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Titel Ausgabe 49



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Zurück Ausgabe 49 vom 20.04.1989 • Seite 18ohne Login!

• Astrologie & Psychologie

Astrologie und Tiefenpsychologie, Teil 5

Wolfhard H. König

Entwicklungsphasen und Planetenentsprechungen 4. Teil Die Sonne

Im letzten Artikel haben wir die Entwicklung bis zum 36. Lebensmonat betrachtet. In der Konsolidierungsphase (24. –36. Monat), die besonders dem Saturn entspricht, entstehen zwar stabile Selbstgrenzen des Kindes, das Bewusstsein, ein eigenes Individuum zu sein, aber auch ein erstes bewusstes Gefühl für Abhängigkeit. (Zwar ist der Säugling eigentlich viel abhängiger, aber unbewusster, er realisiert es nicht so deutlich.) Treten die Mutter bzw. die Erziehungspersonen in obiger Phase entsprechend dominierend, einschränkend, festhaltend auf, so erlebt das Kind relativ bewusst seine Ohnmacht: die Mond-Saturn-Machtverhältnisse sind eindeutig. Das Kind braucht Schutz und Betreuung, und es erlebt den grösseren oder kleineren Spielraum, den die Mutter ihm steckt, aber eben auch die festen Grenzen. Versagt hier übrigens die Saturn-Mutter prinzipiell im Grenzensetzen, so entsteht eine Art «Mond-Verwöhnung»; ein Kind, das gegen Grenzen oder Einschränkungen aller Art wütend protestiert ("Ich will alles und das sofort. . ."). Bei zu massiven, engen Grenzsetzungen in Verbindung mit Anklammern bzw. Festhalten (Besitzanspruch) aber entsteht jenes Abhängigkeitsbewusstsein, das ich gerne mit dem Begriff der "Vasallenpsychologie" kennzeichne (einer Beziehungsform, die im Mittelalter tragendes Fundament in unserer Kultur war). Der Vasall weiss um die Treuepflicht gegenüber dem Lehensherrn (dem er Lehen und damit Leben verdankt), und er weiss, dass er die Beziehung nie ändern oder gar kündigen kann. Sie ist für ewig geschmiedet – alles andere wäre bereits "Verrat", würde ihn der Treulosigkeit, Ehrlosigkeit überantworten, dem Ausge-stossensein, dem «sozialen Tod» (M. Erdheim) und oft auch dem realen. Dieses Saturn-Beziehungs-ideal ist zugleich das katholische Eheideal ("bis dass der Tod euch scheidet"), womit offensichtlich die blosse Dauer einer Beziehung wichtiger genommen wird als deren innere Stimmigkeit und Qualität.

Dabei löst eine grössere Grenzsetzung (Tod) eine kleinere (ewige Treue) ab – und nur so ist es akzeptabel (nicht etwa durch seelische Entwicklungen und Entscheidungen). In der Zwei-Personen-Psycho-logie reduziert sich eine Beziehung oft auf die Frage Treue contra Verrat, und mehr Zweierbeziehungen, als man denkt, funktionieren nach diesem Muster der Vasallenpsychologie, im Prinzip immer auf Gegenseitigkeit. Meist dominiert dann das Gefühl von Pflichterfüllung (eheliche Pflicht), die Beziehung bekommt einen strengen Charakter, das Lustvoll-Lebendige ist reduziert, und man richtet sich ein im Gefühl, sich zu brauchen, im Gefühl von Abhängigkeit und der Angst vor der Trennung. Hier kann dann oft ein Verlassen-Werden vom Partner nur noch als Verrat qualifiziert werden, was zu mörderischem oder ewigem Hass führen kann, mitunter auch zum Festhalten-Wollen des Partners durch Drohung mit Mord oder Selbstmord (und leider manchmal auch mit der Umsetzung in die Tat). Die Befriedigung besteht dabei darin, dass auf seltsame Weise die "Grenze" erhalten bleibt: entweder gab es für den (treulosen) Partner kein Leben "danach", oder im Suizid hat der andere Partner seine "Grenze" durchgesetzt, er muss die "fremde" Trennung nicht erleben. Eine neue Entwicklung, einen Schritt über die Grenze, einen Neuanfang zu einer neuen Lebensphase gab es nicht. Eine Perspektive über die Saturn-Grenze, die Saturn-Festlegung hinaus ermöglicht unter den Hauptplaneten nur die Sonne. Sie repräsentiert die Fähigkeit zum Neuanfang, zum Wachsen über die Saturn-Grenze hinaus.

