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Titel Ausgabe 48



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Ingeborg Bachmanns Leben und Werk

Dr. Nelia Schmid-König

Bachmann Ingeborg 25.06.1926 20.25:00 Klagenfurt

Ingeborg Bachmann glaubte nicht daran, dass ein Dichter, in dem "keine wirkliche Problematik selbst vorliegt", der Literatur neue Impulse geben kann. Sie selbst, die 1973 mit 47 Jahren verstorbene österreichische Schriftstellerin, hat diese Voraussetzung einer "wirklichen Problematik" nur zu sehr erfüllt – und ein Werk hinterlassen, das nach wie vor betroffen macht, uns mit Sprachbildern konfrontiert, die unverwechselbar die Handschrift einer der interessantesten Schriftstellerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit tragen.

Ihre "wirkliche Problematik" und deren schöpferische Umsetzung und Verwandlung stehen im Mittelpunkt dieser Horoskopdeutung, in die auch und gerade Ingeborg Bachmanns Werk, ihre Werkfiguren einbezogen werden sollen als Teilaspekte der Autorin, als fiktionalisierte Ich-Anteile. Ist das Vergleichen von Leben und Werk unter astrologisch-psychologischen Gesichtspunkten ohne weiteres zulässig? Denn Schriftsteller und Werk sind kein Gleiches, zwischen ihnen steht der schöpferische Prozess, durch welchen das autobiographische Moment seine kreative Verfremdung und Ausweitung erfährt. Doch Ingeborg Bachmann sagt selbst: "Ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe." Sie kokettiert nicht, wenn sie das sagt, beruft sich nicht auf den oft vorschnell zitierten Mythos von der getriebenen Künstlerseele. Sie schreibt gegen eine tief empfundene und sie wie ihre literarischen Figuren stets aufs neue bedrohende, existentielle Ungeborgenheit an. Es ist ein im Schreiben gesichertes Überleben, ein oft atemlos in Literatur überführtes Leben, an dem der Leser teilhat. Über den privaten Menschen Ingeborg Bachmann sind wenige Details nur bekannt. Ihre gesamte Korrespondenz ist bis ins Jahr 2023 gesperrt. Auch bei Max Frisch, in seinem Buch «Montauk», wo er unter anderem seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann aufzuarbeiten versucht, steht wenig Erhellendes, so etwa der Satz: "Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht."

Dass sich bei meinem Umgang mit dem Horoskop immer wieder die Schriftstellerin in den Vordergrund schiebt, dass die private Ingeborg Bachmann hinter dem Bild der erfolgverwöhnten Autorin verschwindet, hat seine Richtigkeit darin, dass sich diese Autorin selbst ein Stück weit literarisiert hat und mit der Rolle der Dichterin identifiziert war. "... ich habe zu schreiben. Und über den Rest hat man zu schweigen." Ein erster Blick auf das Horoskop gibt ihr recht. Sie muss schreiben. Der blau-grüne Merkur lockt und verführt als eine nicht nur sprachschöpferische, sondern auch intellektuell herausragende Kraft, wird er doch von den anderen Intelligenzplaneten noch entscheidend genährt (Trigon zu Saturn und Uranus, Quincunx zu Jupiter). Eine gleichfalls stark stimulierende Wirkung erfährt der Merkur in der Begabungsfigur, dem kleinen blauen Dreieck Merkur-Sextil-Venus-Sextil-Uranus, wobei das Sextil Merkur-Venus (klassischer Schriftstelleraspekt) die besondere sprachliche Fähigkeit ausmacht, Uranus seinerseits die politisch-kritischen, emanzipatorischen Tendenzen in der Haltung dieser Frau bewirkt und sich auch in ihrem Wunsch nach einer radikal "Neuen Sprache" widerspiegelt. Die besonders starke Stellung des Merkur als Fähigkeitsplanet, der ihre Probleme zu sublimieren und zu literarisieren versteht, zeigt sich auch darin, dass er in einem extrem roten Horoskop (3 Oppositionen, 7 Quadrate) als einziger Planet keine roten, dafür aber gleich drei blaue Aspekte hat (nebst einem grünen).

