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Titel Ausgabe 3



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Zurück Ausgabe 3 vom 23.08.1981 • Seite 3ohne Login!

• Diskussion

Interview mit Liz Greene

Redaktion

Doktor der Psychologie in London.

Referentin auf dem 1. Astrologie-Weltkongress in Zürich, Ostern 1981

astrolog: Wie und wann kamen Sie zur Astrologie?

Greene: Als ich 19 Jahre alt war, nahm mich jemand mit zu einer Astrologin, und was die sagte, interessierte mich. Also kaufte ich mir einen Stapel Bücher und vertiefte mich darin - ich kannte ja niemanden, der es mich hätte lehren können. Es dauert wohl etwas länger, sich autodidaktisch so ein Wissen anzueignen, aber vielleicht ist es besser, weil man am Ende seine eigenen Schlussfolgerungen zieht.

astrolog: Haben Sie in dem Gebiet je Grenzen gespürt?

Greene: Oh ja. Die erste Grenze war der Mangel an psychologischen Einsichten. Die Bücher, die ich las, waren altmodisch, und ich fühlte, dass eine Dimension fehlte. Sicher gibt es noch andere Grenzen auf anderen Ebenen, aber vielleicht soll man gar nicht auf alles eine Antwort finden können.

astrolog: Sie sagten in Ihrer Rede am Weltkongress, dass Sie Ihren Patienten weder als Astrologin noch als Psychologin helfen können, sondern dass diese sich selbst entwickeln. Was ist denn Ihre Rolle in dem Prozess?

Greene: Als Astrologe (oder Psychologe) können wir es einem Menschen mit Hilfe unseres Wissens erleichtern, Kontakt mit etwas in ihm selber zu machen, das er noch nicht erkannt hat und an dem er wachsen kann. Aber jede Änderung, die er vollzieht, kommt nur aus dem Menschen allein. Unsere Arbeit kann einen Menschen nicht heilen: es ist illusionär und gefährlich zu glauben, man könnte jemanden ändern, speziell mit Wissen.

astrolog: Es ist also eher die Gelegenheit, sich im Formulieren seiner Probleme über sich selbst klar zu werden, die geboten wird und aufgrund dessen man dann etwas verändern kann?

Greene: Ja. Horoskop-Symbole können Bezug machen zum Menschen und können neue Perspektiven aufzeigen. Wenn Sie über mein Horoskop reden, können Sie etwas sagen, das mir richtig scheint und über das ich nachdenke. Schliesslich bin ich es aber selber, die Schlüsse und Konsequenzen daraus ziehen muss. Ausser-dem muss die Zeit dazu reif sein.

astrolog: Können Sie aber anhand eines Horoskopes einem Menschen den Weg dorthin zeigen, wo er sich selber finden kann?

Greene: Es kann geschehen, wenn jemand offen ist. Wenn natürlich jemand nur neugierig ist und etwas bewiesen oder bestätigt haben will, ist das allerdings kaum möglich. Aber wenn jemand offen ist, kann man bestimmt gewisse Punkte hervorheben und in bestimmte Richtungen weisen. Es geschieht ja oft in Horoskop-Besprechungen, dass etwas aufgeschlossen wird, das weiter verfolgt werden muss. Deshalb betone ich immer wieder diese Verantwortung, die der Astrologe hat: Wenn er nicht selber gleichzeitig psychologischer Berater ist, sollte er mindestens einige gute Therapeuten verschiedener Richtungen kennen, die den Menschen weiter betreuen können.

astrolog: Sie sind also nicht der Meinung, ein Astrologe sollte Psychologie studiert haben? Reicht es Ihrer Meinung nach, wenn er ein Mensch ist, der sich selber relativ gut kennt

und schon einen persönlichen Entwicklungsweg zurückgelegt hat und deshalb aus seiner Erfahrung den Blick des Klienten auf das Wesentliche richten kann?

Greene: Ich meine nicht, dass ein Astrologe Psychologie studiert haben muss. Eine absolute Forderung ist aber, dass er seine eigene Psyche gut kennt. Es ist genauso dumm, wenn ein Astrologe nur nach Büchern geht, wie wenn ein Psychiater meint arbeiten zu können, ohne selber eine Analyse durchgemacht zu haben. So kann man ja keine Ahnung haben, was man dem anderen antut, denn wir haben ja alle Phantasien, die wir projizieren.

astrolog: Viele Referenten haben ja an diesem Kongress auf die Gefahren der Projektionen hingewiesen und viele Astrologen -wissen nicht, wie damit umzugehen ist...