In der modernen Entwicklungspsychologie nennt man diesen Schritt «Triangulierung». Er bezeichnet beim Kind den Übergang von der Zwei-Personen-Psychologie zur Drei-Personen-Psychologie, astrologisch gesprochen dei Übergang von einer Mond-Saturn in eine Mond-Saturn-Sonne-Weh Die Sonne repräsentiert dabei dei dritten Pol, der die Saturn-Bindungen aufsprengt, neuen Freiraum schafft. Entwicklungspsychologisch ereignet sich folgendes: das Kind realisiert die Abhängigkeit und Gebundenheit an die "Grossmacht Mutter" und spürt, dass es aus eigener Kraft allein nie eine Loslösung erzwingen kann. Entweder resigniert das Kind und fügt sich in ein Abhängigkeitsbeziehung (oft lebenslang), oder es sucht sich Hilfe, Verbündete. Während das Kind also bisher mehr an Liebe und Halt (Mond und Saturn) interessiert war, eben an mütterlicher Zuwendung (von Mutter, Vater oder auch weiteren Personen), ist es nun zum erstenmal bereit, Ausschau zu halten nach einer Alternative zur Mutter, nach einem Gegenpol, nach einer "bündnisbereiten Grossmacht" gegen die Mutter, zum Nutzen der eigenen Autonomie und der eigenen Loslösungswünsche. Hier geht es dann erstmals um die väterliche Qualität als eigener, anderer Qualität (gegenüber der mütterlichen), um das Anders-Sein des Vaters, der dem Kind entgegenkommt, es ermutigt zu Ablösungsschritten, es unterstützt bei seinem Autonomiestreben und es schützt gegen eine zu eng bindende Saturn-Mutter.

Das Kind sucht jetzt nach dieser vaterarchetypischen Qualität und ist offen für sie. Ein guter Vater rennt hier nun offene Türen ein, aber er muss dann auch die vaterarchetypische, die Sonnen-Qualität anbieten können.

Spürt das Kind hingegen, dass der Vater selber eher Vasall ist und höchstens mit dem gebundenen Kind mitleiden kann, so ist die Vater-Sonnen-Enttäuschung tief, Resignation setzt sich durch und Saturn hat für meist lange Zeit gewonnen. Oft kann dann erst sehr viel später, z.B. im Rahmen einer Analyse, ein neuer Anlauf zur Triangulierung versucht werden.

Alles hängt nun davon ab, dass das Kind erlebt, dass das Moment von Trennung und Beziehungsalternative, das der Vater ins Spiel bringt, stark genug ist, die "Vasallenbindung" zu sprengen. Glückt die Triangulierung, so entwickelt das Kind eine ähnlich starke und wichtige Beziehung zum Vater wie zur Mutter. Es hat jetzt eine Alternative, kann sich gegebenenfalls von der Mutter abwenden (jedenfalls zeitweise), sich sogar gegen sie stellen und wehren (in Konflikten), es hat ja nun den Vater im Rücken. Im idealen Fall erlebt das Kind so etwas wie ein "Gleichgewicht der Grossmächte", und im Schatten dieses Gleichgewichts findet es seinen eigenen Spielraum und ein Stück Autonomie. Zu jeder Beziehung (zu Vater wie Mutter) gibt es jetzt jeweils eine Alternative, die beiden "Bündnisse" eröffnen einen "diplomatischen Spielraum".

Ganz zentral ist dabei: Das grundsätzliche Gefühl für Alternativen ist geschaffen, das Gefühl für Neuanfang, für Weiterwachsen – und der Mut, jede Grenze zu überprüfen, keine von vornherein für endgültig zu halten.

Damit entsteht auf der Beziehungsebene die Fähigkeit zu triangulären Beziehungen: Es gibt nicht mehr nur eine alles überragende, übermässig wichtige Beziehung, von der alles abhängt und deren Untergang der eigene wäre, sondern nun existiert eine weitere (alternative) wichtige Beziehung (zum Vater), und wenn dieser erste Schritt einmal vollzogen ist, lässt sich ebenso eine dritte, vierte . . . Beziehung aufbauen und nach und nach ein ganzes Netzwerk von Beziehungen.

