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Titel Ausgabe 5



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Zurück Ausgabe 5 vom 21.12.1981 • Seite 12ohne Login!

• Mythologie

Mythologisches: Der Lebensbaum

Fritz Gehre

Das tiefe Bedürfnis des Menschen, seine MITTE zu finden, kommt in vielen uralten, kultischen Handungen und Bräuchen durch alle Zeiten und Kulturen hindurch zum Ausdruck, wo um eine Mitte getanzt wird. Diese räumliche Mitte war häufig ein BAUM, als ein Symbol (von griech. «sym» - zusammen und «ballein» = werfen bzw. «ballizein» = tanzen) des Strebens nach dem Vollkommenen, nach dem Göttlichen. So ist der Baum das vielleicht am weitesten verbreitete Symbol!

Um dieses weite, dieses überaus vielfältige Gebiet emigermassen sinnvoll abzugrenzen, möchte ich es von zwei Seiten angehen: Zuerst den Baum ganz einfach als Symbol betrachten, dann in einzelnen Baumarten seine mythologische Bedeutung beschreiben.

1. Der Baum als Symbol

Wenn wir den Baum als Symbol zunächst ins Horoskop stellen, dann wächst er ganz offensichtlich vom Imum Coeli zum Medium Coeli, und seine Äste und Zweige breiten sich aus zum Aszendenten und Deszendenten. So steht der Baum aufrecht in der Wachstumsachse 4/10, in der Bewegung aus der unergründlichen, der unsichtbaren Tiefe seiner Wurzeln nach oben in den sichtbaren, den bewussten Raum des Himmels. Wie der Mensch ist er so die Verbindung der Erde mit dem Himmel, des Unterirdisch-Chtonischen mit der Unsterblichkeit. Bei immergrünen Nadelbäumen wird diese Unsterblichkeit buchstäblich fürs Auge sichtbar; bei den Laubbäumen, die ihr Blattkleid jährlich wechseln, wird sie sichtbar im Zyklus des «Stirb-und-Werde», im Sinne der Wiedergeburt als Überwindung des Todes.

Auf das Urhoroskop bezogen steht unten das Zeichen Krebs, dessen Wasserelement nährende Quelle für den Baum ist. Oben bildet das Zeichen Steinbock als Erdelement die Grenze alles Irdischen. Dies gilt für jeden Baum. Was die seitliche Ausdehnung betrifft, können wir unterscheiden zwischen verschiedenen Baumarten: Zypressen und Pappeln wachsen ohne Berührung von AC oder DC, symbolisieren also das einsame, individualistische Streben nach oben. Linden oder Pinien hingegen umfassen mit ihrer Krone den Ich-und Du-Raum, sind also kontaktbereit oder -freudig, ermöglichen so den Menschen Kontakt in ihrem Schatten.

Doch verlassen wir die Astrologie und wenden wir uns anderen Zusammenhängen zu, in denen der Baum symbolisch von Bedeutung ist. Der Baum wird auch als Weltenbaum gesehen, als Träger der Welt, als Verkörperung der Weltachse in der «Weltesche Yggdrasil». Der Baum, gleichsam als Ahne des Menschen, wird zum Stammbaum, so wie die Wurzel «Jesse» der Stammbaum Jesu ist (das griechische Wort Jesse bedeutet Isai, Vater Davids). Zum Baum gehören ebenfalls die zwischen Himmel und Erde fliegenden Vögel, welche die Blätter und Zweige des Baumes als Seelen Verstorbener oder Ungeborener bewohnen.

Die Vögel sind die Verkörperung des Immateriellen, sie sind die weggeflogenen Seelen, die sich im Gezweig der «Sy-komore» als halbmenschliche Wesen aufhalten. Viel wäre da zu erzählen, von den 12 Sonnenvögeln in China oder Indien, die den 12 Monatsarbeiten entsprechen, von den Geistwesen «Cherubim», den Engeln, kurz, von all dem, was mit der Unsterblichkeit des Baumes und der menschlichen Seele zusammenhängt. An Orpheus wäre zu erinnern, bei dessen Gesang um seinen Kopf unendliche Scharen von Vögeln kreisen, und der über seine Musik Steine und Bäume in Bewegung bringt. Auch das Feuer als Lebenskraft gehört zum Baum: Gott erschien Moses in einem Dornbusch. Dieser Dornbusch brannte, aber verbrannte nicht. Damit ist er das Symbol für die reinigende Kraft des geistigen Feuers, für seine nicht-zerstören-de Gewalt. Dieses Gleichnis bezogen die Christen später auf Maria, die Mutter wurde und Jungfrau blieb, die »brannte«, jedoch »unverletzt« blieb.

