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Titel Ausgabe 46



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Zurück Ausgabe 46 vom 23.10.1988 • Seite 2ohne Login!

• Astrologie & Natur

Natur, Wissenschaft und Astrologie, Teil 1

Wolfgang Kirsch

Selbstbezüglichkeit – Kennzeichen des Lebendigen

Nochmals Apfelmännchen!

In der letzten Ausgabe des Astrolog haben wir uns an der imaginären Welt der Apfelmännchen und -kinder erfreut. Die Apfelmännchen-Welt ist auf vielfache Weise mit unserer Realität verbunden. Es herrschen dort verblüffend ähnliche Gesetzmässigkeiten und Prinzipien wie in unserer Welt, wenn auch das Apfelmännchen im speziellen kein Abbild irgend eines natürlichen Objektes unserer Realität darstellt.

Das Apfelmännchen ist nicht der einzige Vertreter aus dieser imaginären Bilderwelt. Da gibt es noch SIERPINSKI-Pfeilspitzen und -Teppiche, MENGER-Schwämme, JULIA-Seepferdchen, pflanzenähnliche FEIGENBAUM-Diagramme und noch vieles mehr.

Alle diese Gebilde, auch das Apfelmännchen, gehören zu der immer grösser werdenden Familie der sogenannten Fraktale.

"Die Geometrie der Natur hat ein fraktales Gesicht" (3)

Fraktal bedeutet soviel wie "in Stücke zerbrochen, unregelmässig". Benoit Mandelbrot, amerikanischer Mathematikprofessor und Entdecker der Fraktale, dessen Arbeitsgebiet "extreme und unvorher-sagbare Unregelmässigkeiten von

Naturphänomenen in Physik, Soziologie und Biologie" ist, äussert sich dazu folgendermassen: "Die Natur hat der klassischen Geometrie ein Schnippchen geschlagen. Denn Wolken sind eben keine Kugeln, Berge keine Kegel, Inseln keine Kreise und Baumstämme keine Zylinder. Ebenso bewegt sich ein Blitz nicht auf einer Geraden. Und die Oberfläche der Planeten ist nicht glatt"(2). Mandelbrot will damit sagen, dass es in der Natur kaum ein Gebilde mit einem wirklich glatten Rand gibt, dass es illusorisch ist, natürliche Gebilde mit den Begriffen ein-, zwei-, dreidimensional umschreiben und erfassen zu wollen.

Wenn man sich z.B. eine Küstenlinie vom Weltraum aus anschaut und dann der Erde immer näher kommt, so sieht man zuerst Halbinseln, bei weiterer Annäherung zunächst weite, dann immer engere Buchten, grössere und kleinere Felsen, dann Steine, Steinchen, Sandkörner und Staubkörnchen. Das Ganze lässt sich hin bis zur Ebene der Atome verfolgen. Je genauer man hinsieht, umso komplizierter wird das Erscheinungsbild der Küste und umso länger wird die Küstenlinie. Ihre Länge wird quasi unendlich, obwohl sie vielleicht eine kleine messbare Fläche umschliesst. Sie ist ein typisch fraktales Gebilde. Kennzeichnend für Fraktale ist ihre gebrochene Dimensionalität. Sie sind weder ein-, zwei- noch dreidimensional, sondern vielleicht 1.73-oder 2.68-dimensional. So entspricht zum Beispiel die Oberfläche von gewissen Pflanzenarten einer fraktalen Dimension von 2.79.

Aber was hat nun das Ganze mit den Apfelmännchen und Consorten zu tun? Mit ihnen bzw. mit der Mathematik, die hinter ihnen steht, g kann man die in der Natur vorkommenden fraktalen Gebilde mathematisch mittels Computer erfassen, sie simulieren. Deshalb erhielten Apfelmännchen & Co. den Familiennamen «Fraktale». So kann man mit Hilfe von Computer graphik fraktale Gebilde wie Landschaften, Gebirge, Bäume, Gräser, Wolken der Realität täuschend ähnlich auf dem Bildschirm entstehen lassen. Aber nicht nur im Formbereich von natürlichen Objekten herrscht Fraktalität. Auch viele biologische dynamische Vorgänge gehorchen dem Fraktalitätsprinzip. So zum Beispiel breitet sich eine Vegetation in ihrem Lebensraum nach diesem Prinzip aus.

