Astrolog-Archiv

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Titel Ausgabe 6



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Zurück Ausgabe 6 vom 19.02.1982 • Seite 2ohne Login!

• Zeitgeschichte

Astrologie heute

Dr. Serena Foglia

Eine Wertung des Standortes der Astrologie in Unserer Zeit

Dieses Thema enthält viele Fragen. Betrachten wir zunächst einmal den evidentesten Aspekt: die Verbreitung astrologischen Wissens. Wir alle wissen, dass die Astrologie in den vergangenen zwanzig Jahren eine grosse Verbreitung erfahren hat. Die Statistiken sagen uns, dass im Abendland 2/3 der erwachsenen Bevölkerung ihr Sternzeichen kennt und dass über '/s die Horoskope der Massenmedien liest. Handelt es sich auch um eine banale Feststellung, so kommen wir doch nicht daran vorbei, dass oftmals die Frage nach dem Sternzeichen einen Anknüpfungspunkt zu weiteren Kontakten darstellt. Soweit mir bekannt ist, hat noch kein Soziologe den Versuch unternommen, diesen Aspekt der Astrologie zu analysieren.

Die Verbreitung astrologischer Grundelemente durch Radio und Zeitschriften trug dazu bei, dass Astrologie zum Instrument zwischenmenschlichen Austausches werden konnte. So gesehen erfüllt die Astrologie die Funktion einer menschlichen Brücke, eine Rolle, die wir nur als positiv bezeichnen können. Uns Astrologen und Astrologie-Schü-lern ist klar, dass es sich hier um eine Pseudo-Astrologie handelt: um die Sonnenzeichen-Astrologie, welche in den USA als «Pop-Astrology» bezeichnet wird.

Wir alle «bekämpfen» diese Untervariante, da wir deren massive Verbreitung als Schaden an der tatsächlichen Astrologie verstehen. Trotz der negativen Aspekte ist diese Astrologie weniger schädlich als z. B. die Werbung. Wieso eigentlich dieser Vergleich: «Pop-Astrology» - Werbung? Weil diese dieselbe sterile, degenerierte, ja homogenisierte Sprache aus Slogans und Gemeinplätzen verwendet wie die Werbung selber.

«Sie werden Ihrem Vorgesetzten positiv auffallen» – «Sie werden gefühls-mässige Befriedigung erleben» – «Ein Morgenspaziergang versetzt Sie in gute Laune».

Aber im Gegensatz zur Werbung wird in einer astrologischen Rubrik nichts verkauft. Sie befriedigt sich damit, uns mehr oder weniger Optimismus zu suggerieren. Die Werbung setzt das Wort ein, um unsere Wahl zwanghaft zu lenken. Die Horoskop-Spalten beeinflussen uns hingegen in wesentlich geringerem Masse. Sie lassen uns vor allem hoffen, dass das «Morgen» besser sei als das «Gestern», Und noch ein kleines Verdienst muss man der «Pop-Astrology» zugute halten: Hm und wieder kommen Menschen durch sie zum Interesse, zur Neugier an der anderen, der wahren Astrologie - wie ich sie hier nennen möchte. In den vergangenen Jahren bin ich öfter Menschen begegnet, welche durch die astrologischen Rubriken der Massenmedien zu intensivem Studium der wahren Astrologie geleitet wurden.

Ein Phänomen finde ich recht interessant: ausgerechnet in unserer Zeit, wo Nachrichten, Informationen und Kulturformen sich innert Tagen und Wochen überholen, bleibt das Interesse an der Astrologie stabil und wächst. Man muss sich deshalb fragen, wieso das so ist. Öfter wurden bereits soziologische Analysen erarbeitet, die die astrologische Renaissance erklären sollten. Es stellte sich dabei jeweils heraus, dass die Autoren keinen Hochschein vom Thema hatten -und es leuchtet ein, dass Ignoranz das grösste Hindernis ist, um z. B. die Renaissance einer Disziplin erklären zu wollen.

Ein roter Faden lässt sich immerhin formulieren: Es handelt sich um eine generelle Neubewertung des Irrationalen, bedingt durch die Überforderung des Einzelnen durch die technischen Probleme wie atomare Apokalypse oder definitives Aufbrauchen gewisser natürlicher Rohstoffe sowie ein inneres Getriebensem durch ein tiefes Misstrauen in die Ergebnisse der Wissenschaften. So versuchen viele, sich entweder zurückzuziehen oder gar zu flüchten, in eben diese Welt des Irrationalen. Dabei muss an dieser Stelle auf einen Mangel der genannten soziologischen Studien aufmerksam gemacht werden: Sie fassen nämlich alle die Parapsychologie, das UFO-Thema, generell Ausserirdisches, sowie die östlichen Religionen zu einem Strauss zusammen und fügen diesem noch die Astrologie hinzu.