Ingeborg Bachmann ist promovierte Philosophin. Sie hat über «Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers» dissertiert, eine Auseinandersetzung also über ein Thema geführt, das mit sprachlicher Einfühlung allein nicht zu leisten ist, sondern auch einen zur Abstraktion fähigen Intellekt voraussetzt (Merkur-Trigon-Jupiter, Merkur-Trigon-Uranus). In den frühen Gedichten – die Autorin steht vom AP her im Zeichen Zwilling – stellt sie sich als Frau dar, die mit dem verführerischen Merkur und dem ihm verbundenen Begabungs- und Intelligenzgeflecht ganz identifiziert zu sein scheint. «Der Spiegel» bringt sie 1954 auf die Titelseite, die Kritiker jubeln ihr zu, geraten in Entzücken angesichts der "unvergänglichen Schönheit" der Bachmann-Sprache, verneigen sich enthusiastisch vor der "Metaphorikerin von Geblüt". Ein moderner, emanzipierter und noch unverbrauchter Typ von Frau, wie er sich im Talentdreieck wiederfinden lässt, eine Intellektuelle, die ihr Instrument, die Sprache, aufs feinste zu stimmen versteht, wird auf das Banner der Literatur gehoben, schon frühzeitig mit Preisen verwöhnt. Einer wesentlichen, beruflichen, kraftvollen Entfaltung, wie sie sich auch in der Sonne zeigt, scheint nichts mehr im Weg zu stehen. Doch plötzlich mag die bis anhin vielgepriesene Lyrikerin keine Gedichte mehr schreiben. In ihrem dreissigsten Lebensjahr erscheint ihr zweiter und letzter Gedichtband. Denn sie, deren ganzes Werk eine höchst auffällige Feuer - metaphorik durchzieht, scheint – ihr AP bildet eine Quincunx zum Saturn – von einer Konfliktwelt angezündet worden zu sein, die sich bis dahin hat in Schach halten lassen.

Ein erneuter Blick ins Horoskop zeigt ein überwiegend rotes Aspektbild (10 rote, 6 blaue, l grüner Aspekt). Dabei fällt auf, dass fast ein Leistungsquadrat entsteht, sich ein Viereck aus Quadraten um die beiden Oppositionen Jupiter-Neptun und Saturn-Venus legt, wobei das Saturn-Jupiter-Quadrat fehlt und das Viereck offen lässt. Zu diesen zwei Leistungsdreiecken gesellt sich noch ein drittes: Uranus. Genug Rot, genug Reibung, genug Feuer also, um aus alten vertrauten Bahnen geworfen zu werden und sich neue Bahn zu brechen mit einem "roten" Thema, wie es mit der Saturn-Quincunx wirksam geworden ist und das literarische Schaffen vorantreiben wird.

Ingeborg Bachmann, unterwegs im dreissigsten Jahr, entdeckt, dass sie Gedichte schreiben kann ohne innere Notwendigkeit (der nur blau-grün aspektierte, perfekt und reibungslos funktionierende Merkur respektive das mit ihm verknüpfte kleine Talentdreieck).

