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Titel Ausgabe 3



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Zurück Ausgabe 3 vom 23.08.1981 • Seite 4ohne Login!

• Mythologie

Mythologisches: Jupiter – Zeus

Fritz Gehre

Ich möchte diesmal den römischen Jupiter, den Gott der «glückhaften Sieger», wie er beispielsweise als Statue zwischen Diokletian und Maximus dargestellt wird, mythologisch vom griechischen Zeus aus beleuchten. «Mythoi legein» (griech.) heisst «Geschichten erzählen», und so sollen diese aus den Bildern der griechischen Mythologie kommenden Geschichten innerlich in uns eine Resonanz erwek-ken und heraufhören lassen, was die Götter eigentlich bedeuteten. Über 3 Stufen können wir uns Zeus/Jupiter nähern: Zunächst ist in ihm die persönliche Freiheit, die sodann als Idee uns geistig erhellt und zuletzt zur Weitergabe an andere ausgeformt wird.

Die Freiheit

Wie soll ich beginnen? Damit, dass am Anfang die Nacht war, die Göttin Nyx, vor der selbst Zeus eine heilige Furcht empfand - oder mit dem Chaos, dem leeren «Gähnen», das noch keine Gottheit war, vielmehr nur das, was von einem leeren Ei übrig bleibt, wenn man die Schale wegnimmt? Nehmen wir den Faden auf mit der Geburt von Zeus - die von Kronos nicht bemerkt werden soll - sei es in der schützenden Höhle des bewaldeten Berges Aigaion oder, wie eine andere Geschichte erzählt, auf dem Berg Lykaion in einer Wiege, am Zweig eines Baumes, damit das Kind weder im Himmel noch auf der Erde zu finden sei. Auch im weiteren Verlauf ist es immer Zeus, der das «Alte», Kronos, besiegt, der ihn mit Honig berauscht, ihn fesselt und die gesammelten Kinder aus seinem Bauch befreit, nachdem er, getäuscht, einen Stein in Windeln gewickelt hinunterschluckt, in der Meinung, dies sei Zeus, sein Sohn, gewesen. Auch befreit er die gefesselten Brüder und Schwestern von Kronos und erhält von diesen, den Kyklopen, aus Dankbarkeit Donner und Blitz als Zeichen seiner Macht Sodann trägt Zeus seinen Vater Kronos nach den Titanenkämpfen an den Rand der Welt, wo er fortan auf den «Inseln der Seligen» in einem Turm wohnt.

Was soll uns diese Geschichte sagen? Wir können darin das Freiwerden sehen von der belastenden Angst, das Hinauswachsen ins Helle aus der dunklen Höhle der Mutter! Hilfe dabei ist der goldgelbe Honig, der als sanfte und milde Götterspeise aus Nektar und Ambrosia unsterblich macht und darum berauscht (Wein, das Symbol des Blutes von Dionysos, gab es damals noch nicht!). Donner und Blitz kommen gleich dem strafenden Gott des Feuers, einem Gott, der zugleich befruchtend sein kann und erleuchtend. Und der Turm schliesslich, als Ort der Abgeschiedenheit am Rande der Welt, wo Kronos ist und beobachtet, der Turm entspricht dem letzten Planeten, dem Saturn. So sind viele, nur symbolisch zu verstehende Bilder in den Göttererzählungen eingeschlossen; doch gehen wir weiter und sehen uns das Zeichen für den Planeten Jupiter an: es ist die offene Schale und das Kreuz, wo das, was empfangen wird, sich sogleich auch verwirklicht. So vergrössert Jupiter den Horizont, ob in Schütze oder im 9. Haus, und er heilt, nach innen gehend, im 12. Haus oder im Zeichen Fische Wunden und alles, was krank ist. Von beiden Seiten wird Saturn im 10. und 11, Haus von Jupiter umschlossen, oder auch in seiner Härte geöffnet und damit erlöst. In der Vielzahl der gefesselten und befreiten Geschwister drückt sich die Grosse der eigenen Freiheit aus, als Bild für eine quantitative Ausdehnung, die nur aus einer qualitativen, einer persönlichen Kraft entstehen kann!

Die Idee

Ideen sind geistige Bilder, sind das «lebensbejahende Glück» - und wie oft wird Jupiter ganz einfach als Glücksplanet bezeichnet (gleich Saturn als dem grossen Unglück). Sie, die Ideen, beinhalten Wahrheit, die entstanden ist aus dem Glauben an sie. Nun zur Mythologie: In Kleinasien war Zeus der Gegner des Drachen Typhon -halb Mensch, halb Tier - den Hera geboren hatte. Zeus schlug ihn aus der Ferne mit Blitzen, aus der Nähe mit einer stählernen Sichel. Als der Drache verwundet war, liess Zeus sich auf ein Handgemenge ein. Da nahm Typhon ihm die Sichel und schnitt ihm die Hand- und Fussehnen heraus und bewahrte sie bei sich. Mit geflügelten Pferden verfolgte Zeus den Drachen und schleuderte ihn auf den Berg Aetna. Dieser speit heute noch die Blitze, die Zeus dabei auf den Drachen hatte fallen lassen. Die Sehnen bekam er wieder von einem verkleideten Hirten, der sie seinerseits mit List dem Drachen Typhon abgenommen hatte, indem er vorgab, daraus eine Leier machen zu wollen.

Was soll das aussagen? Drachen als «Mischwesen» bedeuten immer gottfeindliche Urmächte, die überwunden werden müssen; mit Recht sieht CG. Jung in den Drachenkämpfen den Kampf zwischen dem Ich und den regressiven Kräften des Unbewussten.

