetter, Tiere, Feuer und so weiter zerstört werden. Aber durch Pflege – Schneiden, Zurechtstutzen, Ernten der Früchte, wenn diese ihre volle Reife erlangt haben – kann das Muster auch verbessert und zur Vollkommenheit gebracht werden. Eine solche Pflege ist wie bei allem, was aus der Natur stammt, notwendig, und wenn der Baum dann wächst, dann soll sich auch eine Frucht bilden.

Daher werde ich viele charakteristische Facetten der Lebensmitte und – weiter hinten im Buch – des Alterungsprozesses umreißen, aber natürlich finden diese zeitlich nicht für jedes Individuum genauso wie in den erläuternden Abschnitten im Buch statt. Wenn Sie oder Ihr Klient, Ihre Mutter oder Ihr Freund nicht die «erforderlichen» Veränderungen, Haltungen oder Situationen genau im Moment der Saturn-Opposition im Alter von 44 oder 45 Jahren durchgemacht haben, dann haben Sie oder die anderen nicht unbedingt «etwas vermasselt» oder versäumt. Viele Faktoren können zu einer solchen Abweichung führen und nicht alle sind negativ.

Wir sind keine Uhren, das möchte ich an dieser Stelle wiederholen, auch wenn es tatsächlich ein genaues Datum für den Beginn der astrologischen Le­bensmitte gibt: der Tag, an dem der Planet Uranus zum ersten Mal in Opposition zu seiner Stellung im Geburtshoroskop geht. Je nachdem, wer Sie sind, was Ihr Hintergrund und Werdegang ist, Ihrem Werteverständnis, Ihrer DNA oder genetischen Struktur, Ihrem Platz im globalen ethischen Bewusstsein und zahlreichen anderen Faktoren der äußeren Welt gemäß werden Sie den exakten Transit von Uranus auf eine Art und Weise erleben, der genau auf die Bedürfnisse Ihres Kerns – in anderen Worten Ihres Selbst – abgestimmt ist.

Ich habe großen Respekt vor Menschen und ihrer jeweiligen Individualität. Aus diesem Grund habe ich mich so viele Jahre mit Astrologie und den menschlichen Erfahrungen beschäftigt. Immer wieder bin ich erstaunt und beeindruckt von der Kraft des menschlichen Geistes und seiner Nemesis – seiner «strafenden Gerechtigkeit» der griechischen Bedeutung gemäß. Deshalb ziehe ich einen bestimmten Menschentyp als Schüler oder Klienten an. Der Nemesis begegnen wir auf dem Pfad der Individuation – sie ist eine sehr spezifische und persönliche Erfahrung oder Erkenntnis, die uns unwiderruflich vorantreibt, um unserem zukünftigen Selbst zu begegnen.

Ich würde nie mehr einen Menschen mit einem astrologischen Begriff oder einem astrologischen Zyklus abstempeln, denn das wäre, als ob ich meine Kinder gezwungen hätte, ich anstatt sie selbst zu sein. Ich bin fasziniert von der Kreativität der Seele, dem ewigen Einfallsreichtum des Geistes und den seltsamen und unerklärlichen Interventionen des Schicksals. Ich glaube voll und ganz sowohl an Schicksal als auch an den freien Willen. Ich sehe nicht – wie viele andere – eine Kluft zwischen beiden, sondern spüre, dass sie untrennbar miteinander verbunden sind – etwas, was aus zwei Dingen besteht und doch eins ist. Wir finden unser Leben weder in einem einzelnen Tropfen noch in einer Welle – vielleicht in einem «Wellchen» – einer Mischung aus beidem?
Zu oft hört man Aussagen wie: «Sie sind dazu bestimmt, schwierige Beziehungen zu haben, weil Ihr Pluto in Konjunktion zu Ihrem Südknoten im 7. Haus steht.» Das ist im dritten Jahrtausend so veraltet, so dermaßen aus und vorbei, dass es erschreckend ist, dass es immer noch massenweise von unglückseligen «Clients» oder Webbrowsern geschluckt wird. Das ist gefährliche As­trologie – nicht aus den offenkundigen mo­ra­lischen oder ethischen Gründen oder weil dies Angst machender Quatsch und ein negativer Impuls für die Seele eines Suchenden ist, sondern schlicht und ergreifend, weil es falsch ist. In diesem Punkt, ich habe es bereits gesagt, hat diese Art von Astrologie un­recht. Jeder ist dazu bestimmt, im Lauf seines Le­bens irgendeine schwierige Beziehung zu erleben, weil Beziehungen eben schwierig sind, und oftmals werden wir biologisch und psychoaktiv von sexuell attraktiven Menschen angezogen, die unsere «Gefahrenzonen» stimulieren. Außerdem laufen Beziehungen auf vielen Ebenen ab. Es ist un­wahrscheinlich, dass es einen Menschen gibt, der keine herausfordernde Beziehung zu einem Freund oder einer Freundin, einem Elternteil, einer Schwes­ter oder einem Kollegen gehabt hat.

