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Titel Ausgabe 129



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• Biografie

Georg Groddeck

Klaus Witzer

Erst aus dem Überblick mit 100 Jahren Abstand wird deutlich, welchen Dammbruch Sigmund Freud mit seiner Lehre ausgelöst hat. Soweit mir bekannt ist, mit Ausnahme von Roberto Assagioli, hatten alle in den vorausgegangenen Folgen beschriebenen Psychologen direkten Kontakt zu Freud, waren teilweise seine Schüler oder Freunde oderwurden durch sein Beispiel angeregt, sich mit dieser neuen Wissenschaft zu befassen. Das Seelenmonopol, welches man bisher mehr oder weniger den Theologen überantwortet hatte, wurde diesen entrissen bzw. bekam neue weltliche Analytiker und Therapeuten. Das war ein gewaltiger Einschnitt.

Mit Georg Groddeck treffen wir einen Analytiker an, der sich in auffälliger Weise vom Saulus zum Paulus entwickelt hatte. Er wurde in der Nähe von Naumburg, in Bad Kösen, als Arztsohn am 13.10.1866 geboren. In der Landesschule Pforta, in der bereits Fried. Nietzsche die Schulbank gedrückt hatte, machte er seinen Abschluss, um dann in Berlin eine Medizinstudium zu beginnen. Als sein Vater noch während des Studiums starb und die Familie aus eigener Kraft das Studium nicht bezahlen konnte, wurde Groddeck Militärarzt. Er fand Kontakt zu Bismarcks Leibarzt, dem Dermatologen Schweninger, dem er seinen Zugang zu naturkundlichen Heilverfahren verdankte.

Groddeck war ein feuriger, unruhiger Geist, der sich nie scheute, seine Auffassungen von gestern radikal über Bord zu werfen, wenn er neue Ideen entdeckte und für wesentlich erkannte. Als Kurarzt in Baden-Baden, wo er 1913 eine eigene Praxis eröffnete, warb er öffentlichen Veranstaltungen für ein naturgemässes Leben. Anfangs verteufelte er recht unsachlich die Psychoanalyse als blöde Pfuscherei. Nur wenig später hatte er keine Scheu von einem Extrem ins andere zu fallen und auch Organerkrankungen auf unterschwellige Aktionen des ES zurückzuführen.

In seiner Praxis hatte er bei wohlhabenden Patienten mit seinen Behandlungen grossen Erfolg. Massage, Physiotherapie unf Psychoanalysen mischte er recht fantasievoll und wurde dadurch zu einem Modearzt zu dem die Adeligen und Neureichen dieser Zeit strömten. Auf diesen persönlichen Aufstieg war er besonders stolz und fand immer wieder eine Gelegenheit, auf sein vornehmes Klientel hinzuweisen.

1917 kam es zu einem Kontakt mit Freud, der sich freute, einen praktizierenden Arzt unter seinen Anhängern zu wissen. Die zum Teil spontanen und spekulativen Ideen, die Groddeck im Freud’schen Zirkel äusserte, fanden durchaus nicht immer die Zustimmung der Freunde, ja stiessen nicht selten auf Ablehnung, wenn sie zu gewagt waren.

Als Kind seiner Zeit und Zögling des Bürgertums war Groddeck bei aller Originalität doch recht konservativ, eitel und zügellos in seinen Gedankenkonstruktionen.

In einem Briefwechsel mit Freud stellte Groddeck die Frage, ob er sich Psychoanalytiker nennen dürfe, was Freud freudig bejahte. Groddeck beanspruchte zuerst den Begriff des «ES» für das Unbewusste benutzt zu haben und war später verärgert, als Freud diesen Begriff auch verwendete. Im Jahr 1923 kamen zwei Veröffentlichungen heraus, die das ES im Titel trugen, von Groddeck «Das Buch vom Es» und von Freud «Das Ich und das Es». Beide ignorierten, dass bereits Schopenhauer den ES-Begriff als treibende Kraft im Menschen identifiziert hatte.

Groddeck, der den Zusammenhang von seelischen Prozessen und Organerkrankungen klar erkannte, aber in seiner Übertreibung der Seele die alleinige Macht zuschrieb, konnte mit dieser These Freud nicht überzeugen. Man darf vermuten, dass Groddeck bewusst provozieren wollte, um seine Kollegen aufzuwecken. Er forderte: Ärzte der Zukunft müssten sich mit dem ES befassen und erkennen, welche seelischen Probleme hinter einer Krankheit stünden oder diese sogar veranlassten. Kranksein könne so eine Rückwendung zur Mutter bedeuten, um in deren Schutz zuflüchten.

Es sei Aufgabe des Arztes die inneren Widerstände eines Patienten zu erkennen, die ihn hindern, gesund zu werden. Er fand die starke Hinwendung mancher Patienten an ihren Arzt als quasi-erotische Bindung, durch die der Patient bemüht sei, dem Arzt zuliebe wieder gesund zu werden. So komme es bei Störungen dieser Beziehung oft zur Verschlechterung des Zustandes eines Patienten. Wörtlich beschreibt Rattner was Groddeck bezweckte: «Ohne analytische Klärung dieser Relationen bleibt die Heilkunde unvollständig; sie kann sogar zum hochwissenschaftlichen «Pfuschertum» werden, das technische Perfektion mit emotionalem Schwachsinn kombiniert.»

Ist es nicht bedrückend wenn diese Erkenntnis auch heute nach mehr als 80 Jahren noch immer nicht Allgemeingut ist?

Groddeck beschäftigte sich auch als Sprachforscher und Romanschreiber. Unter dem Pseudonym von Otto Rank erschien das Buch «Der Seelensucher». In die Handlung bringt er wo immer es geht einen Bezug zu seiner Wissenschaft an, besonders die sexualpsychologischen Spekulationen. Seine Sprachforschungen bezogen sich auf die Arbeiten des schwedischen Sprachforschers Hans Sperber, der die These vertrat, dass die Entstehung der menschlichen Sprache mit dem anlocken eines Sexualpartners seinen Anfang nahm. Groddeck steigerte diesen Denkansatz ins abstruse und sah überall Sexualorgane als Wortwurzel.

Bei allen, auch masslosen Übertreibungen, die dem Werk Groddecks eher schadeten als nützten ist es sein grosser Verdienst, den Zusammenhang von Körper und Seele in der Medizin ganz deutlich gemacht zu haben. So war er ein Schrittmacher auf dem Weg zu einem besseren und gerechteren Menschenverständnis. Deshalb ist er gerade auch für die astrologische Psychologie von Bedeutung.

Quelle: Professor Dr. Dr. Joseph Rattner, Berlin «Klassiker der Psychoanalyse». Es ist im Verlag Beltz Psychologie Verlags Union erschienen (ISBN 3-621-27285-2)

Leider ist die Geburtszeit von Georg Groddeck nicht bekannt. Auf Anfrage bei der Stadtverwaltung in Bad Kösen erhielten wir die Mitteilung, dass die Personenstandsbücher erst seit 1874 geführt werden.