Greene: Wenn man sich selber nicht kennt, kann man nicht wissen, was man tut. Ein Beispiel: Ein Therapeut hat ein Problem mit Frauen, er ängstigt sich vor primitiven Frauen. Er wird gut arbeiten können, solange seine Klientinnen von der netten intellektuellen Sorte sind. Sobald aber eine Frau hereinkommt, die ihn zu stark an seine Mutter erinnert, dann wird er auf diese Seite seiner Klientin sehr kritisch reagieren, anstatt auf sie einzugehen wie sie ist. Und er weiss nicht einmal, dass er das tut. Wenn er sich nicht bewusst macht, dass diese Frau ein Problem in ihm angetippt hat, lädt er ihr sein ganzes Problem auch noch auf Es ist menschlich, das zu tun, aber in diesem Fall weiss er einfach nichts von seiner eigenen Psyche. Unsere Arbeit ist eine grosse Verantwortung und eine Aufforderung an uns, uns selber kennenzulernen. Und das müssen wir uns bewusst machen, es ist nicht nötig, gleich Psychiater zu werden.

astrolog: Dieser Kongress steht unter dem Thema Lebenshilfe. Glauben Sie, dass die Tendenz der Astrologie in dieser Richtung verläuft - transpersonale Psychologie usw.?

Greene: Ich sehe, dass ein grosser Teil der Astrologen in diese Richtung geht, innerhalb verschiedener Strömungen wie Jung'sche Psychologie oder transpersonale Psychologie etc. Ich weiss, dass in England immer mehr Astrologen ihr Metier als Werkzeug betrachten, mittels dessen der Sinn für das Zentrum - das transpersonale Zentrum oder das Selbst oder wie Sie es nennen -wollen - aktiviert werden kann, wo die Menschen merken, dass ein Sinn in ihrem Leben steckt. Ein anderer Teil der Astrologen, die sich aber nicht mit Beratungen beschäftigen, ist sehr forschungs-orientiert. Sie arbeiten darauf hin, dass die Astrologie von der Wissenschaft anerkannt wird. Im grossen Ganzen läuft die Entwicklung aber schon Richtung transpersonale Psychologie.

astrolog: Wirbt dieser Kongress nicht auch um Anerkennung der Astrologie?

Greene: Doch. Er verlangt Anerkennung der Astrologie von einem anderen Standpunkt aus. Astrologie als ein Mittel der Selbsterkenntnis.

astrolog: Da besteht offensichtlich auch eine Gefahr: der interessierte Laie oder Anfänger sieht sich mit einem Berg von Literatur konfrontiert, der verwirrend ist. Am Kongress betonen zwar alle Redner, dass es viel schlechte Literatur und determinierende Richtungen gebe in der Astrologie, keiner gibt aber konkrete Hinweise. So bleibt es scheinbar dem Zufall überlassen, ob man ein guter oder ein schlechter Astrologe wird.

Greene: Immer wenn eine Sache breiteres Interesse gewinnt, gibt es viele Leute, die an der Peripherie herumschnuppern und mit einem Halbwissen verheerend wirken. In der Astrologie ist es dabei wie in anderen Gebieten; es gibt z.B. auch nur wenige gute Ärzte, Architekten oder Psychologen. Man kann die Entwicklung deswegen nicht aufhalten. Mit der Zeit kommt auch das Eigentliche an, es besteht ja ein Bedürfnis nach einem gewissen Standard. Ein gutes Beispiel ist meiner Meinung nach die «Faculty of astrological studies»: da werden am Schluss der Studien Examen abgenommen und Diplome ausgestellt.

Gewisse Kompetenzstandards sind also gesetzt, und es spricht sich auch herum, dass es diplomierte Astrologen gibt.

astrolog: Ein Diplom beweist natürlich nicht, dass man ein guter Astrologe ist...

Greene: Nein, aber es ist ein Garant dafür, dass der Inhaber wenigstens gewisse Grundkenntnisse hat. Er mag nicht brillant sein, aber wenigstens kompetent. Ich glaube, dass das sehr wichtig und auch im Kommen ist -jedenfalls in England und den USA, wo ich die Entwicklung ein wenig kenne. Vielleicht ist die Situation vergleichbar mit der der Medizin im 18. Jahrhundert: jedermann konnte sich als Arzt ausgeben, und nur langsam wurden immer höhere Normen gesetzt, bis die heutige, strenge Ausbildung erreicht war. Wenn ich nun heute zu einem Arzt gehe, mag er zwar nicht der beste sein, aber wenigstens kann ich mich darauf verlassen, dass er mir den Kopf nicht absägt, um mich zu heilen.

astrolog: Man kann also vorläufig nur hoffen, dass der einzelne reif und verantwortungsvoll genug ist, selber zu wissen, wann er gut genug für die anderen ist.

