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Titel Ausgabe 52



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Zurück Ausgabe 52 vom 23.10.1989 • Seite 16ohne Login!

• Psychosynthese

Die Erfahrung der Identität

Betsie Carter-Haar

Die Identifikation mit dem Ich und die Haltung des Beobachters vermitteln uns viele brauchbare Einsichten in unsere Persönlichkeit. Die Haltung des Dirigierenden ermöglicht uns, unsere Persönlichkeit einheitlich zu gestalten und in Harmonie zu bringen. Aber, und das ist weitaus wichtiger, das Ich ist selbstbewusst: es kann sich selber anschauen. Und das ist der Punkt, an dem wir unsere wahre Identität erkennen – unsere Individualität.

Die Erfahrung der Identität ist nicht kognitiv in dem Sinne, wie man eine Idee oder ein Prinzip begreift. Sie ist ein unmittelbares, direktes, supra-rationales Wissen.

Das Wesen des Ich kann also nicht. vollständig beschrieben werden, es muss erfahren werden. Das Folgende ist die Umschrift einer Tonbandaufnahme: sie entstand, während eine junge Hausfrau dazu angeleitet wurde, ihre Aufmerksamkeit nach innen zu lenken, weg vom Inhalt ihres Bewusstseins und hin zu der Erfahrung des Ich.

Therapeut: Schliessen Sie die Augen . . . entspannen Sie sich ... atmen Sie ein paarmal tief durch. . . (Pause) . . . Was geschieht in Ihrem Bewusstsein in diesem Augenblick, Natalie?

Natalie: Ich spüre meinen ganzen Körper, hauptsächlich meinen Rücken und dass ich atme. Ich spüre meine Füsse und wie sie sich anfühlen . . . meine Beine . . . alle Körperteile, die den Stuhl berühren. Ich spüre mein Gesicht und eine Spannung um die Augen. Ich spüre meine Hände.

T.: Cut. Konzentrieren Sie sich auf alles, was Sie spüren . . . (Pause) . . . Jetzt sagen Sie mir, wer das alles wahrnimmt.

N.: Die Mitte in meinem Kopf.

T.: Erzählen Sie mir mehr davon.

N.: Es ist ein grosser Raum. Ich glaube, er ist leer (lacht).

T.: Können Sie mir mehr über diesen Raum sagen?

N.: Ja ... er ist weiss. Das wichtige an ihm ist, dass er leer erscheint.

T.: Gut. Und jetzt, wer ist sich dieses Raums bewusst?

N.: Der Teil, der alles bemerkt.

T.: Wie fühlt sich dieser Teil an ?

N.: Ich weiss nicht. Er ist anders als alles.

T.: Woher wissen Sie, dass er da ist?

N.: Wenn ich so bewusst bin, dann ist da immer etwas, das gleich bleibt. Und es ist etwas, das wahrnimmt – weiss.

T: Woher wissen Sie, dass er da ist?

N.: Wenn ich so bewusst bin, dann ist da immer etwas, das gleich bleibt. Und es ist etwas, das wahrnimmt – weiss.

T.: Und wer ist das? N.: (Pause) Meine Güte (lacht), ich weiss nicht.

T.: Sie nehmen ihn aber wahr. . . Können Sie sich damit verbinden?

N.: Ja ... Es gefällt mir, dass ich einfach akzeptiere, dass es da ist. Er ist nicht leicht zu verstehen – verstandesmässig, es fällt mir schwer daran zu glauben.

T.: Was der Verstand sagt, ist wichtig, aber im Augenblick steht er Ihrer Wahrnehmung im Wege. Wir werden später auf ihn zurückkommen. Im Augenblick gehen Sie einfach zurück zu Ihrer bewussten Wahrnehmung, zu dem, das alles bemerkt.

N.: (Pause) Ja. . .

T.: Wer ist sich bewusst?

N.: Ich . . . ich kann es nicht beschreiben ... es ist einfach Bewusstsein ... es ist... ich bin das! Ich bin bewusst.

T.: Bleiben Sie bei diesem Bewusstsein . . . haben Sie sich früher schon einmal so empfunden ?

N.: Ja, es fühlt sich vertraut an. Aber es war mir nicht klar, dass ich das war. . . und dass ich es herbeiführen kann.