Dahinter steckt ein Rückkopplungszyklus

Mit Fraktalen kann man also natürliche, organische Vorgänge und Strukturen mittels Computer simulieren. Darüber hinaus kann mit ihnen, wie wir schon gesehen haben, das Wechselspiel von Ordnung und Chaos nachvollzogen werden. Fraktale sind der bildhafte Ausdruck mathematischer Funktionen, die dynamische Vorgänge beschreiben. Aber welches mathematische Prinzip steckt nun dahinter? Der rechnerische Ablauf ist denkbar einfach:

Man hat eine Regel, also eine Berechnungsformel (mathematische Funktion), die das Verfahren bestimmt, wie aus Eingangswerten Ergebniswerte werden. Weiterhin braucht man einen Start- bzw. Anfangswert. Auf diesen wird die Berechnungsformel angewandt, und man erhält als Folge dieser Prozedur den Ergebniswert. Dieser wird dann zum Eingangswert für eine zweite Rechnung, deren Ergebnis wieder als Eingangswert für eine dritte Rechenrunde dient und so weiter. Das bedeutet, dass das Ergebnis des vorhergehenden Rechenschrittes immer in den folgenden eingeht. Dieses mathematische Prinzip, nämlich ein Ergebnis immer wieder in seine eigene Berechnungsformel einzusetzen, wird als Rückkopplung bezeichnet(1).

Die Funktion schöpft sich selbst

Wir haben hier einen Kreisprozess vorliegen, der sich unendlich lang fortsetzen, und dabei ein ganzes Universum, zum Beispiel ein Apfelmännchen-Universum, entstehen lässt. Dieser auch rekursiv genannte Prozess ist, vom Standpunkt der Berechnungsformel oder der mathematischen Funktion aus gesehen, rückbezogen, ja sogar selbstbezogen. Selbstbezogen deswegen, weil alle Ergebnisse, die die mathematische Funktion produziert, wieder in sie einfliessen. Da der ganze Vorgang immer wieder rückbezüglich, selbstbezüglich und kontinuierlich ist, hat er eine Geschichte. Er hat einen Anfangspunkt, es entstehen einfache Formen, die immer komplizierter und diffiziler werden, bis hin zum unendlich Diffizilen und Komplexen. Durch diesen selbstbezüglichen Prozess werden die Inhalte und Strukturen, somit die Informationen der mathematischen Funktion, die von aussen nicht erkennbar und verborgen sind, manifest. Es ist ein Schöpfungsprozess, die Funktion schöpft sich selbst.

Selbstbezüglichkeit, Selbstähnlichkeit, Identität

Aus dieser Selbstbezüglichkeit resultiert erstaunlicherweise auch Selbstähnlichkeit. Wie wir schon im letzten Artikel gesehen haben, findet man immer wieder Apfelkinder im Apfelmännchen-Universum. Dieser Gedankengang, dass sich nämlich aus Selbstbezüglichkeit Selbstähnlichkeit ergibt, ist wirklich vertiefenswert. Selbstähnlichkeit ist die Basis für Identität. Aus Selbstbezüglichkeit resultiert Selbstähnlichkeit, aus Selbstähnlichkeit ergibt sich Identität.

Mit Fraktalen kann man viele Erscheinungen in unserer realen Umwelt erfassen. Hier stellt sich auch die Frage, inwieweit man die Erkenntnisse aus dem Apfelmännchen-Universum auf Lebewesen übertragen kann.

Autopoiese

Eine Antwort auf diese Frage lieferten schon Anfang der siebziger Jahre die beiden chilenischen Neurobiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela, also schon längst bevor die Fraktale entdeckt waren. Beide Forscher haben eine revolutionäre, ganzheitliche Theorie des Lebendigen entwik-kelt, die alle biologischen Organisationsformen umfasst. Sie soll für Einzeller als auch für den Menschen und die menschliche Gesellschaft Gültigkeit haben.