Greene: Ja. Und ich glaube, je mehr Publicity diese verantwortungsvolle Art der Astrologie erhält - wie diesen Kongress zum Beispiel - desto mehr Leute werden ihre eigenen Vergleiche ziehen können. In London gibt es z.B. viele schlechte Astrologen, die in den Zeitungen Beratungen für vielleicht 2.£ offerieren. Sie haben aber bereits nicht mehr viele Klienten, weil die guten Leute immer bekannter werden und deshalb immer mehr Zulauf haben. Die Öffentlichkeit realisiert also langsam die Qualitätsunterschiede.

astrolog: Seit einiger Zeit werden immer mehr Kinder am Tag geboren und haben also die Sonne über dem Horizont. Das wird aber mit künstlichen Mitteln erreicht: Kaiserschnitt, Geburtseinleitung usw. Was ist davon aus astrologischer Sicht zu halten?

Greene: Ich weiss wirklich nicht, was ich davon halten soll. Es gibt natürlich Argumente auf beiden Seiten. Ich bin mit meinen Überlegungen so weit gediehen: Wenn man sehr pragmatisch oder zynisch ist und nicht an die Seele glaubt, dann ist das Horoskop einfach der Moment der Geburt - sei sie nun eingeleitet oder nicht, ein Kaiserschnitt oder eine natürliche Geburt. Das spielt dann alles keine Rolle. Wenn man aber ein Mensch ist, der an die Seele glaubt, der glaubt, dass eine Seele sich ihre Eltern und ihr Horoskop wählt, dann ist diese Seele sicher gescheit genug, den richtigen Arzt zu finden, der ihre Wahl realisiert ... Am Schluss kommt man zum selben Punkt: dass es keine Rolle spielt. Das ist eines dieser Themen, über die ich nachdenken und eine Meinung finden kann, aber wissen kann ich das nicht.

astrolog: Ein Referent am Kongress, Herr Dethlefsen, hatte damit gar keine Probleme. Er sagte einfach: alles ist Karma. Für mich bleibt da allerdings die Frage nach dem Warum immer noch bestehen.

Greene: Ich weiss nicht, ob wir darauf Antwort finden können, bevor jemand wirklich viele Horoskope solcher Menschen vergleicht und herausfindet, ob in ihnen irgendein Grad von grösseren Störungen vorliegt als in Horoskopen von natürlichen Geburten. Mein eigenes Gefühl ist, dass eine eingeleitete Geburt das Horoskop nicht falsch macht, sondern dass diese Geburten am Kollektiv etwas ändern: mehr Kinder werden mit der Sonne über dem Horizont geboren. Und die Sonne am Taghimmel weist auf jemanden, dessen Energien und Ziele sich auf die Welt richten, nicht nach innen. So ist anzunehmen, dass sich die kollektive Orientierung ändern wird und dass das schliesslich die Werte dieser Kultur und dieser Völker beeinflussen wird. Ein kollektiver Trend in dieser Art geschieht gewöhnlich, weil er nötig ist - ich würde das nicht Karma nennen. Aber ich glaube, dass das Kollektiv seine eigene Weisheit hat: Nichts erscheint in der Gesellschaft, ohne dass es durch das kollektive Unbewusste irgendwie hervorgerufen wurde. Weiter als bis hierher kann ich es nicht durchdenken – ich weiss einfach die Antwort nicht.

astrolog: Aber das Horoskop behält seinen Wert, auch in diesem Fall?

Greene: Ja, ich meine, dass es korrekt ist. Es hängt von den persönlichen theologischen oder philosophischen Haltungen ab, wie man das beurteilt. Ich habe keine Überzeugung zu der Frage, die stark genug wäre, d.h. es gibt einfach viele Sachen, über die ich nichts weiss, über Reinkarnation zum Beispiel.

astrolog: Glauben Sie nicht, Antworten auf diese Dinge finden zu können durch Beschäftigung damit?

Greene: Das geht in den Bereich des Glaubens, und damit kann ich nicht arbeiten. Ich persönlich glaube an Reinkarnation, aber es ist ein Glaube, und ich würde das nie gebrauchen, wenn ich ein Horoskop bespreche. Ich werde nichts an einen anderen Menschen weitergeben, von dem ich nichts weiss aus persönlicher Erfahrung, sonst dränge ich ja dem anderen mein Glaubenssystem auf. Mein Glaube, auch der Glaube an Gott, ist meine persönliche Sache, nicht die meiner Klienten, die an einen anderen Gott glauben mögen. Ich will es auch lieber mit den Menschen zu tun haben, wie sie jetzt sind in ihrem Leben. Alles andere wäre unfair.