T.: Sie können jederzeit wieder da hin.

N.: Ja. Das werde ich. Ich muss mich nur daran erinnern, wieder hinzugehen . . . (Pause) das war schön.

Der Vorgang des "Nach-innen-Gehens" ist in Natalies Erlebnis deutlich erkennbar geworden. Er verläuft in zwei Phasen. In der ersten Phase gilt es, die Haltung des Beobachters einzunehmen. Eine einfache Methode, dies in die Wege zu leiten ist, ganz objektiv zu beobachten, was wir im Augenblick wahrnehmen. (Beobachten, was wir wahrnehmen, ist etwas anderes als "darüber nachdenken" – obwohl es die Beobachtung der Gedanken mit einschliessen kann.) Es ist sinnvoll, dies zuerst mit geöffneten und dann mit geschlossenen Augen zu versuchen, dass man weiss, wie es einfacher geht. Dann fragen wir uns, "wer beobachtet?". Wir versuchen dabei, jede gedankliche Konstruktion ausser acht zu lassen und uns auf die direkte Erfahrung zu konzentrieren; auf diese Weise wird uns eher bewusst, dass wir der Beobachter sind. Dann können wir den Beobachter vom Inhalt des Bewusstseins trennen, den "Wissenden" vom "Feld des Gewussten".

Manchmal braucht es mehrere Schritte dazu. Bei Natalie war der erste "Beobachter" ein "Raum in der Mitte des Kopfes". Dann stellte es sich aber heraus, dass der Beobachter des "Beobachters" das wirkliche Ich war. Wir können uns diese Sequenz von Beobachtern als Schrittsteine im Wasser vorstellen, auf denen wir im Strome unseres Bewusstseins "flussaufwärts", zur Quelle hin, wandern. Wenn wir die Quelle, das Ich, erreicht haben, dann beginnt die zweite Phase des Vorgangs. Sie besteht darin, dass wir unser Bewusstsein auf die Quelle ausrichten: dass sich das Bewusstsein sich selbst zuwendet und sich selbst wahrnimmt. Wenn das Bewusstsein auf die eigene Quelle gelenkt wird, entsteht dadurch echtes Selbst-Bewusstsein, und wir erkennen endlich unsere individuelle Identität – "ich bin . . . das bin ich . . . ich nehme wahr" – und werden eins damit.

Wenn man einmal weiss, wie diese fundamentale Ausrichtung auf unser Bewusstsein vor sich geht und dies auch weiterübt, ist sie sehr einfach und wird uns schliesslich zur Selbstverständlichkeit. Manche Menschen haben sie nach und nach selbst entdeckt. Andere wissen zwar, wie es geht, üben aber nicht weiter, weil sie nicht wissen, dass man das kann oder glauben, es bringe ihnen nichts. Wieder andere – wahrscheinlich die Mehrzahl – erlernen es mit der Zeit durch geeignete Übungen. In der Praxis stellt sich oft heraus, dass das Erlernen der Identifikation mit dem Ich eher unbestimmbar als schwierig ist. Anders gesagt, vielen Menschen fällt es schwerer, zu verstehen, was man tun muss, als die Fähigkeit dazu zu entwickeln. Sicherlich erfordert das Nach-innen-wenden des Bewusstseins, zum Ich hin, grosse Konzentration, eine Willensanstrengung, und wenn der Wille nicht stark genug ist, muss er entwickelt werden. Aber bei vielen Menschen ist der Wille durchaus fähig dazu. Was ihnen fehlt ist, dass sie nicht wissen, wie man ihn benutzen kann. Das liegt daran, dass wir uns von klein auf dazu gedrängt fühlen, unsere Aufmerksamkeit weg von unserem Zentrum, auf die Inhalte unseres Bewusstseins, die inneren wie äusseren, zu richten – und so haben wir uns daran gewöhnt und glauben nun, dies sei der einzig mögliche Modus unseres Bewusstseins. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist dies in der Tat der einzige Bewusstseinsmodus, zu dem wir in der Kindheit fähig sind. Ab 15 oder 16 ist die Selbst-Identifikation allerdingsmöglich, und es kann sehr lohnend sein, sie zu praktizieren. Bis dahin können sowohl Kinder wie Heranwachsende lernen, die Identifikation auf Teilpersönlichkeiten und andere Persönlichkeitselemente willentlich zu verlagern.

