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Titel Ausgabe 48



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Zurück Ausgabe 48 vom 18.02.1989 • Seite 18ohne Login!

• Astrologie & Psychologie

Astrologie und Tiefenpsychologie, Teil 4

Wolfhard H. König

Entwicklungsphasen und Planetenentsprechungen 3. Teil

Die Mond–Saturn – Problematik

WolfhardH.König

Wir haben uns im letzten Artikel besonders mit der Aufgabe des Sa-turns bei der psychischen Geburt (bzw. Abgrenzung) des Kindes beschäftigt, haben gesehen, wie zentral die Hilfe der Saturn-Mutter beim Aufbau der Selbstgrenzen des Kindes ist. Wir wollen uns nun die einzelnen Differenzierungs- und Entwicklungsschritte genauer ansehen.

1. Die Differenzierungsphase

(6.-l2. Monat)

Hier findet die eigentliche psychische Geburt statt, d.h. die körperliche Unterscheidung und die Körpergrenzen werden vom Kind zuverlässig wahrgenommen und begriffen. Zudem beginnt das Kind nun seinerseits, als Reaktion auf die Grenzsetzungen durch die Mutter und angetrieben durch die zunehmende eigene motorische Vitalität, sich abzugrenzen, von der Mutter wegzustreben, wegzukrabbeln, sich den Armen der Mutter zu entwinden, aufmerksam die Umwelt (den "Rest der Welt") zu betrachten. Saturn als Grenzsetzer dominiert hier.

2. Die Übungsphase

(12.-18. Monat)

Das Kind versucht nun, die Grenzen zu vertiefen, zu festigen, auszubauen. Es übt ein, was es bereits an Trennungsfähigkeit gelernt hat, um es zum festen psychischen Besitz zu machen. Vor allem legt es Wert darauf, eine eigene Abgrenzungskompetenz zu erlernen, d.h. hat es bisher Trennungen eher passiv erlebt, hinnehmen müssen, so will es sie jetzt aktiv selber ausführen können. Es erweitert seinen Aktionsradius, krabbelt und läuft weiter weg von der Mutter, fängt an Versteck-Spielen besonders lustvoll zu finden usw.

Zugleich legt das Kind nun grössten Wert darauf, die Nähe-Distanz-Regulierung selber zu übernehmen, also selber zu bestimmen, wann und wie lange es sich von der Mutter entfernen, wann es zurückkommen will usw. Die Mutter aber hat, und das ist sehr entscheidend, bei all diesem Spielen und Üben präsent zu sein (also nicht ihrerseits auf Trennung eingestellt), sonst wird die Angst des Kindes zu gross. Denn zu weit weg will und kann es ja noch nicht (siehe Hänschen-Klein . . .). Am besten illustriert dies ein Bild von Winnicott: die Mutter sollte "da sein" wie ein Flugzeugträger, prinzipiell verfügbar – und das Kind kann starten und landen üben, wie es will, ohne in die Gefahr einer überfordernden Trennung zu kommen. Und es kann versuchen, den eigenen Rhythmus von Nähe und Distanz zu erspüren, kennenzulernen. Saturn als Regulierungsfunktion dominiert hier. Zugleich beginnt das Kind weitere Bezugspersonen wichtiger zu nehmen, z.B. Vater und Geschwister, und fängt an, die Beziehungen zu diesen Personen als Alternativen zur Beziehung zur Mutter zu betrachten. Es sieht sie also nicht mehr primär als weitere Mütter, unter dem Aspekt zusätzlicher Bemutterung, sondern als dritte (trianguläre) Personen, und die Beziehung zu diesen soll unabhängiger machen von der Mutter. Mars und Sonne rücken hier ansatzweise ins Blickfeld: wegstossen können, wegstreben von der Mutter, mit Kraft hin zu anderen, hinein in die Welt.