Sie fürchtet plötzlich, einem selbstherrlichen Ästhetizismus, einer l'art pour l'art-Haltung zu verfallen (Merkur-Venus) und vor allem, dass sie sich selber aussparen muss, sich nicht genug mit dem, was sie etwas vage "Erfahrung" nennt, einbringen kann. "Schöne Sprache" und "reines Sein", einst noch im Gedicht angestrebt, sind in verdachtvolle Nähe zu blossen Worthülsen geraten. Die Lyrikerin verstummt, und in den Jahren 1956/57 entstehen Erzählungen (veröffentlicht 1961 unter dem Titel «Das dreissigste Jahr»), in denen Sätze stehen, mit denen die einst so enthusiastischen, vorwiegend männlichen Kritiker nicht gerechnet hatten. Sätze wie: ". . . jeder (wird) gekränkt bis in den Tod von den anderen. Und dass sich alle vor dem Tod fürchten, in den allein sie sich retten können vor der ungeheuerlichen Kränkung, die das Leben ist." Oder: "Menschlichkeit: den Abstand wahren können. . . Haltet Abstand von mir, oder ich sterbe oder ich morde mich selbst." Die unerhörte Spannung, wie sie da aufbricht, überrascht indessen nicht. Das Horoskop gibt sie vollumfänglich wieder. Nähme man den Merkur weg . . . ein "höllisch" rotes Bild würde übrigbleiben, und damit eine Mischung aus innerem Feuer und Stress, wie sie auch in einer bedeutsamen literarischen Figur, der "höllenrot" gekleideten Mara aus «Ein Schritt nach Gomorrha» wiederzufinden ist. Mara, deren Botschaft vor allem aus dem einen Glaubenssatz besteht "Lieben ist alles". In das Jahr, in dem die zitierten Sätze geschrieben werden, fällt auch der Zeitpunkt, wo der AP ein Sextil zum Neptun wirft. Was mag eine Schriftstellerin dazu bewegen, im Leben vor allem eine ungeheuerliche Kränkung zu sehen, die nur dank einer etwas verschwommenen "Lieben ist alles"-Hoffnung auszuhalten ist? Die beiden Liebesplaneten Mond und Neptun, zugleich die weichsten Planeten, sind nur rot aspektiert und erfahren somit überwiegend Druck und Stress, wobei Neptun, der Liebessehnsucht und Einfühlungswunsch verkörpert, noch das Quadrat zum Saturn verkraften muss (siehe auch die Artikel «Astrologie und Tiefenpsychologie», Heft Nr. 46, 47, 48). Saturn, das Prinzip der Realität, der Fakten, der Anpassung, Saturn, der immer auch die Abgrenzung will, trifft im Spannungsaspekt auf Neptun, dem Wunsch nach Grenzauflösung, nach Einfühlung, Liebe und Verstehen. Der Wunsch nach Alliebe prallt hart und ungedämpft auf die bestehende Realität, was sicherlich ein wesentlicher Teil jener kaum verkraftbaren Kränkung darstellt, von der die Rede war. Sie wird noch vertieft durch die Stellung des Neptun im 8. Haus. Im 8. Haus geht es um die gesellschaftlichen Gesetze, Regeln, Normen und Pflichten (worin sich Saturn wiederholt). Der Neptun erfährt im 8. Haus, dass man nur dann geliebt wird, wenn man sich anpasst. Das Kind hat nur dann Aussicht auf Liebe, wenn es sich den 8.-Haus-Normen fügt. Auch der andere Liebes- und Kontaktplanet, der Mond, der besonders den Wunsch des Kindes nach Geborgenheit und guter Urbeziehung zur Mutter darstellt, musste sich in diesem Horoskop auf den Talpunkt des 12. Hauses zurückziehen. Eine Position, die von einer Urenttäuschung, einer Urkränkung erzählt. Das Wunschleben des Kindes verkriecht sich quasi in den hintersten Winkel des Horoskops. Die Sonne in Opposition, Mars und Uranus im Quadrat sprechen wiederum von Leistung und Erfolg, von Kraft und Intelligenz, doch ganz sicher nicht von Liebe und Beziehung. Dass beide Liebesplaneten durch Haus und Aspekte wie auch durch die harten Planeten Mars, Sonne, Saturn unter Druck gesetzt sind, zeigt, wie extrem das Liebesverlangen des kleinen Kindes übergangen wurde.

Diese Spannungen, wie sie das Horoskop abbildet, bestimmen das Schaffen der österreichischen Schriftstellerin von Anfang an, ja, spiegeln sich bereits im lyrischen Werk wider, nur sind sie dort hartnäckig weggelobt worden: Der "Hoheliedton" wurde in ihren Gedichten gepriesen, die Todesmeta-phorik hingegen und die immer schon anwesenden leisen Töne der Verzweiflung wurden überhört, gingen unter in einer Nachkriegs-euphorie, die den optimistischen Neubeginn und die Aufbruchstim-mung favorisierte, auch in der Literatur.