Um das Ich zu erfahren, müssen wir jedoch die Richtung wechseln. Es ist also nicht überraschend, dass uns dieser Richtungswechsel zu Beginn fremd vorkommt, sogar unnatürlich, und dass wir nicht genau wissen, wie wir vorgehen sollen. Um bei dem Bild des Bewusstseinsstroms zu bleiben: Am Anfang der Reise zurück zur Quelle, schauen wir rückwärts. Wir blicken flussabwärts, während wir flussaufwärts gehen. Wir empfinden, dass wir uns von dem Ort, an dem wir uns befinden, dem Vertrauten, fort bewegen und wissen noch nicht richtig, wohin wir eigentlich gehen. "Um zur Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen."

Das geschieht gewöhnlich deshalb, weil wir nicht wissen, wie die Quelle – unser Ich – aussieht, woran man sie erkennt, in welcher Richtung sie liegt, oder manchmal sogar, ob sie überhaupt existiert. Das ist verständlich. Denn eben weil das Ich die Persönlichkeit transzendiert, kann es nicht genau oder gänzlich beschrieben werden. Man kann es erst wirklich kennen,

wenn man es erfahren hat. Das ist der Grund dafür, warum zum Beispiel das Lesen darüber kein Ersatz für das aktive, stetige Suchen ist.

Das Ich und darüberhinaus

Wenn wir auf unserer Reise zum Ich versuchen, es uns vorzustellen, geraten wir höchstwahrscheinlich auf die falsche Fährte. Man kann aber einiges über das Ich aussagen und darüber, wie andere Menschen es erfahren, das uns dabei helfen kann herauszufinden, was es nicht ist. Mit diesem Wissen können wir uns von all dem distanzieren, was nicht das Ich ist und damit, sozusagen "rückwärts", auf es zugehen. Auf diese Weise können wir das Ich, wenn wir es schliesslich erreichen, als das erkennen, was es wirklich ist.

Eines der ersten Dinge, die Menschen über die Erfahrung des Ich sagen ist, dass es beständig und unveränderlich ist. Natalie sagte: "Wenn ich bewusst bin, dann ist da immer etwas, das gleich ist." Dies ist dem ständigen Fluss und Wechsel, dem unsere Persönlichkeitselemente und der Inhalt unseres Bewusstseins unterliegen, diametral entgegengesetzt. Während das Leben der Persönlichkeit mit seinen Myriaden von Gedanken, Gefühlen und Sinneswahrnehmung weitergeht, ist das Ich unveränderlich: es wird als "fester Punkt", "immer da", "beständig", "dauerhaft" erfahren. Manche Menschen können sich mit dem Ich einfach dadurch identifizieren, indem man ihnen sagt, sie sollen auf das in sich achten, das immer gleich bleibt. Mit den Worten von Clark Mou-stakas: "Das individuelle Selbst oder sein ist ein innerster Kern von Wirklichkeit, der, durch alle Veränderungen der Eigenschaften oder Stadien der Persönlichkeit hindurch, unveränderlich gleich bleibt." Das Ich ist wie das Scharnier einer Tür: die Tür geht auf und zu oder schwingt vor und zurück, das Scharnier aber bleibt fest – und hält gleichzeitig die Tür.

Es gibt da noch einen Aspekt der Erfahrung des Ich, den viele für bemerkenswert halten. Das Ich ist selbstbewusst, nimmt sich selbst wahr, und doch besteht in dieser Wahrnehmung keine Dualität. Im normalen Bewusstsein nimmt man etwas wahr, das nicht man selbst ist: der, der bewusst ist, das Objekt oder der Inhalt des Bewusstseins; und das Bewusstsein selbst, nämlich die Brücke, die beide verbindet. In der Erfahrung der reinen Selbst-Wahrnehmung jedoch gibt es kein Objekt, keinen Inhalt. Es gibt keine Dualität zwischen Beobachter und Beobachtetem. Nur das undifferen-zierte Bewusstsein existiert – ein Bewusstsein, das nicht beschränkt ist auf die Wahrnehmung irgendwelcher Gefühle, Sinneswahrnehmungen, Abläufe, Muster oder Eigenschaften. Deshalb versuchen viele, die sich völlig mit dem Ich identifiziert haben, sein Wesen mit einem Paradox zu beschreiben: "leer aber voll", "nichts aber alles", "ein Augenblick aber Ewigkeit".

