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Titel Ausgabe 58



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• Biografie

Sonnenfinsternis, Arthur Koestler, ein Zeuge der Zeit

Frank Sperdin

KOESTLER, Arthur 5.9.1905 15.30:00 Budapest H

(Die Geburtszeit wird durch Koestler selbst angegeben in seinem Buch Frühe Empörung, Gesammelte Autobiographische Schriften, Erster Band.)

«Ich war sechsundzwanzig Jahre alt, als ich in die Kommunistische Partei eintrat, und dreiunddreissig, als ich sie verliess. Die Jahre dazwischen waren meine besten Jahre, sowohl dem Alter nach als auch auf Grund der bedingungslosen Hingabe, die sie ausfüllte. Nie zuvor oder nachher schien das Leben so übervoll an Sinn wie während dieser sieben Jahre. Sie hatten die Überlegenheit eines schönen Irrtums über die schäbige Wahrheit.»

Für den Weg durch Arthur Koestlers Horoskop habe ich den Lauf des Alterspunktes (AP) durch das Zeichen Zwillinge, in den Häusern fünf und sechs gewählt.

Mit dem obengenannten Zitat beschreibt er diesen Augenblick in seinem Leben, der für sein Schaffen als Dichter und seinen leidenschaftlichen Selbstfindungsprozess bestimmend war.

Die Geschichte schrieb in jener Zeit für Europa ein neues Kapitel: Wirtschaftskrise, Hunger, Angst und Lethargie, Rassismus, Faschismus, Kommunismus bildeten die Saat für eine neue Apokalypse. Europa stand im Vorhof der Hölle.

Diese surreale Wirklichkeit, die die Choreographie des Alltags übernahm, war Koestlers tägliche Nahrung, in der er zwischen Utopie und der Ahnung um das jüngste Gericht einen Standort suchte, der seiner Charakterchemie entsprach.

Im Zeichen Zwillinge

Dieses bewegliche Luftzeichen wird in Koestlers Horoskop durch die Häuser fünf und sechs doppel-achsig aktiviert, was für die Intensität dieser Lebensperiode spricht. Vor allem das fixe fünfte Haus macht Vorgaben, die dem veränderlichen Zwilling bei seiner Ver-balisierung und Analyse einer Situation oder Handlung einiges an Standfestigkeit abverlangen. Diese Reizsituation zwingt das Zeichen zur Realität und das Haus zur Bewegung. Ein Grossteil der Zeichenaktivität muss mit den Rahmenbedingungen des Hauses abgestimmt und ausgehandelt werden, damit sich der Inhalt einer Information, einer Idee durchsetzen kann ohne grossen Verlust der Zeichenidentität.

Die Grosszügigkeit gedanklicher Vitalität, die der Zwilling im Löwehaus beanspruchen kann, reduziert sich bei Mangel an Echtheit und Bewusstsein auf die Dogmatik eines unreifen Idealismus oder in ein Spiel mit dem Schicksal (Jupiter in Zwillinge im fünften Haus). Die Folge sind unbequeme, schmerzhafte Konflikte mit Korrekturen der Perspektiven bis hin zur Aufgabe der bestehenden Lebensphilosophie – Bewusstseinsveränderung als Folge der mentalen Blindheit gegenüber der Eitelkeit und Begrei zung des Wissens um die geger wärtige Situation.

Im fünften und sechsten Haus bilden sich die ersten soziale Strukturen, an denen ich mich se ber beteilige. Die ersten Schritt« die hier in der Persönlichkeitsgestaltung vorgenommen werden, bilden die Grundlage für einen lebenslangen Sozialisationsprozes; der mit einer relativ bewussten Bi düng und Entwicklung von Rolle beginnt.

Selbstwertgefühl, Spontanität, Kreativität oder Leistungsfähigkeit, Ge sundheit und das Erlernen eine Berufs sind nur einige Beispiele für soziale und psychische Prinzipier die in dieser Zeit mit einer Rollenbildung korrespondieren.

