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Titel Ausgabe 48



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Zurück Ausgabe 48 vom 18.02.1989 • Seite 22ohne Login!

• Astrologie & Natur

Natur, Wissenschaft und Astrologie, Teil 3

Wolfgang Kirsch

In den Naturwissenschaften steht das zu beobachtende oder zu messende Objekt, die Naturerscheinung, im Vordergrund. Dies findet ebenfalls seinen Ausdruck in der überragenden Bedeutung des Experiments.

Bis in unser Jahrhundert wurde davon ausgegangen, dass beim Experiment das Subjekt, der Mensch, sowie der Mess- oder Beobachtungsvorgang – also die Wechselwirkung – keinen Einfluss auf das zu untersuchende Objekt ausüben. Daher wurde dem Beobachter und dem Beobachtungsvorgang keine Beachtung geschenkt. Beide wurden bewusst – sträflicherweise, wie man inzwischen weiss – als vernachlässigbar eingestuft. Allein das Objekt stand im Zentrum des Interesses. Die Naturwissenschaften bezeichnen sich daher auch als sogenannte objektive Wissenschaften.

An sich ist diese Einstellung verzeihlich, da sich die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten vornehmlich mit grobmateriellen Gegenständen beschäftigt hatte, so dass auch keine Auswirkungen auf diese durch den Beobachtungsvorgang unmittelbar feststellbar waren.

... oder doch nicht?

Erst mit der Entwicklung der Quantenmechanik am Anfang dieses Jahrhunderts erlitt diese Vorstellung einen sehr starken Einbruch. Quantenmechanik beschäftigt sich mit den feinsten Ebenen der Materie, vornehmlich mit der Umwandlung von Materie in Energie und umgekehrt. Aufgrund verschiedener Experimente wurde dabei deutlich, dass der Beobachter prinzipiell durch seine Beobachtung sehr stark auf das Untersuchungsobjekt einwirkt und damit prinzipiell die Untersuchungsergebnisse beeinflusst oder sogar mitgestaltet (mehr darüber im nächsten Astrolog). Experimentator (Subjekt) und Experiment (Objekt) sind nicht mehr so recht zu unterscheiden. Subjekt und Objekt überlappen. Diese Tatsache gipfelt in der Erkenntnis, dass Subjekt und Objekt im Grunde genommen eins sind, da sie Bestandteile derselben Natur sind. In denjenigen Sparten der Naturwissenschaften, die sich mit dem Grenzbereich von Materie und Energie beschäftigen, sind Beobachter, Untersuchungsobjekt und der Beobachtungsvorgang drei gleichwertige Komponenten eines Gesamtsystems.

Sind wir gequantelt?

Dadurch wird es meiner Meinung nach erst möglich, Konzepte und Modelle der Naturwissenschaft auf den Menschen anzuwenden. Da dieser Wandel vor allem durch die Quantentheorie vollzogen worden ist, sollte man verstärkt ihre Modelle und Konzepte auf Brauchbarkeit für ein weiteres Verständnis des Menschen und seiner Existenz überprüfen. Dieser Weg wird noch durch die Tatsache bestärkt, dass die menschlichen Sinnesorgane wie Auge und Ohr in quantenmechanischen Bereichen funktionieren. Das Ohr kann einzelne Signale im thermischen Rauschen hören, das Auge kann einzelne Photonen (Lichtteilchen) wahrnehmen. In diesem Zusammenhang kann man sich an den alten Spruch erinnern: «Der Mensch ist der Mikrokosmos im Makrokosmos», und die Quantenphysik beschäftigt sich ja bekannterweise mit dem Mikrokosmos. Ein weiterer Hinweis dafür, Konzepte der Quantenphysik zu durchleuchten.

Ein Auftrag für die Biologie

Die Quantenphysik beschäftigt sich weiter mit der Interaktion von Beobachtung und Objekt. Da jedoch der Beobachter, das Subjekt, ein lebender Organismus ist, ist von den Naturwissenschaften die Biologie gefordert, das Subjekt und den mit ihm verbundenen Beobachtungsvorgang ausreichend zu beschreiben. Ein ganzheitlicher, biologischer Ansatz, den Beobachter zu beschreiben, ist die Theorie von VARELA und MATURANA, die ich Ihnen im letzten Aufsatz in kleinen Auszügen vorgestellt habe. Sie beschreiben den Beobachter als auto-poietisches System, das die ihm umgebende Welt gemäss der Struktur -determiniertheit seines Nervensystems sozusagen erzeugt (kardinales Prinzip!).

