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Titel Ausgabe 4



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Zurück Ausgabe 4 vom 23.10.1981 • Seite 3ohne Login!

• Grundwissen

Das Familienmodell, Teil 1

Bruno Huber

Eine neue Deutungsmöglichkeit im Horoskop

Eines der Probleme, die mich als Psychologe lange Zeit nicht zur Ruhe kommen ließ, war die Fragestellung: wie kann man aus dem Horoskop psychologisch brauchbare Aussagen über Vater- und Mutterbindungen, bzw. entsprechende Komplexe machen?

Die Frage scheint zunächst aus astrologischer Sicht einfach zu beantworten, sind doch nach Ansicht der meisten Astrologen in der Fachliteratur genügend Deutungshinweise vorhanden. Wenn man allerdings als praktizierender Therapeut damit arbeiten will, so kommt man in ordentliche Begriffsunschärfen hinein.

Schon der Vergleich einiger verschiedener Quellen zeigt sehr schnell, dass etwa der Vater in manchen Büchern mit der Sonne, in anderen Werken – oder in denselben an anderer Stelle – z. B. mit dem Saturn oder auch mit dem zehnten Haus identifiziert wird.

Auch wenn man – wie G.G. Jung es selbst versucht hat – im Horoskop nach ANIMA und ANIMUS Ausschau hält, kommt man zwar mit den astrologischen Regeln zu einem Resultat. Aber das so entstandene Bild hält einer sorgfältigen psychologischen Überprüfung an der menschlichen Wirklichkeit (Tests, analytische Gespräche, freies Assoziieren, etc.) nicht stand.

Aus der Enttäuschung heraus, die mir das astrologische Deutungsmaterial in diesem Bereich brachte, unternahm ich dann vor etwa fünfzehn Jahren eine grössere Untersuchung, die schliesslich allerhand zutage förderte. Im folgenden die wichtigsten Punkte:

1. Nicht nur die Personen, die dem Kind gegenüber die Vater- und Mutterrolle ausgeübt haben, sind im Horoskop definierbar. Sondern auch die ROLLE DES KINDES, die der Horoskopeigner in seiner Kindheitsumgebung gespielt hat.

2. Rückschlüsse über die Person des VATERS, bzw. stellvertretender Figuren, lassen sich aus der Stellung der SONNE (besonders in den Häusern) ziehen.

3. Die MUTTERFIGUR, bzw. Rolle ist nicht aus der Mondstellung abzuleiten, sondern aus der Lagerung des SATURN im Horoskop (siehe weiter unten).

4. Das KIND schliesslich ist im MONDSTAND ablesbar.

5. Auch die BEZIEHUNG des Kindes zu den beiden ELTERN und der beiden Eltern zueinander, wie sie das Kind subjektiv erlebt hat, ist in der Aspektierung der drei Hauptplaneten (Sonne – Mond – Saturn) untereinander ablesbar.

6. Ausserdem wird in der Lagerung dieser Planeten im Häusersystem eine HIERARCHISCHE ORDNUNG der Familie sichtbar. (Wer hatte wirklich das Sagen in der Familie?)

Ich weiss natürlich sehr gut, dass besonders die Feststellung Nr. 3 von der etablierten Astrologie abgelehnt wird. Und das hat wohl zwei Gründe:

Zum ersten gibt es in der gesamten erreichbaren Literatur bis zurück zu den griechischen Quellen keinen einzigen Autoren, der nicht den Mond als Mutter definiert hätte.

Und zum zweiten widerstrebt es den meisten Astrologen, den «widerlichen Bösewicht Saturn» mit der sanften und liebevollen Figur der Frau und Mutter identifiziert zu sehen.

Das letztere ist wohl verständlich – aber mindestens zum Teil ein Irrtum. Denn von «Frau» kann im Zusammenhang mit Saturn nur bedingt gesprochen werden. Die Frau als geschlechtliches Wesen ist im Horoskop als Venus dargestellt (nicht als Mond!). Demgegenüber hat der Saturn etwas ausgesprochen a-sexuelles an sich. Die Mutterrolle beinhaltet in erster Linie Schutz, Ernährung, Pflege und Belehrung des Kindes. Es lässt sich sehr leicht an jeder Frau, die Mutter wird, beobachten, dass sie für eine gewisse Zeit recht unerotisch wird. Darüber beklagen sich übrigens die Männer schon so lange, wie es die Menschheit gibt. Es ist jedem Psychologen bekannt, wie oft die sexuelle Frustration «neuer» Väter zu den ersten «Ausflügen» Anlass gibt. Viele Männer verkraften es offensichtlich nicht so leicht, wenn ihre angebetete Venus plötzlich zum Saturn wird.

Und nochmals zum «Bösewicht» Saturn: Ich meine, dass es langsam Zeit wird in der Astrologie, den Begriff des «Übeltäters» aus unserem Wortschatz zu streichen. Aus psychologischer Sicht ist er schlechthin unhaltbar!