Im Zentrum dieser Theorie steht das Postulat, dass lebende Systeme autonome Einheiten darstellen, die sich durch Rückbezüglichkeit sowie durch Wechselbeziehungen ihrer Bestandteile aus sich selbst bilden. Für diesen Vorgang haben die beiden Biologen den Begriff «Autopoiese» geschaffen. Der Begriff kommt aus dem Griechischen. «Auto» bedeutet "selbst, eigen", «poiein» "machen, bilden", so dass Autopoiese in etwa mit Selbsterschaffung zu übersetzen ist. Alles Leben schafft sich selbst, wobei es sich auf sich selbst bezieht. Oder anders ausgedrückt: Das Lebendige organisiert sich selbst, indem es an der Erzeugung, Verwirklichung und Erneuerung eben jenes Netzwerks von Prozessen mitwirkt, welches seine Bestandteile produziert. Beim Sich-selbst-Schaffen der Lebewesen entstehen selbstähnliche Strukturen.

Wie schon angedeutet, ist neben Autopoiese noch Autonomie ein wesentliches Merkmal für lebende Organismen. Lebewesen regeln sich selbst, funktionieren und handeln im eigenen Namen.

Autopoiese und Umwelt

Ein weiteres Kennzeichen der Selbstorganisation lebender Systeme ist die Tatsache, dass sie sich durch eine Reihe von Selbst- und Wechselbeziehungen von der Umwelt abgrenzen. Dadurch strukturieren, schaffen sie ihr Umfeld, formen ihre eigene Ordnung in der Umwelt. Das heisst, autopoietischen Systemen kann nicht von ihrer Umgebung irgendeine Ordnung aufgezwungen werden.

Ein Lebewesen verändert sich nur gemäss seiner eigenen inneren Struktur, und nicht aufgrund von äusseren Reizen, es ist ein "strukturdeterminiertes System". – Wenn man diesen Gedankengang weiter spinnt, hat dies zur Konsequenz, dass meine eigene Struktur bestimmt, was mir als Lebewesen widerfährt. – Zur Struktur eines Organismus gehört auch das Vermögen, im Einklang mit der Umwelt leben zu können, sich an sie anpassen zu können. Die dem Lebewesen innewohnende Struktur wechselwirkt dabei mit der Struktur der Umwelt, zu der auch die anderen Lebewesen gehören. Die Interaktion mit der Umwelt ist jedoch nur dann erfolgreich, wenn das Lebewesen seine Autopoiese gemäss der ihm eigenen Bedingungen durchführen kann. Ist ihm dies nicht möglich, sind die Umweltbedingungen zu schlecht, kann es nicht mehr existieren.

Bewusstsein

Ebenso wie Zellen sind auch so komplexe Strukturen wie unser Nervensystem und die dazugehörigen Sinnesorgane auf sich rückbezogen. Motorische und sensorische Nerven wirken wechselseitig aufeinander ein, genauso wirken Körperteile und Organe auf das Nervensystem. Bewusstsein ergibt sich aus spezifischen Wechselwirkungen des Nervensystems eines lebenden Organismus mit seinen eigenen Zuständen. Auch Bewusstsein ist im wesentlichen durch Rückbezüglichkeit und Selbstbezüglichkeit gekennzeichnet(5).

Allopoiese

Das Gegenteil zu den autopoietischen Systemen stellen die soge-nannten allopoietischen Systeme dar. «Allo» kommt ebenfalls aus dem Griechischen und bedeutet "anders, verschieden, fremd". Allo-poietische Systeme entstehen durch Prozesse, die nicht Teil ihrer Organisation sind. Sie können sich also nicht selbst erzeugen, sondern werden produziert. Das, was sie leisten, unterscheidet sich von ihnen selbst, ist also nicht selbstähnlich. Allopoietische Systeme sind nicht autonom. Ein Beispiel für ein allo-poietisches System ist eine von Menschen geschaffene Maschine, die zum Beispiel Tische produziert.