Die soziale und politische Architek tur dieser Jahre führten bei Arthur Koestler zu oft schizophrenen Situationen (Zwillinge), die sich in seine Persönlichkeitsentwicklung um Rollenbildung in einer vorüberge henden Polarisierung seiner Wesensanteile bemerkbar machte. In seinem Horoskop lässt sich dies vereinfacht mit der Aktivierung de Oppositionen in den fixen Hausen interpretieren. Hier finden wir be ihm Themen wie: Gerechtigkei und Verstandenwerden, körperliche Minderwertigkeitsgefühle die Macht der Worte, mentale Eifer und Intellekt, Spiel und Leidenschaft, Geld und Gesetz ...

Zusammenfassend lässt sich sagen dass die Polarisierungen von innen und aussen bei ihm chaotische und symbiotische Vorgänge erzeugten die mentale Aggressionen, den all täglichen Überlebenskampf und die Sehnsucht nach Überwindung der Einsamkeit in einer Magie der Projektion seines Selbst zentrierten.

Dadurch entstand für ihn die schöpferische Fiktion seiner Sozialität, die Verbindung seines Individiums mit einer sozialen und kulturellen Gesellschaft als Quelle der Schöpfung. Diese Konstellation, die das schriftstellerische Werk prägte und begleitete, machte seine Arbeit zu einer Katharsis seiner biographischen Geschichte.

Der Weg zur Achtbarkeit

AP 25.5.1929 IngressZwillinge (0 Grad Zwillinge)

17.6.1929 Qua Mondknoten (0.11 GradJUngfrau)

25.6.1929 Qcx Uranus (0.15 Grad Steinbock)

05.9.1929 Spitze 5 (0.50 Grad)

21.10.1929 Qua Merkur (1.14 Grad Jungfrau )

«Jerusalemschwermut ist eine Lokalkrankheit wie die Bagdadbeule und wird durch die kombinierte Wirkung der tragischen Schönheit und inhumanen Atmosphäre der Stadt hervorgerufen (...)»

Koestler, der als jugendlicher Enthusiast mit romantischen Idealen nach Palästina gekommen ist und sich zum vielbeschäftigten Nahostkorrespondenten des Ullstein-Verlages gewandelt hat, fühlte sich 1929 in einer Sackgasse. Er war vom Osten übersättigt – von der arabischen Romantik und jüdischen Mystik. Der Zionismus schien an einem toten Punkt angelangt, und die Streitereien der religiösen Parteien um Jerusalem vergifteten die Atmosphäre. Geist und Seele sehnten sich nach Europa.

Mit dem Eintritt des Alterspunktes von Stier in Zwillinge, im Schatten des 5. Hauses, meldete sich bei Koestler eine immer grösser werdende Ungeduld, die Suche nach einer neuen Herausforderung. Da das Erreichte ihn nicht mehr befriedigte, entstand die Sehnsucht nach neuen Kontakten und intellektuellen Impulsen.

Mondknoten und Uranus, beide Symbol für Veränderung, werden durch ein Quadrat und ein Quincunx angesprochen. Diese Aspekte verstärken den Wunsch nach einer Wandlung, allerdings auch mit dem Hinweis auf einen schicksalshaften Schritt!

Bei seinem nächsten Urlaub, im Juni 1929, beschloss er nach Berlin zu fahren und seinem Chef mitzuteilen, dass er nicht mehr nach Jerusalem zurückkehre!

Ab August 1929 lautete seine Adresse Paris, 23, rue Pasquier. Er arbeitete nun im Pariser Ullstein-Büro. Die Spitze des fünften Hauses war erreicht!

Seine Zeit in Paris ist geprägt von Arbeit und Einsamkeit. Er übernahm die Lebensform des französischen Kleinbürgers mit seiner beschützenden Monotonie des Arbeitsalltags, die er auch für kurze Zeit gemessen konnte. Vielleicht ein Hinweis auf das Zeichen Stier im vierten Haus oder die starke Besetzung der fixen Häuser?

