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Titel Ausgabe 4



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Zurück Ausgabe 4 vom 23.10.1981 • Seite 15ohne Login!

• Astronomie

Der zunehmende Mond

Bruno Huber

Wenn Sie diese Seiten auffalten, finden Sie eine Darstellung des Mondes von Tag zu Tag für die erste Hälfte des 28-tägigen Mondzyklus.

Diese Bilder sind keine Fotos, wie wir das heute ja gewohnt sind, sondern es sind am Fernrohr in langen Nachtstunden angefertigte Handzeichnungen. Obschon es schon seit der Mitte des letzten Jahrhunderts die Fotografie gab, war bis zum Beginn dieses Jahrhunderts dieses Verfahren bevorzugt, weil das Auge am Fernrohr viel präziser und dctailreicher beobachten konnte.

Die Bilder stammen aus »BALL's ATLAS OF ASTRONOMY« (London 1892}. Sie sind die letzten Zeugen einer astronomischen Handwerkskunst, die seit der Erfindung des Fernrohrs durch holländische Brillenmacher (um 1609), durch GALILEI erstmals, und dann von Legionen von Astronomen bis zu diesem Jahrhundert, kultiviert wurde.

Dies sind die ersten, auf diese Weise entstandenen Bilder, von Galilei an seinem selbstgebauten, ersten astronomietauglichen Teleskop gefertigt. Sie stellen den vierten und siebten Tag des aufsteigenden Zyklus dar. Vergleichen Sie selbst mit den hier abgebildeten Zeichnungen vom Ende des letzten Jahrhunderts. Die qualitative Entwicklung des Fernrohrs von Galileis »Eigenbau« bis zum modernen Instrument wird drastisch sichtbar.

Hinter den hier vorgestellten Fakten verbirgt sich einer der dramatischsten Entwicklungssprünge des menschlichen Geistes auf seinem langen Weg zum heutigen Stand. Ich möchte darauf kurz eingehen:

Die Geschichte vom »Mann im Mond«, oder die Auffassung, dass der Mond ein Gesicht habe, bis hin zum, im amerikanischen Volksmund bis heute erhaltenen, Ausdruck: »The Moon is made of Green Cheese« stammen allcsammt aus der Zeit vor der Erfindung des Fernrohres. Mit unbewaffnetem Auge nämlich, kann man nur feststellen, dass der Mond unregelmässig helle Teile hat. Daraus hat sich die menschliche Phantasie zu allen Zeiten die verschiedensten Erklärungen zusammengebaut.

Wir können diese Tendenz der menschlichen Phantasie - sich mit zuwenig faktischem Wissen doch ein erklärendes Bild zu schaffen - bei jedem Kind beobachten, wenn es einem Gegenstand oder einer Situation gegenübersteht die es mit seinem kindlichen Geist noch nicht ganz erfassen kann. Wir Erwachsenen sagen dann so leichthin: »es fabuliert« oder »es erfindet einfach was«, oder gar »was lügst Du da wieder zusammen?« Dabei ist das nur das so unendlich menschliche Bedürfnis, sich seine Welt jederzeit gültig erklären zu wollen. Wir Erwachsenen tun dasselbe ja auch, in Erkenntnisbereichen die wir noch nicht erfassen. (Nur tönt das dann viel gescheiter.)

Der hier beschriebene Vorgang ist -astrologisch ausgedrückt - ein typischer MOND-Prozess der menschlichen Psyche. Oder eben ein primitiver Zustand des menschlichen Geistes.

Es ist eine Eigenart des Mondbewusstseins, sich in seine eigenen, erklärenden Bilder so zu »verlieben«, dass es bei Zuwachs an realer Erkenntnis sich gegen die daraus entstehenden neuen Erklärungen sperrt oder gar feindlich reagiert. Das hat Galilei drastisch an seinem eigenen Leib erfahren müssen. Er hat das neue Instrument Fernrohr in echter uranischer Begeisterung als Steigerung seiner sinnlichen Möglichkeiten erlebt, und hat prompt seine neuen Entdeckungen (die Mondtopografie mit Bergen und Tiefebenen, und die Tatsache dass der Jupiter auch vier Monde hat) laut herausposaunt Was ihn ebenso prompt in Schwierigkeiten mit dem Klerus brachte. Die Scholastiker, die nicht glaubten dass man Erkenntnisse über die Natur aus der Natur beziehen könne, bezeichneten einfach sein Instrument als Teufelszeug, dessen Resultaten man nicht trauen könne.