3. Die Wiederannähernngskrise

(18.-24. Monat)

Hier kommt es ziemlich regelmässig zu einer Krise in der Entwicklung des Kindes. Es bewegt sich jetzt auf den zweiten Geburtstag zu und hat inzwischen Abgrenzung und Trennung soweit eingeübt, dass sie als innere Fähigkeiten eini-germassen stabil verfügbar sind. Es steht nun vor dem Ergebnis dieser Bemühungen, realisiert die Getrenntheit – und erschrickt, bekommt sozusagen Angst vor der eigenen Courage. Es nimmt die erfolgte (psychische) Trennung bewusst wahr und sehnt sich wieder nach Geborgenheit, erinnert sich quasi an den Mond und die Symbiosezeit zurück. Mütter reagieren oft sehr überrascht, wenn ihr Kind nach einer Phase forcierten Selbständigwerdens plötzlich "rückfällig" wird, sich wieder mehr anklammert, an die Mutter bindet, wieder ängstlicher wird in bezug auf Trennungen. Es ist aber kein Rückschritt, sondern ein weiterer Schritt der bewussten Auseinandersetzung mit Trennung. Wie bei Hänschen-Klein, der erst mutig in die Welt hineinschreitet, als könne ihn nichts aufhalten, sich dann aber umdreht und plötzlich erkennt, wie weit er sich schon von zuhause entfernt hat – und erschrickt.

Es geht, astrologisch formuliert, jetzt darum, Mond und Saturn auf einen Nenner zu bringen, das Wegstreben und die Geborgenheitswünsche zu integrieren, Nestsog und Aufforderungscharakter der Welt (Elhardt) zu verbinden. Nach der vollen Nähe der Symbiosephase (Mond) und dem wirkungsvollen Abgrenzen in der psychischen Geburt (Saturn) geht es jetzt darum, ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz zu finden: die erste stabile, ausgewogene Beziehung.

4. Die Konsolidierungsphase

(24.-36. Monat)

Das dritte Lebensjahr dient nun im wesentlichen der Konsolidierung, der Festigung, dem Ausbau der erworbenen Fähigkeiten und Entwicklungsschritte. Insofern ist auch diese Phase stark saturnisch geprägt. Aus dieser Konsolidierung entwickelt sich das, was Mahler "Objektkonstanz" nennt, also die Fähigkeit zu stabiler und tiefer Beziehung. Wer zu sehr noch von (auch unbewussten) Paradies-Phantasien bestimmt ist, wechselt z.B. von einer Beziehung zur nächsten, immer auf der rastlosen Suche nach dem "besten" Partner; und wer zu sehr in den Abgrenzungsbemühungen stecken geblieben ist, wird zuerst auf Grenze und Autonomie achten, sich gar nicht erst (gefährlich) weit auf eine Beziehung einlassen, lieber allein bleiben.

Objektkonstanz ist die Folge der Fähigkeit, in der Nähe-Distanz-Regulierung ein gutes Gleichgewicht erreichen zu können. Und eine Folge der erworbenen Trennungsfähigkeit: wer weiss und sich sicher ist, dass er sich (prinzipiell) auch wieder trennen kann, der kann sich auch ohne grosse Furcht auf eine Beziehung einlassen.

Ab der psychischen Geburt haben wir den Bereich der Ein-Personen-Psychologie (Bahnt) verlassen, also den Bereich, die Zeit, in der sich das Kind noch eins erlebt mit der Mutter, der Welt, Unterscheidungen nur im Ansatz wahrnimmt. Jetzt gibt es zwei getrennte Objekte, Kind und Mutter, Ich und Du, die sich gegenüber stehen, aber auch in einer Beziehung miteinander verbunden sind. (Eigentlich handelt es sich also um eine Art Dreiheit: Ich, Du und die Beziehung.) Nach Balints Begriffen haben wir den Bereich der Zwei-Personen-Psychologie erreicht, wozu Saturn das Entscheidende beigetragen hat.

Die Trennung/Unterscheidung ist also erreicht, die Selbst-Grenze etabliert – aber die Grossen- und Macht-Verhältnisse sind eindeutig.

Eine dominierende Mutter und ein jetzt zwar abgegrenztes, aber sehr wohl noch abhängiges Kind. Und das Kind beginnt sich nun zunehmend dieser Abhängigkeit bewusst zu werden, sie zu erleben (in der Symbiosephase war es zwar real noch viel abhängiger, aber unbewusst, ohne es je zu realisieren). Ich nenne dies gerne die Phase der "Vasallen-Psychologie". Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ähnelt den Verhältnissen zwischen Lehensherrn und Vasallen. "Nibelungentreue" kennzeichnet oft das Verhältnis zwischen Mütter und Kind, und weitere Trennungsschritte werden leicht mit dem Begriff des "Verrats" belegt. Jetzt wird Saturn selber zu einer bindenden, festhaltenden, beherrschenden Figur. In jedem Fall haben wir mit einer Abhängigkeitspsychologie zu tun, und bei aller Trotzentwicklung letztlich muss sich das Kind fügen. Wenn später Partnerbeziehungen dieser Saturn-Mond-Konstellation folgen, haben wir meist mit ängstlicher Bindung und Besitzdenken zu tun. Und reales Verlassen-Werden hat dann oft Eifersuchtsdramen mit manchmal tödlichem Ausgang zur Folge. "Verrat" wird nicht geduldet und ein Ende dieser Beziehung wie ein Untergang erlebt. Die stabile Beziehung kann wie für die Ewigkeit gebaut erlebt werden (das Saturnideal in Beziehungen).

