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Titel Ausgabe 5



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Zurück Ausgabe 5 vom 21.12.1981 • Seite 33ohne Login!

• Astrologie & Religion

Religion: Lernen und Heilen

John Sandbach

(Auszugsweise Übersetzung eines Artikels in «Astrology Now», St. Paul USA, Jan./Febr. 1979 durch Dr. Erich Schneider)

Vorbemerkungen des Übersetzers:

Ich entdeckte den Artikel von John Sandbach in einer Ausgabe von «Astrology Now», die fast aus-schliesslich einem Thema, «Astrologie und Religion» gewidmet war, das mich schon seit geraumer Zeit beschäftigt. Ich habe versucht, im folgenden Auszug die wesentlichen Gedanken des Autors wiederzugeben. Vielleicht können sie manchem unserer Leser eine Hufe sein, sich bei der Suche nach Sinn und Inhalt unseres Lebens neu zu orientieren und zu einer umfassenden, holistischen Anschauung zu gelangen, welche die oft nur scheinbaren Gegensätze zwischen Religion, Naturwissenschaft und Astrologie überwindet. Noel Tyl hat übrigens im Editorial der gleichen Nummer von «Astrology Now» den folgenden Satz von

Albert Einstein zitiert:

«Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.»

In der modernen Welt klafft ein breiter Graben zwischen Religion und Naturwissenschaft. Letztere gilt als intellektuell, während Religion mit Anti-Intellektualismus verknüpft wird. In früheren Zeiten hat diese Kluft zwischen Naturwissenschaft und Religion nicht existiert. In der Antike waren die Tempel Stätten des Lernens, Um 500 vor Christus schickten die wohlhabenden Griechen ihre Kinder nach Ägypten, um ihnen eine gute Erziehung zu ermöglichen. Die in den ägyptischen Tempeln geschulten Kinder waren unmittelbar der ägyptischen Religion ausgesetzt und gleichzeitig dem von den ägyptischen Priestern vermittelten Sachwissen, In jenen Zeiten gab es keinen wirklichen Unterschied zwischen einem Priester und einem Lehrer. Sachwissen wurde als eine Offenbarung der göttlichen Pläne betrachtet, Numerologie und Mathematik galten als ein- und dasselbe; Astrologie und Astronomie waren vereint.

Seit der Renaissance gab es jedoch in der westlichen Kultur eine zunehmende Tendenz zur Kategorisierung, zur Unterteilung. Die Mentalität der Renaissance zergliedert und ordnet die Erfahrungen. Nach Rodney Collin («The Theory of Celestial Influence») ist diese Tendenz der Renaissance heute zu ihrem Ende gekommen und wird durch ein neues Zeitalter der Synthese abgelöst, in der man danach trachtet, alle Ebenen der Erfahrung zu vereinen, um das Universum als ein Ganzes zu betrachten...

Dieser Artikel will nicht die alte Frage untersuchen: Ist Astrologie eine Religion? Manche sehen sie als dies an, andere verneinen die Frage. Die Idee der Astrologie ist indessen ihrer Natur nach grundsätzlich religiös, weil sie - als eine Kunst und Wissenschaft - all die verschiedenen Aspekte der Erfahrung in einer Synthese vereinigen will. Astrologie kann medizinisch, psychologisch, sozial, mystisch, statistisch und alles mögliche sein - was immer man aus ihr machen will. Gerade das ist ihre Schönheit! Kein "Wunder, dass die Astrologie wieder einmal die Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft der Menschheit geweckt hat, weil sie einen möglichen Schlüssel für dieses Zusammenführen menschlichen Denkens darstellt.

