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Titel Ausgabe 8



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• Mythologie

Mythologisches: Venus – Isis – Astarte – Aphrodite

Fritz Gehre

Heft Nr.08/21 Juni 1982

Unendlich, unaufhörlich setzen sich die Geschichten fort, wenn über die grosse Göttin der Liebe erzählt wird. Aus dieser Vielfalt kann ich natürlich nur einige Perlen herausnehmen. Ich möchte damit zeigen, wie sie in allen Völkern verehrt wurde, wie sie einerseits in die göttliche Welt hineingehört und andererseits in der menschlichen Welt bleiben darf. In drei Kapiteln durchwandern wir die alten Kulturen am Euphrat, die griechische Welt und schliesslich den näher gelegenen römischen Boden.


1. Alte Kulturen

die babylonische Göttin der Schönheit und der Liebe, die zugleich das blühende Erdreich und die mütterliche Fruchtbarkeit symbolisiert. Ischtar hat viele Funktionen, ob Mutterschaft oder Dirnenwesen, ob Krieg oder Liebe, ja sie nannte sich selbst ?eine mitleidsvolle Kurtisane?; sie erschien bärtig wie eine bisexuelle Gottheit oder wie ein die Brüste zum Saugen anbietendes nacktes Weib. Als „Jungfrau“ oder Jungfrau-Mutter, oder gar als heilige Jungfrau mied sie in ihren Liebschaften jede eheliche Bindung. Gilgamesch wies sie ab, denn er könne zu ihr kein Vertrauen haben, weil sie einst einem Löwen ihre Liebe geschenkt und ihn nachher niedergemacht hatte. Trotzdem: die Inbrunst der Babylomer in ihren Lobliedern auf Ischtar war ergreifend:

Ich flehe zu dir, Frau der Frauen, Göttin der Göttinnen, Ischtar, Königin aller Städte, Führerin aller Menschen. Du bist das Licht der Welt, du bist das Licht des Himmels, mächtige Tochter Sins...

Erhaben ist deine Macht, oh Herrin, gepriesen bist du über alle Götter.“

Ischtar war die Astarte der Griechen und Aschtor et der Juden; zur ägyptischen Isis steht sie in Analogie und war das Vorbild für die griechische Aphrodite und die römische Venus. Die Taube steht in Zusammenhang mit der Fruchtbarkeitsgöttin, ein Zeichen der Versöhnung und des Friedens, besonders die weisse Taube. Diese Seelenvögel sind in dunkler Färbung zugleich Todesvögel und weisen damit hinein in den göttlichen Raum der Verwandlung.

Genau wie Ischtar in Babylon die Jungfräulichkeit ihrer Anbeterinnen als Opfer erhielt, ebenso opferten in Byblos die Frauen ihre langen Zöpfe der Astarte, worauf sie sich dem Fremden in der Liebe hingaben. Fest blieb Astarte, die man in ihrer kalten, artemisischen Keuschheit an vielen Orten verehrte. Gleichzeitig war sie woanders eine nach Liebeslust verlangende Gottheit.

Isis in Aegypten hat den Tod durch Liebe überwunden, sie ist die schwarze, fruchtbare Erde des Nildeltas. Als Schwester und Gattin von Osiris war sie in ihrer schöpferischen Kraft stärker als ihr Gefährte. Isis versinnbildlicht den ursprünglichen Vorrang und die Unabhängigkeit des weiblichen Prinzips, analog Kali oder Kybele in Asien oder Ceres in Rom. Der Mythos sagt, dass es Isis war, die den wild wachsenden Weizen und die Gerste entdeckte. In Morgen- und Abendgebeten wurde sie von tonsurierten Priestern besungen und gepriesen.Der göttliche Sprössling Horus wurde im Dezember, zur Wintersonnenwende, in einem Bild gezeigt, wie ihn seine Mutter Isis in einem Stalle als Säugling stillt! Eine eigenartige und tiefe Verwandtschaft zum christlichen Mythos. Tatsächlich haben die frühen Christen diese Isis-Statuen angebetet, wo sie ihr Kind, den Horus, säugt.