Zwar hat diese Haltung später für Galilei zum bekannten Verhängnis geführt. Das konnte aber andere grosse Geister nicht daran hindern, seine Erkenntnisse weiterzuführen, und damit eine Entwicklung voranzutreiben, die über dreihundertfünfzig Jahre zu einer Komplexität der wissenschaftlichen Welterklärung geführt hat, die der Mensch heute nicht mehr fähig ist, geistig zu integrieren.

Makabres Detail an der ganzen Geschichte ist, dass es höchstwahrscheinlich Kinder waren, die diesen Stein ins Rollen brachten. Kinder nämlich der vorerwähnten holländischen Brillenmacher, entdeckten »zufällig« beim Spielen mit Glaslinsen die Vergrösserungswirkung mehrerer zusammen gehaltener Linsen für fernliegende Gegenstände. Was in diesem Falle einige Eltern ernst nahmen ...

Und darum gibt es offiziell keinen »Erfinder des Fernrohres«!

Doch nun zurück zu unseren Bildern: Wir haben diese Extra-Einlage in unser Heft eingebracht, um sie mit dem für uns sowohl astronomisch wie astro-psychologisch so nahestehenden Mond vertrauter zu machen. Wir möchten dem sinnlichen Erleben des Mondes in seinen Wandlungen der Lichtgestalt Vorschub leisten. Wir zivilisierten, »verstädterten« Menschen sind uns vielfach nicht bewusst, dass es unseren Trabanten nicht nur in der Ephemeride gibt - sondern dass er tatsächlich am Himmel zu sehen ist!

Antike Kulturen - und ganz besonders die nomadischen Frühkulturen wie etwa die Kelten (Stonehenge!) -haben ihr ganzes alltägliches und auch geistig-religiöses Leben nach dem Mond ausgerichtet Sie standen mit ihm sozusagen auf Du und Du!

Man kann, sofern der Himmel klar ist, den Mond an 23 von 28 Tagen sehen. Und beileibe nicht nur in der Nacht, sondern während etwa einem Drittel seines Zyklus auch ganz gut am heilichten Tage. In den letzten Tagen der absteigenden Phase - etwa fünf bis sechs Tage vor Neumond - rutscht

er nach wochenlanger Nachtherrschaft in den aufgehenden Tag hinein, und kann z.B. am sechsundzwanzig-sten Tag noch eine Weile oberhalb der Sonne am Taghimmel gesehen werden.

Dann verschwindet er für rund fünf Tage im Strahlenglanz der Sonne (wenigstens für das unbewaffnete Auge), um schliesslich am dritten Tag nach Neumond als schmale Sichel am Taghimmel (links von der Sonne, und fast den ganzen Tag sichtbar) wieder aufzutauchen. In unserer Darstellung entspricht das Bild 3. Die Zahlen auf unseren Bildern sind also Tage nach Neumond.

In den zwölf Tagen ab erster Sichtbarkeit eilt er dann der Vollmondstellung zu. Fünf Tage um den Vollmond herum sieht man unser Zwillingsgestirn (so wird der Mond oft von Astronomen benannt) mit nacktem Auge völlig rund. Ab Vollmond (15. Tag des Zyklus) können sie unser Bild auf den Kopf stellen und haben damit das zunehmende zur-Sichel-werden der absteigenden Phase vor sich. Nur stimmt dann natürlich die Oberflächenzeichnung nicht mit der Wirklichkeit überein. Denn der Mond dreht sich ja

nicht. Wir haben immer dasselbe »Gesicht« vor uns. Aber die Beleuchtung rutscht von rechts nach links im Verlauf der Phasen von Neumond bis Neumond.

Wer sich das Entstehen der verschiedenen Lichtgestalten nicht richtig vorstellen kann, dem möchten wir ein einfaches Experiment vorschlagen, das jeder zuhausc durchführen kann.

Wenn Sie in Zukunft mal gelegentlich den Blick zum Himmel erheben und da den Mond sehen, so vergleichen Sie seine momentane Phase mit der passenden auf unserem Faltblatt. Dann wissen Sie welcher Tag der Phase gerade ist. Mit der Zeit kommen Sie so in Übung, dass Sie ohne nachzusehen es auch so wissen. Damit wäre unser Zweck erfüllt.

Denn der Mond, und unsere Vertrautheit mit seinem Bewegungsspiel, ist das Tor zum Verständnis des Alls.

Bruno Huber