Und wir sind nicht perfekt. Deshalb sind auch unsere Beziehungen nicht perfekt. Idealerweise lernen wir aus unseren schmerzvollen und schwierigen Erfahrungen und gehen zu weniger bedrohlichen Beziehungen über. Wenn jemand immer und immer wieder ein «schlechtes» Beziehungsmuster wiederholt, dann muss er oder sie dies analysieren und nicht dem Nordknoten oder irgendeinem anderen esoterischen Faktor die Schuld daran geben, sondern eben bis zu diesem dunklen und Angst machenden Ort in sich selbst vordringen, der diese Prüfung erforderlich macht.

Was die Konstellation Pluto in Konjunktion zum Südknoten im 7. Haus be­deuten könnte, ist: Suche in dir die dunkelste Seite deines Selbst und er­kenne, wie sie vielleicht nach außen projiziert und so Teil des negativen Beziehungsmusters wird. Überlege, ob nicht etwas in dir vielleicht durch den heißen und brutalen Aspekt von Intimität angezogen wird! Jeder hat sein eigenes Geburtshoroskop, aber im Lauf seines Lebens muss sich jeder einzelne Mensch mit seiner eigenen Rolle in den Erfahrungen, die das Leben bringt, arrangieren.

Wenn ich astrologische Faktoren be­schreibe, stehe ich jedes Mal innere Kämpfe aus: Wie kann ich etwas sagen, was sowohl individuell als auch allgemeingültig ist? Das ist schwer. Das ist eigentlich fast unmöglich. Daher verlasse ich mich mittlerweile auf die Wahrheit, die darin liegt, was ich Astrologie des ganzen Systems nenne, da sie dem Menschen hilft, zu realisieren, dass er Teil eines riesigen Komplexes ist, in dem ein Netz von interaktiven Systemen arbeitet. Astrologie kommt außerdem all dem, was wir von diesem System entwickeln und gestalten, in ihren Messungen am nächsten.

Mit all dem im Hinterkopf wollen wir uns neben einigen Zuständen einige Phasen und Übergangserfahrungen an­sehen, die wir alle durchmachen, die aber in unsere eigene, persönlich individuelle Erfahrung übersetzt werden.

Etappen der Lebensmitte
Abspaltung, Schwellenzustand, Integration. Nur drei?, könnten Sie fragen. Nun, diese drei Phasen kommen nicht alle hübsch voneinander getrennt und der Reihe nach. Es ist wahrscheinlich, dass jemand Aspekte zu seinem eigenen Geburtshoroskop hat, die gleichzeitig mit dem halben Uranus-Zyklus stattfinden. Jedenfalls: Wenn ein Mensch die Erfahrung macht, dass Plu­to über einen Zeitraum von 18 Monaten bis zu zwei Jahren eine Konjunktion zum Aszendenten bildet, Sa­turn eine Konjunktion zur Geburtsvenus bildet und sich dann der halbe Uranus-Zyklus in diesen be­reits überladenen Zustand einmischt, dann können wir kaum sagen, dass der halbe Uranus alles «macht», was in Verbindung mit dem Übergang in die zweite Lebenshälfte steht.