Dass der Verlust einer Beziehung, wie oft zu beobachten, als schreckliche Katastrophe erlebt wird, die von der schweren Depression bis zum Suizid alles auslösen kann, ist nun nicht mehr denkbar. Zwar wird der Verlust einer zentralen Beziehung den Menschen sehr betreffen, günstigstenfalls zu Veränderungen, zum Aufarbeiten von Konflikten bewegen – aber es ist keine Katastrophe mehr, kein Untergang, kein Ende. Auf triangulärem Beziehungsniveau gibt es immer Alternativen und die Möglichkeit zum Neuanfang. Eine Tiefenbeziehung ohne Abhängigkeitsproblematik ist nun möglich – was auf symbiotischem Beziehungsniveau oder im Rahmen der Vasallenpsychologie undenkbar ist.

Die geglückte Triangulierung bedeutet letztlich nichts anderes als die Lösung des sogenannten ödipalen Problems (des berüchtigten Ödipus-Komplexes). Denn das Dreieck in Skizze 3b heisst zu Recht «ödipales Dreieck». Die Lösung der ödipalen Problematik besteht im Kern aus dem Übergang aus der Zwei-Personen-Psychologie in die Drei-Personen-Psychohgie. Es geht darum, dass das Kind sich aus der Übermacht des Mutter-Archetyps lösen kann, also nicht im Bann der Mutter verbleibt und auch nicht nur von einer Mutter zur anderen wechselt, wie das z.B. Männer im Rahmen ihrer Partnerwahl öfter versuchen (womit dann sowohl der Versorgungsanspruch als auch die Gebundenheit bleiben).

Es geht nun darum, die neue, andere Qualität des Vater-Archetyps zu akzeptieren, und bei dieser Qualität geht es weder um Verwöhnung noch Bindung, sondern um Ermutigung zur Autonomie und um Hilfe zur Selbständigkeit. Insofern ist ein bindender, autoritärer Vater eigentlich ein "Saturn-Vater", der ebenfalls Treue und Gehorsam anstrebt, was aber der eigentlichen triangulären Qualität des Vaters völlig widerspricht. Da es aber viele solcher "Saturn-Väter" gegeben hat und gibt, wird hier verständlich, warum in der Astrologie manchmal Saturn mit dem Vater identifiziert wird. Ein solcher Vater wie auch eine entsprechende Mutter stehen aber unter den Gesetzen der Zwei-Personen-Psychologie.

Bei starker Muttergebundenheit und entsprechend aktivem Bindungsverhalten der Mutter kann es aber zu einem Abwehrbündnis Mutter-Kind (auf der dualen Ebene der Zwei-Personen-Psychologie) gegen den Vater kommen. Fast immer ist der Hauptmechanismus dabei die Entwertung bzw. Verteufelung des Vaters und schliesslich der Versuch, ihn aus dem Felde zu schlagen.

Muttersöhne entsetzen sich dann über den bösen, aggressiven, harten Vater, der ja eben nicht Verbleiben im Paradies verspricht, sondern dem es um Trennung und Selbständigkeit geht, um Entfaltung, Wachstum, "Welteroberung", was ja auch immer ein "ad-gredi" bedeutet: angreifen, zupak-ken, bemühen. Soll auch der Sohn "hinaus ins feindliche Leben"? Aber es ist die Sicht einer ängstlich-bindenden Mutter, dass "draussen" alles "Feindesland" (A. Adler) ist. Ein triangulärer Vater würde ermutigen und zeigen, dass man sich draussen behaupten und Freude an der Entfaltung haben kann.

Im Fall der dominierenden Mutterbindung wird für den Jungen die Entwicklung einer eigenen sicheren Geschlechtsidentität fast unmöglich (dazu wären Identifikationsmöglichkeiten mit triangulären männlichen Vorbildern nötig).

Entweder entsteht dann der "Macho" aus Überkompensation, also ein Mann, der immer besonders männlich sein muss, damit ja niemand seine Unsicherheit bemerkt (der Machismo stammt ja bezeichnenderweise aus Ländern, in denen die Mutter besonders verehrt wird, wohl gemerkt, die Mutter, nicht die Frau), oder es entsteht ein unsicherer, eher unterwürfiger, sich abhängig fühlender Mann (hier kann die Entwicklungslinie zur Homosexualität weiter führen).