Doch Ingeborg Bachmann wusste es besser, indem sie sich von ihrer nur unvollständig verstandenen Lyrik abwendet und für die Prosa entscheidet. «Mein Wort, errette mich,» heisst es schon in einem ihrer Gedichte. Denn eine Sprache, die nicht die "wirkliche Problematik" zum Inhalt hat, ist für die Schriftstellerin Bachmann eine verlorene Sprache.

Die wirkliche Problematik

Max Frisch sagt einmal über die Frau, mit der er von 1958 bis 1962 zusammengelebt hat: "Wenn sie rechnet, rechnet sie mit Wundern." Auch ihre literarischen Ichs, im Spätwerk werden es nur noch Frauen sein, rechnen mit dem immer gleichen: dass eines Tages einer kommen wird, der sie ganz versteht – in dessen machtvoller Gegenwart die Erinnerung an die "ungeheuerliche Kränkung" verblassen muss. Alle ihre Erzählfiguren sind zudem gezeichnet von der Erlösungshoffnung, wie sie die weibliche Hauptfigur im einzigen zu Lebzeiten vollendeten Roman «Malina» antreibt. «Ein Tag wird kommen, an dem die Menschen rotgoldene Augen und siderische Stimmen haben, an dem ihre Hände begabt sein werden für die Liebe / ... / wir werden aufhören zu denken und zu leiden, es wird die Erlösung sein.» Dieses neptunische Verlangen nach Rückkehr ins Paradies, nach Aufhebung aller trennenden Grenzen, nach kosmischer Liebe bleibt unbefriedigt, bleibt, was es nicht sein dürfte: traumschönes, doch nie realisierbares Gegenbild zur harten, ewig unvollkommenen Wirklichkeit (Skorpion-Saturn im 10. Haus). Und so kommt es dann im Werk sehr oft zu einer Verneinung derjenigen Wirklichkeit, die Trennung, Unterschied, Grenze meint, damit aber auch zu einer Verteufelung des im Horoskop am höchsten stehenden saturnischen Prinzips. Es wird durch einen zügellosen Verschmelzungswahn und mitunter gar durch den Austritt aus der sozial verbindlichen saturnischen Wirklichkeit ersetzt. Wie bei Jan und Jennifer aus «Der gute Gott von Manhattan»: "Könnt ich mehr tun, mich aufreissen für dich und in deinen Besitz übergehen mit jeder Faser und wie es sein soll: mit Haut und Haar l ... l Ich werde nicht mehr schlafen. Dich nicht mehr lassen / . . . / So komm. Ich bin mit dir und gegen alles. Die Gegenzeit beginnt." Saturn, das ist tiefenpsychologisch gesehen zwar die "böse" Mutter der Trennung, doch symbolisiert er auch die Körpergrenzen, die vorerst nur physische Mutter-Kind-Trennung, wie sie die Geburt mit sich bringt. Die Durchtrennung der Nabelschnur zerstört die physische Mutter-Kind-Einheit. Spricht Franz Kafka von dieser Wunde, wenn er klagt: "Mit einer Wunde kam ich zur Welt, das war meine ganze Ausstattung." Oder meint er die zweite, viel tiefere, seelische Wunde, wie sie dem Kind durch die nicht geglückte Urbeziehung, die nur unzureichende Symbiose mit der Mutter geschlagen worden ist? Beide Erfahrungen wollen im «Guten Gott von Manhattan» rückgängig gemacht werden, damit nicht geschehen, sich nicht bewahrheiten soll, wovor die Bachmannschen Figuren so grosse Angst haben, und Ingeborg Bachmann selbst in einem Interview in die Worte fasst: "Verstehen – das gibt es nicht." Ihre Mond- und Neptunerfahrungen treten hier ungeschminkt zutage. In Max Frischs «Mein Name sei Gantenbein» heisst es: "Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu." Ingeborg Bachmann hat viele 'passende' Geschichten, komplexe reiche Bilder für ihre persönliche existentielle (traumatische) Erfahrung des Unverstandenseins gefunden, wie sie sich aus ihrem ausschliesslich rot aspektierten Mond und Neptun folgern lässt. Und sie hat sich ein Schriftstellerleben lang an das gehalten, was ihr Landsmann, der Schriftsteller Thomas Bernhard empfiehlt: "Jeder hat nur sein Thema. Darin soll er sich bewegen. Dann macht er es auch gut." Wenn sie die weibliche Ich-Figur in «Malina» sagen lässt, die Gesellschaft (8. Haus) sei "der aller-grösste Mordschauplatz" (Neptun 8. Haus), oder der Dreissigjährige in «Das dreissigste Jahr» darum fleht, "Abstand (zu halten) von mir oder ich sterbe ..." – so sind das präzise Wortbilder zu einem kindlichen Welterleben, wie es dieser Autorin widerfahren ist und in Mond- und Neptunstellung zum Ausdruck kommt. Das übersehene, verlassene und in seinen Bedürfnissen nach Geborgenheit und Gespiegeltwerden nicht wahrgenommene Kind, das schon frühzeitig zur schöpferisch-intellektuellen Kompensation, zu Träumen von einem besseren Leben, zum Prinzip Hoffnung also getrieben wird. Und dieses Kind, einmal erwachsen geworden, wird ganz auf die berufliche Identität und Entfaltung der Schriftstellerin setzen, die "repräsentieren" und "unverwechselbar" sein will (Saturn 10. Haus) und die "stärkste Absicht zu wirken" hat.