Was wir vielleicht sagen könnten, ist, dass das Individuum in besagtem hypothetischen Beispiel den halben Uranus – den universell gültigen offiziellen Eintritt in die Lebensmitte – zusammen mit einem starken persönlichen Bedürfnis erlebt, jegliche Fassade aufzugeben und wertlos gewordene Anteile der Persönlichkeit zu verbrennen (Pluto am As­zendenten), während zugleich die Prioritäten in Beziehungen und persönlichen Werten ernsthaft neu bewertet werden (Saturn im Transit zur Geburtsvenus).

Außerdem sind die drei Phasen der Lebensmitte nicht immer eindeutig ab­grenzbar, so dass sich jemand abgetrennt und gleichzeitig an der Schwelle fühlen kann. Auch bedeutet das ganze Leben Integration, so dass es Phasen gibt, in denen sich ein Mensch gleichzeitig an der Schwelle und integrativ fühlen kann – dieses Gefühl kann Mo­nate oder auch nur Stunden anhalten –, aber wie bei allen Zyklen ist ein langfristiger «Plan» im Gange, und mit der Zeit werden alle drei Phasen durchlebt. Ich selbst habe die Phase der «Integration» gemäß dem astrologischen Zyklus er­reicht und fühle übrigens, dass die Integration auf einem rein instinktiven, natürlichen Level stattfindet. Manchmal fühle ich mich immer noch ein wenig wie in einem Schwellenzustand, aber das ist ty­pisch für mich – für meine Le­bensthemen oder meine Arbeit – und hat nichts mit den Phasen des Alters und des Wachstums zu tun, wie sie vom Zeitpunkt der Lebensmitte vorgegeben sind.

Es gibt bestimmte Phasen, die un­serer Aufmerksamkeit bedürfen, und die Menschen neigen häufig dazu, an der Schwelle dieser Phasen stehen zu bleiben, zu zögern und den Prozess zu verschleppen. Der Kampf an der Schwelle zur Veränderung ist Teil der archetypischen «heroischen Reise». Wir haben alle einen Grund, nur noch eine Minute, Stunde oder ein Jahr an der Grenze zum Alter oder zum Abenteuer zu verweilen. Auch das ist «normal». Wenn es jedoch neurotisch oder pathologisch wird, dann können wir sa­gen, dass eine Phase ignoriert wird und dass der Held den Ruf ignoriert und sich somit einen Teil der Fülle und des Reichtums, den er erreichen könnte, indem er diesen mutigen Schritt über die Schwelle geht, selbst verwehrt.

Erste Phase: Trennung vom Selbst

Ein nachhaltiges Gefühl der Störung tritt in der Psyche auf. Soweit wir wissen, kommt das Ge­fühl der Trennung wahrscheinlich gänzlich von innen heraus, es könnte aber auch genauso gut durch ein externes Ereignis ausgelöst werden. Diese Phase, wenn die Le­bensmitte beginnt, ist ein «Schock». Diese Erfahrung kann entweder eines Nachts plötzlich über uns hereinbrechen oder aber langsam in uns aufsteigen, ganz allmählich un­ser Zutrauen erschüttern und uns ein Gefühl von Zerfall und dem Schwinden der früheren Lebenswege geben.

Murray Stein, der Autor von In Midlife, meint dazu: «In der Lebensmitte gibt es einen Übergang von einer psychologischen Identität zu einer anderen. Das Selbst durchläuft eine Transformation.»

Die häufigste Beschreibung dieses Zu­stands klingt so: «Plötzlich war alles anders. Ich fühlte mich rastlos, unerfüllt, lustlos, erschöpft und genervt, ich hatte das Gefühl, auf der Stelle zu treten, das Gefühl, dass ich nicht das getan hatte, was ich hätte tun sollen, aber ich wusste nicht, was es war!» So können wir uns vielleicht auch mitten an einem Dienstagnachmittag fühlen. Aber dann geht es vorbei. Aber dieses Gefühl geht in der Lebensmitte nicht vorüber. Es er­fordert Aufmerksamkeit und Konzentration. Der halbe Uranus stimmt diesen Gedankengängen zu: Ja, Sie sind tat­sächlich rastlos, unerfüllt, lustlos, er­schöpft usw...

