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Titel Ausgabe 4



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Zurück Ausgabe 4 vom 23.10.1981 • Seite 18ohne Login!

• Mythologie

Mythologisches: Mond

Fritz Gehre

Mond – Sin Selene Hekate Luna

Den Mond in seiner Vielfältigkeit, in seinem milden, weissen Licht und zuletzt in seinen nächtlich-stillen Träumen will ich uns über die mythologische Bildwelt näher bringen. Wir wissen von den lebendigen Rhythmen im weiblichen Organismus, von den Gezeiten Ebbe und Flut, von der Wetteränderung, wir spüren auch unsere Stimmungen sich ändern, wenn der Mond in seinen Phasen zu-oder abnimmt. Auch die Zeitmessung, wie beispielsweise im Mondkalender der Azteken, ist uns bekannt, genauso der Monat und die 7 Tage der Woche. Nicht davon möchte ich berichten, sondern über die Art und Weise, wie der Mond von vielen Völkern – oft ganz ähnlich - geschaut und aufs Leben bezogen wurde. Das Geteilte, die Empfänglichkeit und das Ungewisse sind die Kapitel, die uns veranschaulichen, woher unsere scheinbar so festen mondbezogenen Begriffe ursächlich verstehbar sind.

1. Das Geteilte

Schon in der chaldäischen Astrologie, also bei den Sumerern, hatte der Mond in seiner zunehmenden und abnehmenden Phase zwei verschiedene Bedeutungen. Es war Sin, ein Mondgott, der zunehmend das Wachstum förderte und begünstigte, abnehmend dagegen hemmte. Die Griechen hatten für diese Doppelseitigkeit einmal Kleta = die Gerufene, was sich auf den Neumond bezieht, der mit Lärm gerufen wurde; andererseits wurde mit Phaenna – die Glänzende, der Vollmond ebenfalls mit Lärm bcgrüsst. Die Athener setzten den Namen von Chariten am wie Auxo = die Wachsende und Hegemone = die Vorauseilende, denn in der 2. Monatshälfte schreitet der Mond der Sonne voran. Hell bedeutet die zunehmende und dunkel die abnehmende Phase. Chariten entstammt dem griechischen Wort charein= sich freuen, was lateinisch der Göttin Venus oder der Gratia entspricht; von daher verstehen wir den Reigen der drei Grazien, die im Mondschein tanzen. Ebenso oft wie eine Zweiteilung finden wir im zunehmenden, im Vollmond und im abnehmenden Mond die Dreiteilung: Orpheus sah sie in den drei Moircn, den drei Schicksalsgöttinncn. Diese Dreifaltigkeit ist in den Mondphasen der Hera wieder anders dargestellt: das Mädchen = Pais, die Erfüllte = Teleia, eine Ehegöttin und die Einsame = Chera; dies entspricht dem werdenden Mond, dem Vollmond und dem sich verkleinernden Mond bis zum Neumond.

In diesem Geteilten sind unsere Stimmungen, unsere Launen, unsere Gefühle enthalten, sind die Wünsche des Kindes, das Hin- und Herpendeln, gleichsam das Suchen nach einer Mitte! Wir spüren über den Mond, früh schon, ich möchte sagen, bevor das Denken einsetzt, woran wir wachsen und was uns traurig macht. Fraglos, wie von selbst, bleiben die Bilder, die wir bereits als Kind empfangen, ob es eine mondbeschienene Landschaft oder ein spiegelndes Wasser ist, in uns; es sind Bilder, welche in den noch nicht bewußtcn Raum des kleinen Menschen hinabsinken. So wie wir den Mond als männlichen Gott wie auch als 'alten Mann' sehen können, ebenso kann er für uns eine Mondgöttin sein. Der Mond ist geschlechtslos, so wie wir die Kindheit empfinden. Daher müssen wir in den Archetypen, den ältesten, den ursprünglichsten Bildern, die aus der Tiefe der Nacht kommen, das Vorbewusste, das Ungeteilte erkennen. Und von dort verstehen wir das Wort Erinnerung besser: es ist das, was innen ist und von dorther auflädt, ganz von alleine!

2. Die Empfänglichkeit

Das Wachsen des Mondes - bei den Griechen das Symbol der Fruchtbarkeit, bei den Babyloniern das der Empfänglichkeit- sehen wir'im Ritual der Vollmondtänze; ob es Menschen sind, die Pflanzen auf dem Kopf tragen oder sich in Tiere verkleiden; dahin gehören die phallischen Tänze wie sie in Gegenwart der Artemis stattfanden. In diesen Tänzen ist das grösser werdende Licht, die Freude darin. Die griechische Mondgöttin Selene hat ihren Namen von Selas = Licht. Pandia, die Tochter von Selene und Zeus, heisst die ganz Helle, was dem Vollmond entspricht. Und schliesslich sind die 50 Töchter - was den 50 Monaten der olympischen Periode entspricht -die Selene gebar, wieder ein Zeichen der Fruchtbarkeit. Vielleicht ist es interessant zu hören, dass Selene Endymion in der Nacht mit ewigem Schlaf beschenkte, und dass aus dieser unbewussten Dunkelheit jene 50 Töchter geboren wurden. Auch dass Endymion sich übersetzt mit jemand, der sich »innen befindet«, also umfasst von der Geliebten wie von einem gemeinsamen Kleid.

