Astrolog-Archiv

(Bitte auf den jeweiligen Ausgaben-Block klicken, um die entsprechenden 20 Ausgaben anzuzeigen)
Artikel in grüner Farbe sind ohne Login zugänglich!
Ausgaben » [1-20] [21-40] [41-60] [61-80] [81-100] [101-120] [121-140] [141-160] [161-180] [181-200] [201-218] Aktuelle Ausgabe
• Suche (Autoren, Titel, etc.) » Inhaltsverzeichnis • Suche nach Begriffen in Artikeln »
Titel Ausgabe 1



Archiv-Übersicht
Nach oben Nach oben
Zurück Ausgabe 1 vom 20.04.1981 • Seite 14ohne Login!

• Astrologie & Psychologie

Frau und Mutter: Mond oder Saturn?

Margrit Schwaninger

Meinen Einstieg in die Astrologie machte ich mit der »Huber-Methode«. Da übernahm ich u.a. ganz selbstverständlich, dass der Saturn als Mutter zu verstehen ist und der Mond mein eigenes, kindliches Empfinden darstellt. Bald erfuhr ich aber, dass Saturn in der Mutterrolle in der Astrologenwelt nicht so selbstverständlich angenommen wird. In herkömmlichen Astrologiebüchcrn traf ich nämlich sehr oft den Mond als Symbol für das mütterliche, frauliche Prinzip. Diesem anscheinenden Widerspruch möchte ich irn folgenden versuchen, auf den Grund zu gehen.

Wenn ich mich bemühe, die Symbolik des Mondes zu verstehen, stosse ich sicherlich auf Züge, die der Mutter und Frau zugeschrieben werden: Gefühlvoll, weich und empfindsam, annehmend, stets aufnahmebereit, empfänglich und hingebungsvoll ist der Mond, aber auch beeindruckbar, naiv, beeinflussbar, abhängig vom anderen Menschen, sich unterordnend, stimmungsabhängig, wechselhaft und launisch. Er ist nicht selbst aktiv, sondern eher Auslöser, Vermittler von Handlungen. Er ist ein Spiegel, in dem sich die Umwelt reflektiert. Auch ist er die Quelle von Phantasie, Träumerei, Vorstellung und Wunsch, von Luftschlössern. Und irgendwo finde ich im Mond das Geheimnisvolle, Mystische, das Unaussprechbare, im Dunkeln und Verborgenen Liegende, dieses nicht greifbare, nicht logisch erfassbare Etwas einer Mondnacht, das die Welt verzaubert, matt erhellt und doch alles in silbernem Geheimnis verborgen hält.

Der Mond regiert das Zeichen Krebs; dort ist er zu Hause. Da stosse ich wieder auf viele Eigenschaften, die mir die »Mond-Mutter« verständlich machen. Im Krebs liegt das Mütterlich-Warme, Beschützende, das man als Zuhause empfindet. Er bietet urmütterliche Geborgenheit, Angenommensein in familiärer Zugehörigkeit.

Als tiefstes Zeichen im Kollektiv hat er Zugang zu den Urquellen, zur Tiefe: Es geht um unbewusste, instinktive Werte, die mir hier die Mutter symbolisieren.

Und der Saturn? Hier fällt es mir schon schwerer, symbolische Werte aufzuzählen, die zum vornherein auf das Mutterbild passen. Wo bleiben Wärme, Gefühl und Geborgenheit? Ich stosse da auf Grenzen, Hemmung, Reserviertheit, kalte Wirklichkeit, Strenge und Härte, allerdings auch auf Zuverlässigkeit, Stetigkeit, Verantwortung. Oft wird Saturn aber als Unglücksrabe schlechthin dargestellt, als Pessimismus in Person.

Wie nun ist denn das Mutterbild in der heutigen Wirklichkeit? Wie ist die Mutter in unserer westeuropäischen Welt und Zivilisation? Ich versetze mich zurück in die Kindheit: Ja, Wärme und Geborgenheit erhielt ich von der Mutter. Aber nicht nur von ihr; auch die Zuneigung von Vater und Geschwistern, die Familie als Ganzes, gab mir dieses Gefühl. Hingegen: Wer wachte über meine täglichen Bedürfnisse, brachte mir alle lebensnotwendigen Verrichtungen bei, half mir, mich in den Rhythmus meiner Umgebung einzuordnen? Wer warnte mich: »Heiss!« wenn ich nach dem Bügeleisen griff, mahnte, dass ich mir den Magen verderbe, wenn ich zuviel Kuchen esse, verbot mir, ohne Jacke in Sturm und Regen herumzulaufen? Wer lehrte mich, dass meine Wünsche nicht alle erfüllbar sind? Wer holte mich aus Träumen und Phantasien und schickte mich zur Schule, konfrontierte mich mit den Forderungen der realen Umwelt? War es Mutter »Mond« oder Mutter »Saturn«?

Nicht dies ist die wahre Mutter, die ihr Kind verzärtelt, ihm jeden Wunsch erfüllt und jeder seiner Launen nachgibt. Gerade die Grenzsetzung, die Strenge, aber auch Zuverlässigkeit und Verantwortung des Saturns sind wichtige Eigenschatten der Mutter. Weil sie weiss, dass das Kind in seiner Unerfahrenheit vielfach gefährdet ist, beschützt und behütet sie es, setzt sie ihm Grenzen, fordert sie von ihm Gehorsam und Erfüllung der Pflichten des Alltags.

Vielleicht könnte man Saturn auch in einem anderen Zusammenhang mit der Frau und Mutter in Verbindung bringen: Zur Mutter wird die Frau in einem ganz konkreten, physischen Vorgang, der durch langandauernde Schwangerschaft und schmerzhafte Geburt hinführt zu Reife und Erfüllung.

