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Titel Ausgabe 8



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Zurück Ausgabe 8 vom 21.06.1982 • Seite 22ohne Login!

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Sinn und Unsinn astrologischer Prognosen

Rainer Lang

Heft Nr.08/21 Juni 1982

Eine Standort-Bestimmung Astrologischer Psychologie

Das, was seit Bestehen der Astrologie die grösste Anziehung auf die Menschen ausübte und gleichzeitig die Astrologie den heftigsten Anfeindungen von Seiten der Kirche und später auch der Wissenschaften aussetzte und sie zur Unglaubwürdigkeit abstempeln liess, war ihr Anspruch, exakte Vorhersagen über zukünftige Ereignisse machen zu können. Auch heute ist für weite Bereiche der Bevölkerung die Astrologie mit Prophetie, Wahrsagerei undZukunfts-voraussage untrennbar verbunden, und sehr viele Astrologen scheinen darin ihr Hauptbetätigungsfeld zu sehen.

Die Idee des - vom Menschen durchschaubaren! - absoluten Determinismus menschlicher Existenz ist nicht aus den Gehirnen zu verbannen. Es gründet sich die Beharrlichkeit, mit der an die Richtigkeit astrologischer Prognosen geglaubt wird, sicherlich nicht auf Sturheit, sondern auf Erfahrung. Diese Erfahrung bedarf allerdings einer etwas kritischeren Beleuchtung. Wieso treten bzw. traten eigentlich astrologisch prognostizierte Ereignisse mit aussergewöhnlich hoher Trefferquote ein? Eine Ursache ist sicherlich darin zu sehen, dass in der Vergangenheit aufgrund einer relativ grossen kulturellen Fixiertheit die äusseren Randbedingungen für das Leben und damit auch der Lebensweg gesellschaftlich ziemlich

klar vorgezeichnet war. Innerhalb eines solchen Rahmens ist eine Prognose bei ausreichender Kenntnis der Betroffenen und ihres Milieus kaum mit Schwierigkeiten verbunden.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass derartige Vorhersagen ausgesprochen zu

self-fulfilling-prophecies« (selbsterfüllende Prophezeiungen) werden. Angst und die ständige

Beschäftigung damit produzieren Erfüllungszwänge (freudige Erwartungen ebenfalls!). Dies ist

psychologisch betrachtet äusserst bedenklich und fällt unter die Kategorie Suggestion, hat aber mit der exakten Vorhersage von Ereignissen nichts mehr zu tun.

Heutzutage haben sich zwar die kulturellen Bindungen weitgehend gelöst, jedoch stellt eine

weitverbreitete und tiefgehende Angst unter den Menschen einen fruchtbaren Boden für Erfüllungszwänge jeglicher Art dar.

Selbst gesetzt den Fall, Ereignisse seien exakt vorhersagbar - was in einer immer komplexer werdenden Umwelt und mit immer unberechenbareren Menschen immer unwahrscheinlicher wird -, so findet sich hier der entscheidende Standortunterschied zwischen astrologischem Determinismus und Astrologischer Psychologie:

Astrologische Psychologie versteht sich nicht als Instrument der Einengung, Beeinflussung und Festlegung, sondern im Gegenteil als Hilfsmittel zur Erziehung zu selbstverantwortlicher Freiheit.

Sicherlich findet Entscheidungsfreiheit ihre Grenzen in genetischen und milieubedingten

Gesetzmässigkeiten, aber die Entwicklung zur Eigenverantwortlichkeit und zur selbständigen

Entscheidung stellt einen notwendigen Wachstumsprozess dar, der innerhalb dieser Grenzen frei gestaltbar ist.

Es geht ja nicht um das eintretende Ereignis an sich, sondern es geht um einen Lernprozess. Das Ereignis wird hier fast zur Bedeutungslosigkeit degradiert, da nicht es, sondern die Einstellung des Betroffenen zum Ereignis und seine Reaktion darauf (= das Erlebnis) entscheidend sind. Diese Einstellung bleibt bei der klassischen Prognosemethodik unberücksichtigt. Sie kann auch von der Astrologischen Psychologie nicht geschaffen werden, sondern nur vom Menschen selbst. Es geht hier ja um das Akzeptieren, um das JA-Sagen zum Ereignis, um das Annehmen meiner selbst in der jeweiligen Situation. Das ist die „Lektion“, die es zu lernen gibt.

Daher beschränkt sich Astrologische Psychologie auf die Angabe von Tendenzen und Erlebmsqualitäten, um dem Menschen eine Vorbereitung auf die zu erwartenden Lernprozesse bieten zu können, die ihm auch echtes Lernen auf der Grundlage eigenverantwortlicher Entscheidung und damit Wachstum zu ermöglichen. Eine -eventuell sogar richtige - Ereignisprognose könnte diesen Prozess (auf den es eigentlich ankommt) erschweren, wenn nicht sogar verhindern -und das Geschäft mit der Angst kann weiter florieren...

Es ist daher an der Zeit, dass diese eigentlich menschenfeindlichen Praktiken aus dem Alltag all derer verschwinden, die mit dem Anspruch auf Seriosität Astrologie betreiben, und dass astrologische Qualifikation sich nicht mehr auf »die Macht des Wissens um die Zukunft«, sondern auf die Fähigkeit zur Förderung menschlichen Wachstums gründet.

Zum Schluss möchte ich noch auf ein Zitat des Philosophen, Psychologen und Astrologen Däne Rudhyar verweisen, das uns die Zweifelhaftigkeit von Ereignisprognosen vor Augen halten und uns gleichzeitig als stete Mahnung in der astrologischen Beratung dienen sollte:

Kein Astrologe - und auch kein Psychoanalytiker - kann ein Leben und ein Schicksal auf einer höheren Ebene deuten als der, auf der er selber steht.“