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Titel Ausgabe 11



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• Mythologie

Mythologisches. Neptun – Poseidon – Sintflut – Alliebe

Fritz Gehre

Heft Nr.11/22.Dezember 1982

Das neptunisch Unfassbare

Erst 1845 wurde Neptun als Planet entdeckt, zu einer Zeit, als das Unbewusste im Menschen wissenschaftlich mit-einbezogen wurde. Zugleich ist in diesem Jahre das Telefon erfunden worden: tele = das weit Entfernte, weist wie in den Worten Telepathie, Teleki-nese, Television auf die unfassbaren, die grenzenlosen, die sich der Beweisbarkeit entziehenden Merkmale Neptuns hin. Da wir Neptun nicht mehr mit blossen Augen sehen, können wir von da aus schliessen, dass er in den imaginativen Bereich unserer Vorstellungswelt hineingehört, ein Bereich, der ausserhalb des alles begrenzenden Saturn liegt! Symbolisch gehört Neptun zum Wasser und in der Genesis wird vom »Geist Gottes« gesprochen, »der im Uranfang über den Wassern schwebte«. Zugleich beinhaltet das Wasserelement die Reinigung, wie sie sich geistig in der Taufe, dem Neu-geboren-Werden zeigt. Wenn die Psychoanalyse im Wasser die unbewussten, urweiblichen Kräfte sieht, wird uns auch jene bedrohliche, zerstörerische Seite bewusst, wie sie jedem in der Sintflut bekannt ist. Andererseits sehen wir die kampflose, alles liebende, die sich mit der Unendlichkeit vermählende Hingabe in Echnaton selbst. Neptun ist ein »neuer« Planet, der uns erst im Laufe unseres Lebens immer bewusster wird. So werde ich auf das Altertum bezogen seine zerstörerische Seite in der Sintflut und seine allumfassende Liebe in Echnatons Persönlichkeit verdeutlichen. Der griechische Poseidon macht uns über seine differenzierte Farbenpracht mit allen unseren menschlichen Eigenschaften bekannt und lädt uns ein, da hineinzuhorchen.

Babylon

In der Schöpfungssage der Babylomer ist zu Anfang alles ein Chaos, und weiter heisst es dann: »Zu der Zeit, als noch nichts oben war, das den Namen Himmel verdiente, noch etwas unten, das der Vorstellung der Erde entsprach, da mengten Apsu, der Ozean, der zuerst ihr Vater war, und Tiamat, das Chaos, die sie alle gebar, ihre Wasser zu einem einzigen.« Die Göttin Tiamat versuchte alles, was da wächst und Formen annimmt zu zerstören und sich an die Spitze zu setzen; wir haben bereits in der Mythologie von Mars gehört, wie Marduk ihr den Speer in den Mund schleuderte. Neptunisch müssen wir dies Chaos gleich einem grossen, sich weit ausdehnenden Nebel verstehen, der unendlich und zugleich formlos ist. Im Wasser, als dem Fruchtbarkeitssymbol, in dem sich die männliche und die weibliche Hälfte vereinigen, entsteht aus dieser Mischung das Leben. Wird dies wachsende, sich selbst formende Leben zerstört, dann zerstört es sich selbst, wie die Göttin Tiamat. Das Wasser aber galt als das Einzige, galt als der Uranfang der lebendigen Welt! Aus ihm heraus stieg ein sonderbares Ungeheuer, das sich Oannes nannte, halb war es ein Fisch, halb ein Philosoph; es lehrte die Menschen die Künste und Wissenschaften und teilte ihnen die Regeln des Städtebaus und die Grundsätze des Rechts mit - darauf sprang es ins Meer zurück, wo es ein Buch über die Geschichte der Kultur schrieb. Und was ist das Tierkreiszeichen Fische mit Neptun anderes, als jene uranfängliche Weisheit, jenes geheimnisvolle Auftauchen aus dem unbewussten Wasserraum, um darin wieder zu verschwinden? Die Babylo-

nier dachten sich die ersten Menschen in tierischer Einfachheit und Unwissenheit lebend, weswegen später die Götter mit ihnen unzufrieden waren, so wie sie sie erschufen, und sie in einer grossen Flut mit ihren Werken vernichteten. In Oannes wird die Hilfsbereitschaft, die er der menschlichen Welt geben will, nicht angenommen. Umgesetzt bedeutet es, dass ich über Neptun nur dem helfen kann, der zu mir kommt - alles andere führt hin zu Täuschungen oder Illusionen!