Muttertöchter haben es zunächst leichter, in der Identifikation mit der (übermächtigen) Mutter zu bleiben, gebunden an das eigene, das gleiche Geschlecht. Man wird die Mutterbindung deshalb nicht so sehr in der Entwicklung der Geschlechtsidentität bemerken (die relativ gut laufen kann in der Identifikation mit der Mutter), sondern ar der Trennungsunfähigkeit und an Mangel an Autonomieentwicklung Hier kommt es oft besonders zur Verteufelung des Dritten, des Vaters, des männlichen Pols. Es entstehen dann "Frauen-Bünde" "Amazonengemeinschaften", die sich primär zur Selbstbewahrung (der Mutter-Tochter-Symbiose) und gegen den Vater zusammenschliessen. Es entsteht dann tatsächlich eine Art "Amazonenpsychologie" eine prinzipiell feindliche Einstellung gegen Männer, die nicht wirklich zu brauchen oberstes Ziel ist. Und selbst wenn z.B. eine Heirat nicht zu umgehen ist, bleibt doch der Mann Randfigur, die Mutter aber zentral (aus dieser Bindung können auch lesbische Entwicklungen ihren Anfang nehmen).

In Mozarts «Zauberflöte» ist das Triangulierungsproblem aus der Tochtersicht gut beschrieben. Die Köngin der Nacht betrachtet ihre Tochter als Eigentum, die Triangulierungsversuche des Vaters Sarasto als Verbrechen. Seine Absicht, sie nicht aus dem Felde schlagen zu lassen, Einfluss auf seine Tochter zu nehmen, wird als reine Aggression gebrandmarkt, als Entführung denn auf dem dualen Beziehungsniveau gilt das Entweder-Oder: entweder Mutter-Tochter oder Vate Tochter. Leider wird diese duale Welt in der «Zauberflöte» nie überwunden, die Tochter muss Vater-Tochter bleiben, beide Beziehungsstränge dürfen in ihr nie vereint werden. Vater- und Mutter-Welt bleiben feindlich separiert, die Tochter muss sich entscheide das Entweder-Oder bleibt.

Damit ist aber die Lösung des ödipalen Dreiecks nicht gelungen, die im ersten Schritt neben der Mutterbeziehung die Entwicklung einer Vaterbeziehung in ihrer eigenen besonderen Qualität erfordern würde, aber dann ginge es im zweiten Schritt um reine Versöhnung, einen Ausgleich zwischen den beiden Beziehungen, so dass ein volles Dreieck entstehen könnte. Dann sind die drei Welten Mutter-Vater-Kind-Welt durch Beziehungen miteinander verbunden. Die volle dreidimensionale Welt ist konstituiert, alle drei Hauptplaneten in ihr Recht eingesetzt.

Abschliessend sei noch darauf hingewiesen, dass es bei der Triangulierung um die Vermittlung der vaterarchetypischen Welt geht, um den Individuationsimpuls. Auch jede Mutter als ganze Person hat ihre Möglichkeiten, dem Kind Individuationsimpulse zu geben, soweit sie selber individuiert ist, also in der Triangulierung ihr eigener Vater-Archetyp aktiviert wurde.

Dann kann sie diese Qualität auch an ihre Kinder weiter vermitteln. Also auch eine alleinerziehende Mutter kann entscheidende Triangulierungsentwicklungen in Gang setzen, oft besser als ein physisch anwesender, aber psychisch abwesender Vater. Allerdings: beide archetypischen Qualitäten zu vermitteln ist für eine Erziehungsperson allein (ob Mutter oder Vater) eine grosse Herausforderung (siehe auch Astrolog Nr. 46).

Schliesslich sei noch kurz bemerkt, dass man in der modernen Entwicklungspsychologie unterscheidet zwischen einer frühen Triangulierung, die bereits zur Zeit der Wiederannäherungskrise (18. –24. Monat) eine grosse Rolle spielt (siehe Astrolog Nr. 48) und der eigentlichen ödipalen Triangulierung, die dann darauf aufbauend die ödipale Problematik löst.