Astrolog-Archiv

(Bitte auf den jeweiligen Ausgaben-Block klicken, um die entsprechenden 20 Ausgaben anzuzeigen)
Artikel in grüner Farbe sind ohne Login zugänglich!
Ausgaben » [1-20] [21-40] [41-60] [61-80] [81-100] [101-120] [121-140] [141-160] [161-180] [181-200] [201-218] Aktuelle Ausgabe
• Suche (Autoren, Titel, etc.) » Inhaltsverzeichnis • Suche nach Begriffen in Artikeln »
Titel Ausgabe 6



Archiv-Übersicht
Nach oben Nach oben
Zurück Ausgabe 6 vom 19.02.1982 • Seite 8ohne Login!

• Diskussion

Weltuntergang oder Neues Zeitalter?

Bruno Huber

Am 15. Mai ist der Weltuntergang!« Diesen Refrain sangen wir als unschuldig-nichtsahnende Kinder Ende der dreissiger Jahre. Seither habe ich mindestens drei prognostizierte Weltuntergänge offensichtlich immer noch arglos verschlafen und deshalb wohl auch überlebt.

Jetzt hat der ganz oben schwimmende Nosfradamus-Star-Interpret Fonte-brune den Untergang auf den 15. März dieses Jahres festgelegt. Er ist davon überzeugt, dass an diesem Tag eine »Killer-Konstellation« aufkommt! Nachfolgend die genannte Planetenstellung:

Muss man nicht an den fachlich-astro-logischen Fähigkeiten dieses Mannes zweifeln? Ich meine schon - denn sonst müsste man an der ganzen Astrologie verzweifeln! Ich kenne Dutzende Horoskope lebender Menschen, die ähnliches (bis hin zur Saturn-Mars-Pluto-Konjunktion) aufzuweisen haben, und doch ganz ordentliche Erdenbürger geworden sind. (Siehe z. B. Geburten von Oktober/November 1947.)

Noch böser treibt's ein spanischer Astrologe namens Jandro Gasquez Guillamot. Er hat es auf die Schweiz abgesehen. In der »Schweizer Illustrierten« vom 11.1.82 sagt er voraus, dass zwischen November 82 und Februar 83 die Schweiz durch eine nukleare Katastrophe »von der Landkarte verschwinden« werde. Seine Begründung: »Die Planeten Pluto und Neptun treten gemeinsam ms Tierkreiszeichen Schütze ein.« Da bleibt einem die Spucke weg - am besten gleich nach Übersee verreisen!

Dabei kann jeder Astroanfänger in den Ephemeriden feststellen, dass der Neptun schon seit 1970 im Schützen ist und 1984 bereits in den Steinbock auswandert. Nicht zu reden von Pluto, der Ende 1983 erst in den Skorpion geht.

Jeder von uns, der ein bisschen Zeitung liest, könnte jetzt sicher gleich dutzendweise von ähnlich unsinnigen und astrologisch falsch begründeten Prophetien berichten.

Was mich beunruhigt ist nicht die Tatsache, dass irgendein ehrgeiziger Hohlkopf sein persönliches »Geschäft mit der Angst« betreibt. Das hat es zu allen Zeiten schon immer gegeben. Und - wie man so schön sagt - die Dummen werden nicht alle, die sowas gerne glauben. Ich erinnere mich da an die etlichen tausend, die sich im Februar 1962 mit reichlich Nahrungsvorrat und Zeltausrüstung auf den Mont Blanc (4800 m) »retteten«, weil in Zeitungen die Planetenstellung vom 4/5. Februar als Sintflut-Konstellation breitgeschlagen worden war.

Viel mehr Bedenken macht mir die seit etwa 7-8 Jahren immer massiver zunehmende Anzahl solcher Hiobsbotschaften und Weltuntergangs-Prophezeiungen. Angefangen hat das damals (mindestens aus der astrologischen Ecke gesehen) mit einem Buch zweier kalifornischer Astronomen des Titels: »The Jupiter-Effect«.

Obschon das Werk also von Wissenschaftern geschrieben wurde, muss man es eigentlich als sensationshungriges »Mach-Werk« bezeichnen. Mit hochtönenden wissenschaftlichen Argumenten versuchen die Autoren zu beweisen, dass in den Jahren 1982 -1984 jeweils in den Herbstmonaten mit weltweiten Katastrophen vor allem durch schwere Erdbeben und Vulkanausbrüche zu rechnen sei.

Sie sind die Begründer des mittlerweile in Schwang gekommenen Ausdrucks »Alignment«, womit eine »Ausrichtung« aller Planeten in einer Linie auf der anderen Seite der Sonne gemeint ist. Sie behaupten, dass die Addierung der Gravitationskräfte aller Planeten zu Zerreisskräften führen, die schwerwiegende Störungen bei der Sonne und der Erde bewirken müsse - wenn nicht gar das Gleichgewicht der Gravitationsverhältnisse im gesamten Sonnensystem wirksam und womöglich bleibend durcheinandergerate,

Diese Aussagen erwecken natürlich beim fachlich unbelasteten Leser den Eindruck von Weltuntergang. Sie sind aber in mindestens zwei ihrer Grundargumente falsch (wie kommen »Wissenschaftler« zu so was?).