Als die grosse Flut, die Sintflut, über die Menschen kam und alles zerstörte, empfand der Gott der Weisheit, Fa, Mitleid mit den armen Geschöpfen und beschloss, wenigstens ein Paar, Ut-napischtim und seine Frau zu retten. Dieses Paar baute eine Arche, die die Flut überstand, und auf dem Berge Nisir sandte Ut-napischtim eine Taube aus auf Kundschaft, um den Göttern ein Opfer darzubringen. Die Götter nahmen diese Geschenke voller Überraschung und Dankbarkeit an und wie es heisst »atmeten sie den ausgezeichneten Geruch ein«. Wie ein gereinigtes, ein neu begonnenes Leben mutet es uns an, wenn wir im Opfer das Zurückfinden zum persönlichen Gott erkennen. Eine andere, eine sumensche Sage schildert, wie die Götter die Menschen glücklich erschaffen hatten, wie diese aber willentlich sündigten. Als Strafe dafür wurde über sie die Flut verhängt, und nur ein einziger der Sterblichen - Tagtug der Weber - ist übrig geblieben. Aber auch dieser eine verwirkte langes Leben und Gesundheit, da er die Frucht eines verbotenen Baumes ass. Neptun bedeutet das innere Wissen um Gott, bedeutet demütig dienen zu können, um den höheren Willen in sich zu spüren und aus ihm frei zu werden!

Ägypten

Amenhotep IV., bekannt unter dem Namen Echnaton (Ech-en-Aton), dessen Büste in Amarna entdeckt wurde, enthüllt uns ein Profil von unglaublicher Feinheit, ein Antlitz, aus dem frauenhafte Sanftheit und dichterische Empfindsamkeit spricht. Grosse Augenlider wie bei einem Träumer, ein langer, etwas unförmiger Schädel und ein schlanker schwacher Körperbau zeichnen ihn aus. Damit spricht bereits in der Persönlichkeit Echnatons jene transparente, durchsichtige Strahlungskraft eines Neptun. Ob es die sanfte, weibliche Empfindsamkeit oder der schwächlich-zerbrechliche Körperbau ist? Sein jugendlicher Idealismus forderte einen reinen, sauberen, einen die ganze Menschheit liebenden Gott! Dieser einzige Gott war Aton, besungen im grossartigen Sonnenhymnus wie in den Worten: »Die Schiffe fahren herab und fahren wieder hinauf, und jeder Weg ist offen, weil du (Sonne) aufgehst. Die Fische im Strom springen vor deinem Antlitz; deine Strahlen sind innen im Meere,« Die Fische sind das Fruchtbarkeitssymbol, den Ägyptern sind sie heilig, zugleich aber bedrohlich, um im Christentum als ichthys den Namen Jesus zu bergen - Jesous Christo Theou Hiyos Soter. Die Wege sind offen, das heisst -Jeder kann den Kontakt mit Neptun aufnehmen. Die Strahlen im Meer sind unbewusst drinnen in uns, im unsichtbaren Raum, sie werden zur unerschöpflichen Lebenskraft, können aber, unbeachtet gelassen, der alles verschlingende Abgrund sein.

Aton trifft man nicht auf den Schlachtfeldern und im Siege an, sondern in Blumen und Bäumen, in allen Formen des Lebens und Wachsens: ein Gott, der allen Völkern in gleichem Masse gehört, der eine Vereinheitlichung der Mittelmeerwelt unter ägyptischer Führung bewirken soll! Sowohl diese ferne, aus wahrer und echter Sehnsucht geborene Friedenswelt, wie auch Echnatons Weggehen von Theben nach Achetaton (heute Tell-el Amarna) mit vorheriger Vernichtung der alten Götterwelt, sind jenem tiefen

esoterischen Verstehen Neptuns gleichzusetzen, jenem Entdecken einer höheren, göttlichen Wirklichkeit. Zu dieser Zeit wurden die vielen von Ägypten abhängigen Staaten überfallen, doch einen Krieg, um diesen Staaten zu helfen, den konnte Echnaton nicht bejahen; deswegen hat er auch keine Truppen auf die Schlachtfelder geschickt. Ägypten verarmte, wurde kleiner, denn seine jahrhundertealten Einkünfte entfielen. Kaum 30 Jahre alt, musste Echnaton 1362 v. Chr. sterben, denn er hatte die innere Reife noch nicht, um diese monotheistische, allie-bende Gottheit auch anderen versteh-

bar zu machen. Wir könnten sagen: Neptun kann mit Mars, mit Gewalt oder mit äusserer Kraft nie zusammengehen, da werden wir ins Unbewusste zurückgestossen.