Leider kann ich an dieser Stelle die Ideen von Maturana und Varela nur bruchstückhaft vorstellen. Eine umfassende Darstellung wird in ihrem Buch «Der Baum der Erkenntnis»(4)gegeben, dessen Lektüre ich nur empfehlen kann.

Folgerungen

Welche Folgerungen können wir für unser tägliches Leben und für die Astrologie aus der Welt der Fraktale und der Theorie des Lebendigen von Maturana und Varela ziehen?

Wir haben gesehen, dass die Prinzipien, die in der Welt der Fraktale herrschen, auch in der lebendigen Welt massgebend sind. Daher kann man mit Fraktalen Naturvorgänge nach vollziehen. Hierbei sind Rück-und Selbstbezüglichkeit die zentralen Begriffe.

In der Astrologischen Psychologie ist das Radixhoroskop eine Beschreibung der psychischen Organisation und Struktur eines Menschen. Aus ihm lässt sich herauslesen, wie der Mensch mit sich selbst und seiner Umwelt wechselwirkt.

Das Radixhoroskop ist mit der mathematischen Funktion vergleichbar. Basis für das Erstellen eines Radixhoroskopes ist der Zeitpunkt der Geburt. Das ist der Startwert. Er bestimmt auch die Struktur des Horoskops, bestimmt also im übertragenen Sinn die Struktur der mathematischen Funktion. Dies ist nun ein wesentlicher Unterschied zu dem Rückkopplungsprozess, bei dem ja die mathematische Funktion von aussen vorgegeben wird.

Zusätzlich geht der Startwert gleichzeitig als Erstwert ins Horoskop ein. Daraus ergibt sich dann als Ergebnis die erste Handlung, das kardinale Ereignis bei der Geburt – vielleicht der erste Schrei! So gesehen organisiert sich der Mensch bei der Geburt offen-sichtlich selbst (Prinzip der Selbst-Organisation). Das erste Ergebnis, d.h. die erste Handlung wechselwirkt nun wieder mit dem Horoskop, und es entsteht wieder ein neues Ergebnis. Dieser Kreisprozess und Rückkopplungszyklus läuft dann immer weiter bis zum Tod. Es ist eine "karmische" Kette, die sich im Prinzip bis ins Unendliche fortsetzen kann. Vom Standpunkt des Radixhoroskops sind wir also rückbezogen, selbstbezogen. Die Ergebnisse unserer Handlungen wirken auf uns ein, werden von uns verarbeitet, und es entstehen neue Ergebnisse.

Die Ergebnisse unserer Handlungen sind durch den andauernden Selbstbezug selbstähnlich, wir erkennen uns in ihnen wieder. Die oft vorwurfsvoll gebrauchte Redewendung: "Das sieht dir wieder ähnlich!" ist von diesem Standpunkt aus gesehen ein Kompliment. Indem wir uns in unseren Handlungen wieder erkennen, können wir uns mit ihnen identifizieren. Wir erfahren dabei Identität. Wenn wir den Selbstbezug nicht mehr durchführen können, sind wir fremdbestimmt. Auf psychischer Ebene sind wir dann keine autopoieti-schen Systeme mehr, sondern allo-poietische Systeme. Als psychisch allopoietisches System haben unsere Handlungen mit unserer Struktur nicht mehr viel zu tun. Wir verstossen dann sozusagen gegen unsere eigene Natur, was dann wohl auch neben körperlichen Konsequenzen wie Krankheit irgendwann zu einem psychischen Zusammenbruch oder zum Tod führt.

Radix- und Häuserhoroskop

Die Huber-Methode kennt neben dem Radixhoroskop unter anderem auch noch das Häuserhoroskop.