Entweder richten sich dann die Menschen, oft lebenslang, in solchen Vasallen-Verhältnissen ein (z.B. der Pantoffelheld oder die Kind-Frau usw.) – oder ein neuer Entwicklungsschritt muss getan werden: zur Sonne, zum Vater, zum Dritten. Also ein Schritt über den Saturn hinaus. Einzig durch eine solche Triangulierung kann die Vasallen-Psychologie aufgelöst werden.

Bevor wir uns aber im nächsten Heft dem dritten Hauptplaneten, der Sonne, und der Phase der Triangulierung eingehender zuwenden, wollen wir uns diesmal noch mit einem zentralen Mond-Saturn-Konflikt beschäftigen.

Der Aufeinanderprall der Mond-(bzw. Neptun-)Welt und der Saturn-Welt ist fast immer unvergleichbar heftig, ist in gewissem Sinn mehr als jeder andere (und entwicklungspsychologisch spätere) Konflikt im Leben jedes Menschen existentiell, geht oft an die Substanz, erreicht ihn im Innersten. Warum?

Beim Mond und Neptun, der Wunsch- und Liebeswelt des Menschen, geht es immer um die gros-sen Ideale, die grossen Wünsche, die grossen Utopien. Die "Paradies-Welt" (siehe Artikel in Heft Nr. 46), der zentralste, innigste, wichtigste Wunschtraum des Menschen (zentraler Bestandteil aller Mythologien der Menschheit) steht auf dem Spiel und ebenso der Wunsch nach der vollen, uneingeschränkten Liebe, dem völligen Verschmelzen und Verstehen. Es geht hier letztlich um die Frage, ob es sich bei diesen Wünschen um Utopien handelt in dem Sinne, dass sie den Menschen motivieren und antreiben sollen, das Bestmögliche anzustreben und zu erreichen. Dann ginge es darum, sich (zu) hohe Ziele zu stecken, um das Mögliche zu erreichen. Bei einer solchen Auffassung stellt man sich ja letztlich wieder auf den Erdboden der Realitäten (Saturn), denn man strebt das Mögliche, Reale an.

Oder geht es um die (sozusagen fundamentalistische) Verteidigung des absoluten, des ungeschmälerten Ideals, um die Erlösungshoffnung, dass die Utopie eines Tages vollumfänglich und ohne kompromisshafte Zugeständnisse an die "Realität" eintritt, und um die Erkenntnis, dass dies nur ein Gott erreichen kann? Damit befinden wir uns unversehens im Bereich des Glaubens und der Erlösungshoffnung, haben also letztlich den Boden von Psychologie und Astrologie verlassen. Solche Glaubensund Hoffnungswelten (so wichtig sie sein mögen) und die Realitätswelt stehen sich hier gegenüber, sind antagonistisch seit Menschengedenken.

Dabei stehen auf der einen Seite immer die Religionen, bestimmte Strömungen der Esoterik, aber auch bestimmte politische Bekenntnisse (so weit sie Glaubenscharakter haben, wie z.B. der Marxismus, der von der endlichen, unvermeidlichen Befreiung des Menschen durch das Wirken der objektiven Gesetze der Geschichte ausgeht). Auf der anderen Seite stehen seit je die Naturwissenschaften, die Tiefenpsychologie (soweit sie nicht ihren aufklärerischen Ansatz aufgegeben oder wesentlich relativiert hat, wie bei bestimmten Spielarten politisch oder transpersonal gefärbter psychologischer Ansätze, soweit sie z.B. auf Vollkommenheitsvorstellungen abzielen), und wohl auch die Astrologie, soweit sie pragmatisch und empirisch orientiert ist.

