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Titel Ausgabe 46



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Zurück Ausgabe 46 vom 23.10.1988 • Seite 19ohne Login!

• Glosse

Hallo, hier spricht das Jenseits

Iréne Wieser

Im April 1988 wurde am Schweizer Fernsehen darüber diskutiert, ob es möglich sei, mit den Toten Kontakt aufzunehmen. Als Skeptiker und Gralshüter der Wissenschaft gegen den Aberglauben waltete einmal mehr Prof. Peter Wilker, um alles, was nicht mathematisch erfassbar ist, als Humbug und baren Unsinn zu erklären.

Am 5. September veranstaltete das Bayerische Fernsehen eine Sendung mit Zuschauerbeteiligung, geleitet von einem völlig ahnungslosen Moderator, der – aus Zeitdruck – die Gespräche immer vorzeitig abklemmte, so dass für den Zuschauer ausser Ratlosigkeit und Konfusion kaum etwas blieb.

Wenn die Medien für solche Sendungen nicht genügend Zeit einräumen können, sollten sie es lieber lassen. Und ich denke, man sollte es überhaupt lassen. Denn solche Veranstaltungen verkommen regel-mässig zu einer Show "quer durch den esoterischen Gemüsegarten" und rufen natürlicherweise Kritik von seilen der Wissenschaftler auf den Plan, die dann sagen: dies alles ist reiner Quatsch und ein Geschäft mit der Dummheit der Leute.

Aberglauben und Wissenschaft

Ein solcher Kritiker ist der genannte Prof. Wilker. Für ihn ist Astrologie keine Humanwissenschaft, sondern ein Aberglaube.

Laut Duden ist Aberglaube "als irrig angesehener Glaube, dass überirdische Kräfte in bestimmten Menschen und Dingen wirksam sind. In religiöser Scheu und in magischem Denken verwurzelter Glaube, Irrglaube." Der Begriff stammt aus dem 15. Jh., und die Silbe aber drückt die Richtung auf das Verkehrte hin aus, daher Aberglaube = verkehrter Glaube.

Es handelt sich um ein Für-wahr-Halten von Anschauungen. Wo wir nicht wissen (können), glauben wir. So entstand der Glaube an Phänomene, die wir objektiv nicht erklären können. Es ist also zu unterscheiden zwischen Aberglauben und Okkultismus, zwischen Für-wahr-Halten und Glauben, weil etwas unerklärbar ist.

Aberglaube als Erfüllungsform der Angst und der Glückserwartung, als Ausdruck von Wunschdenken im Bedürfnis nach Sicherheit in einer unsicheren Zeit sollte man nicht schlichtweg als Unsinn abtun. Die Frage ist nur, in welche Gefolgschaft der Ratsuchende gerät.

Was ist Wissenschaft?

Lapidar ausgedrückt: alles, was Wissen schafft. Laut Duden: Durch Forschung für ein bestimmtes Gebiet erarbeitetes System von Erkenntnissen; systematisch entwickelte Methode, mit der ein fachlicher Bereich erforscht wird.

Ist Astrologie nun Aberglaube oder Wissenschaft?

Ich denke, es ist eine Frage der Anwendung und der persönlichen Verantwortung. Im Sinne der Definition von Wissenschaft zeigen bestimmte Konstellationen nachweislich jeweils die gleichen Auswirkungen. Eine Mondstellung in den Fischen wirkt sich anders aus als eine Stellung im Steinbock. Und dies nicht nur bei einer bestimmten Person. Zuordnung und Deutung sind nicht willkürlich, sondern folgerichtig. Und Astrologie hat nichts mit Wahrsagerei zu tun, es sei denn, sie diene dazu, den Klienten zu verblüffen, was ihm nicht weiterhilft.