Ueber die Zahl Drei, wie Isis - Osiris - Horus, oder Brahma - Vishnu - Shiva und Gott Vater - Sohn - Heiliger Geist werden wir zu einer Erfüllung hingeführt, zu einem geschlossenen Ganzen, so wie wir diese Dreiheit in allen Märchen wiederfinden. Der Isisknoten als Anhänger getragen ist ein Schleifenkreuz, das den Menschen mit seinen schutzverleihenden Mächten verbindet. Will ich meinen „Knoten“ lösen, dann kann ich das nur über den Weg dieser höheren Mächte, nicht aus mir selber.


2. Griechischer Raum

Kreta sieht im Weiblichen die Frau mit üppigem Busen, mit Schlangen,

die sich um ihre Arme und in den Haaren ringeln. Es ist die feindliche und todbringende Natur, zugleich aber auch ihre Fruchtbarkeit. So ist die Muttergöttin die Quelle allen Lebens, bei Pflanzen und Tieren wie beim Menschen selbst. Auch hier entdecken wir das göttliche Kind Velnachos, das sie in einer Höhle geboren hat. Dies Kind hiess bei Ischtar Tammuz, bei Kybele Attis und war bei Aphrodite Adonis. Die Einheit der prähistorischen Kultur sagt aus, dass wir überall im Mittelmeerraum die gleichen religiösen Ideale vorfinden. Auch wenn wir aus der Begattung eines Stieres mit einer Frau den Minotaurus, das allesverschlingende, halb

menschliche, halb tierische Ungeheuer entdecken. Theseus tötet den Stiermenschen und befreit die Menschen davon.

Als Zeus Europa am Strande Blumen pflücken sah, verwandelte er sich in einen Stier und entführte sie. Die Dichter sagten, dass sein Atem nach Krokus dufte und dass der dreifarbi-

ge Stier einen besonderen Zauber ausstrahle. Auf Vasenbildern sehen wir Europa als die wahre Göttin auf dem Stier über das Meer reiten, oft hält sie einen Fisch oder einen Reifen in der Hand; auch geflügelt wird sie abgebildet. Uebrigens bedeutet Krokus in seiner gelben Farbe ein Licht-und Hoheitssymbol; zugleich schützt er gegen Trunkenheit.

Griechenland.

Weisser Schaum = aphros bildete sich um die abgeschnittene, ins Meer geworfene Männlichkeit des Uranos. Aus diesem Schaum entsprang ein Mädchen und wurde gross dann. Sie, Aphrodite, schwamm zuerst nach Kythera, dann aber nach Zypern. Nackt, symbolisch

mithin rein, wahr und unverstellt, stieg sie an Land und strahlte Liebe und süsse Lust aus. Von den Hören bekleidet - und Kleider sind Ausdruck der Schamhaftigkeit - wurde sie den Göttern vorgeführt. Griechen wagten es, gegenüber den Orientalen in Kleinasien, eine nackte Aphrodite aufzustellen, wie wir es in der berühmten Statue des Praxiteles sehen. Eine andere Erzählung erwähnt, dass Aphrodite aus einer Muschel geboren wurde, die an der Insel Kythera landete. Die Muschel entspricht dem weiblichen Sexualorgan, die Perle darin ist das Kind, das Kleinod.

Die mythologischen Erzählungen lassen Aphrodite einmal Gattin des Hephaistos oder die des Ares sein. So die Geschichte als Hephaistos Ares und Aphrodite mit goldenen Ketten anemanderband, nachdem sie sich in seinem Bett geliebt hatten. Er zeigte diese List den Göttern, die aus seliger Freude lachten, als sie dies Kunstwerk sahen.

Adonis wurde aus dem Baum, in den sich Aphrodite verwandelte, geboren, aus der Rinde des Myrrhabaumes - Myrrhe ist ein heilendes und duftendes Harz. Adonis war so schön, dass ihn Aphrodite und Persephone im Besitz teilten. Der Tod des Adonis in der Unterwelt bei Persephone durch einen Eber liess sein rotes Blut fliessen und rote Anemonen entspros-

sen daraus. Aphrodite beweinte Adonis, statt ihn zu besitzen. Anemone kommt aus dem griechischen Wort Wind und bedeutet Vergänglichkeit, sie ist die Blume von Adonis.