Die Schwarzmalerei um Saturn gibt es erst seit der spätgriechischen Zeit. Manilius ist meines Wissens der erste Autor, der so negativ formuliert. Auch den Mond als Mutter haben wir den lieben Griechen zu verdanken. Vorher – z. B. bei den Babyloniern, die ja die Väter und Mütter unserer Astrologie sind - finden wir die Definition des Mutterprinzips, der Ur-Mütter bei Saturn. Er (oder müsste man jetzt sagen «sie»?) ist auch die Erde, das Irdische und das Fruchtbarkeitssymbol, das Trächtige, etc.

Der Mond hingegen ist die empfängliche Seele, das ewig sich Wandelnde, Wachsende und Vergehende. Es ist eigentlich erstaunlich, dass wir bei unserer Monddefinition Empfänglichkeit und Fruchtbarkeit nicht auseinanderhalten können – die Babylonier taten es!

Die Frau ist fruchtbar, der Mann ist potent; und beide sind empfänglich – nämlich für die Liebe, die sie zusammenbringt. Der Mond ist das Kontaktsuchende in uns Menschen. Seine Fähigkeit ist die Sensitivität für das Du, und diese Empfänglichkeit hat kein Geschlecht. In der Erotik des Mondes suchen wir nicht das sexuelle Erleben, sondern den Menschen, der liebt, der uns Vertrauen, Verständnis, Zuwendung und Zärtlichkeit ohrie Bedingungen zu geben bereit ist.

Genau das ist es, was wir als Kleinkind das erstemal an der Mutter erleben. Der Mond ist also auch das Muttersuchende, das erste Liebeserlebnis mit ihr – aber nicht etwa die Mutter selbst!

Natürlich ist jeder Säugling in den ersten Lebensmonaten mit seiner Mutter vollständig identifiziert. Er hat noch kein individuelles Bewusstsein, und ist in seinen gesamten Lebensfunktionen von der Mutter abhängig. Das könnte man astrologisch so formulieren: Der Mond ist in exakter Konjunktion mit dem Saturn. Dieser Zustand dauert aber nicht an -und das soll er auch von der Natur aus nicht. Das Kind muss seine eigenen Lebensfunktionen entwickeln, um dadurch lebensfähig zu werden. Und dabei muss ihm die Mutter behilflich sein. Das ist ihre eigentliche Funktion. Und gerade darum ist es so schwierig, eine gute Mutter zu sein. Denn die Neigung, das Kind in irgendeinem Grade der Abhängigkeit von sich zu behalten, ist nun mal ein starker menschlicher Zug - übrigens nicht nur bei Frauen!

Alle Aspekte zwischen dem Mond und entweder Saturn oder Sonne zeigen eine solche Elternabhängigkeit an (Mutterbindung; Vaterbindung), die natürlich je nach Art des Aspektes in ihrer Qualität variiert. Ausserdem wirken sich eine Mutter- resp. Vaterbindung sehr verschieden aus.

Alle Mond-Saturn-Aspekte z. B. erschweren die Ablösung vom Elternhaus, zeigen eine Minderung der Risikofreudigkeit im Leben an, und bringen eine übermässige Besorgtheit um die eigene, körperliche Sicherheit und Gesundheit. Der Mangel an Urvertrauen wird meistens durch das Bemühen kompensiert, sich im Leben eine «Heile Welt» aufzubauen. Demgegenüber sind Mond-Sonne-Aspekte (Vaterbindung) in unserer heutigen Gesellschaft scheinbar keine hemmenden Funktionen. Weil unsere patriarchale Kultur die Expansionsund Leistungszwänge, die von Aspektierungen ausgehen, positiv wertet – und sie also durch Erfolgserlebnisse belohnt. Damit werden Autoritätsgläubigkeit und ihre Kompensationsformen wie Erfolgs- und Wettbewerbsdenken, und Aggressionsbereitschaft zur Konfliktlösung oft zu zentralen Antrieben.

Damit komme ich zu einem weiteren, wichtigen Betrachtungspunkt in unserem Thema: Das Familienmodell ist durch eine lange Entwicklungsgeschichte gegangen. Oder, umgekehrt formuliert, hat es durch die sich verändernde gesellschaftliche Wertung grosse Entwicklungen in der Geschichte hervorgerufen.

Man kann - aus astrologischer Sicht -die Kulturgeschichte der Menschheit bis heute in drei grosse Perioden einteilen. (Die Frühgeschichte müssen wir hier ausklammern, weil wir über ihre Gesellschaftsformen zuwenig wissen.

1. DIE NOMADISCHEN Frühkulturen (z.B. die Kelten und die nordamerikanischen Indianer).

2. DIE MATRIARCHALEN frühen Hochkulturen (Stadtstaaten) wie etwa die chaldäisch-babylonische oder die Azteken, Mayas und Inkas.

3. DIE PATRIARCHALEN, nationenbildenden (Gross-)Reichskulturen der Antike und Moderne (wie Rom, Byzanz und die heutigen).