Ein Artikel über den Nobelpreisträger für Physik – Duc de Brogile, 1929 – sollte seine Karriere beeinflussen. Er hiess «Das Mysterium des Lichts» und war eine populäre Darstellung der durch die De-Brogile-Schrödinger-Theorie der Wellenmechanik in Naturwissenschaft und Philosophie hervorgerufenen Revolution. Dr. Franz Ullstein, dem dieser Artikel gut gefiel und der Koestlers Talent für die Popularisierung wissenschaftlicher Themen erkannte – Ambivalenzfigur Saturn, Merkur, Uranus –, holte ihn 1930 nach Berlin, wo er die Stelle als wissenschaftlicher Redakteur der Vossischen Zeitung übernahm. Die kurze Zeit in Paris war seine journalistische Lehrzeit, in der von ihm Leistung und Kontinuität verlangt wurden. Mit dem typischen Gespür und der Neugier des Journalisten für die Aktualität einer Nachricht schaffte er es, seinen inneren Drang, Fragen zu stellen und sich mitzuteilen, mit seiner Karriere zu verbinden – Leistungsdreieck Jupiter, Mondknoten/Merkur, Mond/ Mars in veränderlichen Zeichen und fixen Häusern. Mit den Quadraten des AP zu Merkur und Mondknoten ins 8. Haus wird diese Figurenqualität aktiviert.

Das Quincunx zum Uranus im 12. Haus und der Artikel «Das Mysterium des Lichts» sind Hinweise auf Koestlers späteres populärwissenschaftliches Werk, in dem er vor allem die Grenzen der Wissenschaft dokumentierte und analysierte.

Gerade in dieser Uranusstellung steckt die Hoffnung einer «machbaren» Spiritualität, die für einen vorgesehen ist. Der Glaube an die Formel, die alles beschreibt, für die man sich einsetzt, die aber im Keime steckenbleibt, solange sie autoritätsgläubig institutionalisiert ist und die persönlichen Ingredienzen nicht in ihre Ausformung einfliessen.

Eine substantielle Beschreibung dieser Uranusstellung finden wir von Koestler selber in seiner Autobiographie als Gedanken eines Vierzehnjährigen.

«Ich stellte mir einen Pfeil vor, der mit solcher Kraft ins Blau hinaufgeschossen wurde, dass er über die Schwerkraft der Erde hinaus, am Mond und an der Anziehung der Sonne vorbeigetragen wurde – und was dann? Er würde den interstellaren Raum durchmessen, andere Sonnen und Sonnensysteme, Milchstrassen und Honigstrassen durchfliegen – und was dann?

Weiter und weiter (...), keine Grenze und kein Ende im Raum und in der Zeit – und das schlimmste daran war, dass es sich um keine Phantasie handelte, sondern um die Wirklichkeit.»

Der Weg zu Marx

AP 20.10.1930 Sxt Venus (4.23 Grad Waage)

25.12.1930 Opp Mond (4.57 Grad Schütze)

06. 4.1931 Kon Jupiter (5.50 Grad Zwilling)

21.12.1931 Invertpunkt 5 (8.05 Grad Zwilling)

23. 2.1932 Opp Mars (8.38 Grad Schütze)

Seine Ankunft in Berlin fiel auf den Tag der verhängnisvollen Reichtagswahl am 14. September 1930, bei der die NSDAP ihre Sitze von 12 auf 107 erhöhen konnte. Die zweitstärkste Fraktion wurde die KP, alle anderen Kräfte waren zerschlagen.

Mit Begeisterung stürzte sich Koestler in seine Aufgabe und entdeckte dabei als wissenschaftlicher Redakteur seine Liebe zum Abenteuer Wissenschaft.

«Es war eine ideale Aufgabe mit unbegrenzten Möglichkeiten, sich in den Bereichen der Wissenschaft und Phantasie zu ergehen – vom Elektron bis zum Spiralnebel, von spiritistischen Experimenten bis zur Suche nach dem versunkenen Atlantis.»