Die Beständigkeit und gleichzeitige Transzendenz der Dualität, die so charakteristisch für das Ich ist, ist vielleicht am schönsten beschrieben in dem Gedicht "Burnt Norton" von T. S.Eliot:

Im Stillpunkt der kreisenden Welt.

Weder Fleisch noch fleischlos:

Weder her noch hin: an dem stillen Punkt, da ist der Tanz,

Doch weder Einhalt noch Bewegung. Und nenn es nicht Festigkeit,

Wo Vergangenes und Zukunft versammelt wird. Weder Bewegung her noch hin,

Weder Aufstieg noch Niedergang. Wäre nicht der Punkt, der stille Punkt,

Gäbe es keinen Tanz, und es gibt nur den Tanz.

Die erste Erfahrung des Ich mag als intensives Aufleuchten empfunden werden, das nur einen Moment dauert, oder als langsame Veränderung, die mit so kleinen Schritten vor sich geht, dass wir sie eine ganze Weile gar nicht bemerken. Manchmal erscheint sie als spontane Erkenntnis, wie bei Lisa. Dies geschieht häufig dann, wenn man sich von einer tiefen langanhaltenden Identifikation auf einmal löst.

Man braucht allerdings nicht auf eine spontane Erfahrung zu warten. Viele Menschen haben das Ich entdeckt als Ergebnis bewusster Selbstbeobachtung oder während sie Techniken der Selbstentwicklung übten.

Die Entdeckung des Ich, und nur ein kurzer Augenblick der Identifikation damit kann von tiefgreifender Wirkung sein. In der Erkenntnis, dass wir dieser "beständige Kern innerer Wirklichkeit" sind, liegt unser wahres Menschsein, das Gefühl für Identität und Individualität, und die Kraft, Herr über unser Leben zu werden. Wenn wir uns mit dem Ich identifizieren, sind wir dem Gedankenstrom, dem Strudel von Emotionen, dem lauten Getöse der Teilpersönlichkeiten nicht mehr ausgeliefert. Wir haben nicht mehr das Gefühl, fragmentiert zu sein oder in innerem Konflikt zu stehen. Gefühle und Stimmungen wie Angst, Schuld oder halbbewusste Unruhe, mit denen viele von uns haben lernen müssen zu leben, verschwinden, wie grässliche Figuren im Wachsfigurenkabinett ihren Schrecken verlieren, wenn das Licht auf einmal angeht – weil wir erkannt haben, dass wir die Dinge im falschen Licht sahen.

Das Ich wird also zu einer Quelle von Perspektive, Frieden und absoluter Sicherheit – der unverrückbare Grund unserer Existenz. Eine Geschichte, die eine gute Illustration dafür ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ist die eines Autors, der erzählt, wie er vor einigen Jahren das Erdbeben in Los Angeles erlebt hat. Er hatte sein Leben lang Schwierigkeiten damit gehabt, anderen Menschen und seiner Umwelt zu vertrauen. Irgendwie aber hatte er die Erde immer als einen verlässlichen Grund empfunden. Er "vertraute" der Erde, dass sie immer da unten war, solide, wirklich, sicher. Am Morgen des Erdbebens von 1970 befand er sich im sechsten Stock eines grossen Hotels im Zentrum von Los Angeles, und er war bis ins Innerste erschüttert, als ihm klar wurde, dass nicht einmal die Erde "wirklich und sicher" ist. Wem oder worauf sollte er vertrauen? Gab es gar nichts, auf das man sich verlassen konnte? Dieses Erlebnis führte zu einer ausgedehnten Krise. Dann, eineinhalb Jahre später, merkte er während einer Meditation, "dass es etwas in mir gibt, das nicht berührt, verstümmelt oder zerstört werden kann. Ich kann diesem Erlebnis keine klare Stimme geben, weil es gleichzeitig völlig lautlos war und doch alle Laute enthielt. Man kann es – unzulänglich – beschreiben als eine Erfahrung endloser Ruhe, kombiniert mit ungeheurer dynamischer Kraft. Ein tiefer Dynamismus also, neben einer perfekten Stille. Man sucht nach Poesie, einer Sprache jenseits der Präzision von Sprache. Es war die Erfahrung meines absoluten Seins und gleichzeitig des absoluten Seins von allem. Wie ein Trichter, in den man unten eintritt: innen ist aussen: du bist das. Die Erkenntnis meines eigenen absoluten Seins liess mich das absolute Sein alles anderen erkennen. Und sie brachte mir eine Art Gelassenheit, eine Zuversicht, dass alles recht wird. Und, auf einer tieferen Ebene, die Zuversicht ewigen Seins".