Auf der Grenzlinie, die der Mensch zwischen Religion und Naturwissenschaft gezogen hat, befindet sich die «Heilkunde». Darunter verstehe ich nicht nur die Medizin, die grundsätzlich naturwissenschaftlicher Art ist. Ich beziehe mich auch auf Psychologie, Ernährungswissenschaft, Geistheilung, Akupunktur, Massage, Hypnose und all die anderen Disziplinen, welche die Probleme und Leiden der Menschheit zu lindern versuchen. Die meisten Gebiete der Heilkunde sind überwiegend oder sogar ausschliesslich naturwissenschaftlich; viele weisen aber auch eine beachtliche religiöse Dimension auf, Heilen bedeutet als solches einen Versuch, das Wesen einer Person wieder «zusammenzufügen». In zunehmendem Masse beschäftigen sich die Ärzte mit der Gesamtpersönlichkeit; Psychologen studieren Ernährungswissenschaft, und jedermann befasst sich anscheinend mit psychischen Phänomenen. Fachgelehrte bewegen sich ausserhalb ihrer begrenzten Gebiete und suchen anderswo nach Antworten. Denn die Menschheit wird sich mehr und mehr des alten Gedankens bewusst: «Alles berührt und beeinflusst alles.»

Die Astrologie fügt sich gut in diesen Suchprozess ein, Sie ist tatsächlich das Suchen nach allem - wie die verschiedenen Aspekte eines jeden Problems sich gegenseitig beeinflussen, verändern und vermischen.

In diesem Konflikt zwischen Religion und Naturwissenschaft scheint die Naturwissenschaft gegenwärtig obenaus zu schwingen. Viele Astrologen wenden sich der naturwissenschaftlichen Methodik zu, beispielsweise der Statistik als Mittel zur Erlangung wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit. Es gibt in der modernen Astrologie einen Trend weg vom Mystischen hin zum Objektiven und Rationalen. Ich betrachte mich selbst nicht als Rationalisten. Ich sehe jedoch diese Tendenz zur Rationalität und Objektivität in der Astrologie als notwendig an; sie trägt dazu bei, dass sich die Astrologie als eine positive Kraft in der Gesellschaft behaupten kann. Eine zunehmende Zahl von Menschen beschäftigt sich seriöser mit Astrologie infolge umfangreicher statistischer Daten, die in sorgfältiger Kleinarbeit von Astrologen zusammengetragen werden.

Was aber geschieht mit der Religion? Wo wird sie in der Zukunft stehen? Niemand redet mehr über «Gott ist tot»; immer weniger Menschen wollen diesen Gedanken überhaupt in Betracht ziehen.

In den «Seth»-Büchern von Jane Roberts wird Gott durchwegs als «Alles, was ist» bezeichnet. Diese Haltung gegenüber Gott herrscht immer mehr vor. Sie bedeutet, dass Gott nicht ein Teil des Universums ist - er ist nicht irgendwo beheimatet, wo er den sogenannten Himmel bewohnt. Gott ist die Gesamtsumme aller Teile, Ereignisse, Tatsachen, Gefühle und Impulse aller Realitäten oder kurz: Gott ist die Ganzheit.

In unseren Schulen unterstreichen wir die Idee, dass es - auch wenn man sich auf ein Gebiet spezialisiert - gut sei, ein wenig von allem zu wissen. Dies ist auf einen alten Gedanken zurückzuführen, der sich modern wie folgt ausdrücken lässt: «Du kannst nicht eine Sache lernen, ohne gleichzeitig alles zu lernen.» Der Grund hierfür ist, dass alle Dinge zusammenhängen. Die Realität ist wahrhaft ökologisch (d. h. sie kann nicht von ihrer Umgebung, ihrem Umfeld getrennt werden).

In den Chiropraktiker-Schulen wird heute gelehrt: Wenn ein Teil des Körpers nicht richtig funktioniert, bringt er alles aus dem Gleichgewicht. Die Erkrankung eines Teils beeinträchtigt das Ganze; im Falle einer Erkrankung ist das ganze Wesen krank und nicht nur ein Teil von ihm. Ebenso ist Erkenntnis etwas Zusammenhängendes, und wenn jemand etwas genau kennt, weiss er auch, wie das, was er kennt, zu anderen Erkenntnissen in Beziehung steht.

