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Titel Ausgabe 3



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Zurück Ausgabe 3 vom 23.08.1981 • Seite 20ohne Login!

• Astrologie & Philosophie

Was will der Wassermann

Zoltan Szabo

Alle Welt redet vom Wassermann-Zeitalter. Diejenigen, die es genau wissen wollen, streiten unaufhörlich über die genaue Datierung seines Beginns, als ob es wichtig wäre, ob ein Zeitalter von 2000 Jahren an einem Dienstag oder etwa schon am Montag zuvor beginnt! Wohlan, der Streit bringt gar nichts. Der Wassermann ist schon da, wir alle spüren, dass wir in einer Übergangszeit leben. Doch was will uns die neue Zeit sagen? Uns allen im allgemeinen und speziell dem Astrologen?

Vielleicht war die Entdeckung des Uranus das erste Zeichen. Immerhin herrscht er im Wassermann, und kurz nach seiner Entdeckung brach die französische Revolution aus. Die moderne Zeit begann: Der Anbruch des industriellen Zeitalters in Europa bewirkte eine grundlegende Verände-

rung der Technik, die Wandlung in der gesellschaftlichen Struktur setzte nicht minder radikal ein. Das erste Mal in der europäischen Geschichte kamen Menschen massenweise auf die Idee, dass sie gleich sind, und dass sie die gleichen Rechte haben könnten. Dies ist typisch für Wassermann, denn er ist ein Demokrat. Heute, nach 200 Jahren, ist es klar, dass die Demokratie auf der Erde nicht mehr aufzuhalten ist. Gerade die Astrologen müssten sich darüber im klaren sein und ihre Astrologie entsprechend betreiben, denn Uranus ist ihr Planet.

Was ist nun eine Wassermann-Astrologie, und wie müsste der Wassermann-Astrologe sein? An eine Antwort können wir uns nur herantasten, indem wir Rückschau halten in der langen Astrologiegeschichte.

Die Astrologie ist uralt. Sie hat Tausende von Jahren überdauert, weil sie zweifellos auf universalen und zeitlosen Grundlagen beruht. Verändert hat sich nur die Form, jede Epoche brachte ihre eigene Astrologie hervor.

In alten Zeiten war die Astrologie Priesterweisheit. Der Priester-Heiler war eine »Mana-Persönlichkeit«, ein Stellvertreter Gottes auf Erden, ein Medium, der - ähnlich dem Gott-König - den Willen Gottes auf Erden vertrat und vermittelte. Er stellte die Verwirklichung überpersönlicher Kräfte dar, und war somit für seine Tätigkeit nicht persönlich verantwortlich. Ob er nun hochgeachtet oder geköpft wurde; nicht er persönlich, sondern seine halbgöttliche Stellung war damit immer gemeint.

Die Ausübung der göttlichen Macht war sicherlich schon damals eine grosse Versuchung für den Priester-Astrologen, und manche mögen dieser Versuchung erlegen sein. Der Missbrauch der Macht wurde im Mittelalter, insbesondere im späten Mittelalter und zum Beginn der Neuzeit besonders deutlich. Es war dies die Zeit, als das Individuum mit seinem Ich-Bewusstsein »entdeckt« wurde, und das Selbstverständnis des Einzelnen das Wir-Gefühl der Vergangenheit auf kollektiver Ebene langsam abzulösen begann. Zu dieser Zeit wimmelte es nur so von fahrenden Astrologen, die da geheimnisumwittert durch die Lande zogen. Den göttlichen Eingebungen längst verlorengegangen, verkündeten sie lauthals Schicksal, Unglück und Glück, letzteres meistens für sich selbst, indem sie dem staunenden Volke die letzten Taler aus der Tasche zogen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren sie keine Priester-Heiler mehr, Geschäft und Habgier waren ihre treibende Kraft.

Diese Gefahr, die überpersönliche Macht des Wissens für persönliche Bereicherung - sei es für Geld oder aus Machtgelüsten – zu missbrauchen, besteht auch für den heutigen Astrologen. Und nicht nur für ihn. Priester, Ärzte, Therapeuten, Berater, Lehrer, überhaupt alle Berufsvertreter, die anderen Menschen helfen sollten, weil diese von ihnen aufgrund der Stellung Hilfe erwarten, unterliegen dieser-Versuchung. Es ist sehr fraglich, ob der praktische Arzt um die Ecke mit seinen 50 Kassenpatienten am Tag den eigentlich gebotenen göttlichen Kontakt zur Heilung herzustellen vermag! Er wird wohl nur Tabletten verschreiben können, sein Patient sieht in ihm aber immer noch den mächtigen Medizinmann, wenn auch die Ärzte in letzter Zeit grosse Schwierigkeiten mit ihrem Berufsbild haben.

