Astrolog-Archiv

(Bitte auf den jeweiligen Ausgaben-Block klicken, um die entsprechenden 20 Ausgaben anzuzeigen)
Artikel in grüner Farbe sind ohne Login zugänglich!
Ausgaben » [1-20] [21-40] [41-60] [61-80] [81-100] [101-120] [121-140] [141-160] [161-180] [181-200] [201-218] Aktuelle Ausgabe
• Suche (Autoren, Titel, etc.) » Inhaltsverzeichnis • Suche nach Begriffen in Artikeln »
Titel Ausgabe 8



Archiv-Übersicht
Nach oben Nach oben
Zurück Ausgabe 8 vom 21.06.1982 • Seite 2ohne Login!

• Astrologie & Geschichte

Horoskop-Darstellung im Wandel der Zeit

Bruno Huber

Heft Nr.08/21 Juni 1982


Spätes, aber dafür besonders schönes und monumentales Beispiel eines Stundenhoroskopes. Es wurde für den Moment der Krönung des Königs ANTIOCHOS I am 7. Juli 62 v Chr. erstellt.

„Wenn ein Kind geboren wird, während Jupiter auf - und Venus untergeht, wird dieser Mensch Glück haben, aber seine Frau verlassen.“

So sagt eine babylonische Deutungsregel aus der Seleukidenzeit (um 300 vor Chr.). Obschon die Regel leider nicht immer stimmt - schauen Sie in ihrer Horoskopsammlung nach (sie würde bedeuten, dass alle Männer mit Venus am Deszendenten untreu wären) - so beleuchtet ihr Vorhandensein doch die grundlegende Voraussetzung, die für unser Thema wichtig ist: nämlich die Tatsache, dass es zu diesem Zeitpunkt schon eine Persönlichkeits-Horoskopie gab.

Dass man anfing, individuelle Horoskope für den Geburtsmoment zu berechnen, um danach Charakter und Schicksal eines Menschen abzuleiten, führte erst zur Notwendigkeit einer zeichnerischen Darstellung desselben. Das älteste bis heute bekannte gezeichnete Geburtsbild stammt aus Griechenland um 410 v. Chr. Zwar gibt es schon früher horoskopartige Darstellungen, die sich aber in zwei Punkten ganz wesentlich von dem unterscheiden, was wir Horoskop nennen: (Siehe als Beispiel den berühmten „Löwen von Kommagene“.)

  1. sind es durchgängig Stunden- oder Ereignis-Horoskope, mit denen man versuchte, den richtigen Zeitpunkt z. B. für wichtige Staatsakte zu bestimmen, und

  1. sind sie vollständig vom ästhetischen und kultischen Gedanken her gemacht, haben also gar nicht versucht, ein getreues Abbild des Himmels zu geben. Ihre Funktion ist eher der eines heutigen Amulettes vergleichbar.

Der Versuch der bildlichen Darstellung eines Geburtsbildes lief zunächst durch eine Phase der Irrungen und Wirrungen. Mal wurden die Planeten relativ zu benachbarten Fixsternen dargestellt, mal im Bezug zum Erdhorizont, mal trat der schon »erfundene« zwölf mal dreissig Grad-Tierkreis in Erscheinung, um die exakten Planetenpositionen anzugeben.

Aber schon ungefähr um 200 v. Chr. findet sich in den Zeichnungen alles, was auch heute zu einem Horoskop gehört: Die Planeten sind in Graden des Tierkreises bezeichnet und in die entsprechenden Häuser eingeordnet.

Die Zeichnungsgrundlage ist hier ein doppeltes Kreuz, wobei das senkrechtstehende Kreuz die vier kardinalen Häuser l, 4, 7, 10 umfasst, während das diagonalstehende den restlichen Raum in die Zwischenhäuser einteilt. Diese Einteilung kann man zu Recht als klassisch bezeichnen. Sie hat sich - wenn auch in vielen Variationen - während vollen 2000 Jahren behaupten können.