Man erhält das Häuserhoroskop aus dem Radixhoroskop, indem man die verschieden grossen Radix-Koch-Häuser auf 30° normiert. Dabei werden die Tierkreiszeichen, die die Lebensenergien repräsentieren, verzerrt. Dies kann zur Folge haben, dass die Lebensenergien im Ansatz schon in ihrem Fluss behindert oder überbeansprucht sind. Der Energiefluss in die Umwelt hingegen wird durch die Normierung der Häuser erleichtert. Durch Verzerrung der Tierkreiszeichen verändert sich in den meisten Fällen die Aspektstruktur, manchmal sogar gravierend. Das Häuserhoroskop macht nun eine Aussage darüber, wie die anderen Menschen, die Umwelt – die Häuser sind normiert! – den betreffenden Menschen sehen, zu dem das Häuserhoroskop gehört.

In der Weise, wie die Umwelt einen Menschen wahrnimmt, versucht sie, auf ihn einzuwirken. Die Einwirkebene dabei ist die Aspektebene, welche das Bewusstseinsbild, die Motivationsstruktur des Menschen, darstellt. Die Aspektstruktur beschreibt, wie sich der Mensch in seinem Leben entwickeln will oder, wie er etwas in seinem Leben bewegen möchte. Die Aspektebene ist die feinste psychische Ebene, die mit Astrologie erfassbar ist.

Ist das Häuserhoroskop allopoietisch...

Wenn nun die Aspektstruktur des Häuserhoroskops sich von derjenigen des Radixhoroskopes unterscheidet, so bedeutet dies, dass der Mensch, wenn er auf die Bedürfnisse seiner Umwelt eingeht, also das Häuserhoroskop lebt, auf seiner Bewusstseins- und Motivationsebene fremdbestimmt wird. Er hat auf einer sehr feinen Ebene seiner Persönlichkeit keinen Selbstbezug mehr. Damit verliert sein Tun allmählich die Selbstähnlichkeit. Er erkennt sich nicht mehr in seinen Handlungen und verliert im Laufe der Zeit seine Identität. Er hat dann die ihm eigentümliche Bewegungsart (Motivation) verloren, vielleicht vergleichbar mit einer Katze, die den Bewegungsrhythmus eines Kamels übernommen hat. Sie wird ihn nie richtig beherrschen, und niemand wird sie ernst nehmen, weder als Katze noch als Kamel.

Ein Mensch, der nur sein Häusersystem lebt, entspricht eher einem al-lopoietischen System.

... und das Radixhoroskop autopoietisch?

Bezieht sich ein Mensch hingegen auf sein Radixhoroskop, so handelt er aus dem ihm eigentümlichen Bewusstseinsbild heraus. Im Radixhoroskop sind die Tierkreiszeichen gleich gross. Folglich stehen ihm die Lebensenergien verzerrungsfrei zur Verfügung und können im Prinzip ungehindert fliessen. Er befindet sich im allgemeinen dann in einer energetisch günstigeren Situation. Die Häuser jedoch, die für die Umwelt, die Lebensbühne stehen, sind verzerrt, dadurch kann eventuell der Energiefluss in die Umwelt überbeansprucht oder reduziert sein.

Die Verzerrung der Häuser beinhaltet weiterhin, dass der Mensch eine subjektive Sicht seiner Umwelt hat. Nach Maturana und Varela ist dies jedoch natürlich, weil Lebewesen in ihrem autopoietischen Prozess sowieso ihre eigene Ordnung, ihre subjektive Umwelt schaffen: "Wir erschaffen die Welt durch unsere Wahrnehmung!" (4).

Nur sollte diese Subjektivität ein gewisses Mass nicht übersteigen, sonst ist das Lebewesen nicht mehr lebensfähig. Ein Mensch, der auf sein Radixhoroskop bezogen ist, stellt somit eher ein autopoietisches System dar.

Erziehung zur Autopoiese

Nach meinen Erfahrungen leben Kinder und Jugendliche eher das Häuserhoroskop, wohl aufgrund der Tatsache, dass sie einen sehr starken erzieherischen Druck aus der Umwelt erfahren. Verhindert die Erziehung den Selbstbezug auf das Radixhoroskop, fühlt sich der Jugendliche fremdbestimmt, und es treten dann früher oder später sehr starke Probleme und Konflikte auf.