Hier eine Auswahl von Artikeln, die er in den ersten Monaten verfasste: Die Atomzertrümmerung auf dem Monte Ceneroso – Worin besteht der Raman-Effekt? – Probleme der Vererbungslehre – Die Krise der Kausalität – Ergebnisse der Sektion des Gehirns Lenins (...)– Wie wird man Doktor der Agronomie – und sofort.

Am 26. Juli 1931 nahm Koestler, als einziger Pressevertreter, an der Zeppelin-Nordpol-Expedition teil, die gleichzeitig einen Höhepunkt in seiner journalistischen Laufbahn wurde. Nach seiner Rückkehr, im September 1931, offerierte ihm Ullstein neben seinem Posten als wissenschaftlicher Redakteur den Posten des Auslandredakteurs und stellvertretenden Chefredakteurs der B.Z. am Mittag. Er besetzte diese Stelle neun Monate lang: in dieser Zeit trat er in die kommunistische Partei ein.

Er war jetzt 25 Jahre alt, und die Zeiger der Lebensuhr standen auf Mond/Mars und Jupiter, die im Radix in Opposition zueinander stehen. Trotz seines Erfolges und der Anerkennung, die er in seinem Beruf fand – Jupiter in Zwillinge am IP des 5. Hauses – und eines hedonistischen Lebensstils (AP Venus, Venus Trigon Mars), den er pflegte, fühlte sich Koestler in seinem sozialen Status als Intellektueller, Jude und Journalist der liberalen Presse in einem Identitäts- und Solidaritätskonflikt – AP Opposition Mond/ Mars im Schützen 11. Haus –, der keine Alternativen zuliess. Gerade mit dem Aspekt zum Mond ist die Einsamkeit und Ausgeschlossenheit, unter der er schon als Kind litt – Mond Schütze 11. Haus – angesprochen.

«Nach Schuld und Angst spielte in meiner Kindheit Vereinsamung die grösste Rolle.»

Durch die Polarisierung der fixen Häuserachse 5/11 wird die innere Optik auf festgefahrene Strukturen in seiner Umwelt und der Standort, den er selbst einnimmt, aktiviert und bewertet.

Eine Qualität, die hier angesprochen wird, ist die Suche nach Gemeinschaft und Freundschaft, die sich mit entsprechendem Engagement und Begeisterungsfähigkeit für eine Idee in eine verinnerlichte Konsequenz für eine Sache oder Überzeugung ausformte – Mond/ Mars Schütze 11. Haus. Was schliesslich bei ihm in seinem Hinwendungsprozess zum Kommunismus endete.

Jupiter, der hier die richtige Proportion von Gerechtigkeit, Eitelkeit und Selbstwert fordert, führte mit Mars in Opposition zu Druck und Unruhe auf die eigene Person und verlangte, interessanterweise immer in seinen «fettesten» Zeiten, von ihm eine Korrektur. Er nannte dies «den Zwang des Brückenverbrennens». Der Drang zur Auflösung des Bestehenden, der Wunsch nach Unabhängigkeit und Freiheit zeigt sich auch in der Plutostellung im 6. Haus, mit den entsprechenden Folgen für seine Existenz und seinen Beruf.

«(...). Und sobald ich mich frei fühlte, rührte sich auch schon mein alter Impuls, die Brücken hinter mir zu verbrennen. (...). Jetzt tat ich wieder den Sprung, der früher oder später zum Verlust meines Postens führen und mich erneut in einen Flüchtling und Vagabunden verwandeln musste. Es war der gleiche Zwang,

der sich zum erstenmal in dem Fünfjährigen geäussert hatte, (...) er wird auch späterhin wiederholt in Erscheinung treten. Jeder dieser Brückenverbrennungen stellte einen Wendepunkt in meinem Leben dar (...).»

Beitritt in die KP

Kurz vor der Opposition des AP zum Mars, unmittelbar nach dem IP, trat er am 31. Dezember 1931 in die KP Deutschlands ein.