In Indien finden wir den Baum oft umgekehrt dargestellt, die Wurzeln wachsen in den Himmel, hin zur Sonne, zum Licht, Dies ist in der «Bhagavat Gita» das Symbol für die Entfaltung alles Seienden aus einem Urgrund: Die Wurzeln sind die Welt der Erscheinung, die in den Zweigen zur konkreten Verwirklichung wird. Diese Philosophie, durch die ich aus der geheimnisvollen Tiefe mich erheben kann in die konkrete Wirklichkeit, lässt sich auf das Horoskop beziehen: Im Kollektivbereich ist nicht nur das Unbewusste darin, sondern zugleich das Überbewusste, das in den Archetypen bewusstgemacht werden kann. Somit kommen wir, das Kapitel abschlies-send, zum Baum der Erkenntnis:

Die verlockenden Früchte, die süss und angenehm das Diesseits betonen, lassen die Frage entstehen, was gut und was böse ist. Diese Polarität war im Paradies uranfänglich nicht vorhanden. Erst die Schlange, die, am Baum nach unten gewandt, zum Genuss der Frucht verführte, brachte dem Menschen das Bewusstsein. Indem sie sich am Baum sodann nach oben umwendet, wird sie zum Symbol der aus dem Bewusstsein kommenden Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist für uns die Hoffnung, aus dem Bewusstsein der Polarität uns selbst zu erkennen und daran nach oben zu wachsen, wie es der Baum immer schon tut!

2. Einzelne Bäume mythologisch betrachtet

Der Apfelbaum wird symbolisch auf Fruchtbarkeit bezogen. Ist der Apfel rot, bedeutet er Liebe, als Kugel verkörpert er die Ewigkeit. Schliesslich bedeutet er in seiner Süsse die Verlockung dieser Welt. Die Zitterpappel ist ein Symbol des Schmerzes und der Klage, denn beim leisesten Windhauch zittern ihre Blätter; bei den Griechen ist sie ein der Unterwelt an-gehöriger Baum, Die Weide galt in der Antike als unfruchtbarer Baum, im Mittelalter als Sinnbild der Keuschheit. Sie ist eine nie versagende Weisheitsquelle, da man stets neue Zweige abschneiden kann, ohne den Baum zu verletzen. Auch soll die Weide Krankheiten aufnehmen können und ist daher ein bevorzugter Aufenthaltsort für Hexen und Geister.

Der Weihnachtsbaum wird mit Äpfeln geschmückt, was die durch Christus erwirkte Rückkehr ins Paradies anzeigen soll. Der erst im 19. Jahrhundert verbreitete Weihnachtsbaum bezieht sich auf die Rauhnächte vom 26. Dezember bis 6, Januar: ein grüner Zweig soll die bösen Geister abwehren, und ein Nadelbaum bedeutet Unsterblichkeit. Die Lichter des Baumes sind symbolisch das Licht der Welt. Auch der weisse Birnbaum in seiner Blüte bedeutete im Mittelalter die lichte Makellosigkeit Mariens. In China wird seine rasch vergängliche Blüte als Trauersymbol angesehen. Die Olive war Athena heilig, ein Symbol geistiger Stärke und Erkenntnis, Das Hell- und Lichtwerden ist diese Erkenntnis und kommt aus dem Öl für die Lampen. Gleichzeitig reinigt das Öl, das in seiner lindernden Wirkung ein Symbol wird für Frieden und Versöhnung. Als Noah eine Taube aussandte, um nach Land zu suchen, brachte sie einen Ölzweig zurück, und diese Verheissung war der Friede mit Gott. Die Olive kann Hunderte von Jahren alt werden, daher wird in ihr mythologisch die Widerstandskraft gesehen.

Die Esche, nordisch die Weltesche Yggdrasil, ist immergrün, unwandelbar; bei den Griechen wurde die kraftvolle Festigkeit ihres Holzes geschätzt; sie kann auch Schlangen in die Flucht schlagen. Die Wurzeln der Weltesche Yggdrasil gehen zum Herzen der Erde, in das Reich der Riesen und der Unterwelt. Ganz unten, an der Quelle Mimir, hat Odin sein Auge als Pfand gelassen und kehrt dorthin immer wieder zurück, um seine Weisheit aufzufrischen und zu vermehren. Dort in der Nähe ist der Brunnen Urd, wo jeden Tag die Götter beratend und richtend zusammensitzen, Nornen begiessen mit dem Wasser dieses Brunnens den Baum, um ihm Jugend und Kraft zu geben.

Die Eiche als heiliger Baum war in Griechenland Zeus, in Rom Jupiter und bei den Germanen Donar geweiht, männlich-kraftvoll und beharrlich. Die Eiche zieht Blitze an, ihr Holz gilt als unverweslich, weswegen auch sie zu den unsterblichen Bäumen gehört. Dagegen gilt die Linde als weiblicher Baum, auch sie ist blitzeabwehrend. Bei den Germanen und Slawen nimmt sie, sobald man sie berührt, die Krankheiten an sich. Allgemein steht die Linde zentral auf dem Dorfplatz oder im Friedhof; oft hielt man bei einen Brunnen daneben unter ihrer Krone Gericht. Noch für viele Bäume finden wir in der Mythologie eine Entsprechung: So ist die Birke das Symbol des Frühlings und des jungen Mädchens. Die Kirsche bedeutet für die Japaner das Symbol der Selbstfindung, aber auch des Selbstopfers für den Samurai. Dies erklärt sich aus dem roten Fleisch der Kirsche und dem harten Kern darunter, dem Blut und dem persönlichen Leben.