Durch Erziehung soll «know how» vermittelt werden, um mit der Umwelt fertig zu werden. Erziehung hat ihren Wert. Für genauso wichtig halte ich es, einen Menschen zur Autopoiese anzuleiten. Zumindest sollte man ihn nicht hindern, auto-poietisch tätig zu werden.

Praktischer Selbstbezug – eine Anleitung aus der Natur

Wie kann man nun bewusst im täglichen Leben Selbstbezug üben? Vielleicht lassen wir uns wieder von der Natur anleiten. Eine lebende Zelle muss, wenn sie existieren, ihre Strukturen erhalten und wachsen will, Stoffwechsel treiben. Die Nährstoffe, die in ihrer Umgebung vorhanden sind, muss sie aufnehmen, aus ihnen Energie gewinnen oder sie als Baustoffe nutzen. Hierzu braucht die Zelle die entsprechenden Werkzeuge, Fermente oder Enzyme, die die Stoffwechselreaktionen katalysieren. Ohne Enzyme wäre überhaupt gar kein Stoffwechsel möglich! Die Information über den Bau von Enzymen liegt codiert in der Erbsubstanz (DNS) der Zelle vor. Die Erbsubstanz ist eine Art Universalbibliothek, die sich im Verlauf der Evolution der Lebewesen entwickelt und dabei andauernd vergrössert hat. In ihr sind sämtliche für die Zelle brauchbaren Informationen gespeichert, so auch die Enzym-Baupläne.

Wenn die Zelle ein bestimmtes Enzym braucht, um eine spezielle Stoffwechselreaktion durchzuführen, so liest sie die entsprechende Information in ihrer Erbsubstanz ab, die dort codiert vorliegt. Nachdem sie die Information in die "Stoffwechselsprache" übersetzt hat, kann sie das Enzym herstellen.

Altern durch fehlerhafte Rückkoppelung

Die Zelle muss nun andauernd Informationen aus ihrer Erbsubstanz abrufen, um ihren Stoffwechsel aufrecht erhalten zu können. Denn auch Enzyme halten nicht ewig, sie unterliegen einem Verschleiss und müssen deswegen regelmässig erneuert werden. Die Zelle "rückbezieht" sich also andauernd auf ihren Informations- und Wissensspeicher, übt auf diese Art und Weise also Selbstbezug und handelt dann gemäss diesem Wissen. Solange sie dies tut, schafft sie selbstähnliche Strukturen, ist also autopoie-tisch. Sobald dieser rückbezügliche Mechanismus fehlerhaft wird – und mit zunehmendem Alter der Zelle wird das Ablesen der Erbinformation immer ungenauer – altert die Zelle und stirbt.

Dies zeigt uns, dass Vitalität auf fehlerfreiem Rückkoppeln mit der Informationsebene basiert. Es ist ein Hinweis für uns, dass wir innerhalb unserer Psyche uns immer wieder auf die Informationsebene rückbeziehen sollen.

Der gröbste Aspekt dieser Informationsebene wird im Horoskop durch die Aspektstruktur repräsentiert. Sie ist für uns aber nur die minimale Rückbezugsebene. Sehr viel günstiger wird es sein, wenn wir mit feineren und feinsten Informations- und Bewusstseinsebenen wechselwirken, die im innersten Kreis des Horoskops lokalisiert sind. Hier liegt unsere geistige, bewusst -seinsmässige Erbsubstanz. In diesem innersten Kreis liegen wir als Potenz vor, hier ist die Ebene unseres Seins. Wenn wir vom innersten Kreis aus agieren, handeln wir von der Ebene aller Möglichkeiten.

Transzendieren

Um bewusst zu dieser Ebene zu gelangen, müssen alle anderen Ebenen des Horoskops – die Häuser-, Tierkreiszeichen-, Planeten- und Aspektebene durchstossen, trans-zendiert werden. Eine Meditation mit transzendierendem Charakter kann diesen Prozess in Gang setzen und unterstützen. Abbildung 3 veranschaulicht den Vorgang des Rückbezugs auf den innersten Kreis.