Welcher Platz gebührt der Astrologie in der zeitgenössischen Kultur und Gesellschaft? Die Einordnung ist schwierig, da - wie wir wissen - die beiden Aspekte des Astronomisch-Mathematischen und des Symbolisch-Interpretativen zu berücksichtigen sind. Erinnern wir uns kurz an die wesentlichen Grundlagen der Wissenschaft: sie ist eine Methodik, welche die Wahrheiten, sprich Gesetze der physischen Welt, erfassen will. Zur Verfügung stehen vor allem der klassische Versuch (also die Erfahrung) sowie die Sprache der Mathematik. Seitdem Galilei dieses Konzept schuf, war klar, dass es in der Wissenschaft keine Dogmen haben würde: alles gilt bis zum Beweis des Gegenteils. Dabei liegt das Augenmerk vorwiegend auf dem guantitativen und weniger (bis gar nicht) auf dem qualitativen Aspekt. Allein diese wenigen Hinweise zeigen, dass die Einreihung der Astrologie zwischen die Naturwissenschaften ausgeschlossen ist, geht es ihr doch im wesentlichen um die qualitativen Prinzipien.

Die Wissenschaft liess uns erkennen, dass das Universum ungemein komplexer Natur ist und dass nichts ohne Bezug zu einer Gesetzmässig-keit bestehen kann. Wenn - um deutlicher zu werden - die Dauerhaftigkeit des Universums auf Ordnung beruht, dann ist klar, wer von beiden «recht» hat.

Die Astrologie ist ein einheitliches Konzept des Universums, und die empirischen Gesetze, die sie vorschlägt, sehen dieses Universum als Einheit an und den Menschen als darin forschend und suchend. Es handelt sich um eine Disziplin, welche in ihrem Wesentlichen symbolisch ist. Zählt man sie zu den humanistischen Disziplinen, sollte man sich jedoch davor hüten, diese Symbolik zu leichtfertig zu behandeln. Denn die Symbole sind keine Messgefässe, welche man nach eigener Lust und Laune mit Bedeutungen füllen kann! Die Symbole sind in ihrer Bedeutung vielmehr äusserst präzis und tief.

Die Deutung eines Horoskopes beachtet – im Gegensatz zu technologischen Ansätzen – die psychischen Komponenten des betroffenen Individuums. Sie erklärt sie innerhalb der genetischen Struktur, der Umwelt, in die die Person geboren wurde und in der sie heute lebt. Das Horoskop ist also ein Instrument der Erkenntnis ersten Ranges und kann uns zeigen, was wir sind und was wir sein könnten; es hilft uns, unser Potential zu erkennen sowie die Rhythmik unserer Entwicklung. Vor gut vierzig Jahren schon sagte Däne Rudhyar, dass nicht die Ereignisse uns zufallen, sondern wir den Ereignissen.

Technokraten, Bürokraten, Politiker sind heute alle Opfer mangelhafter Orientiertheit. Unsere Zukunft, also die der Menschheit, hat allseitig bedeutende Gefahren.

Die Warnungen und Ratschläge weniger Weiser gelangen nur leise an unsere Ohren, denn wir sind egoistisch und unvorsichtig. Wir wollen eher Hilfe erhalten statt Hilfe geben. Wie selten werden uns konkrete, klare Fragen von Astrologen, Psychotherapeuten oder helfenden Menschen gestellt? Und wie oft betreffen deren Fragen Tatsachen, wie selten den ganzheitlichen Menschen? Wieviele Menschen suchen bei der Astrologie eine Alternative, die nicht pauschal tröstet oder ein gegebenes Raster überstülpt? Zum anderen: Wieviele Astrologen gibt es, die der Versuchung widerstehen, den anderen zu manipulieren (oft unbewusst), die ihr Ego nicht auf den Klienten projizieren? Solange diese Fragen ungeklärte Schattenbereiche übriglassen, solange wird die Astrologie weiterhin ihre falsch interpretierten Antworten geben müssen. Dies ist die Problematik, die die Astrologie heute lösen muss. Die Astrologie hat das Verdienst, zu Urzeiten ein erster Versuch des Menschen gewesen zu sein, das Mysterium des Universums zu verstehen. Heute, wo der Mensch Mühe bekundet, seine äusseren Erfolge innerlich zu festigen, heute kann die Astrologie ihn an die Urkräfte des Symbols erinnern und damit einen neuen Bezug zwischen Demut und Hochmut aufzeigen.

Eine Wahrheit kann erst wirken,

wenn der Empfänger für sie reif ist.

Nicht an der Wahrheit liegt es daher,

wenn die Menschen noch so voller Unwissenheit sind.

Ch. Morgenstern