Weil diese Thesen eine so markante Angstwelle ausgelöst haben -- sie wurden nämlich prompt und unbesehen von vielen Astrologen übernommen und weiter ausgeschlachtet -möchte ich hier die zwei Felder der Theorie aufzeigen. Denn Angst kann man wirksam nur mit Erkennen und Wissen bekämpfen.

1. Das Alignment gibt es nicht!

Die Planeten stehen gar nie in einer Linie, jedenfalls nicht in diesem Jahrhundert! Zwar rücken sie jeweils im Herbst 1982 und 1984 relativ eng zusammen, aber sie haben in beiden Fällen noch immer eine Auseinanderstreuung von immerhin 72 Graden. Untenstehend die zwei engstmöglichen Stellungen von der Erde aus gesehen:

Wenn in dieser Ansammlung der einzige mögliche Aspekt die Konjunktion wäre und alles innerhalb von 30° stehen würde, dann könnte man von einer »Konjunktion aller Planeten« sprechen, wie das fälschlicherweise von vielen Astrologen getan wurde. So aber - wo die beiden äussersten Planeten des Haufens 72° Abstand haben (Quintil-Aspekt) - kann man im besten Falle von einem auffälligen oder grossen Stellium reden.

Und eine einmalige Konstellierung ist es auch nicht. Ähnliches geschieht im

Durchschnitt etwa alle 180Jahre!'Die Weltgeschichte würde anders aussehen, wenn da jedesmal eine weltweite Katastrophe hätte passieren müssen. Das letzte Mal z. B. war das ungefähr zu Napoleons Zeiten - allerdings in anderen Zeichen.

Vor ziemlich genau 500 Jahren - kurz vor Kolumbus' Auftreten - befand sich die wohl ähnlichste Zusammenstellung auch in den Herbstzeichen wie jetzt. Solche Vergleiche lassen Schlüsse zu, auf die ich weiter unten zurückkommen möchte.

2. Die Rechnung mit der Gravitation stimmt auch nicht!

Das sehr angesehene Orion, Fachorgan der Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft, hat in Nr. 186 einen Artikel von dem bekannten Astronomen B. Junod veröffentlicht, in dem er darlegt - und vorrechnet -dass die aus den versammelten Pla-neten-Schwerkräften resultierenden Flutkräfte auf Sonne und Erde nicht genügend stark sind, um ungewöhnliche physikalische Vorgänge zu erzeugen.

Selbst wenn sämtliche neun Planeten (inklusive Erde) in einer exakten Linie stehen würden, wäre die Summierung der Planeten-Schwerkräfte nie imstande, die Sonne in ihrer kosmischen Bahn zu stören. Das macht schon das folgende Bild von den Grössenverhältnissen der Körper im Sonnensystem anschaulich:

Und diese Betrachtung macht auch klar, warum die Erde im physikalischen Sinne durch die Konstellationen 1982/84 keinen Schaden nehmen kann. Denn das Kraftfeld der Sonne wird immer stärker sein als alle anderen Kräfte zusammengenommen. Im Falle 1982/84 steht die Sonne zwischen der Erde und der Planetenhäufung in Skorpion bis Steinbock. Durch ihr soviel mächtigeres Gravitationsfeld schützt die Sonne geradezu die Erde vor der »vereinigten Attacke der Geschwister«! Im folgenden die beiden Gestirnpositionen von der Sonne aus gesehen:

Soweit die astronomisch-astrologischen Tatsachen. - Wie kommt es aber nun, dass 95 % der mir bekannten Astrologen (und hier meine ich eigentliche Fachleute) diese bedrohlich klingende, wissenschaftliche »Ente« offensichtlich nicht nachprüfen, sondern weitertradieren, ja mit verallgemeinernden Schlagwörtern ausschlachten?

Ich meine, hier handelt es sielt um ein massenpsychologisches Phänomen ziemlich ausserordentlichen Ausmas-ses. Denn wenn man die Presse durchgeht, sieht man schnell, dass es nicht nur die Astrologen sind, welche die Angst schüren - oh nein! Sie kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft und aus allen Fachschaften, diese schwarzen Propheten:

Da werden die alten Seher wieder ausgegraben (etwa der missverstandene Nostradamus). Jeder heutige Heiler, Hellseher oder sonstwie Sensitive meint, er müsse etwas beitragen zum schwarzen Bild dieser verworfenen Menschheit und ihr mit der »Geisel Gottes« in Form von grauslichen Zukunftsvisionen drohen.