Der neue Mann

Miranda in «Ihr glücklichen Augen» unterteilt die Welt in "Josef" (ihren Mann) und "NichtJosef". Beatrix hat ihre "Rene-Welt", Elisabeth entschuldigt ihre Angst vor Nähe respektive vor einem ernstzunehmenden Partner damit, dass es den "Neuen Mann" nicht gibt. Sie lässt sich damit, im Gegensatz zu den zwei anderen Frauen, die in erschütternder Enge und Abhängigkeit von ihrer "Josef"- und "Rene-Welt" leben, schon gar nicht wirklich ein auf einen anderen Menschen. Auch für Ingeborg Bachmann hat es den "Neuen Mann" nie gegeben. Weder Max Frisch noch Hans Werner Henze brachten ihr das "Mysterium", nach dem sie wie ihre literarischen Geschöpfe sehnsuchtsvoll verlangt. Die Erwartungen an den Mann sind in Leben und Werk der Ingeborg Bachmann so hoch geschraubt, dass mit Sicherheit eines nicht passieren kann: eine erfüllende Beziehung. Insbesondere eine Beziehung, in der zwei Menschen ohne Angst vor Abhängigkeit und im Wissen um die eigene, auch geschlechtliche Identität aufeinander zugehen können. "Ich bin niemands Frau, ich bin noch nicht einmal", so Charlotte in «Ein Schritt nach Gomorrha».