Wovon sind wir denn nun eigentlich überhaupt getrennt? Von unserem Mann oder unserer Frau? Unserer Ar­beit? Unseren bisherigen Vorlieben? Von der «schlechten» Gesellschaft, in der wir leben? Vielleicht, aber das sind nur die Symptome und nicht die Ursache. Der Grund liegt im Symbol von Uranus. Sie trennen sich von sich selbst. Ihr tiefes Selbst sagt: «So hast du jetzt so viele Jahre lang gelebt, und das ist ja auch schön und gut, aber jetzt musst du dich von dieser Ego-Person trennen und daran arbeiten, das Individuum zu werden, zu dem du werden sollst.» Dass sich das Individuum im mittleren Alter verändern muss, stellt nicht seine ge­samte Vergangenheit in­frage und er­klärt auch nicht sein gesamtes Leben bis zu diesem Zeitpunkt für ungültig.

Stein sagt hier wiederum: «Wenn er die Lebensmitte erreicht, hat sich ein Mensch normalerweise in vertraute psychologische Muster eingefunden und versteckt sich hinter Arbeit und Familie. Und dann, ganz plötzlich, kommt eine Krise: Du wachst eines Tages auf und fühlst dich unerwartet leer. Der persönliche Be­sitz stinkt, die süße Milch des Er­reichten ist sauer. Die alten Muster, wie wir das Leben bewältigt und wie wir gehandelt haben, funktionieren nun nicht mehr … Wohin hat das alles nur geführt?»

Es ist nicht so, dass das, was Sie mit Ihrem Leben gemacht haben, oder dass derjenige oder diejenige, der oder die Sie zu sein scheinen, schlecht oder falsch ist oder dass Sie Zeit verschwendet ha­ben. (Wahrscheinlich haben Sie das zwar, aber das meine ich hier nicht.) Die Trennung erfolgt von dem Individuum, das Sie waren. Punkt. Das macht Sie natürlich nicht automatisch zu dem Menschen, der Sie jetzt sind oder der Sie sein werden. Das Stadium der Abspaltung kann einen Monat dauern, zwei Jahre oder aber auch die ganze Midlife-Phase – das hängt ganz von Ihrem Horoskop, von Ihnen selbst und von der Welt ab, in der Sie die letzten 38 bis 42 Jahre gelebt haben.

Über den Daumen gepeilt kann man sagen: Die Anfangsphase der Trennung besteht aus dem Zeitraum zwischen dem ersten Uranus-Halbzyklus und der Saturn/Saturn-Opposition im Alter von 45 Jahren.

Die Trennung im astrologischen Sinne wird durch den Uranustransit zu Ihrem Geburtsuranus aktiviert. So scheinen sämtliche Facetten Ihrer Natur, die in Ihrem ganzen Wesen – sowohl dem Selbst als auch der Persona – ausgedrückt werden, verringert und unwirksam. Zumindest ist man jedoch aufgerufen, einer unbekannten Zukunft entgegenzutreten.

Eines der stärksten Merkmale von Uranus ist das «Bezeugen». Uranus ist der Himmel – kein Gott und auch keine Gottheit, sondern ein Ort. Ein Ort hoch oben, von dem aus das irdische Treiben beobachtet wird. Sie werden sich selbst auf einmal beobachten, von einem ho­hen Aussichtspunkt aus Zeuge Ihres eigenen Verhaltens und Ihrer Erfahrungen sein. Uranustransite lassen einen objektiven Geist zu, um subjektive Er­fahrungen zu klären. In gewisser Hinsicht werden Sie an einen Ort gedrängt, von dem aus Sie objektiv Ihr subjektives Leben erleben. Aus diesem Grund ist man im ersten Stadium des mittleren Alters so stark mit sich selbst beschäftigt und nimmt innerlich Bezug auf sich.

Für Ihre Entwicklung ist es wesentlich, diese Distanz, Beobachtung und Klä­rung Ihres persönlichen Selbst – Ih­rer Be­dürfnisse, Handlungen, Gewohnheiten und individuellen Merkmale zuzulassen. Die Psyche fordert das von Ihnen. Träume werden Sie dazu zwingen, sich selbst als jemanden zu sehen, der kämpft, dem etwas zu schaffen macht oder der gestorben oder «ge­scheitert» ist. Der Konflikt ist gesund und seine Lösung von essenzieller Be­deutung. Das gesamte Leben ist nämlich eine Konfliktlösung, und die höhere Ebene wird durch die Interaktion mit diesem inneren Dialog erreicht.