Was wird nun der heutige Astrologe tun, wenn sein Kunde bei ihm die Zukunft für bare Münze einkaufen will? Der Kunde hat ein Problem und kommt zum grossen Sternkundigen, damit dieser des Rätsels Lösung aus den Sternen liest. Kann ihm der Astrologe wirklich helfen oder wird er sich nur aufspielen, seine Machtbedürfnisse befriedigen, seine eigenen Probleme ins Horoskop des Kunden projizieren und als Krönung das Geld des Hilfesuchenden einstecken? Er wird sicher nicht helfen können, wenn er orakelt, er kann aber wahrscheinlich helfen, wenn er bescheiden berät.

Warum bescheiden? Es ist eine unum-stössliche Tatsache, dass kein Mensch einem anderen über seinen eigenen Entwicklungsstand hinaus helfen kann. Wo steht nun der beratende Astrologe? Lebt er seine Astrologie, oder ist er in eine intellektuelle Falle geraten, indem er über seine Wahrheiten nur redet? In diesem Fall wird er keinem Menschen helfen können, er ist einfach anmassend und unverantwortlich. Versucht er aber seine Erkenntnisse für sein eigenes Leben anzuwenden, so wird er glaubhaft, erst jetzt kommt er in die Lage, dem anderen wirklich zu helfen, und da er am eigenen Leibe spürt, wie schwer es ist, theoretische Wahrheiten zu leben, wird er verständnisvoll und bescheiden sein. Dies wäre dann die Basis für die astrologische Beratung.

Damit sind wir schon bei der Beantwortung der anfangs gestellten Frage: Was ist ein Wassermann-Astrologe? Erstens muss er sich bei seiner Arbeit die Eigenschaften des Tierkreiszeichens Wassermann zu eigen machen, und zweitens muss er bei seiner Arbeit

vor allem uranisch vorgehen. Es scheint so, dass der Wassermann einsame Helden nicht so recht mag. Zwar selber ein Held, möchte er als Demokrat alle zu Helden machen. Dann gibt es keine Helden mehr, sondern die gesamte Menschheit wäre auf ihrem langen Weg einen Schritt weitergekommen.

Was heisst das für die astrologische Praxis? Wenn der Berater und sein Klient gleichwertige Partner sind, wird ersterer gar nicht erst versuchen, wie eine Sibylle zu orakeln, die Zukunft vorauszusagen, Gut und Böse zu verkünden, Schicksal zu spielen. Es ist eine Tatsache, dass er mehr Wissen und Erfahrung auf astrologischem Gebiet besitzt als sein Kunde. So wird er also versuchen, anhand des Horos-kopes sein Wissen und seine Erfahrung dem Klienten mitzuteilen, damit dieser sich dann selbst helfen oder heilen kann. Kurzum: Er betreibt psychologische Beratung mit der speziellen Technik der Astrologie.

Die Idee der »Hilfe zur Selbsthilfe« oder der »Selbstheilung« ist nicht nur in der Astrologie aktuell, alle helfenden und heilenden Berufe sind mit dieser Frage stark konfrontiert – hier ist der Wassermann am Werk!

Wenden wir uns kurz der Psychologie zu. Über die akademische Psychologie, wie sie an den Universitäten fast aus-schliesslich gelehrt wird, braucht man nicht allzu viele Worte zu verlieren, denn sie enthüllt nur statistische Wahrheiten über das Kollektiv, und ist niemals in der Lage, das Individuum zu erfassen. Es ist ein schlechter Witz, dass der frischgebackene Diplompsychologe so gut wie nichts über die Seele weiss, oft bezweifelt er ja, dass so etwas wie die Seele überhaupt existiert.