Der "Neue Mann" – wie sollte er denn aussehen, mit welchen Fähigkeiten ausgestattet sein? Wir bekommen hier eine faszinierende Beschreibung der Mondknoten-Pluto-Konjunktion: "Nur eine Hoffnung durfte und wollte sie sich nicht offen lassen, denn wenn sie in fast dreissig Jahren keinen Mann getroffen hatte, einfach keinen, der von einer unausweichlichen Bedeutung für sie war . . . jemand, der stark war und ihr das Mysterium brachte . . . keinen, der wirklich ein Mann war und nicht ein Sonderling, Verlorener, ein Schwächling oder einer dieser Hilfsbedürftigen, von denen die Welt voll war, dann gab es den Du, mit der verzweifelt gesuchten und manchmal gewonnenen Wirklichkeit." Die im Du-Raum stehenden Planeten sichern ihr den sprachlich feingesponnenen Kontakt zur sozialen Wirklichkeit, die auf andere Art zu erreichen sie sich unfähig glaubt. Warum kann sie ihre wundervolle Gabe der sprachlichen Ausdruckskraft nicht höher werten, warum drängt sich dem Leser der Verdacht auf eine heimliche, tiefe Gegnerschaft zur Sprache wiederholt auf? In den theoretischen Schriften wie auch in der Erzählprosa stossen wir auf ihr unentwegtes Bemühen um eine "Neue Sprache". Es ist, so wird in einer Erzählung präzisiert, nicht die "Sprache der Männer" und schon gar nicht die "Sprache der Frauen", die war "noch schlimmer, unwürdiger – davor hatte ihr schon gegraut, seit sie ihre Mutter durchschaut hatte" – es ist eine wortlose Sprache, der alles verzweifelte Hoffen gilt. Sprachlose Verständigung als höchste Erfahrung, als "reine Grosse" ist gemeint. Sie kann sich zwischen Mann und Frau vorübergehend einstellen, gehört jedoch als Zustand in die Urbezie-hung des Kindes zur Mutter. Sie allein wäre der Gegenbeweis zur bitteren Erfahrung "Verstehen – das gibt es nicht". Dort, in der frühen Mutter-Kind-Beziehung geht es um wortloses Verstehen, um Einfühlung, Blicke, den Körperkontakt, die zärtlichen Hände . . . Ingeborg Bachmann – und darin liegt ein Stück persönlicher Tragik – tritt mit der Sprache gegen die Sprache an. Sie muss schreiben, denn die Sprache hält sie im Zusammenhang mit der Welt, mit dem Du, doch sie erinnert sie gleichzeitig daran, wie weit sie im Augenblick des Schreibens vom Wunder, es wäre das wortlose, einfühlsame Verstehen, entfernt ist.

Ingeborg Bachmanns "durchgehende Problemkonstante" – für sie das Kriterium eines bedeutenden Schriftstellers – ist die in mitunter grossartige Sprachbilder gekleidete Sehnsucht nach idealer Liebe und vollkommenem Verstehen. Und es ist bewegend zu sehen, wie das gesamte Horoskop auf die exi-stentielle Mond- und Neptunerfahrung eingestimmt ist, sich in deren Dienst nehmen lässt und unentwegt die literarisch-schöpferische Bearbeitung dieser Grundkonflikte wagt. Ingeborg Bachmanns Arbeit an ihrem Roman-Zyklus «Todesarten» wird durch ihren eigenen Tod unterbrochen. Am 26. September 1973 zieht sie sich in ihrer Wohnung schwere Verbrennungen zu (ihr AP hat am 12. Oktober ein Sextil zum Saturn), an deren Folgen sie am 17. Oktober stirbt (die behandelnden Ärzte sagen, an den zu spät diagnostizierten Entzugserscheinungen ihrer Tablettensucht). Hat sich hier die Realität endgültig durchgesetzt? Ist es der Neptun-Saturnaspekt, der hier wirksam wird und in dem Saturn, in der Realität des Todes, ein letztes Mal die Oberhand im Ringen um Sehnsucht und Sucht behält?

Im mehrbändigen geplanten "Todesarten"-Zyklus, nur der Roman «Malina» wird vollendet, topographiert Ingeborg Bachmann alle möglichen Todesarten, welche die Gesellschaft für die Menschen und da besonders für die Frauen bereithält (Neptun 8. Haus). Die weibliche Hauptfigur in «Malina» stirbt, doch der Glanz ihrer hoffnungsvollhoffnungslosen Augen wirkt über dieses Ende hinaus. Mit solchen Augen schauen auch die anderen Bachmannfiguren ihre Leser an, denn es könnte sein, wie im «Guten Gott von Manhattan», dass "es wieder beginnt", das Hoffen und Glauben an eine Welt vollkommener Liebe. Nicht zuletzt für dieses Hoffnungsbild steht der Name Ingeborg Bachmann. Und hat nicht vielleicht in der Resonanz, die das Bachmann-Werk gefunden hat, der Neptun den Saturn überlebt und überwunden?