Es ist leicht, Menschen zu verstehen und mit ihnen zu sympathisieren, die sich buchstäblich abspalten und «an­ders» werden und denen von alten Freunden ein «völlig untypisches» Verhalten bescheinigt wird. Unbeständige Gefühle und Handlungen sind Teil des Abspaltungsprozesses. Der wahre Sinn der Konflikte ist, ihren reifer werdenden Charakter und so Ihre Wahlmöglichkeiten für die Zukunft zu verfeinern. Es ist absolut unmöglich, sich so zu verhalten, dass es nicht der eigenen Art entspricht – auch wenn es Menschen gibt, die das von sich oder von anderen sagen. Keiner kann sich untypisch verhalten. Auch wenn Sie, der oder die Sie zum Beispiel niemals die Beherrschung verlieren, von Natur aus immer heiter und die personifizierte Friedlichkeit sind, nach einem Wutausbruch sagen: «Ich war einfach nicht ich selbst.» Dann würde ich Ihnen antworten: «Okay, aber wer um Himmels willen waren Sie denn dann?»

Rupert zum Beispiel feierte seinen 40. Geburtstag. Er legt auf einmal Launen, Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse oder ein Verhalten an den Tag wie nie zuvor. Wir sagen: «Oh, er ist überhaupt nicht mehr er selbst, etwas ist ‹in ihn gefahren› und ‹er wird schon wieder zur Besinnung kommen›.» Was aber wirklich mit Rupert passiert ist, ist, dass er zur Besinnung gekommen ist. Seine Sinne sagen ihm, dass er sie lange ge­nug ignoriert hat und dass es gefährlich für ihn ist, sie weiter zu ignorieren.

Wenn wir idealerweise alle bezahlten Urlaub für Übergangsriten dieser Art nehmen könnten, dann könnte die Welt weniger er­schreckend sein. Rupert hat 20 seiner 40 Jahre da­mit verbracht, sich als Ju­rist An­erkennung zu er­kämp­fen. In einer vollkommenen Welt hätte er dies erreicht, und ihm wür­­de das Amt eines Richters angeboten werden. Sein Ego und seine Persona sind außer sich vor Freude, und er fühlt sich zu Recht geehrt ob dieser Auszeichnung. Was sein tieferes Selbst aber tut, das ist eine ganz andere Sa­che. Sein tieferes Selbst sucht nach der seelenvollen zugrunde liegenden Bedeutung, auch wenn es der Er­nennung zum Richter nicht wi­der­spricht. Das heißt, dass es für Ru­pert wichtiger ge­worden ist, warum er etwas tut, als was er tut.

Der Beweggrund: das «ungelebte Leben»

Rupert befindet sich am Übergang zur zweiten Lebenshälfte. Er ist in seiner halben Uranus-Phase und – da sich sein Individuationsprozess be­­­­schleu­nigt – fühlt sich ein wenig unsicher, was noch nie der Fall war. (Rupert hat keine Planeten in Wasserzeichen.) Rupert ist launisch und voller Empfindungen. Er ist traurig. Es gibt keinen «Grund», traurig zu sein. Er müsste eigentlich glücklich sein. So denkt zumindest sein bewusster Verstand. In Wirklichkeit ist Rupert nicht traurig, weil sein Leben eine Last ist, die Menschen ihn nicht mögen, seine Frau ihn verlässt oder er versagt hat und sein Potenzial nicht gelebt hat. Er ist traurig, weil er nie zuvor «weibliche» Gefühle erfahren hat. Er überließ das seinen Projektionen, das heißt seiner Mutter, seiner Frau und seiner impulsiven Tochter.

Jetzt weint Rupert bei der kleinsten Kleinigkeit. Er wird umarmt. Er denkt, er muss einen Nervenzusammenbruch ha­ben. Auf den Rat seiner Frau (die kontrasexuelle Projektion oder Anima) hin geht er zu einem Psychologen. Er entdeckt, dass er nicht allein ist und dass Männer auf der ganzen Welt Ro­bert Blys „Eisenhans”, Sam Keens „Feuer im Bauch” und „Die Kraft der Mythen” von Joseph Campbell lesen.