Ob ich nun aber Mond oder Saturn als Symbol der Mutter akzeptiere, scheint mir schlussendlich vor allem von der heutigen Frau und der Entwicklung ihres Eigenbewusstseins abhängig zu sein. Wie Stellung und Verhalten der Frau mit dem Symbol Mond zusammenhängt, wird im folgenden Zitat von Bachofen deutlich (aus: »Kosmos und Psyche« von Fritz Werle): »Wie der Mond durch sich nichts vermag, sondern der Sonne ewig folgend, von ihr den Schein erborgt, mit welchem er in stiller Herrlichkeit leuchtet, so kann das Weib nur in ehelicher Einigung mit dem Manne zu jener höheren Schönheit gelangen, durch welche ihre Stofflichkeit des Mannes mehr geistiges Wesen an sich zu fesseln vermag.« So, wie der Mond in seiner Abhängigkeit von der Sonne eben »zweitrangig« ist, nie die Vorherrschaft hat, war die Frau dem Manne untergeordnet. Ein weiteres Zitat Bachofens lässt hingegen am rein weiblichen Charakter des Mondes zweifeln: »Ewig befruchtet, ist er zugleich ewig jungfräulich, als Mutter Jungfrau, als Jungfrau Mutter. Mit dem Mond verbindet sich notwendig der Begriff der Ehe und der Ge- | schlechtsmischung. Er ist seiner Natur nach Lunus und Luna, Eros und Psyche. Er sucht das Licht, wie das Licht sich in ihn zu versenken nie aufhört.«

Er ist Lima und Lunus, Psyche und Eros. Er ist also nicht Gegenpol zur Sonne, sondern vereinigt Männliches und Weibliches in sich, bildet so das vermittelnde, zusammenführende Prinzip.

Weiches, abhängiges und beeindruckbares Verhalten hat sicher das Wesen der Frau lange Zeit ausgemacht. Sie war Vertreterin des mondhaft Geheimnisvollen, Irrationalen. Ist es aber besonders erstaunlich, dass Saturn ausgerechnet dann als »Mutter« auftaucht, wenn das Bewusstsein der Frau sich zu wandeln beginnt? Mehr und mehr erwacht die Frau aus ihrem mondhaften Dornröschenschlaf, identifiziert sich nicht mehr mit dem Mann und weigert sich, sein Spiegel zu sein. Sie zeigt, dass sie nicht nur abhängiges, unselbständiges Gefühlswcsen ist, sondern eine eigene Persönlichkeit, die auch ohne die Verbindung mit dem Manne besteht.

Betrachte ich Saturn in der Weise, wird er für mich, anders wie der Mond, ein echtes Gegengewicht zur Sonne. Da, wo die Sonne geistig tätig ist, sich ausbreitet, erobert, stellt Saturn die Konzentration entgegen, beruft sich auf die Vernunft, die Tradition und setzt dem geistigen Streben die praktische Grenze der Realität. So wie die Sonne das männliche, geistige Prinzip darstellt, bildet Saturn die ergänzende Polarität des weiblichen Prinzips. Beim Mond hingegen herrscht weder die eine noch die andere Seite vor, er zeigt vielmehr das unfertige, noch formbare, beeindruckbare Wesen, wie ich es beim Kind beobachten kann. All die Eigenscharten des Mondes, wie weiter oben ausgeführt, machen also die kindliche Seele aus. Aus dieser Betrachtungsweise ergibt sich somit logisch, dass die Sonne für den Vater, der Saturn für die Mutter und der Mond für das Kind steht. Durch die Polarität Saturn-Sonne entsprechend Mutter-Vater zeigt sich, wie sich das mondhafte Wesen der Frau wandelt und aus der Abhängigkeit ein Gegenüber zweier eigenständiger Wesen wird, die sich im Gefühls- oder seelischen Bereich, eben über den Mond, zu einem Ganzen zusammenschliessen.

Kürzlich las ich in einer Zeitschrift ein Interview mit einer Indianerin aus dem Stamm der Apachen, einer Studentin. Sie wurde befragt über ihr Verhältnis zu ihrer Herkunft einerseits und der Konfrontation mit der modernen Welt andererseits, dabei auch betreffend ihre Stellung zur Emanzipation der Frau. Ihre Antwort hat mich nachdenklich gestimmt: Die Emanzipation sei vorläufig eine Sache der Europäerinnen, die deren ganz spezielles Verhältnis zum europäischen Manne betreffe. Sollte sich die Bewegung in ihrer Zielsetzung ausweiten auf das Bewusstsein der Frau in ihrer Funktion als Hüterin und Bewahrerin der irdischen Güter, als Trägerin von Tradition und Übermittlerin von Kultur, dann zähle auch sie sich zu den emanzipierten Frauen. Sie meinte, das Frauliche, Urweibliche sei das Hegen und Pflegen, das Bewahren unserer Erde und ihrer Gesetze.

In Übereinstimmung mit dieser Indianer-Studentin bedeutet für mich Emanzipation ein Erwachen aus mondhafter Unbewusstheit zu bewusster Wahrnehmung und Gestaltung der unmittelbaren Realität. Ich sehe es als ein Sich-loslösen aus dem kollektiven

»Haus-Heim-Herd«, um nicht nur im familiären Kreis, sondern auch im öffentlichen Leben mitzudenken, Verantwortung zu tragen und dafür zu sorgen, dass alte, traditionelle Werte nicht verlorengehen. So bin ich schhesslich zur Auffassung gelangt, dass das richtige Erfassen und Bewusstwerden des Saturns als weibliches Prinzip und Polarität zur Sonne, als Symbol der Mutter, immer wichtiger und notwendiger wird.