Zuletzt sei die Vereinigung der Aphrodite mit einem Sterblichen, dem Hirten Anchises, erwähnt. Vor der Vereinigung nahm Aphrodite ein Bad und liess sich einsalben mit unsterblichem ?l. Ein Bad, ob vorher oder nachher genommen, ist immer ein Ort der Reinigung und Wiedergeburt; wir verstehen es als die Abwaschung aller Sünden. Die Vereinigung der Aphrodite mit einem Sterblichen kam daher, weil sie Zeus zwang, dies mit sterblichen Frauen zu tun. Für mich wird damit die Weite der Liebe betont, die von sich aus alles umfasst! Die Dichter sagen:

Sie trug ein Gewand, dessen rote Farbe mehr blendete als Feuer, ihre Brüste leuchteten wunderbar, wie von Mondschein umgössen. Liebe ergriff den Anchises .. . „

- und dieser wusste nicht, dass es eine Göttin war, die er liebte. Später wurde er blind. Bienen haben ihm die Augen ausgestochen als Strafe, weil er in seiner Trunkenheit mit seiner Liebe zur Göttin geprahlt hatte.

Ob Aphrodite die Beinamen Pandemos oder Urania hat, sie ist die für alle Menschen geltende Liebe oder die orientalische Himmelsgöttin, ob sie Apostrophia - die sich scheu Abwendende - genannt wird oder Eleemon = die Barmherzige, oder gar die mit dem schönen Gesäss = Kallipygos; ob sie ferner die Schutzgöttin der Geburten Genetyllis bedeutet, wie die „Dunkle“ = Skotia, da die Liebe gerne die Dunkelheit wählt, immer ist Aphrodite sie selbst in ihrer Unermesslichkeit! Auch in der männlichen Form des Aphroditos als bärtige Aphrodite, ebenso wie ihr Name im weiblichen Knaben, dem Hermaphroditen drinsteckt, ihrem zweige-schlechtlichen Sohn aus der Bindung mit Hermes, sie ist immer dieselbe!

Sappho, die sich in ihrer weichen aiolischen Mundart Psappho nannte, soll hier aus ihrer eigenen Dichtung sprechen. 612 in Lesbos geboren, wurde sie nach Sizilien verbannt. Sie war anziehend wegen ihrer kleinen Gestalt, als „Veilchengelockte“, etwas dunkler in Haut, Haaren und Augen als die Griechen es liebten, dabei zart und empfindsam. Sie unterrichtete junge Frauen in der Dichtkunst und Musik und verliebte sich in alle. Hören wir in einem Gedicht ihre Eifersucht, als ein Mann ihr ihre Freundin wegnahm:


Himmlischen Wesen scheint mir der Jüngling zu gleichen,

Da er dir gegenüber lagert und deinem süssen Geflüster,

deinem lockenden Lachen Lauschend das Ohr leiht.

Ach, der Anblick erfüllt mir das Herz im Busen

Tief mit Schrecken; denn wenn ich zu dir hinüber

Rasch nur schaue, versagt mir bereits die Stimme,

Und meine Zunge

Liegt wie von Fesseln gelähmt, es rieselt mir plötzlich

Unter der Haut entlang ein flüchtiges Feuer,

Trübe wird mir das Augenlicht, in den Ohren

Saust es wie Sturmwind.

Tränen im Auge, liess sie mich hier zurück, …


Doch sie liebte auch den Mann und schrieb zum Abschied:


Aber bleibe mein Freund, doch nimm dir

Eine jüngere Lagergenossin,

Ich trüg' es nicht, mit dir zu leben,

Du bist jung, ich bin älter, als du bist.


Sappho hat 12 000 Verse geschrieben und nur 600 sind uns erhalten. Alles wurde in Konstantmopel und Rom von den Kirchenbehörden verbrannt. Särge aus gepresstem Papyros' wurden hergestellt aus den Seiten alter Bücher - und daraus fanden sich einige Gedichte der Sappho.


3. Römischer Boden

April, der Monat der aufspringenden (aprire) Knospen war in Rom der Venus heilig. Lukrez und Ovid sahen in ihr den liebebedingten Ursprung aller lebendigen Dinge. Der römischen Staatsreligion haftet etwas Kaltes und

Unpersönliches an. Mit Opfern und Darbietungen hat man die Götter eher bestochen als innerlich von ihnen getröstet oder angeregt zu werden. Gleichzeitig konnte ein jeder seine göttliche Statue mitnehmen, denn in der Statue war der Glaube miteingeschlossen, sie war Gott selbst. Daher finden wir viele griechische Götter in der römischen Götterfamilie unter anderen oder ähnlichen Namen wieder. Für den Römer waren die Götter numina, also Geister, nicht wie bei den Griechen, die sie sich in menschlicher Gestalt vorstellten.