Esoterik und die Medien

Es ist fraglos, dass mit den verschiedenen "Heilslehren" heute ein unglaublicher Unfug in den Medien getrieben wird. Wer wirklich berufen ist – als Medium –, wirkt in der Stille, nicht am Fernsehen. Mediale Fähigkeiten können leicht zur Falle werden, wenn der Prozess der individuellen Entwicklung dadurch verhindert wird. Wenn Sendungen über Okkultes, das die Menschen seit eh und je fasziniert hat, Sinn und Zweck von Aufklärung haben sollen, müssten sie sachliche Information vermitteln, keine Show. Die gezeigten Experimente gehen meist auch gründlich daneben.

Kritik an solchen Sendungen

Der/die Moderator/in ist immer ein Laie und steht den widersprüchlichen Meinungen hilflos gegenüber; anwesende Gegner oder Polemiker bewirken eine Polarisierung und dadurch eine Verunsicherung des (Laien) Zuschauers, der das Ganze ja nicht beurteilen kann. Auf ihre Weise haben ja alle recht.

Es ist verständlich, dass Sendungen in dieser Form massive Kritik von seilen der Wissenschaftler hervorrufen. Die warten ja nur darauf, sich ihrerseits profilieren zu können. Aber wenn Herr Wilker in einem Seniorenblatt sich einer "Karriere als astrologischer Drachentöter" rühmt, kann ich darin nichts Rühmenswertes finden. Seine Ansichten beruhen auf einem nicht revidierbaren Vorurteil. Nun haben Fanatiker jeglicher Couleur aber die Welt noch nie gerettet – im Gegenteil. Sie produzieren jenseits des Grabens wiederum Fanatiker, womit nichts gewonnen ist.

Der echte Skeptiker sagt nicht, das ist Unsinn, er sagt: ich weiss es nicht, es könnte ja sein. Und aus dieser kritischen Auffassung heraus versucht er, für das Unerklärliche eine Erklärung zu finden, ober er lässt ändern ihre Überzeugung.

Die Bösen sind immer die ändern

In der Gewissheit, dass es jenseits des eigenen, subjektiven Horizonts noch etwas gibt, müssten wir den Geist der Ketzerverfolgung und Hexenverbrennung allmählich überwinden und nicht alles, wozu wir (noch) keinen Zugang haben, als Aberglaube abtun. Vielleicht sind wir im (blinden) Glauben an die Wissenschaft auch einem Aberglauben aufgesessen, nämlich in der Annahme, Wissenschaft sei unfehlbar. Heute wissen wir, dass auch dort vieles zu relativieren ist. Aber "es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom" (Albert Einstein).

Zu diesem Thema haben sich viele grosse Geister geäussert:

Peter Altenberg: Nicht, was du bisher wusstest, kann dich bereichern, sondern das, was du bisher nicht wusstest.

Goethe: Wir sind alle so borniert, dass wir immer glauben, recht zu haben.

Sartre: Was wir heute ablehnen aus Unkenntnis oder mangelnder Erfahrung, finden wir in zwanzig Jahren so toll, als hätten wir es selber erfunden.

Hermann Hesse: Immer wieder klammert man sich an das Liebgewordene und meint, es sei Treue, es ist aberbloss Trägheit.

Apropos: Was ist ein Professor? Der öffentliche Lehrer, profiteri = öffentlich bekennen. Eine gefährliche Sache, denn die Wirkung auf den blinden Volksglauben ist je nach "Bekenntnis" recht fatal. Über die Dummheit der Intellektuellen hat sich Tomi Ungerer in einem Gespräch (ebenfalls am Fernsehen) so geäussert: "Die Universitäten sind voll von nutzlosen Zombies, die Intellektuellen sind nutzlos."

So pauschal würde ich es nicht unterschreiben. Aber für die Intellektuellen gilt sicher das selbe wie für Astrologen: sie schaffen sich ihren Ruf selber. In diesem Sinne: Jeder bemühe sich, differenziert zu urteilen, statt pauschal zu verurteilen und lege die hausgemachten Klischees ab. So ist eine Annäherung unterschiedlicher Standpunkte am Ende möglich.