Für mich wird das «geistig Helle», die «Idee», von den unbewussten Kräften des Drachens befruchtet und damit unsterblich. Denn so wie im Bilde des Schützen wird der Mensch sich immer mehr lösen von dem Tier (in dem Fall vom Pferde), wird hineinwachsen in seinen eigenen Geist! In dem immer näher, unmittelbarer werdenden Kampf bedeutet die Sichel, der Halbmond, Zeit und Tod, den Schnitter, bedeutet Erneuerung und Wiedergeburt. Die abgeschnittenen Sehnen schalten den Kampf aus, lassen die List entstehen und wandeln um zur Musik, zum Hinhören in eine andere Berauschung. Vielleicht sind die geflügelten Pferde nach dem Abheben vom Boden die Idee selbst, die die Musik in sich schliesst, -wie im Zeichen der Fische? Und ebenso kann es sein, dass der feuerspeiende Berg das Festgefügte erschüttert und den Kampf gleichsam nach innen verlegt...

Wir brauchen es gar nicht zu wissen, wir sollen ganz einfach nur lesen in dieser Welt der Götter und Symbole, mit offenem Herzen. Dann wird uns hell und bewusst, dass wir den eigenen Glauben, die persönliche geistige Kraft niemals kampflos erfahren! Nicht umsonst steht Schütze im Indi-vidualraum und kommt aus dem sich wandelnden Zeichen Skorpion, und nicht umsonst geht Fische hinein in das Ich, das uns zu eigen wird, wenn es das Fremde in seiner Darstellung in Wassermann erkannt und in sich erfahren hat.

Wichtig erscheint mir für die geistige Welt der Ideen auch, wie das Kind Zeus ernährt wurde, denn dieses wurde in den Erzählungen ebenso wichtig genommen. Die Töchter des kretischen Königs Meliseus nährten es mit Honig, der von den «Bienen» kommt - und es gab eine Geschichte, in der Bienen Ammen des Zeus waren. Die Biene ist nicht nur Fleiss und Reinheit und in diesen Tugenden ein priesterliches Tier; zugleich ist die Biene ein Symbol für Tod und Auferstehung, da sie im Winter zu sterben scheint. Ich will damit sprechen von der Reinheit des Geistes, die als Idee den Tod überwindet und gleichsam wie die Biene vom Duft der Blüten, vom «Duft» des Überirdischen lebt.

Das Weitergeben

Zum eingehenderen Verständnis sei erwähnt, dass die von Jupiter beherrschten Zeichen Schütze und Fische entsprechend dem 9. und 12. Haus in das dritte Kreuz, das veränderliche, gehören; ebenso die von Merkur beherrschten Zeichen Zwillinge und Jungfrau. Es ist das Kontakt-Kreuz, ein Kreuz der Information und damit des bewussten Weitergebens, der Mitteilung an andere. Im symbolischen Bild von Jupiter und Merkur ist es der Halbkreis, der wie der Mond auf den Kontakt hinweist.

Weitergeben bedeutet Verbindung, und die wichtigste unter seinen vielen Bindungen ist für Zeus diejenige mit Hera. Abgesehen vom Liebeszauber, von der Einschläferung des Zeus, sind es Geschenke wie die Goldenen Äpfel der Hesperiden, von Gaia, der Erde. Weitergegeben wird in diesem Geschenk die Fruchtbarkeit des Apfels und, wegen dessen Kugelgestalt, auch die Ewigkeit, die Unsterblichkeit. Oder: Bei der Hochzeit des Zeus mit Mnemosyne wird von neun Töchtern erzählt, den neun Musen, die an nichts anderes dachten als an Gesang. Diese Musen waren an der Spitze des schneebedeckten Olymp geboren und hatten dort ihre Tanzplätze; da entstand der unsterbliche Gesang als Ausdruck der Lebensfreude, die verkündet und weitergegeben wird. Es Hesse sich vieles sagen darüber, und es fällt mir schwer, nur andeutungsweise einiges gleichsam herauszuziehen – ich verweise auf Kerenyis «Mythologie der Griechen».

Schliesslich möchte ich auf die Vereinigung von Zeus mit Nemesis, der Göttin des gerechten Zorns, hinweisen, nachdem diese sich in eine Gans verwandelt und Zeus die Gestalt eines weissen Schwanes angenommen hatte. Nemesis «gebar» ein Ei, aus dem die schöne Helena hervortrat. Somit braucht Zeus in Nemesis den gerechten Zorn, und als männlicher Schwan ist er das Symbol des Lichtes sowie der Fähigkeit, wahrzusagen. Die Gans, in Rom der Göttin Juno geweiht, ist das Symbol der Liebe, aber auch der Wachsamkeit. Das Ei, der Keim des Lebens, bezieht sich auf die Gans, als Welten-Ei, als Uranfang aller schöpferischen Kräfte. Ein anderes Weitergeben kann im «unentwirrbaren Knoten» gesehen werden, in der Umarmung von zwei Schlangen, die die verwandelte Rhea und Zeus waren. Das Symbol der Schlange, der heilige und heilende Stab des Asklepios, bedeutet, mit dem Kopf nach unten, Verführung, mit aufrecht gerichtetem Kopf aber Erkenntnis. Vieles wäre noch zu sagen, doch möchte ich zum Schluss nur betonen, dass geistige Kraft ausschliesslich weitergegeben werden darf, wenn sie erneuert und gleichsam wiedergeboren, aus sich selbst, aus der eigenen Tiefe heraufkommt!