Doch nicht nur Venus, auch Diana spielt in der Weiblichkeit eine grosse Rolle: als Göttin des Mondes ist sie die der Frauen und der Geburt, sie kam als Jagd- und Waidgöttin aus Griechenland ähnlich der Artemis. Juno war der Schutz des Kindes, sein Genius, ein weiblicher Schutzengel der Seele. Auch das entspricht der mütterlichen Liebe, ist dem KUSS gleichzusetzen, als der liebende, seelische Atem. Ein KUSS ist kräfteübertragend und lebensspendend zugleich; daneben hat er eine sakrale Form der Ehrerbietung, wie es das Küssen der Türschwelle, der Fusskuss, oder der KUSS des Schwarzen Steines der Ka'aba uns zeigt. Juno Regina war zugleich der schutzbare Geist der Ehe und Mutterschaft, weswegen man den Monat Juni für glückliche Eheschliessungen empfahl.

Wir sehen die Venus als Morgenstern vor der Sonne leuchtend, oder als Abendstern in wundervollem Glanz. In ersterem Fall kündet sie den neuen Tag an und ist das Symbol ständiger Erneuerung oder ewiger Wiederkehr, sie ist das über die Nacht siegende Licht, Als Abendstern kündet sie die hereinbrechende Nacht an, was bei den Christen das Symbol Lu-zifers ist; für mich jedoch bedeutet es, dass die dunklen, unbewussten Kräfte in uns hell werden.

Das Weibliche, anders gesehen, möchte ich aus dem ewigen Feuer, das im Herde brennt, über die Göttin Vesta zeigen, über die Vestalischen Jungfrauen. Dass die Familie erhalten

bleibt und fortdauert, wird der niemals verlöschenden Flamme gleichgesetzt.

Um dies Feuer zu hüten, werden 6- bis 10-jährige Mädchen ausgesucht, die sich als weiss verschleierte Jungfrauen zu einem dreissigjährigen Dienst verpflichten. In dieser Zeit müssen sie ihre Jungfräulichkeit bewahren. Im Vesta-Tempel wird der Staatsherd gewartet und jeden Tag mit Weihwasser aus dem Brunnen einer heiligen Nymphe besprengt. Wird eine Nonne eines geschlechtlichen Umgangs beschuldigt, peitscht man sie aus und lebendig wird sie begraben; die römischen Geschichtsschreiber verzeichnen zwölfmal einen derartigen Fall. Nach dieser 30-jährigen Zeit sind die Vestalinnen frei und können heiraten.

Dahin gehört auch der Vogelflug (auspices) oder die Leberschau (haruspices). Der Römer verlässt sich auf seine festgefügten Orakel, um aus ihnen die Absicht der Götter kennenzulernen. So sind Gänse die Mittler zwischen Himmel und Erde, der Juno geweiht, sind ein Symbol der Liebe und Fruchtbarkeit, aber auch der Wachsamkeit (= Gänse auf dem Kapitol). Die vestalischen Jungfrauen entsprechen den Arbeitsbienen, die geschlechtslos-jungfräulich gleichsam vom „Duft“ der Blumen leben.


Ganz zum Schluss möchte ich einen römischen Komödiendichter zitieren, Naevius, der in seinen Stücken die politischen Missbräuche kritisierte und einige Male im Gefängnis sass. In einem erhaltenen Bruchstück stellt er ein kokettes Mädchen dar:

Wie wenn sie im Ring Ball spielte, hüpft sie von einem zum ändern, und mit einem Wort, einem Blick, einem zärtlichen Streicheln, einer Umarmung sucht sie allen Männern alles zu sein; hier ein Händedruck, da ein zarter Druck mit dem FUSS; der Fingerring zum Bewundern, die Lippen, einen gewinnenden KUSS daraufzudrücken; hier ein Liedchen, da die Sprache der Gebärden.“

Ein lebendiges Gegengewicht zur vestalischen Enthaltsamkeit, doch nicht nur das: die Liebe geht tausend Wege und jeder Weg hat irgendwie seine Richtigkeit!