Fix, Erde und Luft

Das Kardinaie, der handelnde Mensch, das Veränderliche, die Wechselwirkung, haben also in den Naturwissenschaften eine Aufwertung erfahren. Trotzdem liegt das Schwergewicht immer noch auf dem fixen Prinzip, also auf dem Empirischen, Unveränderlichen, Invarianten, dem Konstanten, Deterministischen, dem Formhaften. Dies drückt sich auch im heliozentrischen Weltbild aus, bei dem nicht die Erde, der Mensch, sondern die Sonne im Mittelpunkt steht. Neben dem fixen Prinzip stehen astrologisch gesehen die Du-Temperamente Erde und Luft bei den Naturwissenschaften im Vordergrund.

Kardinal, Feuer und Wasser

In der Astrologie wie auch in den sogenannten Human- bzw. Erfahrungswissenschaften steht das Subjekt, der Mensch, also eigentlich das kardinale Prinzip im Mittelpunkt der Betrachtungen. Dies drückt sich in der Astrologie im geozentrischen Weltbild aus. Der Mensch steht in der Mitte des Horoskops; nach seinen Bedürfnissen ist die Welt eingeteilt. Die entsprechenden astrologischen Temperamente, die hierbei im Vordergrund stehen, sind die Ich-Temperamente Feuer und Wasser. Allerdings tritt hier wie in den Humanwissenschaften das Problem auf, dass der Mensch, das Subjekt also, selbst zum Objekt, zum Gegenstand der Betrachtungen und Messungen wird. Eine saubere Unterteilung in Subjekt, Objekt und Wechselwirkung gelingt hier nicht mehr. Damit stellt sich die Frage, ob es bei diesen Wissenschaften prinzipiell möglich ist, objektiv zu beobachten und zu messen.

Der Mensch – zu kompliziert

Darüber hinaus ist der Mensch als Forschungsgegenstand das komplexeste System, das zur Zeit bekannt ist. In den Naturwissenschaften wird beim Experimentieren angestrebt, eine einzige Grosse, die variiert wird, zu messen, wobei die anderen Grossen konstant gehalten werden. Dies gelingt beim Mensch aufgrund seiner Komplexität überhaupt nicht oder nur in geringem Masse. Im Grunde genommen verfügen die Naturwissenschaften noch nicht über die Methoden, solch ein komplexes System wie den Menschen zu erfassen, das mit den Schlagwörtern wie "nichtlinear" und "deterministisches Chaos" beschrieben werden kann. Bei nichtlinearen und chaotischen Systemen steckt die Naturwissenschaft, wie schon in einem früheren Artikel dargelegt, in den Kinderschuhen.

Auch die herkömmlichen statistischen Methoden sind nur unzureichend dazu geeignet, auf das menschliche System angewandt zu werden. Wurden sie doch an einfachen, linearen Systemen entwickelt. Es ist selbst fraglich, ob das Verhalten einer Pflanze unter Versuchsbedingungen mit herkömmlichen statistischen Methoden untersuchbar ist.

Hier stellt sich also für Astrologie und Humanwissenschaften ein grundsätzliches Problem der Nachweisbarkeit von Hypothesen, die sich von Beobachtungen und Modellen ableiten. Der Ablauf, von der Beobachtung eines Phänomens bis hin zur Modell- und Hypothesenbildung, gestaltet sich in der astrologischen Psychologie genauso wie in der Naturwissenschaft. Nur gibt es so gut wie gar keine Methoden, die Hypothesen objektiv zu belegen oder sogar experimentell zu arbeiten.

Astrologische Psychologie – eine subjektive Wissenschaft!