Um den Transzendierungsprozess zu verdeutlichen, ist das Horoskop dreidimensional dargestellt. Da der innerste Kreis die Ebene aller Möglichkeiten, die Ebene reinster Information darstellt, hat er den gröss-ten Durchmesser. Über diese Ebene sind wir wahrscheinlich mit allen Menschen verbunden und können mit der gesamten Schöpfung wechselwirken. Es ist die Ebene des Seins, der Wechselwirkung an sich, vielleicht sogar der unendlichen Wechselwirkung. Begrenzende Strukturen sind in dieser Ebene enthalten.

Aus dem Unendlichen...

Die individuelle Ausformung erhält diese Seinsebene im Aspektbild. Die Möglichkeiten, die Freiheitsgrade sind hier schon etwas eingeschränkt. Strukturen sind sichtbar, deshalb hat der Kreis einen geringeren Durchmesser. Nichtsdestotrotz stellt er die feinste persönliche Ebene dar. Bei diesen beiden Ebenen steht wohl das veränderliche Prinzip, das Prinzip der Wechselwirkung im Vordergrund.

Die Planeten stellen als Werkzeuge des innersten Wesens schon solide Strukturen dar, damit sind auf dieser Ebene die Möglichkeiten im Vergleich zum innersten Kreis schon spürbar eingeschränkt. Die Planeten sind die Lebensorgane, mit Hilfe derer wir mit der Umwelt wechselwirken. Mit ihnen können wir Impulse setzen; ihre Wirkungen sind für unsere Umgebung spürbar. Daher müssen die Planeten schon stärker ausgeformt sein. Bei den Planeten sowie bei der nachfolgenden Ebene, dem Zodiak, steht wohl eher das kardinale Prinzip im Vordergrund. Die Zeichen sind die Energiequellen im Leben. Sie sind schon von komplexer Struktur, setzen sie sich doch aus Planetenherrscher, Kreuz und Temperament zusammen. Zudem ist in ihnen das gegenüberliegende Zeichen latent verborgen.

... in die Begrenzung

Bei den Häusern, die die reale und formale Lebenssituation darstellen, werden die Strukturen und Formen komplex und massiv. Hier ist man determiniert, hat fast keine Freiheiten mehr. Das fixe Prinzip ist dominierend. Insgesamt gesehen nehmen die Strukturen und ihre Komplexität vom innersten Kreis bis zu den Häusern hin rapide zu. Damit wird Energie gebunden, die Freiheitsgrade nehmen ab.

Will man eine auf Häuserebene verfahrene Lebenssituation bewältigen, bleibt kein anderer Weg, als sich auf den innersten Kreis zurückzuziehen, der Ebene aller Möglichkeiten, und von da aus zu versuchen neue Wege zu beschreiten. Positive Entwicklung ist wohl nur dann möglich, wenn man sich immer wieder aus der determinierenden Häuserebene herauslöst und mit dem Wissen der Seinsebene tätig wird. Jeglicher Handlungsablauf ist dadurch gekennzeichnet, dass die Informationsebene sich mit der Energieebene verbindet, sie so steuert, dass eine dem Wissen entsprechende sinnvolle Struktur entsteht. Das Veränderliche muss sich also in der Weise mit dem Kardinalen vereinigen, dass sich eine entwicklungsfähige – fixe – Struktur und Form ergibt, die einem nicht zum Gefängnis wird.

Literatur

1 Becker, K. H. u. M. Dörfler, Computergraphische Experimente mit Pascal, Vieweg-Verlag, Braunschweig/-Wiesbaden 1986

2 Fricker, F., Barnard-Medaille für Benoit Mandelbrot, Spektrum der Wissenschaft, 11/85,3. 14

3 Mandelbrot, B., Die fraktale Geometrie der Natur, Birkhäuser Verlag, Basel/Boston 1987

4 Maturana, H. R. und F. J. Varela, Der Baum der Erkenntnis. Wie wir die Welt durch unsere Wahrnehmung erschaffen – die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens, Scherz-Verlag, Bern/München/Wien, 2. Auflage 1987

5 Maturana, H.R., Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Vieweg-Verlag, Braunschweig/Wiesbaden 1982