Wollen wir uns aber lieber nicht zu tief auf Glaubens- und politische Fragen einlassen – es sollte hier nur angedeutet werden, wie weit dieser Urkonflikt reicht – und lieber ein beeindruckendes literarisches Beispiel psychologischastrologisch untersuchen.

Der Zusammenprall der Mond-Neptun-Welt und der Saturn-Welt (eigentlich der Saturn-Sonne-Welt, die die Realität des erwachsenen Menschen symbolisieren) ist eindrucksvoll geschildert in Miguel de Cervantes Roman «Don Quijote». Don Quijote ist im Roman ein verarmter Landadeliger im Spanien des 17. Jahrhunderts. Er lebt auf dem verfallenden Gut seiner Eltern. Harte Arbeit, Umgang mit Armut und eine vielleicht schwierige Neuorientierung in einer sich ändernden Welt (im Übergang zum naturwissenschaftlich-technischen Zeitalter) würden vor ihm liegen. Ob es ihm gelingen wird, in seiner Zeit und Realität, in seiner Welt FUSS zu fassen, z.B. sein Landgut vor dem Verfall zu retten, steht noch in den Sternen. Die grosse, die glorreichere, die idealisierbare Zeit seiner Familie liegt hinter ihm, liegt in der Vergangenheit. Da waren sie noch geachtete Adelige, da gab es ein florierendes Landgut usw. Im Konflikt mit der schwierigen gegenwärtigen Realität (Saturn) wendet Don Quijote sich rückwärts, zieht sich zurück in eine Traum-Wunsch-Welt (Mond). Fast ohne Kontakte, isoliert auf seinem verfallenden Gut lebend, verschlingt er Unmengen von Ritterromanen, identifiziert sich mit den glorreichen, edlen Figuren in den Romanen. Mehr und mehr lebt er in dieser grandiosen Phantasiewelt, selber ein edler, grosser Ritter. Zunächst mag dieses Träumen die Bitterkeit der Realität mildern und in diesem Sinn noch nützlich sein, vielleicht sogar kreativ, wenn es ihn anregen könnte, seine Ideale anzustreben – in der Realität. Statt dessen aber verdrängt nun zunehmend das Träumen, die Traumwelt die Realität: Don Quijote verwirft die tatsächliche Realität, verleugnet zunehmend seine wirkliche Lage – und ist irgendwann überzeugt, dass er ein Ritter ist und in einer Welt lebt (vielleicht im 11. oder 12. Jahrhundert), in der man Ritter braucht, ihn als Ritter.

Die Traumwelt wird in der Wahrnehmung des Don Quijote zur Realität. Dies ist eine typische Neptun-Wirkung: wenn das (geliebte, gebrauchte) Wunsch-Ideal übermächtig wird, wird es quasi halluziniert. Don Quijote braucht eben eine grosse, glorreiche, edle Berufung – das verlangt sein Wertgefühl (bzw. Unwertgefühl, nicht zuletzt aus seiner prekären wirklichen Lage heraus).

Also bastelt er sich eine Ritterrüstung, holt sich ein klappriges Pferd, rekrutiert seinen Freund und Diener Sancho Pansa als Knappen

und zieht los. Er ist Don Quijote

und er braucht grosse Aufgaben,und die grosse Liebe: er trifft auf Dulcinea und verfällt in eine totale Idealisierung, Anbetung, Minne. Dass Dulcinea seine Gefühle kaum erwidert, eigentlich eine Magd ist, die es eher kennt, von Männern recht grob gebraucht oder sogar missbraucht zu werden (es gibt eine Verfilmung, in der sie sehr leichtlebig und keineswegs edel dargestellt wird). Ob sie nun mit seinen Idealisierungen etwas anfangen kann oder sie verdient – das ist für Don Quijote nur noch schnöde Realität, interessiert ihn kaum noch. Er ist schon ganz auf Neptun-Trip. Letztlich lebt er so eingesponnen in seine Privat-Realität, dass die Begegnung mit der wirklichen Realität (Saturn bewährt sich hier als Hüter der wirklichen Realität) tödlich verläuft. Der wirkliche Fürst seiner Heimatregion, der von Don Quijotes Eskapaden gehört hatte, lädt ihn zur Belustigung seiner Gäste zu einem Ritter -Fest ein (sozusagen als folkloristische Einlage). Don Quijote aber sieht sich endlich anerkannt, am Gipfel seiner Karriere. Schmerzlich weit sind bereits die beiden Welten voneinander entfernt: die Spannung zwischen ihnen ist für Don Quijote nicht mehr überbrückbar. Die Konfrontation mit der wirklichen Realität (als er am Ende des Festes grausam verlacht wird), die seine Lebenslüge mit einem Schlag zerstört, führt zu seinem Tod (quasi an gebrochenem Herzen, oder sollte man eher sagen: an gebrochenen Idealen, an gebrochenen Illusionen?) Der Wunsch-Ideal-Trip ist zu einer Reise ohne Wiederkehr geworden (was auch heute noch für manche Sekten ebenso gilt).