Diese Kreuz- (oder später Vierecks-) Zeichnung ist aber keineswegs eine Erfindung der Babylonier oder Griechen jener Zeit. Sie schaut auf eine lange Entwicklung zurück, die zu allen Zeiten und in allen Kulturen versucht hat, den Lebensraum, die Welt, in der wir leben, in Räume (und Zeiten) einzuteilen, in denen man sich orientieren kann.

Begriffe für Windrichtungen oder Himmelsrichtungen finden sich ausnahmslos in allen Kulturen dieser Erde. Und sie werden immer in den vier Armen eines Kreuzes dargestellt, bei verfeinerten Kulturen durch nochmalige Unterteilung in acht Arme.

So haben wir bei den Kelten das immer wiederkehrende Radkreuz.

das übrigens in seiner Bedeutung erst in der spätkeltischen (z. B. irischen) Entwicklung zum christlichen Kreuz umfunktioniert wurde. In der folgenden griechischen Horoskopzeichnung ist dieses Urthema noch klar erhalten: Der Kreis ist der Erdkreis, die Grenze des Lebensraumes oder der Horizont, der - subjektiv vom Betrachter aus gesehen -in allen Richtungen gleich weit entfernt ist. Und wo sich die beiden Kreuzarme der Hauptwindrichtungen treffen, ist der Standort des Betrachters.

Auch bei den amerikanischen Kulturvölkern findet sich überall die vier-bzw. achtgeteilte Windrose in einen Kreis eingesetzt. Der berühmte aztekische Kalenderstein z. B. benutzt diese Einteilung, um die verwirrende Vielfalt der noch feineren Unterteilungen zu ordnen.

Bei den Indianern Nordamerikas, die ihren eigenen Tierkreis haben, fusst auch heute noch die ganze Medizin-Philosophie auf den vier Himmelsrichtungen.

Und hinter dem heute im Westen so viel gebrauchten l-GING-Orakel steht die taoistische Philosophie der zweimal vier Windrichtungen und Jahreszeiten, denen die acht Ur-Trigramme entsprechen.

Alle Einteilungen in Vierer- oder Achtersysteme leiten sich ursprünglich aus der Zweiteilung der Polarität ab und sind ihrer Natur nach archaisch. Sie stammen aus der Entwicklungsstufe, in welcher der Mensch die Welt nur zweidimensional wahrnehmen kann, nämlich als Ebene oder Fläche. Die dritte Dimension der Höhe - z. B. der Himmel, der über der Ebene steht - ist ihm un(be)-greifbar, und daher auch philosophisch nicht darstellbar.

Auch in der Frühzeit unserer westlichen Astrologie wurde zuerst ein Achter-Tierkreis benutzt.

Noch Mamlius (um 50 v. Chr. m Rom) spricht vom Oktatopos, wenn er dem damals schon üblichen Zwölfhäusersystem nochmals ein antikes System mit acht Häusern gegenüberstellt.

Doch schon im ersten Jahrtausend vor Christus bahnte sich in Mesopotamien eine geistige Revolution an: den zwei Kreuzen des Achtersystems (die wir auf Grund ihrer damaligen Definitionen heute eindeutig als das kardinale und das fixe Kreuz erkennen können) gesellte sich ein drittes, das veränderliche hinzu. Mit anderen Worten: den beiden Dimensionen Kraft (K) und Substanz (F) wurde die dritte Dimension des Bewusstseins (V) eingefügt.

Etwa ab 400 v. Chr. - also ungefähr gleichzeitig mit dem ersten Auftauchen von Individual -Horoskopen - wird der neue 12er-Tierkreis ziemlich allgemein angewendet, Horoskop Nr. l macht deutlich, wie zunächst die zeichnerische Darstellung diesen Übergang von der 8er- zur 12er-Teilung bewältigt hat: indem sie einfach die Arme des kardinalen Kreuzes verdoppelte, so dass zwölf Felder entstanden.

Die chinesische Kultur, die nie eine eigene Astrologie entwickelte, verfeinerte dieweil ihr

Achter-I-GING-System noch durch Jahrhunderte und übernahm dann zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert n Chr. das 12er-System in der Form westlicher Astrologie, Nachfolgend das älteste chinesische Horoskop, das wir kennen (von etwa 1400 n, Chr.)