Obwohl die Entscheidung schon länger in ihm gärte, kam der Entschluss, der Partei beizutreten, auf plötzliche und unvermutete Weise; peine Episode, die sehr gut zum Ambivalenzdreieck Jupiter, Mond/ Mars, Venus passt.

Koestler verlor an einem Samstagnachmittag bei einer Pokerrunde einen Betrag, der mehreren Monatsgehältern entsprach (Jupiter im 5. Haus). Niedergeschlagen fuhr er danach zur Abendgesellschaft einer Bohemeclique, in der er sich betrank (Achse 5/11, Mond/Mars).

Als er gegen drei Uhr morgens gehen wollte, empfing ihn sein Auto mit geborstenen Zylinderköpfen, aus denen Eiszapfen heraushingen; er hatte vergessen, dass sein Auto kein Gefrierschutzmittel im Kühler hatte (Mars). Gerührt durch sein Missgeschick bot ihm eine der anwesenden Damen, die ihm stets auf die Nerven gegangen war, in ihrer Wohnung ihre Gastfreundschaft an (Venus). Sein Kommentar:

«Ich erwachte am nächsten Morgen in einem erbarmungswürdigen Zustand der Selbstvorwürfe, der Angst und Schuld – verkatert, bankrott, mit einem kaputten Wagen, und, um das Mass voll zu machen, neben einer Person, die ich nicht mochte.»

Mit dem Bewusstsein eines Schuldigen, der die Ereignisse als symbolische Warnung und Zeichen der Zeit interpretierte, sah er in diesem Erlebnis die Entlarvung eines bürgerlichen Karrierejägers als Schwindler und Angeber, der grosse Töne über die Revolution schwingt, aber in ungesuchten Betten landet und Poker spielt.

Nach dieser Geschichte reichte er sein Gesuch um Aufnahme in die KP ein. Aus dem Netz des Trivialen und Erdgebundenen entweichen und sich selbst werden und nichts daneben (Schütze 11. Haus).

Zusammenfassend lässt sich also über seinen Hinwendungsprozess die wohl bemerkenswerte Schlussfolgerung ziehen: Arthur Koestlers Bekehrung zum Kommunismus entsprang nicht einem echten sozialen Gewissen, sondern einer – neurotischen Disposition.

Genosse Koestler

AP

31.7.1932 Hsx Neptun (10.00 Grad Krebs)

27.4.1933 Qua Sonne (12.20 Grad Jungfrau)

«Ich habe mich dem Kommunismus wie einer Quelle frischen Wassers genähert, und verliess ihn, wie man sich aus einem vergifteten Fluss rettet, in dem Trümmer überschwemmter Städte und die Leichen der Ertrunkenen treiben.»

Koestler führte für kurze Zeit eine Doppelexistenz, indem er für den «Apparat» Informationen über die politischen Geschäfte der Weimarer Republik sammelte, die ihm in seiner Eigenschaft als aussenpolitischer Redakteur zugänglich waren. Nach etwa drei Monaten nahm seine Agentenrolle ein trübes Ende. Sein naiver und idealistischer Einsatz als Agent führte bei Ullstein zu seiner Denunzierung, was ihm die Stelle kostete.

Nach der äusseren Wandlung vom bürgerlichen, aufstrebenden jungen Mann zum Genossen Koestler vollzog sich die innere Wandlung in völliger Selbstaufgabe für seine neue Tätigkeit – Halbsextil zu Neptun im Krebs 7. Haus.

«Ich lebte in der Zelle, mit der Zelle, für die Zelle. Ich war nicht mehr allein; ich hatte das herzliche Kameradschaftsleben gefunden, nach dem ich mich gesehnt hatte; mein Wunsch, irgendwie dazuzugehören, war in Erfüllung gegangen.»