Auch wenn wir nicht bestimmt sagen können, ob Astrologie eine Religion ist oder nicht, so können wir doch sicher feststellen, dass sie als «Heilkunst» betrachtet werden kann. Das bedeutet: Wenn ein Astrologe seinem Klienten die Art der Situation erklärt, in der dieser sich befindet, dann wird er Einsicht in sein Leben gewinnen, und diese Einsicht zur Erlangung grösserer Selbstverwirklichung (fulfillment) benützen. So wie die Astrologen Heiler sein können, könnten sie wohl auch Lehrer sein.

Was ist ein Lehrer? Was ist ein Heiler? Und was ist ein Seelsorger? Der Seelsorger befasst sich mit Religion, der Lehrer mit Unterweisung, der Heiler mit -Heilung. Von aussen betrachtet, sind dies drei verschiedene soziale Rollen. Wenn wir jedoch ihre tiefere Bedeutung erfassen, erkennen wir, dass jeder das gleiche zu tun versucht. Der Seelsorger legt das Schwergewicht auf die Religion, der Lehrer auf die Wissenschaft und der Heiler auf die Integrität der Ganzheit. Das letzte Ziel aller sind Wachstum und Entwicklung des Einzelnen wie der Gesellschaft.

Als Astrologe stört mich besonders die gegenwärtige Tendenz, den Platz der Astrologie in einer oberflächlichen und einseitigen Weise zu kategorisieren und zu definieren. Die Astrologen, die einen klinischen und statistischen Weg wählen, schliessen oft die psychischen und intuitiven Elemente aus, die von anderen Astrologen wiederum benutzt werden. Ebenso isolieren sich die mit der Astrologie auf mystische, poetische oder symbolische Weise Beschäftigten oft von der wichtigen Arbeit der objektiven Forscher. Diese Trennung und dieses wechselseitige Misstrauen entspricht dem alten Weg - der Mentalität der Renaissance - und hält deshalb den Fortschritt des astrologischen Denkens zurück.

Es gibt indessen mehr und mehr Astrologen, die versuchen, einen Ausgleich zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven herzustellen. Marc E, Jones ist ein Beispiel für einen Astrologen, der zwar einen klaren und rationalen Weg beschreitet, aber doch auch von den fruchtbaren und reichen Möglichkeiten der Metaphysik und des Okkultismus Gebrauch macht, Auch Noel Tyl lässt in seiner Arbeit viele divergierende Ströme und Wellenlängen, objektiver und subjektiver Natur, zusammenwirken. Ich möchte bei solchen Leuten von einer «ja/und»-Mentalität sprechen, im Gegensatz zu der «nein/entweder-oder»-Methode,

Die «ja/und»-Arbeitsweise ist ein additives Verfahren, das zu erkennen versucht, wie alle Dinge zusammengehören und zusammenwirken, anstatt irgend etwas aus-zuschliessen. Zu allem wird «ja» gesagt; das «und» bezeichnet ein Verfahren des Verknüpfens und Verbindens zur Herstellung funk-tioneller Grossen von sich entwickelnden Wahrheiten. Die «nein/entweder-oder»-Methode ist ihrer Natur nach isolierend und versucht, einen Erfahrungsbereich abzutrennen, den sie dann als unbeugsame Realität oder Wahrheit annimmt. Dies widerspricht der Aktualität der Entwicklung und der zeitlichen Ausdehnung der Erkenntnis.

Diese «ja/und»-Mentalität ist der Eckstein religiösen Denkens, denn die Bestätigung («ja») und die Verbindung («und») aller Seiten der Wirklichkeit ist ein Versuch, die Natur von «Allem, was ist» (Gott) zu erkennen und zu erfahren.