Die Mythologie hat für die Sonne und den Mond keine bedeutenden Götter, denn diese für uns so wichtigen Lichter geben ihre Strahlen weiter und vergrössern aus ihnen andere Lichter und damit andere Götter, wie Zeus und Hera oder Apollon und Artemis. Der Sonnengott ist Helios und seine Schwester ist die Mondgöttin Selene. Doch auch Hekate als Mutter von Helios ist eine Mondgöttin mit Fackel und hat mit den Seelen der Unterwelt zu tun, ist also mit Persephone verwandt. Die sich dauernd verändernde Form des Mondes, seine diesbezügliche »Unbeständigkeit« gibt uns viele Namen, die alle für dasselbe Licht eingesetzt werden: Neaira = die Neue, bedeutet den neuen Mond, den Mond, den man nicht sieht, die Nacht der Begegnung. Aigle = das Mondlicht, oder Lampetia = die Erhellende, das sind alles Namen, die sich mit einer eigenen Geschichte verbinden. Sie gleichen den Sagen und Märchen, wie sie dem geistigen Raum entsprechen, der in der Phantasie des Kindes vorhanden ist.

Schon die Sumerer sagten: Mond (Sin) fuhr in einem Wagen und empfing

verschiedene Kronen von den Sternen, denen er sich näherte; Kronen des Windes, des Zornes, des Glücks, eiserne, bronzene, kupferne und goldene Kronen. Und so wie auch Selene im Wagen fährt, mit dem sie versinkt und wie sie daneben von Jägerinnen, Läuferinnen und Verfolgerinnen begleitet wird, kann ich darin den Lauf des Mondes vom Aufgang bis zum Untergang verfolgen! In den Kronen, die der Mond von den Sternen empfängt, ist die Vielfalt der Bilder angesprochen, wie wir sie im ersten Abschnitt in den geteilten Phasen, dem Wachsen und Vergehen bereits sahen.

3. Das Ungewisse

Bisher sahen wir das Mondlicht in seiner zunehmenden, freudigen Art, nicht aber im Hinuntergehen ins sogenannte Unbewusste. Hekate, die Persephone gleicht, schreitet hinab in deren Bereich mit Hundegebell, ja sie verwandelt sich selbst oftmals in eine Hündin oder Wölfin. Sie schwärmte nächtlicherweise mit den Totenseelen und ist damit in ihrer Dreifaltigkeit mit der dunklen, der Neumondnacht verbunden - mit dem, was schon war! In drei Masken, in drei Gesichtern abgebildet, die nach drei verschiedenen Richtungen schauen, wird uns bedrückend das Ungewisse vermittelt. Wie sich das Mondlicht im zitternden Spiegel des Wassers verwandelt, wie sich unsre tägliche, unsre sichtbare und greifbare Wirklichkeit in Träumen verschiebt, so können wir dies Ungewisse in allen Verwandlungen sehen. Verwandlungen zeigen das Nicht-Sichtbare des Mondes, sie gleichen -wie es in der assyirisch-babylonischen Astrologie heisst - der Barke, der Mondsichel, die uns in traumhafte Wirklichkeiten führt Und Sin heisst übersetzt: der, dessen tiefes Herz keiner durchdringen kann. Im Mond ist das Geheimnis der Nacht, das jeder spürt, der den Mondschein im Walde oder auf dem Wasser allein aus sich empfunden hat.

Wenn Osiris der 'grosse Hase' ist, der in 14 Stücke zerschnitten wird, was den 14 Tagen des abnehmenden Mondes entspricht, drückt sich darin nicht die Angst und Feigheit des Hasen aus? Erkennen wir im gefesselten Prometheus, dem tags von einem Adler die Leber gefressen wird, die nachts beim Mondschein wieder nachwächst, nicht das Leiden (und das Heilende), das im Schwinden des Lichtes liegt? Und es ist sichtbar am Himmel, dies Leiden, es ist der untergehende Mond und die Dunkelheit; es ist Hera, die vom Pfeil des Herakles getroffen zwischen Himmel und Erde schwebt - schwebend im Ungewissen -, ohne zu wissen wohin sie gehört! Dies Leiden jedoch ist scheinbar und so wird Tytos, wird Prometheus davon befreit, weil es Gottes Leiden ist. Und deshalb ist es für mich nur scheinbar, weil im Mond eine ständige Regenerationskraft darin ist, das Wiederkommen seines Lichtes, wenn die eigene Tiefe erfahren wird!

Mondsüchtig zu sein hängt mit den Nymphen zusammen, lateinisch lympha und lunaticus = ein leicht Geistesgestörter, ein Opfer der Nymphen; deswegen versteht man unter dem Wort Nympholeptos einen von den Nymphen Ergriffenen. Wer zu tief hineinschaut in das Licht des Mondes, identifiziert sich damit und wird abhängig davon, wird krank. So kann der Mond - wie erweiternd der Neptun - uns täuschen, uns irreführen, dass wir den Weg und damit unsre Mitte nicht mehr finden! Für mich ist diese romantische Sehnsucht in den vielen Mondliedern eingeschlossen und jeder sieht es anders, das weisse, das silberne Licht auf den Dächern der Stadt oder ungenau glitzernd in den Blättern der Bäume.