Er wird sich seines inneren Lebens, seines Selbst, seiner inneren Motivationen bewusster. Er zerbricht sich den Kopf. Sein großartiger Aufstieg auf der Karriereleiter ist doch nicht unmoralisch oder sonst irgendwie übertrieben. Er macht seine Arbeit, weil er sie liebt. Er liebt die Gerechtigkeit, und er liebt es zu gewinnen. Er schenkt Obdachlosen, Irren und Pubertierenden einfach so seine Zeit. Er ist Schütze mit Mond in den Zwillingen und hat im 7. Haus Jupiter im Widder in Opposition zu Saturn/Neptun in der Waage. Der geborene Streiter und Rechtsanwalt! Aber er ist im mittleren Alter. Im frühen Stadium der Trennung hat Rupert Angst. Er möchte seine Schärfe nicht verlieren. Und er hat Recht, er sollte seine Schärfe auch nicht verlieren müssen. Er sollte überhaupt nichts verlieren müssen. Er sollte jedoch etwas ge­winnen, etwas, was nicht durch Aufstieg, Fälle oder Siege gewonnen werden kann. Dieses Etwas kann nur ge­wonnen werden, wenn er seinem inneren «ungelebten Leben» erlaubt aufzutauchen. Rupert wird reifer. Als er merkt, dass Millionen anderer Männer auch seltsame Erfahrungen machen, fühlt er sich ein bisschen besser. Elend liebt Gesellschaft. Als er aber zu einer Schlagzeuggruppe geht, fühlt er sich ein wenig fremd. Die Männer in der Männergruppe machen nicht dieselben Erfahrungen wie er. Rupert fühlt sich ausgeschlossen, verrückt und schwach.

Nach einer gewissen Zeit, einem Jahr oder so, beginnt Rupert, ein Gefühl der Befreiung und des Trostes zu empfinden. Er hat es geschafft, mit seinen schwer zu fassenden Ängsten, seinen regelmäßigen Wutausbrüchen, seiner Abscheu dem Rechtssystem gegenüber und seinem geringeren sexuellen Interesse umzugehen. Er lehnt das Richteramt ab. Instinktiv sagt er im Spaß: «Wart’ ab, bis ich erst 50 bin – ‹mit rundem Bauche mit Kapaun gestopft›.»

Er freut sich wieder an seiner Arbeit, hat im Privaten den Zerfall von alter Persona und altem Ego erfolgreich durchgestanden und fürchtet sich nicht länger vor seinen neuen Gefühlen oder Be­dürfnissen nach Bestätigung. Aber er weiß immer noch nicht, was da vor sich geht. Er weiß jetzt, dass er eine Midlife-Crisis hat, aber er hätte nie gedacht, dass das so wäre! Er dachte, das ginge «schnell vorbei». Rupert muss noch immer Zeit dafür aufwenden, die großen Meere der Liminalität zu durchqueren. Die Krise ist zu einem zu be­wältigbaren Lebensstil geworden, und er ist nicht sonderlich traumatisiert.

Er hat seine Beweggründe für den juris­tischen Beruf, die Kanzlei und die Wahl seiner Partnerin infrage gestellt und sich damit auseinandergesetzt, wa­rum er den Posten als Richter zugunsten seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt abgelehnt hat.

Zweite Phase: Liminalität – auf der hohen See des Übergangs

Die Liminalität ist ein heiliger Bereich, ein Ort, an dem man von den Göttern, die über die Reisenden und Wanderer wachen, beschützt wird. Die Götter der limn sind Hermes und Hekate. Hermes ist der einzige Gott des Olymps, der die Schwelle zwischen Leben und Tod überschreiten darf. In dieser Gestalt ist er der Seelenführer, der Psychopompos. Seine Funktion ist es, die Seelen in die Unterwelt zu führen, wo sie auf ihre Wiedergeburt in einer neuen physischen Gestalt warten (bestimmt durch die Moiren, die Dreiergruppe der Schicksalsgöttinnen).