Kleine Scharmützel gegen die Nazis, Aktivitäten für die Propaganda und die bevorstehenden Wahlen und politischer Unterricht, füllten das tägliche Pflichtenheft eines kleinen Genossen. Er nannte das selber «Hausieren mit der Weltrevolution», anstatt Staubsauger verkaufte er an der Wohnungstür Marx. Im politischen Untergrund lernte er die Parteisprache, eine «Dialektik des geschlossenen Systems». All seine Gefühle und Einstellung zu Kunst, Literatur und menschlichen Beziehungen wurden dem neuen Denksystem entsprechend umgeformt. Die mentalen Konflikte, die daraus für einen Intellektuellen entstanden, beschreibt Koestler in seiner Autobiographie mit sehr viel Ironie und politisch-psychologischem Fingerspitzengefühl. Dieses psychologische Schema der Selbstverleugnung und mentalen Verdrängung bezeichnete er als «Zwie-Denken, kontrollierte Schizophrenie oder seman-tische Perversion» – eine Beschreibung, die gut zu einer negativen Zwillingsqualität passt.

Die Zeit in Berlin mit seinen Aktivitäten für die KPD bis zur Abreise nach Russland kann man als seine schönste Zeit für die Partei sehen. Neben dem Aspekt des AP zum Neptun, der mit einer traumhaften Wirklichkeit Erfüllung und Freundschaften in sein Dasein brachte, kommt es hier auch zu einer Entlastung der Opposition – Saturn, Merkur/Mondknoten auf der fixen Achse 2/8 –, in der er mit verkrampfter Spannung nach einer intelligenten Lösung für die realen und sozialen Fragen des Lebens, sucht. Diese Opposition, die die Tendenz hat, als Quincunx erlebt zu werden – die Planeten stehen in den Zeichen Wassermann und Jungfrau –, führt bei ihm des öfteren zu idealistischer Kurzsichtigkeit und mentaler Aggression. Darin ist der chronische Zustand verborgen, zwischen Chaos und Ordnung zu stehen, der ihn sein ganzes Leben begleitete. Was schlussendlich, eruptiv und beständig, sein schöpferisches Potential zum Ausbruch brachte.

Utopia

Ende Juni 1932 bekam er endlich das Visum für eine Einreise ins gelobte Land Russland. Er wurde gesponsert vom AGITROP EKKI (Abteilung für Agitation und Propaganda des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationalen) und bekam den Auftrag, ein Buch über den Fünfjahresplan zu schreiben. Dieses erschien zwei Jahre später in abgemagerter Form in einer kleinen Auflage in Russland, allerdings nur in deutscher Sprache. Die Zensur entschied, dass der grösste Teil in einem «zu frivolen und leichtsinnigen Stil» geschrieben und das Manuskript nahezu wertlos sei.

Seine Reise dauerte fünf Monate und führte ihn von Moskau über die Ukraine nach Georgien, Armenien, Aserbeidschan, über das Kaspische Meer und Turkestan bis zur afghanischen Grenze. Durch die Städte Buchara, Samarkand und Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan, und schliesslich über Kasachstan zurück nach Moskau.

Der Zufall wollte es, dass er in den Jahren der grossen Hungersnot 1932/33 durch Russland reiste, von deren Existenz in Europa niemand wusste. Dieses revolutionäre Russland mit seinem Elend, der Armut und einer diktatorischen Bürokratie, die jeden seiner Schritte begleitete, hinterliess in ihm einen zwiespältigen Eindruck.

«Ich lernte, alles was mich erschreckte, automatisch als 'Erbschaft der Vergangenheit', und was mir gefiel, als 'Saat der Zukunft' zu klassifizieren. Mit dieser automatischen Sortiermaschine im Kopf war es 1932 einem Europäer noch möglich, in Russland zu leben und dabei Kommunist zu bleiben.»

In Moskau angekommen konnte ihm seine «Organisation» kein Zimmer vermitteln, in dem er sein Buch schreiben konnte. So entschloss er sich, nach Charkow zu Alex und Eva Weissberg zu fahren; Freunde, die ihn schon bei seiner Einreise nach Russland gastfreundlich aufgenommen hatten. Hier schrieb er im Winter/Frühjahr 1933 das von der Zensur abgelehnte Buch Rote Tage und weisse Nächte.