Konsequenterweise muss die astrologische Psychologie als soge-nannte subjektive Wissenschaft definiert werden. Eine subjektive Wissenschaft ist dadurch charakterisiert, dass alle Überprüfer von Hypothesen dieser Wissenschaft nach derselben Methode vorgehen. Wenn sie dabei unabhängig voneinander ähnliche oder identische Beobachtungen oder Erfahrungen machen, gilt die Hypothese als verifiziert. Ihr Messgerät ist also ihr eigenes Nervensystem, ein Messgerät, dessen Komplexitätsgrad und Leistungsfähigkeit von technischen Messgeräten noch nicht einmal in Ansätzen erreicht wird. Allerdings ist die Gefahr eines Irrtums bei einer subjektiven Wissenschaft sehr viel grösser als bei einer objektiven Wissenschaft, da Projektionen und der alte Modellvorrat im Gehirn sehr leicht die Wahrnehmungen verfälschen können. Ich brauche hier nur an die "Samentierchen" von LEEUWENHOEK zu erinnern!

Folgerungen für die astrologische Praxis

Welche Folgerungen kann man nun für die astrologisch psychologische Praxis aus den bisherigen Ausführungen ziehen?

Grundlage für astrologische Forschung und Beratung ist eine möglichst ganzheitliche Wahrnehmung und Beobachtung des Gegenüber. Dies ist aber nur mit einem gut funktionierenden, gepflegten Nervensystem möglich; es ist, abgesehen vom Horoskop, das einzige Messsystem, das wir als astrologische Psychologen besitzen. Ein Nervensystem kann nur dann optimal arbeiten, wenn es eine genügende Wachheit aufweist, und wenn seine Funktionsabläufe nicht durch Drogen, Alkohol, Koffein oder Nikotin beeinträchtigt sind.

Reines Wahrnehmen

Aus dem Ablauf des oben beschriebenen Erkenntnisprozesses geht deutlich hervor, dass die eigene Wahrnehmung durch den im Tagesbewusstsein vorhandenen Modellvorrat sehr leicht verfälscht werden kann oder dass Projektionen zu falschen Ergebnissen führen. Eine Möglichkeit, diese Mechanismen beherrschen zu lernen, kann man durch ein entsprechendes Wahrnehmungstraining erreichen. Hauptbestandteil bei diesem Training sollte eine Übung sein, bei der ohne Anstrengung versucht wird, "rein" wahrzunehmen, das heisst, beim Wahrnehmen keine Assoziationen und Bilder oder sonstige Einspielungeri des Modellvorrats zuzulassen, sondern bei den wirklich wahrgenommenen Fakten zu bleiben, also bewusst zu introjizieren und nicht zu projizieren.

Dabei sollte man sich im klaren sein, dass man beim Wahrnehmen – auch in der Beratung – den kardinalen Aspekt einnimmt, dass man durch Wahrnehmen auch den Klienten mitbeeinflusst. Ideal ist es, wenn alle drei Kreuzqualitäten sich im Gleichgewicht befinden, wenn Beobachter, Beobachtungsvorgang und beobachtete Person gleichwertig und gleichberechtigt sind.

Aus drei mach eins

Ein wesentlicher Aspekt ist dabei noch zu berücksichtigen. Wie schon dargelegt, kann man in der klassischen Mechanik sehr wohl zwischen Experimentator, Beobachtungsvorgang und Messobjekt unterscheiden und die Einwirkung des Experimentators und des Messvorganges auf das Messobjekt vernachlässigen. In der Quantenmechanik, die sich mit weitaus feineren Materieebenen beschäftigt, ist dies nicht mehr möglich. Dies bedeutet, je feiner die Ebene ist, desto mehr nähern sich Subjekt und Objekt, desto stärker wird die Wechselwirkung zwischen ihnen, bis sie sich bzw. alle drei auf der feinsten Schöpfungsebene in einem Punkt treffen, eins werden. Auf den verschiedenen Horoskopebenen ist der gleiche Effekt erkennbar. Auf der Häuserebene sind die drei Kreuzqualitäten noch recht deutlich unterscheidbar. Auf den feineren Ebenen wachsen diese wohl auch immer weiter zusammen, bis sie im inneren Zentrum eins werden. Für eine Horoskopberatung bedeutet dies, je feiner die Wechselwirkung zwischen Berater und Klient, desto mehr ist gewährleistet, dass die Beratung in einem Klima von Gleichberechtigung und Gleichgewicht abläuft und dass Fehler vom Berater aufgrund der grossen Nähe zum Klienten vermieden werden.

Literatur:

1. Egli, Martin: LOCOTOPE, Geschichten zur Geschichte der Naturgeschichte, Limmat Verlag, Zürich 1986 Ein amüsantes Buch, das sehr zu empfehlen ist.