Die Androhung der »Endzeit« - so beliebt vor allem in pseudoreligiösen Kreisen aller Schattierungen - kommt aber auch in Form apokalyptischer Mahnrufe aus wissenschaftlichen und politischen Kreisen. Da tun sich Futurologen (etwa der Club of Rome) mit Wirtschaftsspezialisten, mit Philosophen, mit politischen Extremisten von links und rechts, mit Atomgegnern, mit Ökologen und Naturschützern zusammen.

Zwar führen diese verschiedenen Gruppen die Gründe des von ihnen genannten Debakels auf ganz verschiedene Ursachen zurück (sie schieben sich auch gerne gegenseitig den Schwarzen Peter zu), aber dass wir einer schwarzen Zukunft entgegensehen, ist gemeinsamer Nenner aller. Und ebenso gemeinsam ist ihnen, dass sie kaum je machbare Lösungen vorschlagen - sondern einfach immer gegen etwas oder jemanden sind. Der schlimmste Zug am Menschen - nämlich bei Schwierigkeiten, die man hat, dem ändern die Schuld zuzuschieben - macht sich heute in globaler Grössenordnung und in gefährlicher Weise bemerkbar.

Geht also die Welt unter? Keineswegs - nur eine Welt!

Nämlich die Welt, die bis heute gemeint hat, sie könne auf Kosten der Natur leben oder auf Kosten ganzer restlicher Teile der Welt! Die oben genannte Schwarzmalerei ist nur Eigenart der westlichen (oder wie manche sagen »zivilisierten«) Welt. In den Ländern der dritten Welt hat man andere Sorgen. Sorgen ums Überleben heute - Sorgen um das Gleichziehen mit der westlichen Zivilisation morgen - und daraus geborene Forderungen nach einer weltweiten Gesellschaft der Zukunft.

Hier liegen die echten Fragen, mit denen wir uns beschäftigen sollten: Was können wir aus unserer Welt machen?

Anstatt schwarzmalen und andere anschwärzen, könnten wir mit dieser Fragestellung unsere eigenen positiven und schöpferischen Kräfte entzünden und unseren persönlichen, wenn auch kleinen Beitrag leisten. Damit schliessen wir uns einer bereits bestehenden, jedoch noch nicht organisierten Bewegung an, die damit beschäftigt ist, an sich selbst und an ihrer direkten Umgebung zu arbeiten. »NEW AGE MOVEMENT« nennt man das heute unter Kennern.

Diese Menschen (es sind nach vorsichtigen Schätzungen bereits etliche Millionen in der ganzen westlichen Welt) gehen davon aus, dass ein neuer Menschentypus im Entstehen begriffen ist, der den alten Typus mit der Zeit ersetzen wird. Für sie ist die alte Welt schon tot - sie versuchen bereits eine neue Lebensform zu leben.

Sie gehen davon aus, dass die Gesellschaft und ihre Struktur immer nur Ausdruck eines vorherrschenden Typs von Menschen mit einer bestimmten Vorstellungswelt, mit bestimmten Wertmassstäben ist. Also muss ein neuer Mensch entstehen.

Der bekannte humanistische Psychologe Carl Rogers spricht in seinem jüngsten Buch »Der neue Mensch« von der »kritischen Masse«, die eines Tages erreicht sein wird, und er versucht, in einer Reihe von Punkten diesen Menschen zu definieren, obschon er natürlich (da erst in Bildung begriffen) noch nicht genau erfassbar ist. Hier ein paar Punkte zur Anregung:

• Diese Menschen haben ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber einseitig wissenschaftlichen, technologischen oder kommerziellen Denkweisen.

• Sie lehnen unsere heutige überstrukturierte Gesellschaft mit ihren Anpassungszwängen ab.

• Sie gehen davon aus, dass das einzig Beständige im Leben die Veränderung ist, und dass sie sich als Lebende in einem ständigen Wandlungsprozess befinden.

a Sie haben demzufolge mehr Vertrauen zu ihrer eigenen Erfahrung als zu äusseren Autoritäten.

• Sie sind Suchende nach einem Sinn in ihrem Leben und nach höherem, überpersönlichem Sinn.

• Sie haben eine starke Naturverbundenheit.

• Sie sind sich ihrer Umwelt positiv bewusst und dadurch sehr hilfsbereit. Professionellen Helfern gegenüber sind sie misstrauisch.

• Die Helden dieser neuen Menschen sind spirituelle Menschen.

• Sie sind also offen für die äussere wie für die innere Welt...

Haben wir Astrologen - frage ich Sie, lieber Leser - nicht in der Astrologie ein Erkenntnismodell und im speziellen im persönlichen Horoskop ein Instrument der Selbsterforschung in der Hand, mit dem wir uns auf den Weg machen können ins Neue Zeitalter?

Lasst uns vom Schwarzmaler zum positiven Neuen Menschen werden …
Die Flöhe und die Wanzen Gehören auch zum Ganzen.

J.W.Goethe