Diese drei Kulturformen - sie existieren alle heute noch - kann man astrologisch dem Familienmodell zuordnen:

Die NOMADISCHE KULTUR ist die kindlich-bewegliche, die man dem MOND zuschreiben kann. Spezifisch an ihr ist das unstete Herumwandern. Nomaden sind nicht ortsgebunden, sondern folgen den jeweils besten Existenzmöglichkeiten. Weder bauen sie feste Wohnstätten, noch kultivieren sie den Boden. Vorausplanung und Vorratshaltung sind wenig ausgeprägt. Besitz beschränkt sich auf tragbares Gut. Wegen diesen Voraussetzungen hinterlassen sie wenie geschichtliche Spuren, und deshalb wissen wir im allgemeinen nur Spärliches über sie (Beispiel: Kelten). Ihre religiöse Vorstellungswelt ist mit Naturgeistern erfüllt (Theurgie, Voodoo, Fetischismus, etc.), und transzendentale Gott-Konzepte sind selten. Sagen und Märchen entstammen diesem geistigen Raum. Deshalb entsprechen sie der Phantasiewelt auch des heutigen Kindes. Denn jedes Kind läuft ja in seiner Entwicklung «im Schnellauf» durch alle wichtigen geschichtlichen Kulturstufen der Menschheit.

Die MATRIARCHALEN KULTUREN entstanden ursprünglich aus der Inbesitznahme von Land durch sesshaft werdende Kollektive. Die typischen frühkulturellen Stadtstaaten waren Inseln in nomadischem Freiland. Sie mussten, um bestehen zu können, Land abgrenzen, einfrieden, ja zumauern (Stadtmauern). Sie bebauten das umliegende Land, und fuhren die Ernten als Vorräte in ihre Scheunen. Dadurch wurden sie von Jagdglück und Klimaschwankungen unabhängiger. Begriffe wie BESITZ, ORDNUNG und ANPASSUNG wurden für die Gemeinschaft lebenswichtig. Nur das Überleben des Kollektivs war bedeutend. Der Einzelne zählte nicht, ausser in seiner Funktion als Teil einer Kaste oder eines Standes in der hierarchischen Ordnung des Staates. Das galt auch für die obersten Schichten (Priesterschaft, Königtum). Jeder wurde durch seine Herkunft in eine Schicht, und damit in eine berufliche Spezialität hineingeboren (Standes- und Dynastie-Denken).

Erst diese Kultur entwickelte die Schrift, und damit Gemeinschaftsgedächtnis und kulturelle Hinterlassenschaft. Der Sammelplatz aller Strebungen war das religiöse Leben, dem sich alles zu- und unterordnete. Die polytheistische Götterwelt war ein Abbild des hierarchisch strikte geordneten Gemeinschaftslebens.

In dieser Kulturstufe entstand die Grundstruktur der heutigen Astrologie - allerdings in Form der Omen-Astrologie, die nur für das Voraussagen der kollektiven Zukunft verwendet wurde.

In matriarchalen (mütterlichen) Kulturen ist alles auf Abgrenzung, Sicherung und Erhaltung ausgerichtet, also SATURN. Deshalb haben sie auch oft Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überdauert (Ägypten, China).

Die ersten PATRIARCHALEN KULTUREN entstanden um 1000 vor Christus. Ihre wohl typischsten Eigenschaften sind ihr dynamisches Expansionsbedürfnis und ihr Individualismus. Das entspricht ganz und gar dem SONNENPRINZIP. «Freie Bahn dem Tüchtigen» ist das hier geltende Schlagwort, oder wie wir es heute gern formulieren: «Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott» (Oligarchie = Herrschaft der Fähigsten). Der König, der Führer, der Meister, der Vater werden zur Leitlinie menschlichen Strebens. Die individuelle Anstrengung sich zu profilieren, ist eine männliche Eigenschaft. Dabei wird zu leicht vergessen, dass in allen Menschen beide geschlechtlichen Qualitäten vorhanden sind.

Geschichtlich geschah das, indem die patriarchalen (damals noch primitiven und kleinen) Nationen aggressiv gegen die festgefügten matriarchalen Hochburgen vorgingen, und ihnen ein männlich-väterliches Regime oktroyierten. Menschlich wurde die Frau damit zum zweitrangigen Wesen, das nur als Gefährtin des Mannes Überlebenschancen hat, gemacht. Das hat sich auch in der Astrologie niedergeschlagen.

Dem sonnenhaften Perfektionsstreben (oder monotheistischen Gottstreben) musste der mütterlich-sorgende und bewahrende, aber statische Saturn geopfert werden. Sein Bedürfnis nach Lebenssicherung wurde als primitiv bezeichnet. Schliesslich war es quasi verboten, weichlicher, lustvoller Körperlichkeit nachzugehen (Saturn wurde zum Übeltäter).

Und die Frau musste notgedrungnermaßen in die Rolle des vom Vater abhängigen und unmündigen Kindes schlüpfen. Dass sie dies nicht widerspruchslos tat, und wir dadurch, dass sie sich Reservate der Dominanz erhalten hat, heute einen seltsam gemischten kulturellen Zustand haben, in dem es eigentliches Patriarchat neben Scheinpatriarchat, und an vielen Orten sogar offenes Matriarchat gibt, ist leicht in der Wirklichkeit von heute nachzuvollziehen.

Doch darüber, und über die Horoskoppraxis des Familienmodelles, mehr im nächsten Heft.