Mit dieser Erfahrung erreichte er das Ich und ging darüber hinaus. Denn die Identifizierung mit dem Ich ist nicht das letzte Ziel – wie jede Kulmination, ist auch sie ein neuer Anfang. Es ist, als erwache man von einem Traum und schlüge die Augen zum erstenmal auf. Mit offenen Augen sehen wir die'Welt in neuem und klarem Licht, und wir fangen an, unser Leben entsprechend zu leben.

Mit der Zeit wird dieses, als Ich ge-lebtes, reichere Leben zu einer weiteren Kulmination führen: der Erfahrung des Höheren Selbst. Roberto Assagioli verweist auf "... die direkte Wahrnehmung des Selbst, die in der Vereinigung des Bewusstseins des persönlichen Selbst oder Ich mit dem Höheren Selbst gipfelt." Das Höhere Selbst kann vom Ich aus erreicht werden, weil das Ich in Wirklichkeit eine Projektion, ein Funke, ein innerer Teil des Höheren Selbst ist. Das Ich ist das, was wir vom Höheren Selbst im Moment erfahren können.

Wenn wir das Ich erreichen, haben wir ein echtes Gefühl von Identität, Einzigartigkeit und Individualität. Durch Kontakt mit dem Höheren Selbst erfahren wir Universalität – und gleichzeitig wird, paradoxerweise, das Gefühl von "Ichheit", von Identität und Individualität, verstärkt. Am Ende wird Individualität und Universalität zu der wirklichen Erfahrung von Sein verschmelzen.

Während die willentliche Aufrechterhaltung eines solchen Zustands ein sehr sehr fernes Ziel für die grosse Mehrzahl der Menschen bedeutet, kann ein erster, flüchtiger Einblick in das Höhere Selbst – wie wir in "Burnt Norton" gesehen haben und, noch deutlicher, in dem Erdbebenerlebnis des Autors – manchmal spontan vorkommen oder durch bestimmte Meditationstechniken, und vor allem durch die Übung der Selbstidentifikation, erreicht werden.

Die Erfahrung des Selbst – ob Ich oder Höheres Selbst – ist oft mit dem Heimkehren in unser wahres Zuhause verglichen worden. Sie ist, wie Assagioli schreibt, eine freudige Erfahrung: "... Die Erkenntnis des Selbst, oder genauer, die Erkenntnis, dass wir ein Selbst sind ... gibt uns das Gefühl von Freiheit, Kraft und Meisterschaft und erfüllt uns mit tiefer Freude."

Eine solche Erkenntnis kann dauerhaft sein oder nur einen Augenblick dauern, aber das Wissen darum wird, auf der einen oder anderen Ebene, immer bei uns bleiben. Im täglichen Leben lassen wir uns vielleicht davon ablenken, und vielleicht "vergessen" wir sogar, dass sie existiert; wenn wir uns aber hinsetzen und uns an die Erfahrung erinnern, sie gar wieder erleben, ist sie da, wirklich, frisch, präsent. Aus diesem Grund ist das Ausüben der Selbstidentifikation äusserst wertvoll. Durch das Üben lernen wir uns vom Umfeld unserer Wahrnehmung zu disidentifizieren und uns mehr und mehr mit unserem wahren Wesen zu identifizieren. Dies geschieht schrittweise, manchmal langsam. Durch die allmählich sich verstärkende Selbstidentifikation aber können wir uns in unserem täglichen Leben ganz verwirklichen.

Und hier ist wieder das Paradox. Denn nur indem wir unsere einzigartige Individualität erkennen, können wir unseren Platz finden und als voll tätiger, effektiver Teil des grösseren Ganzen wirken – sei es in der Familie, einer Gruppe, Gemeinde, Nation oder dem Leben und Schicksal des Planeten.