Begriffe

Das grösste Problem beim Reden über diese Dinge ist die Sprache als solche. Ihrem eigentlichen Wesen entsprechend, ist die Sprache nach Kategorien orientiert. Jedes Wort hat eine besondere Definition und Bedeutung und schliesst deshalb die Aufteilung und Trennung von Ideen ein. Viele Sprachforscher reden darüber, wie die Sprache gegenwärtig zerfällt. Der Slang findet mehr und mehr Eingang in den Verbalisierungspro-zess des modernen Menschen. Satzfragmente werden im Gemeingebrauch akzeptabel, und falsche Grammatik wird um ihrer besonderen Wirkung willen vermehrt verwendet. Dies ist für mich nur ein anderes Beispiel für den wachsenden Trend zur Synthese, weil die Sprache, so wie sie von der westlichen Welt geformt wurde, hauptsächlich ein Werkzeug für die Analyse ist - für ein Aufbrechen von Dingen in ihre zusammengesetzten Teile -, nicht aber eine Methode, um die Elemente zusammenzubringen,

Wir unterscheiden die Religion von der Naturwissenschaft wegen der damit assoziierten Begriffe. Bei der «Religion» denken wir an Kirchen, Dogmatik und Glauben; demgegenüber lässt uns das Wort «Naturwissenschaft» an Laboratorien, Technologie und Kenntnisse denken. Wenn Gott jedoch als «Alles, was ist» definiert wird, dann ist Gott im Laboratorium tätig; und wenn das Wort Naturwissenschaft - gemäss seiner Definition im Wörterbuch - in seinem ursprünglichen Sinn verwendet wird, nämlich als ein Stand der Erkenntnis, dann ist die den Heiligen durch Inspirationen und Visionen zuteil gewordene Erkenntnis eine Form von Naturwissenschaft.

Die Menschen befassen sich gegenwärtig sehr mit Begriffen. In der Vergangenheit liess das Wort «Astrolog» an Erscheinungen von Capes aus schwarzem Samt, Sternkarten auf Pergament und anderes mysteriöses Zubehör denken. Für viele beschwört das Wort noch immer diese Dinge herauf. Vermehrt wird die Astrologie jedoch mit Computern, Humanismus und modernen psychotherapeutischen Methoden in Verbindung gebracht, Dies sind die neuen Elemente, die sich mit dem Begriff «Astrologie» verbinden.

Ein Begriff ist ein Mittel, um den Inhalt einer Sache zu erklären und auch ein Mittel, um Dinge voneinander zu unterscheiden, wobei Unterscheidung nach der Betrachtungsweise der Renaissance verstanden ist. Weil das Schöpfen von Begriffen der Aufgliederung in Unterabteilungen (compartmentalizing) gleichzusetzen ist, wird es mit dem Herankommen des «Zeitalters der Synthese» stets schwieriger. Bezeichnen wir einen Astrologen als Therapeuten, Heiler, Forscher, Statistiker oder Naturwissenschafter? Er könnte einer von diesen oder alle gleichzeitig sein. Wir könnten die Astrologen auch Seelsorger (mimsters) nennen, weil sie anderen ihre Dienste und Hilfe anbieten. Der Begriff Seelsorger ist jedoch verwirrend und irreleitend wegen seines religiösen Inhalts. Das Wort Religion ist fast immer mit der «organisierten Religion» verknüpft, d. h. mehr mit einem gesellschaftlichen Phänomen als rnil einer Haltung oder einer Betrachtungsweise unserer Existenz.

So wie es viele verschiedene Religionen mit vielen verschiedenen Wegen und Gesichtspunkten gibt, so gibt es auch verschiedene Typen von Ärzten und Therapeuten, ferner Leute mit unterschiedlichen Lehrmethoden sowie Astrologen, die sich auf zahlreiche verschiedene Arten mit der Astrologie befassen. Es wird ja auch zunehmend schwieriger, den Beruf einer Person mit einem Wort zu bezeichnen. Dies ist wohl der Grund, weshalb in unserer Sprache gegenwärtig so viele neue Wörter geprägt werden,

(Wird im nächsten Heft fortgesetzt)