Koestler stand am Ende seiner Reise an einem neuen Wendepunkt. In Deutschland brannte der Reichstag, und über Nacht wandelt er sich vom «politischen Touristen» zum politischen Flüchtling. Mit dem Quadrat des AP zur Sonne bekam er eine neue Identität. Mit dem ablehnenden Entscheid zu seinem Buch teilte ihm die deutsche Abteilung des Komitern mit, die Partei sei gegen ein längeres Verweilen in Russland und empfahl ihm, sich dem Zentrum der antifaschistischen Bewegung in Paris an-zuschliessen.

Quellen

Arthur Koestler: Frühe Empörung. Abschaum der Erde. Gesammelte Autobiographische Schriften, Band 1 + 2. Verlag Fritz Molden, Wien/München/ Zürich 1970/71

Arthur Koestler: Als Zeuge der Zeit. Fischer TB, Frankfurt/M, 1986

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis. UllsteinTB, Frankfurt/M, 1979

Arthur und Cynthia Koestler: Auf fremden Plätzen. Autobiographie 1940-1956 Europaverlag, Wien 1984

Horst Komuth: Manes Sperber, Arthur Koestler und George Orwell, Der Totali-tarismus als Geissel des 20. Jahrhunderts. Creator, Würzburg 1987

Chronologische Biografie

Arthur Koestler

1905 Geboren am 5. September, 15.30 Uhr in Budapest, einziges Kind eines ungarischen Vaters und einer österreichischen Mutter. Zweisprachig aufgewachsen. Vater wohlhabender Industrieller, machte aber Anfang der zwanziger Jahre Bankrott. Beide Eltern nichtreligiöse Juden.

1919 Familie übersiedelt nach Wien.

1922–26 Studium der Naturwissenschaften an der Technischen Hochschule Wien. Schliesst sich einer zionistischen Studentenverbindung an.

1926-27 Gibt Studium auf. Emigriert als Siedler nach Palästina. Arbeitet für kurze Zeit in einem Kibbuz. Schlägt sich danach durch als Limonadenverkäufer in den Strassen von Haifa, als technischer Zeichner für einen arabischen Architekten und als freiberuflicher Journalist. Häufig am Rande des Verhungerns.

Ab 1927 Nahostkorrespondent für Ullstein, die grösste europäische Zeitungskette.

1929–32: 1929 versetzt ihn Ullstein von Jerusalem nach Paris. Ab 1930 wissenschaftlicher Redakteur von Ullsteins Vossi-scher Zeitung und gleichzeitig Auslandsredakteur ihrer Abendzeitung BZ am Mittag in Berlin. 1931 Höhepunkt der journalistischen Karriere; einziger Pressevertreter an Bord des Luftschiffs Graf Zeppelin bei der Polarexpedition.

1931 Tritt der Deutschen Kommunistischen Partei bei, der anscheinend einzigen Alternative zur Naziherrschaft. Verliert deshalb seine Stelle bei Ullstein.

1932–34 Reist durch Sowjetrussland, Kaukasus und Zentralasien, gesponsert von der Agitations- und Propagandaabteilung der Kommunistischen Internationalen, um ein Buch über den ersten Fünfjahresplan zu schreiben. Erlebnisse und Ereignisse mit dem revolutionären sozialistischen Alltag erzeugen erste gemischte Gefühle zur Partei. 1934 wird das Buch fertiggestellt, von der sowjetischen Zensur jedoch abgelehnt. Geht nach Paris zurück.

1934–36 Aktiv in der antifaschistischen Bewegung, schreibt Propagandabroschüren, gibt verschiedene Emigranten-Zeitschriften heraus. Beginnt mit dem Buch Die Gladiatoren. Heiratet 1935 die KP-Genossin Dorothy Ascher (Dörte).

1936 Bei Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges besucht er General Francos Hauptquartier in Sevilla als Sonderkorrespondent der liberalen Londoner Tageszeitung News Chronicle (im Auftrag des Komitern), um Beweise für die deutsche und italienische Beteiligung an diesem Krieg zu sammeln. Wird von einem deutschen Journalisten erkannt und kann über Gibraltar entkommen.