Griechenland

Kronos schleuderte den Hades in den Tartaros, Poseidon in die Meerestiefe und der dritte Sohn Zeus wurde, wie wir wissen, dem Kronos verheimlicht. Auf alten Vasenbildern sieht man diese Dreiheit mit den Symbolen ihrer Macht: Zeus mit dem Blitz, Poseidon mit dem Dreizack und Hades mit rückwärts gewandtem Kopf = der nicht Anzuschauende. Den Dreizack kann ich als die Zähne von Meerungeheuern oder als Strahlen der Sonne ansehen. Auch Vergangenheit - Gegenwart -Zukunft kann symbolisch damit gemeint sein. Poseidon, so heisst es, schlug mit seinem Dreizack den Felsen, auf dem später die Akropolis stehen sollte, und liess dadurch, sogar da oben, ein »Meer«, eine salzige Quelle entstehen. Es wird auch erzählt, er habe bei jener Gelegenheit das erste Ross aus dem Boden entspringen lassen. Auch bei der Hengsthochzeit -Poseidon vermählte sich mit Demeter in Hengstgestalt - wurde aus dieser Vereinigung das berühmte Ross Arion mit der schwarzen Mähne geboren. Die schwarze Mähne bekam er von Poseidon, denn auch er wurde, wie Hades, der Gott mit den »dunklen Locken« genannt. Viele Symbole sind dann enthalten, so war das Pferd wie in den altsteinzeitlichen Felsmalereien ein chthonisches Wesen, das mit lebensspendenden und zugleich gefährlichen Mächten in Verbindung stand. Zugleich wird die unkontrollierte Triebhaftigkeit auf das Ross bezogen, während das geflügelte Pferd die Lichtsymbolik verkörpert. Bringe ich dies mit der lebensspendenden Kraft der Quelle zusammen, einem Sinnbild von Reinheit und fruchtbarem Überfluss, dann wird uns jener zauberhafte Dreizack Poseidons verstehbar: er bringt unsere tiefsten und unbewusstesten Schichten hoch hinauf auf die Erde, er macht bewusst, was wir an unschuldigen, an unberührten Trieben in uns haben - die Vereinigung des Tieres, des Dunklen, mit den Strahlen der Sonne!

Die Geburt Poseidons verbindet ihn mit dem Widder, denn das Pferd wurde erst viel später vom Norden eingeführt. So hat Rhea, nachdem sie Poseidon gebar, das Kind in einer Schafherde vor Kronos versteckt, bei der Quelle Arne, der »Schafsquelle«. Arne heisst sowohl Schaf wie als Verb verleugnen. Das Nichtzeigen-Dürfen, das Geheimhalten vor der vernünftigen Realität, vor Kronos, dem Saturn, kann übersetzt werden als das empfindsame, das in sich hineingehende Schweigen von Neptun. Poseidon hielt seine Hochzeit in Widdergestalt - ein Hinweis auf das Widderzeitalter von 1919 - 67 v. Chr. -, er verwandelte die Braut in ein Schaf und sich selbst in einen Widder, ja er verwandelte sogar die Einwohner der Insel in Schafe. Neptun kann sich, wie ein Schauspieler, mit allem identifizieren. Doch was bedeutet die Insel, auf der die Hochzeit stattfand? Sie ist der schwer zugängliche Bereich, ein Sinnbild des Besonderen oder Vollkommenen; wir alle denken gerne an jenen traumhaften, erst in der Zukunft zu erreichenden Ort.

Von den vielen Nachkommen Poseidons will ich den Meergreis von Ägypten, den unsterblichen Proteus nennen, dem Menelaos auflauern will. Auf seine Frage antwortet ihm die Göttin: »Ich sag es dir, Fremdling, ganz genau: wenn die Sonne im Mittag steht, steigt1 der Meergreis aus dem Wasser, der Greis, der die Wahrheit sagt. Er kommt beim Wehen des Westwindes im dunklen Wellengekräusel...« Wieder entsteht jene suchende und daher dringliche Frage nach dem Vollkommenen, und wieder wird uns am Mittag, am MC, ganz klar bewusst, wie gross eine Wahrheit ist, die aus den dunklen Wellen des Wassers uns anweht! Aber alle mit dem Wasserelement verbundenen Wesen gehören dazu, damit uns Neptun verstehbar wird. So sind hinter den Gorgonen, die mit Masken zu vergleichen sind, die Stärke (Stheno) oder die Herrscherin (Medusa) verborgen. Was wir nicht kennen, und wo wir in den Gorgonen nur das Hässliche oder Schreckliche vermuten, das kann ganz anders sein, denn viele kleine Mädchen bekamen in Griechenland den Namen Gorgo. Neptun - die Maske -sie lässt nur den dahinter blicken, der stark und selbstbeherrscht zugleich ist! Da, wo die hell singenden Hesperiden weilen, über den Okeanos hinaus, da wohnen sie, die Gorgonen - ein Weg, der es hell macht in unserem Bewusstsein. Die Nereiden, die berühmten Meergöttinnen, sind von reizender Gestalt, früher bekleidet, später nackt. Alle 50 haben ihre Aufträge, wie es sich in der Namengebung ausdrückt: »Die um Rat wissende Meergöttin«, »die Wellen Beschwichtigende«, oder »die Schenkende«; Göttinnen sind sie, deren knospenhaftes Gesicht gerühmt wird.

Zum Schluss will ich noch auf die sogenannten Wundertiere verweisen wie den Hundfisch - vorne Hund, hinten Fisch, wie sie Homer in der Skylla beschreibt. Oder Charybdis, das alles verschlingende Ungeheuer, das unsichtbar blieb; dreimal täglich schlürfte sie das Wasser des Meeres in sich hinein, und dreimal täglich spie sie es wieder aus. In Neptun, dem lateinischen Namen für den lebendigen Poseidon, wird das Tierische menschlich, ein Weg, der das Dunkle heller werden lässt, der uns umwandeln soll zum bewusst empfindenden Menschen!