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Titel Ausgabe 46



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Zurück Ausgabe 46 vom 23.10.1988 • Seite 15ohne Login!

• Glosse

Der kleine Unterschied

Fred Krotky

Ein orientalischer König hatte einen beängstigenden Traum. Ihm träumte, dass ihm alle Zähne, einer nach dem anderen, ausfielen. Beunruhigt rief er seinen Traumdeuter herbei. Dieser hörte sich sorgenvoll den Traum an und eröffnete dem König: «Ich muss dir eine traurige Mitteilung machen. Du wirst genau wie die Zähne alle deine Angehörigen, einen nach dem anderen, verlieren.» Diese Deutung erregte den Zorn des Königs. Er befahl, dass man den Traumdeuter, der ihm nichts Besseres zu sagen hatte, in den Kerker werfe. Dann liess er einen anderen Traumdeuter kommen. Der hörte sich den Traum an und sagte: «Ich bin glücklich, dir mein König eine freudige Mitteilung machen zu können: Du wirst älter werden als alle deine Angehörigen, du wirst sie alle überleben.» Der König war erfreut und belohnte ihn reich für diese Worte. Die Höflinge wunderten sich sehr darüber. «Du hast doch eigentlich nichts anderes gesagt als dein armer Vorgänger. Aber wieso traf ihn die Strafe, während du belohnt wurdest?» fragten sie. Der Traumdeuter antwortete: «Wir haben beide den Traum gleich gedeutet. Aber es kommt nicht nur darauf an, was man sagt, sondern auch, wie m an es sagt.»

Eine ferne, alte Geschichte aus Zeiten, wo messbare Wissenschaftsbereiche und Empirische Wissenschaft noch eng verbunden waren. Doch permanent gegenwärtig scheint mir der Sinn des letzten Satzes in dieser Sage, denn Deutung ist immer ein "Ereignis" der Natur. Und Natur ist immer Gegenwart. Jede Deutungsarbeit verlangt vom Bearbeiter Kreativität, Intuition und Mut. Daraus entsteht ein Reichtum von Gegensätzen. Diese dann weise weiterzugeben, ist für jeden Astrologen eine verantwortungsvolle, räumlich weitgefasste Aufgabe im Dienste der Lebensqualität.

Fred Krotky