Für die folgenden zweitausend Jahre bleibt die Entwicklung der Horoskopzeichnung praktisch stehen, d. h. sie bringt keine neuen Sichtweisen mehr hervor. Man beschränkt sich in der ganzen astrologischen Welt darauf, das vorhandene Schema von praktischen oder ästhetisch-modischen Gesichtspunkten aus zu variieren.

Zwei Faktoren bestimmen alle folgenden Wandlungen:

1. Ein Schwanken zwischen dem Rundschema und dem Viereckschema mit häufigerer Betonung des viereckigen.

2. Die Darstellung beschränkt sich auf das Häusersystem. Der Tierkreis wird nicht gezeichnet, sondern im Häuserschema durch Zahl und Symbol notiert.

Wenn man bedenkt, dass der Rand der Horoskopzeichnung symbolisch (wie neben abgehandelt) die Grenze der subjektiven Welt darstellen soll, so ist grundsätzlich nur das Kreisschema richtig. Nur ein zweidimensional denkendes Wesen wird die Welt als Viereck erleben und wird dementsprechend diese endliche Welt als determiniertes »Gefängnis« verstehen.

Wahrscheinlich sind die Römer die Erfinder des bekannten Quadrat-Horoskops. Das scheint jedenfalls das folgende römische Geburtsbild zu suggerieren.

Im alten Rom, wie auch im folgenden dunklen Mittelalter, wurde übrigens vielfach das Horoskop gar nicht aufgezeichnet. Man erstellte einfach eine

Liste der errechneten Planetenpositionen, Häuserspitzen und Aspekte.

Von so berühmten Autoren dieser Zeit wie Manilius, Ptolemäus und Firmicus haben wir weder Horoskop-Zeichnungen noch irgendwelche Hinweise, wie solche zu erstellen seien. Dies gilt auch für den arabischen Raum, der im Mittelalter eine eigentliche astrologische Hochblüte erlebte. Im christlichen Mittelalter, in dem die Kultur nur in den Klöstern stattfand, versandete die Astrologie ohnehin bis zur Bedeutungslosigkeit. Es waren die in Spanien einbrechenden Mauren (Araber) - zu denen so bedeutende Koryphäen wie Pietro d'Abano aus Obentahen pilgerten -, die im 11. und 12. Jahrhundert in Europa neue astrologische Impulse in Gang setzten.

Im 14, Jahrhundert treten kurzzeitig wieder Rundschemata etwa folgender Prägung auf:

Doch sie wurden schon im 15. Jh. sehr erfolgreich von den Quadraten und Rechtecken überrannt. Autoren des folgenden Centenmums, wie Nostradamus 1555 oder Heinrich Rantzau 1585 in seinem »de anms climactericis« (s. Bild rechts), brachten ihr eigenes Horoskopbild in ihre Bücher ein.

Zwei Gründe sprechen in dieser Zeit ganz offensichtlich sehr praktisch für die Verwendung einer solchen Schematik:

  1. ist die Handzeichnung sehr einfach. Sie erfordert nur das Augen-mass, um die Seitenlinien zu halbieren und als Zeichenhilfe ein Lineal.

  2. war es für die eben aufkommende »schwarze Kunst« einfach, nur Balken zusammenfügen zu müssen, die im Drucksatz vorhanden waren.

Im folgenden gibt es bis zum zwanzigsten Jahrhundert meines Wissens nur noch zwei - wahrscheinlich eher modisch bedingte und daher eher kurzlebige - Ausnahmen von der Vierecksregel. Die beiden Bilder (links nebenstehend) zeigen Beispiele:

An der Grenze zu unserem Säkulum setzt dann ziemlich plötzlich eine neue, fast explosive Welle der Entwicklung ein, die es aber wegen ihrer revolutionären Bedeutung und wegen ihrer Vielfalt verdient, m einem folgenden Artikel gesondert behandelt zu werden.