Hekate ist die Göttin der Dunkelheit, der Unterwelt, und sie wird in dem prophetischen Gesicht der letzten Phase des Mondes gesehen. Sie hat zwei Hunde und den dreiköpfigen Hund Cerberus, der die Pforten zu Hades bewacht. Sie steht am Scheideweg, wartet auf die Reisenden, führt den Rechtschaffenen hinüber und lockt den Unglücklichen in den Hinterhalt.

Das klingt vielleicht nach ziemlich traurigen Gestalten und kaum nach In­dividuen, die man gerne in sein eigenes Leben einladen möchte. Aber in dieser Phase sind sie die Netten, die Ihnen in Ihrer Schwellenposition nützen und Sie beschützen. Sie sind der Gott und die Göttin der limn, und sie führen uns im Unterbewusstsein in unsere tiefsten Nischen und fordern, dass wir magische Handlungen vollziehen, um sie zu besänftigen. Indem wir Vorzeichen, Au­guren, Chiffren und Zeichen Aufmerksamkeit schenken, bahnen wir uns unseren Weg durch diesen mysteriösen Übergangsort.

Diese beiden mythischen Charaktere sind Zeugen sämtlicher Schwellenübergänge, und sie beleben die Liminalität durch das Anbieten von Symbolen, Zeichen und plötzlichen Einsichten. Hermes ist unser astrologischer Merkur, und als der Seelenbegleiter, in seiner Rolle als Vermittler zwischen Leben und Tod, hilft er dem Individuum in der Lebensmitte, sich zwischen dem/der be­wussten Ego/Persona und dem unbewussten Selbst hin und her zu bewegen. Wenn Sie die «Unterwelt» für Ihr unbekanntes Selbst, das innere Kern-Selbst, und Ihren bewussten Geist für das lebendige, arbeitende, tägliche Selbst nehmen, dann verstehen Sie die Funktion Ihres inneren Mittlers.

Hermes hat viele Facetten und ist androgyn im Geiste. Seiner Fähigkeit, Verständnis durch Symbole und Orakel zu vermitteln, muss Respekt entgegengebracht werden. Das Werfen von I-Ching-Münzen, das Legen von Tarot-Karten, das Erstellen von Horoskopen – all die verschiedenen orakelhaften Werkzeuge, die wir bei unserer Suche nach Sinn und Wahrheit einsetzen –, über alle ist Hermes/Merkur der Herrscher. Die Menschen werden ziemlich religiös in Zuständen hilfloser Ego-lo­sig-keit!

Sie öffnen sich wieder, sind bereit zu lernen und neue und spannende Denkweisen und Problemlösungen zu finden. Sie finden Wege, ihre Visionen, Vorstellungen und Synchronizitäten zu interpretieren. Synchrone Ereignisse werden während liminaler Übergänge alltäglich und verstärken so das Be­wuss­tsein eines Menschen für die metaphysischen Elemente in der Welt um ihn herum. Das sind alles hermeneutische (Hermes-)Aktivitäten – welche die Bedeutung von Zeichen und Symbolen interpretieren.

Hermes selbst ist eine liminale Figur und bekannt für seine Gestaltwandlung. Als Schwindler spielt er eine Rol­le, indem er sich einen Spaß aus seinen Aufgaben macht und seltsame und mysteriöse «Zufälle» oder «kleine schicksalhafte Fügungen» schafft, die unglaublich lebendig und göttlich er­scheinen. Diese Facette der Rolle des Schamanen ist lebenswichtig. Hilfe bei dem Gott zu suchen, der am ehesten das «Problem» zu sein scheint, und diesen Gott günstig zu stimmen – das ist Schamanismus. Hermes ist unser innerer Narr, der Sinn im Humor oder in zu­fälligen Ereignissen findet. Es ist ideal, wenn ein Mensch in der Lebensmitte Vergnügen, Freude und Humor in den trickreichen Dingen finden kann, die ihm oder ihr unterwegs passieren können. Über sich selbst zu lachen, bedeutet, den großartigsten Humor zu finden, der überhaupt nur denkbar ist.

Fortsetzung folgt

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