1937 Kriegsberichterstatter des News Chronicle auf der republikanischen Seite. Wird in Malaga von Francos Truppen gefangengenommen. Von Februar bis Juni als zum Tode Verurteilter im Gefängnis; durch Gefangenenaustausch, organisiert vom Internationalen Roten Kreuz, befreit. Schreibt Ein spanisches Testament.

1938 Bricht mit der kommunistischen Partei unter dem Eindruck sowjetischer Massenverhaftungen und Schauprozessen und dem Hitler-Stalin-Pakt. Schreibt den Roman Die Gladiatoren zu Ende. Beginnt mit dem Buch Sonnenfinsternis.

1939-40 Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von der französischen Polizei als politisch Verdächtigter verhaftet. Im Konzentrationslager von Le Vernet interniert. Anfang 1940 entlassen, schreibt einen Monat vor der deutschen Invasion Sonnenfinsternis zu Ende. Tritt unter falschem Namen in die Fremdenlegion ein, um sich der Gestapo zu entziehen. Flieht über Marseille, Oran, Casablanca und Lissabon nach England.

1941 – 44 Bei der Ankunft in England wegen unerlaubter Einreise zuerst sechs Wochen im Gefängnis. Danach als Freiwilliger in der britischen Armee, zuerst in einem Pionierkorps, später im Aufklärungs- und Propagandaministerium. Schreibt Ein Mann springt in die Tiefe, Abschaum der Erde und eine Reihe Essays (Der Yogi und der Kommissar).

1938-44 Lebt mit Freundin, Daphne Hardy, zusammen, ist aber noch verheiratet mit Dorothy, die die deutsche Besatzung unter falschem Namen in Frankreich überlebte.

1945–49 1945 Reise nach Palästina als Sonderkorrespondent der Times: Sammelt Material für seinen Roman Diebe in der Nacht. Nach der Rückkehr aus Palästina zieht er mit seiner neuen Lebensgefährtin, Mamaine Paget, die er 1950 heiratet, nach Wales. Als Schriftsteller und Journalist für verschiedene Zeitungen tätig. Führt ein intensives «gesellschaftliches Leben» mit der europäischen Intelligenz. Reisen durch das Nachkriegseu-ropa. Verschiedene politische Aktivitäten.

1948 als Kriegsberichterstatter nochmals in Palästina.

Umzug nach Frankreich. Kauft im Frühling

1949 ein Haus mit dem Namen Verte Rive, direkt an der Seine im Wald von Fontaine-bleau.

1949 Im Juli 1949 lernt er Cynthia Jefferies kennen. Sie antwortet auf seine Annonce, in der er eine Aushilfssekretärin sucht. Sie arbeitete sechs Jahre für ihn. Ab 1954 lebte sie in den Staaten und war kurz verheiratet. 1955 bekam sie ein Telegramm von Koestler und kehrte als seine festangestellte Sekretärin nach London zurück.

Seit dem Wiedersehen im Jahr 1955 leben sie zusammen, 1965 heiraten sie.

Ab 1950: 1950 erwirbt er in den USA ein Haus auf einer Insel im Staate New Jersey, in dem er mit seiner Frau nur kurze Zeit lebt. Mitte 1951 wieder zurück in Frankreich. Nach der Trennung von Mamaine, Ende 1951, verkauft er sein Haus in Fontainebleau und zieht 1952 nach London, wo er bis zu seinem Tod hauptsächlich lebt. Hier entsteht auch der Hauptteil seines schriftstellerischen Werkes.

1983 Koestler leidet seit sieben Jahren an

der Parkinsonschen Krankheit und an Leukämie. Am 3. März begeht er, mit siebenundsiebzig Jahren, Selbstmord. Seine Frau Cynthia folgt ihm in den Tod. Sie ist fünfundfünfzig Jahre alt. Beide sterben an einer Überdosis Barbiturate.