Dramatisch verläuft auch ein später Rettungsversuch eines (wirklichen) Freundes, der den Trip des Don Quijote nicht mehr mitansehen kann: er konfrontiert ihn hart. Aber Don Quijote erlebt ihn nun als Feind, bekämpft ihn nun seinerseits hart.

Das ist die Tragik solcher Traum-Welt-Trips: der, der sie stört, und sei es noch so gutwillig, in bester Absicht, helfen wollend, greift die entstandene Privat-Realität, die Lebenslüge des Betreffenden an. Hier ist oft die endgültige Grenze für-jede Form ernsthaft aufdeckender Tiefenpsychologie. Sie bedroht solche Menschen, die ja eher die Bestätigung ihrer Traumwelt suchen und oft dieser Bestätigung suchtartig bedürfen (obwohl ja die Suchtbefriedigung eigentlich nie weiterführt, den Trip eher anheizt). Dies ist übrigens auch für mich der tiefere und wesentliche Grund, warum gerade die Psychoanalyse oft so gefürchtet, ja verhasst ist: das grosse Verdienst Freuds ist ja, so kompromisslos wie sonst niemand ein konsequent aufdeckendes, aufklärerisches, letztlich am Realitätsprinzip orientiertes Verfahren geschaffenzuhaben.

Die Psychoanalyse würde bezüglich Don Quijote auch nur den Weg jenes (wirklichen) Freundes gehen können, also letztlich konsequent aufdeckend und konfrontierend zu wirken – und sie würde einen Don Quijote, jedenfalls im fortgeschrittenen Stadium, wohl schon nicht mehr erreichen, ihm nicht mehr helfen können.

So paradox und auch tragisch es ist: vielleicht würde es Don Quijote am schnellsten stabilisieren, wenn er in eine Art Sekte eintreten könnte, in der andere "Ritter" wie er sich zusammengeschlossen haben, als Subkultur-Gruppe – gegen den Rest der "unverständigen" Welt.

Dies wäre dann ein negativer "Esoterik-Trip", wie es ihn leider immer wieder gibt: die Wunsch-Ideal-Welt wird zum Glaubensbekenntnis überhöht und stabilisiert alle Mitglieder in einer Art Gruppen-Privat-Realität, die dann meist auch noch von Auserwähltheits-phantasien begleitet ist ("Wir wissenden wirklichen Ritter . . .").

Und selbst wenn es so schlimm nicht kommt, ist doch oft nur mit zudeckender, stützender Psychologie zu helfen, also mit einem therapeutischen Vorgehen, das andere Bereiche der Person stützt und stärkt, aber den eigentlichen Kern-Konflikt sorgfältig umgeht – in der Hoffnung, ihn irgendwie einbinden und stabil zudecken zu können. Und vielleicht kann ein Don Quijote wenigstens diese Hilfe akzeptieren.

Im Grunde liegt hier dann eine nicht mehr überbrückbare Spaltung zwischen der Mond-Neptun-Welt und der Saturn-Welt vor (siehe als lebendige Illustration dazu auch den Artikel über das Horoskop von Ingeborg Bachmann im gleichen Heft).

Und eigentlich wäre es doch nur um ein fruchtbares Spannungsverhältnis zwischen beiden Welten gegangen, um eine kreative Auseinandersetzung mit Idealität und Realität.

Literatur:

Es werden nur die neu hinzugekommenen Autoren aufgeführt. Sonst siehe Literaturliste, Astrolog Nr. 46.

Balint, Michael: Therapeutische Aspekte der Regression – die Theorie der Grundstörung, Stuttgart, 1971 Neumann, Erich: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Rascher-Verlag, 1948,heuteKindler-TB Neumann, Erich: Das Kind, Zürich 1963 Grunberger, Bela: Don Quijote-Narziss. Sein Kampf und sein Scheitern, Forum der Psychoanalyse (1987), Band 3, Heft l