Die Tiefenpsychologie, die bezeichnenderweise ausserhalb der Universität wächst und gedeiht, ist die Psychologie, die uns Astrologen zu beschäftigen hat. Ihre Geschichte ist recht jung, kaum an die 100 Jahre, und der Grund dafür ist ebenfalls der Wassermann. Nur dann, wenn jeder Mensch das Recht auf sein eigenes Leben hat, wenn wir also etwa von Menschenrechten reden können und dürfen, erst dann hat der Mensch das Recht auf seine Seele und ihre Entwicklung. Dies ist noch nicht so lange der Fall, und wir sind erst am Anfang dieses an sich selbstverständlichen Bewusstseins.

Die Tiefenpsychologie begann ihre ersten Gehversuche in Richtung Analyse. Das war richtig und notwendig, denn um etwas zu verstehen, muss man es in seine Teile auseinandernehmen. Die Psychoanalyse oder auch die Analytische Psychologie arbeiten in erster Linie nach dem merkurischen Prinzip: Die Erkenntnis der - meist in der Vergangenheit begründeten - seelischen Zusammenhänge bewirkt die Auflockerung und Neugestaltung dieser seelischen Mechanismen. Die verwendete Therapieform ist das Gespräch. Doch sehr früh schon, in der von C. G. Jung begründeten Analytischen Psychologie, hat man erkannt, dass die Aufdeckung der innerseelisch verankerten Vergangenheit nicht automatisch zur Gesundung führen muss. Jung verwies auf die Notwendigkeit des Sinnes im menschlichen Leben, und dies ist definitionsgemäss zukunftsgerichtet.

Seit einigen Jahrzehnten haben wir die Humanistische Psychologie. Sie ist ein junger Baum im bunten Garten der Psychologen, noch nicht eindeutig, eine Hybride, die jedoch eindeutig Wassermann-Züge trägt. Im Gegensatz zu den analytischen Richtungen, geht die Humanistische Psychologie vom gesunden Menschen aus, sie sieht den Menschen positiv und optimistisch, und versucht, den Menschen durch Synthese seiner Fähigkeiten zu mehr Vollständigkeit zu verhelfen. Die Humanistische Psychologie hat viele verschiedene Therapieformen entwickelt, die durch Einbeziehung des Körpers, der Seele und des Geistes den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen versuchen.

Die Astrologie (und insbesondere unser Wassermann-Astrologe) hat von der Humanistischen Psychologie sehr viel zu lernen. Vor allem die Kenntnis der verschiedenen Therapieformen

kann von unschätzbarem Nutzen sein, denn es ist kein Geheimnis, dass die Astrologie keine eigenständige Therapieform besitzt.

Es ist nun keineswegs so, dass wir Astrologen von den Psychologen zu lernen haben, und wir unsererseits nichts anzubieten hätten, was die Kollegen Psychologen ohnehin schon haben. Uranus ist der Planet der Astrologen, und das nicht von ungefähr. In der Astrologischen Psychologie bedeutet Uranus schöpferische Intelligenz. Es ist die Intuition, die in der Lage ist, aus den Urgründen zu schöpfen, Einsichten und Erkenntnisse ohne den logischen und mühseligen Weg des Merkur zutage zu fördern.

Das Horoskop ist ein ausgezeichnetes Mittel, um Intuition zu lernen. Am Anfang steht Merkur. Ich muss die unzähligen astrologischen Regeln lernen, ich muss sie kombinieren können, immer wieder neu, bei jedem Horoskop anders. Doch eines Tages fängt das Horoskop an zu sprechen. Was ich dann weiss, verdanke ich Uranus, der Intuition.

Ich kenne sonst kein psychologisches Diagnoseinstrument, das so schnell, umfassend, zuverlässig und objektiv arbeitet, wie das Horoskop, und schon gar keins, das sich die Intuition so fruchtbar zunutze machen kann.

Es sieht so aus, dass Atrologie und Psychologie eine beiderseits zu beglückwünschende Verbindung, um nicht zu sagen, eine beglückende Ehe, eingehen könnten, falls die uranischen Eigenschaften einerseits und die weit-offenen, optimistischen Wassermanneigenschaften andererseits miteinander verbunden und gepflegt werden. Herr Wassermann (und Frau Wasserfrau) werden sich freuen – die nächsten 2000 Jahre gehören ihnen ohnehin.

Es ist besser, auch nur eine einzige

Kerze anzuzünden, als die Finsternis

China, unbekannt