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Titel Ausgabe 6



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Zurück Ausgabe 6 vom 19.02.1982 • Seite 4ohne Login!

• Zeitgeschichte

Der Astro-Boom rollt

Werner Stephan

Ausgelöst durch zwei Fernsehsendungen hat die Vulgär-Astrologie den Sprung aus den Spalten der Illustrierten in das helle Schemwerferlicht der TV-Studios Geschafft. Endlich sagen die einen, endlich wird die Astrologie bekannt und kann ihre Triumphe und Siege feiern, zum Segen aller - endlich! sagen die anderen, endlich hat es der Moloch »Massenmedien« geschafft, auch noch die Astrologie in ihren Schlund zu ziehen und fein säuberlich verpackt in psychologische Floskeln und Spielchen zu vermarkten. Aber möge die Astrologie wenigstens ein heisser Bissen sein und schwer im Magen liegen!

Ich bin keineswegs ein Befürworter der gegenwärtigen Entwicklung, denn es ist eine alte Weisheit, dass das, was zu bekannt ist, auf dem besten Weg ist, gänzlich unbekannt zu werden. Verwässerung und Entweihung alter Mysterien und ewiger Weisheit ist allerdings nicht nur in der Astrologie spürbar, sondern hat beinahe alle Bereiche der Esoterik oder auch östlichen Weisheit erfasst. Es hat ein regelrechter Ausverkauf alten Wissens eingesetzt, der weit schlimmer ist als die Liquidation eines Konkursunternehmens. Nicht nur dass altes esoterisches Wissen in Wochenkursen an den Mann oder die Frau gebracht wird, unabhängig davon, ob diese dieses Wissen zu Hause auch verkraften und es sinnvoll in ihr Leben einbringen können – da wird z. B. auch eine Gesprächsrunde über Astrologie veranstaltet, deren Teilnehmer nicht ungeschickter hätten ausgesucht werden können: Zwei Modeastrologen, ein cartesiamscher Psychiater, ein Astronom, der für die Astronomie der Chinesen schwärmt und nicht einmal die allereinfachsten Grundkenntnisse der Astrologie besitzt. Seine Aussagen waren etwa so klug, wie wenn ein Erstklässler sich in ein Gespräch von Maturanden mischt, die sich gerade über die Integralrechnung' unterhalten, Welche Wohltat, dass wenigstens der geladene Schriftsteller seinen gesunden Menschenverstand behielt und der Kunst der Astrologie einen grösseren Dienst erwies als die beiden Astrologen, die sich mit den beiden Wissenschaftern stritten wie zwei Kinder im Sandhaufen über den Besitz einer roten oder gelben Schaufel.

Und in einer seriösen psychologischen Zeitschrift (»Psychologie heute« Nr. 1/82) lässt sich ein Systemtheoretiker und Kommunikationspsychologe in einem gross aufgemachten Artikel darüber aus, dass die Astrologie keine Wissenschaft, sondern bestenfalls ein unterhaltsames Gesellschaftsspiel sei, und Adorno anführend nennt er die Anhänger der Astrologie »abergläubische Pseudo-wissenschaftler, die ihr mangelndes Selbstbewusstsein durch den Glauben an übernatürliche und damit von ihnen nicht beeinflussbare Kräfte kompensieren. Durch ihr Astrologieangepasstes Verhalten produzieren sie zusätzlich noch Pseudoergebnisse pro Astrologie im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.« Das Schlimmste am Ganzen aber ist, dass viele sonst gutgesinnte Psychologen und Leser der Zeitschrift diesen Mist auch noch glauben - weil es von einem Systemtheoretiker stammt.

Dabei scheint sich der Autor noch nicht einmal die Grundtatsache überlegt zu haben, dass jede lebendige Erscheinung nur durch die ihr zugrunde liegende Denkstruktur erfasst werden kann. Der Mathematik entspricht z. B. die lineare Logik, biologische Prozesse können nur durch die zyklische Denkweise erfasst werden, Astrologie und andere esoterische Zweige des Lebensbaumes aber nur durch die analoge Denkweise: Wie oben - so unten, jede Systemanalyse ist schon von Grund auf zum Scheitern verurteilt, jede Statistik spielt im Zusammenhang mit der Esoterik verrückt und produziert (abhängig von der geistigen Einstellung des Experimentators, wie C. G. Jung nachwies) gewünschte oder gerade unerwünschte Resultate, Astrologie ist von der Statistik vollkommen unabhängig, und ich frage mich, wie lange es wohl noch dauern wird, bis Wissenschafter diese Tatsache einsehen und aufhören, mit Zahlen zu spielen und sich endlich der Erforschung der Harmonien und Zeitgestalten zuwenden.